Digital wind of change
Die Vienna Art Week 2017

5. Dezember 2017 • Text von

Eine Woche 24/7 Kunst erleben? Kein Problem auf der Vienna Art Week. Das Programm war so vielfältig und umfangreich, dass es selbst für die Fleißigsten eine Herausforderung war, der Vielzahl an Openings, Performances, Talks, Films, und Studio Visits gerecht zu werden.

Florian Hecker: FAVN, processed performance still, © Florian Hecker; Original photography © Alte Oper Frankfurt, Norbert Miguletz, 2016

Transforming Technology prangte thematisch über allem und verführte Besuchende, einen Blick auf den neuen technischen Wandel zu werfen. Vermehrt wurde die Frage aufgeworfen, ob digitale Veränderungen in der Kommunikationstechnologie derzeit Auswirkungen auf die Gegenwartskunst haben. Dies wurde auch von prominenten Vertretern der Wiener Kunstszene diskutiert und unterschiedlich beantwortet. Manche sehen neue Medien zum Teil als Werkzeug, dessen Nutzung zwar künstlerisches Schaffen beeinflusse, die Bedeutung des Kunstwerks an sich jedoch nicht weiter bestimmen kann. Dieses unter der Prämisse, künstlerisches Schaffen unterläge sowieso einer stetigen Entwicklung, die durch viele Faktoren beeinflusst werden könne. Andere sehen im digitalen Wandel eine gesamtgesellschaftliche Veränderung, die auch die Kunst grundlegend erweitern wird. Realität gewinne eine andere Bedeutung, kulturpolitische Fragestellungen würden neu beantwortet und Ausstellungserlebnisse ungewohnt gestaltet. Ein winzig kleiner Ausschnitt dessen lässt sich hier für länger, und vielerorts in Wien noch eine Weile betrachten.

Ben G Fodor: Carmine, 2016, ARCC.art.

Denkt man an zukünftige Technologie, denkt man an fliegende Autos, Raumschiffe, Weltall, moderne Waffen, alternative Energien, neue Räume, Laser-Utopien und auch Dystopien. Ähnlicher Gedanken bediente sich Ben G. Fodor in der Ausstellung „Carmine“ in der ARCC.art Galerie. Kuratiert von Marcello Farabegoli wurden durch Licht- und Fotoinstallationen neue visuelle Räume erschaffen, um so die Krise des unzeitgemäßen Sehens zu überwinden. Gesellschaftliche Horizonte können hier erreicht und die Neuerfindung utopischen Denkens erlebt werden. Der unkonventionelle Blick wird durch die Nutzung von Lasern vertieft und kreiert Strahlen, die sich teils still, teils in Bewegung, als rote Punkte oder Streifen durch den Raum ziehen. Der Blick in die Dunkelheit, das Überraschende, das Unvorhersehbare, einen neuen Ort, eine andere Zeit, weitere Dimensionen, die sich eröffnen und in roten Farben über dunkle Flächen ziehen.

Ben G Fodor: Carmine, 2016, ARCC.art.

Das Mystische kann hier nicht nur betrachtet, sondern auch betreten werden. Die Soundinstallation des Elektromusikers Sillyconductors, der derzeit als Artist in Residence im Museumsquartier arbeitet, untermalt die Lichter Fodors, die durch einen schwarzen Kubus in den dunklen Raum geworfen werden. Das „Klang-Magma“ wird erzeugt durch Töne von Glas- und Metallobjekten, durch Material, das Licht brechen und reflektieren kann und so auf eine besondere Art mit ihm interagiert und ihren Ursprung verliert. Die Ausstellung kann noch bis zum 15.12. besichtigt werden und am 5.12. findet in der ARCC.art eine Gesprächsrunde mit thematischem Bezug statt. 

Florian Hecker: Halluzination, Perspektive, Synthese, Kunsthalle Wien 2017: Resynthese FAVN, 2017, Courtesy der Künstler, Foto: Jorit Aust.

Neue Erfahrungsräume erschafft auch Florian Hecker in den Ausstellungsräumen der Kunsthalle. Halluzination, Perspektive, Synthese werden durch Soundkunst zu einem Klangerlebnis, das die kontinuierliche Welt den identifizierbaren Koordinaten entzieht. Der Hörprozess der Betrachtenden ist sein Material und synthetische Sounds eröffnen eine Trance- ähnliche Erfahrung, die ihren Ursprung in der Psychoakustik findet. Die skulpturale Präsenz der Mehr-Kanal-Installationen wird zur Bühne des Gehörten und lädt den Besuchenden ein zum Verweilen, zum Liegen und Sitzen, um mit Blick auf die minimalistische Architektur objektiv- physikalische Reize in sich aufzunehmen.

