DOOM! - NO!ART – SHIT!
Boris Luries Furor gegen die Konsumgesellschaft

22. März 2017 • Text von

Exkrement-Skulpturen? Collagen aus KZ-Fotos, amerikanischem Idyll und Pornografie? Das Neue Museum zeigt eine Ausstellung, in der Obszönität und Ästhetik sich schmerzhaft und untrennbar vermischen. Nicht geeignet für Kinder unter 12 Jahren.

Boris Lurie: "PLEASE", ca. späte 1960er © The Boris Lurie Art Foundation

Boris Lurie: „PLEASE“, ca. späte 1960er © The Boris Lurie Art Foundation

Wir haben uns heutzutage gemütlich und heimelig eingerichtet in unserer kleinen kapitalistischen Welt, in diesem wohlig-warmen Biedermeier der allmächtigen Konsumgesellschaft. Was interessieren uns die Konflikte außerhalb dieser Insel der Seligen, oder die zynischen Bigotterien der Werbebotschaften um uns herum? Weltpolitik, Kapitalismus, moralische Standards – wer will diese Dinge heute ernsthaft noch freiwillig verhandeln? Der mit Fertiggerichten sattgefressene Büroangestellte in den Werbepausen zwischen seiner abendlichen Lieblings-Soap? Die alleinerziehende Mutter zwischen ihren drei Nebenjobs und der Erziehung? Oder etwa die kapitalistischen Marktforscher und Marktlenker selbst?

Blick in die Ausstellung © The Boris Lurie Art Foundation. Foto: Neues Museum (Annette Kradisch)

Blick in die Ausstellung © The Boris Lurie Art Foundation. Foto: Neues Museum (Annette Kradisch)

Darum musste Boris Lurie ran. Seine Werke sind bald 60 Jahre alt, ihre gesellschaftliche Brisanz haben sie in diesem Zeitraum nicht verloren. Lurie wirft riesige, aus Gips nachgeformte Kothaufen auf den Museumsboden und den Besuchern vor die Füße. Kommerzielle Kunst, das ist Exkrement, das ist Verrat am gesellschaftlichen Ideal. Lurie hat jedes Recht zu dieser Provokation. Der jüdische, in Leningrad geborene Künstler verbrachte die Jahre des Zweiten Weltkriegs in KZs der Nationalsozialisten, er verlor Familienmitglieder und geliebte Freunde an das totalitäre Regime. Die Auswanderung nach Amerika nach Kriegsende ist logisch, eine gesteigerte Sensibilität für soziale Schieflagen erst recht. Nahezu nackte Pin-ups blicken ihn nun von den Anzeigetafeln des kapitalistischen Mutterlands aus an, in Zeitschriften werden die Fachartikel durchbrochen von obszönen, die Frauen erniedrigenden Werbebotschaften. Diese Apotheose des Konsums und die Verkonsumierung von Menschen sind es, gegen die sich Luries ganze Wut richtet, die Verherrlichung des Materialismus und die Ausblendung der gesellschaftlichen Unfairness. Seine Kothaufen finden in New York keine Käufer, was nicht sonderlich überrascht, denn Sammler, die sich diese Selbstkritik zumuten, sind naturgemäß selten.

Boris Lurie: "Untitled (Suzy Sweet)"; 1963 © The Boris Lurie Art Foundation

Boris Lurie: „Untitled (Suzy Sweet)“; 1963 © The Boris Lurie Art Foundation

Die Collage „Untitled (Suzy Sweet)“ von 1963 zeigt die schmerzhafte Dekonstruktion des amerikanischen Way of Life. Die kleinen, pornografischen Schwarzweiß-Fotografien von Frauen in expliziten Posen sind im liegenden Rechteck um ein Farbfoto angeordnet. Darauf erkennt man ein junges Mädchen rechts und einen älteren Herr links, die hinter einem gewaltigen Gänsebraten am Festtisch sitzen und ihr Tischgebet sprechen. Die Idylle des Familienbildes wird gerahmt von Schwarzweiß-Fotografien sexueller Perversionen. Davor die Werbezeichnung eines jungen Mädchens, viel zu jung, der Rock zu kurz, die viel zu großen, rotglänzenden Stöckelschuhe der Mutter an den Füßen und bereits eine Brille auf der Nase, die Frisur perfekt gelegt, die Augen dunkel und rauchig geschminkt. Wir sehen eine minderjährige Chimäre aus Pin-up und Sekretärin, die bald ihre Karriere als vollwertiges männliches Sexsymbol beginnen kann, wenn sie nicht schlechterdings bereits begonnen hat. Ihr Kopf ragt halb in das Familienfoto hinein, sie könnte selbst jenes betende Kind sein, in einer anderen Realität. Hinter ihren Beinen sind Zeichnungen von Vögeln und lachende Menschen verarbeitet. Mit dicken schwarzen Strichen ist die Collage gerahmt, ein abgründiges Meer aus Abscheu und Zynismus.

Boris Lurie: "Dismembered Woman", 1955 © The Boris Lurie Art Foundation

Boris Lurie: „Dismembered Woman“, 1955 © The Boris Lurie Art Foundation

Die labyrinthische Ausstellung im Neuen Museum relativiert diese abgründigen Anklagen an keiner Stelle. Vielmehr wird der Besucher konfrontiert und herausgefordert, Luries teuflisches Panoptikum wird mit Vergleichswerken von Gerhard Richter, Piero Manzoni oder H. P. Alvermann eingerahmt. Die Dimension seines Blicks wird verständlich gemacht: Nackte Mädchen und Frauen, aufreizende Posen, dazwischen unerträgliche Abbildungen von verhungerten KZ-Insassen, Leichen, Hakenkreuze. Anti-Pop ist das exakte ästhetische Gegenteil zu Andy Warhols oberflächlichen, ironisch-affektierten Suppendosen und Promi-Portraits: Abgründiger Schrecken bricht ein in das dämmerige Gemüt der freien, satten, unpolitischen Welt. Man kann die Nase über die dargereichten Ungeheuerlichkeiten rümpfen, aber man entlarvt sich damit selbst stärker als die Arbeiten. Denn unter der dampfenden Obszönität von Luries Bildthemen, und auch in der gesamten Avantgarde-Künstlergruppe No!Art, schwelt ein mächtiges künstlerisches Konzept: den Besuchern die Augenlider aufzureißen, sie aufzuwecken aus ihrer intellektuellen Selbstgewissheit. Denn wir dürfen uns nicht von den Sirenen des Konsums sedieren lassen, so könnte man eine Botschaft von No!Art zusammenfassen. Darum ist die schallende Ohrfeige, die Boris Lurie dem Besucher mit seinen Arbeiten bis heute versetzt, so schmerzhaft, und darum ist jene Obszönität den Themen seiner Werke letztlich so schrecklich angemessen.

WANN: Die Ausstellung „Boris Lurie. Anti-Pop“ läuft noch bis zum 18. Juni.
WO: Das Neue Museum, Staatliches Museum für Kunst und Design, ist am Klarissenplatz in Nürnberg.

Weitere Artikel aus Nürnberg