Disneyland wird überschätzt
Carsten Rabes Amerika

8. November 2017 • Text von

Wirklich jeder hat ein Bild von Amerika. Es setzt sich aus Serien- und Filmeindrücken, Werbung, Magazinschnipseln und Popmusik zusammen. Amerika, das ist ein colagetränktes, cheerleaderpompomschwenkendes Elvisdouble, das in einem Chevrolet unter einer Palme am Pazifik parkt und Burger isst, während „Born in the USA“ aus dem Radio plärrt.

Oder es ist ein männliches Zahnpastamodel, das in Suburbia seinen Rasen sprengt und dabei ein pastellfarbenes Polohemd trägt. Vielleicht ist es auch die Freiheitsstatue als Wohnzimmerlampe, die die Stars and Stripes der US-Flagge als Toga trägt. Letztere hat es übrigens tatsächlich in Rabes Bildband geschafft. Zwischen Gerümpel und mit einem Kabel, das ihr vorm Gesicht baumelt, sieht sie allerdings nicht gerade wie die stolze Repräsentantin einer großen Nation aus.

Carsten Rabe hat ein Künstlerbuch herausgebracht, in dem es um genau dieses Amerika geht. Nicht um die realen USA, sondern um die Ideen und Vorstellungen eines fiktionalen Ortes, dessen Spuren überall auf unserem Planeten zu finden sind. Auch Orte mitten in Deutschland können Amerika sein. Carsten Rabe nimmt den Betrachter mit auf einen „fiktiven Roadtrip durch das ländliche Amerika“. Die Reisedokumentation wäre natürlich ohne Reiseanekdoten nicht vollständig. Diese liefert Nina Lucia Groß: kleine Begebenheiten, Alltagssituationen „aus dem echten Amerika“. Das ist ganz im Einklang mit den Bildern, sie sind zu kurzen Sequenzen zusammengestellt, die ihre eigenen kleinen Anekdoten erzählen. Zum Beispiel ist da die Bildergeschichte von dem weißen Haus mit weißem Gartenzaun und dem üppigen grünen Rasen, oder die von der rauschenden Party, einer Wahlparty vielleicht oder Silvester in einer Bar in der Vorstadt.

Carsten Rabe

Dabei ist ganz egal, ob die Aufnahmen wirklich vom selben Ort stammen. Wie bei einem Film, bei dem zwischen den einzelnen Drehorten häufig weite Strecken liegen, können auch hier die Aufnahmeorte kilometerweit verstreut sein. Über vier Jahre Hinweg sind rund 400 bilder entstanden, aus denen Rabe eine Auswahl getroffen hat. Entscheidend ist, dass sie sich zu einer glaubwürdigen Fiktion zusammenfügen, dass sie in ihrer Farbigkeit, ihrer Sequenz, den Blickbeziehungen einen erzählerischen Fluss erzeugen. Rabe: „Der Bilderzyklus geht in Wellen vom klaren, leuchtenden, farbigen Bild über in das verfallene, kaputte, verschwommenen, graue Bild. Das sind die Stellen, an denen der „American Dream“ kippt, wo sich die Kehrseite des Ortes der Sehnsüchte zeigt. Amerika als Kulisse, als Fiktion, strahlend hell und gleichzeitig düster, unscharf, unheimlich. So kokettieren die Fotografien mit zwei Amerikabildern, die wir in uns tragen.“

Zum Abschluss des Buchs lässt Martin Kreyßig in seinem Essay noch einmal die Assoziationen laufen und klärt so einige Hintergründe, ohne seine Leser zu sehr zu lenken. Hier werden Denkanstöße gegeben und gleichzeitig Überlegungsraum geöffnet. Es wird zwar nirgends erwähnt, ob Rabe jemals selbst in den USA war, oder ob er, frei nach dem Vorbild Karl Mays, Amerika nur aus der Ferne beschreibt aber das macht auch keinen Unterschied, solange die Geschichte nur gut ist.

Wann: Arbeiten von Carsten Rabe sind ab dem 18. Dezember im Kunsthaus Hamburg ausgestellt.
Wo:
Carsten Rabes „Amerika“ ist im Textem Verlag erschienen und für 39 € zu erwerben. ISBN: 978-3-86485-184-1

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