Das Hauptausstellungsstück Resynthese FAVN ist Weiterentwicklung von FAVN, das 2016 in der Alten Oper in Frankfurt aufgeführt wurde. Hierbei ging es um eine Abstraktion zum Komplex der Psychophysik des späten 19. Jahrhunderts sowie Debussys Prélude à l’après- midi d’un faune, was wiederrum eine musikalische Auseinandersetzung mit dem Gedicht L’après- midi d’un faune von Stéphane Mallarmés war. Auch in diesen Werken geht es um das Spüren unscharfer Grenzen von Realität und Imagination, sensorischer Empfindung und halluzinierten Ereignissen.

Florian Hecker: Halluzination, Perspektive, Synthese, Kunsthalle Wien 2017: Auditory Scene / DPOAE Divisor, 2017, Courtesy der Künstler, Foto: Jorit Aust.

Die Hörenden werden so durch den algorithmisch gesteuerten Prozess der Klangerzeugung zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmung und der Realität gezwungen. Hecker wurde in Deutschland geboren, studierte in München Computerlinguistik und Psycholinguistik und Bildende Künste an der Akademie in Wien. Die spannende Kombination der Disziplinen erfährt ihre Offenbarung bereits seit 1996 in Performances, Audio Präsentationen und Konzerten, führte vorbei an der Zusammenarbeit mit Russel Haswell und Aphex Twin und vielen renommierten Ausstellungsorten. Die Ausstellung ist noch bis zum 14. Januar zu sehen.

R.H. Quaytman, An Evening, Chapter 32, Secession 2017, Ausstellungsansicht, Courtesy die Künstlerin und Galerie Buchholz (Berlin/Köln/New York), Foto: Hannes Böck.

Neben technisch forcierenden Openings bot die Secession im Zuge der Art Week eine der gemalten Alternativen. Unter dem Ausstellungstitel „An Evening. Chapter 32“ entwickelte die amerikanische Künstlerin R. H. Quaytman für den Hauptraum einen Fries aus 22 Gemälden aus Holztafeln, die der architektonischen Anordnung eines geöffneten Buchs entsprechen. Die Zentralperspektive wird hierdurch unterstrichen und entspricht in der Länge beider Seiten Klimts Beethovenfries. Schachbrett und Streifen durchziehen als stetiges Muster die Installation und eine in Steinway- Klavierlack ausgeführte Keilform spannt sich über 11 der 22 Bildtafeln. Dadurch wirkt es als würden sich neun Tafeln der linken Seite räumlich auf der rechten Seite fortsetzen. Die Komposition nimmt das autonome Objekt in sich auf und spricht dem Kontext eine gleichwertige Bedeutung zu.

R.H. Quaytman: An Evening, Chapter 32, Ausstellungsansicht, Secession 2017, Courtesy die Künstlerin und Galerie Buchholz (Berlin/Köln/New York), Foto: Hannes Böck.

In ihrer Arbeit beschäftigt sich Quaytman mit der Dialektik zwischen Enthüllung und Rückzug, Biografie und Kontext. Die Kapitalstruktur dient ihr seit 2001 als organisierendes Formprinzip, das in die Schaffung eines übergroßen Werkkomplexes einfließt. Die präsentierten Archive und Objekte sollen nicht isoliert stehen, sondern werden mit dem Ort der Ausstellung, mit kunsthistorischen Untersuchen und aktuellen Reflexionen verbunden, so dass der Prozess des Schaffens eine eigene Version und Verankerung der Bilder in der Gegenwart entstehen lässt. Ihre Konzepte diskutieren häufig einen feministischen Zusammenhang, die Unterwanderung von Autorschaft, Hierarchien und die Verdinglichung des weiblichen Körpers durch den männlichen autoritären Blick.

R.H. Quaytman: An Evening, Chapter 32, Ausstellungsansicht, Secession 2017, Courtesy die Künstlerin und Galerie Buchholz (Berlin/Köln/New York), Foto: Hannes Böck.

2001 begann Quaytman mit The Sun, Chapter 1. Für eine Ausstellung im Queens Museum of Art malte sie vierzig Bilder anlässlich ihres vierzigsten Geburtstags und vierzig weitere für eine lokale Galerie. Die achtzig Bilder waren konzeptuell miteinander verbunden und standen in Verbindung zu einem Artikel in der New York Sun über ihren Großvater und Urgroßvater, die bei einem Zugunglück ums Leben kamen. Fortan führte sie die Chapter weiter und brachte jeweils Elemente ein, die tragend für die Umgebung waren, innerhalb derer sie gezeigt wurden. Diese Ausstellung läuft noch bis zum 28. Januar.

WO: ARCC.art Open Space, Kaiserstraße 76, 1070 Wien; Kunsthalle Wien, Museumsplatz 1, 1070 Wien; Wiener Secession. Friedrichstraße 12, 1010 Wien. 

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