Die Poesie der Natur
Herman de Vries im Ernst Barlach Haus

30. April 2016 • Text von

In den Giardini wollte der Funke einfach noch nicht so recht überspringen. Da waren einfach zu viele Insta-Girls, die mit ihrer Linse den Kreis aus getrockneten Rosenknospen anvisierten. Jetzt, einige Monate später in Hamburg, hat er uns auch erwischt: Herman de Vries, du weiß-bärtiges Spirit Animal.

Nein, er sieht nicht aus, wie man sich einen zeitgenössischen Künstler so vorstellt. Herman de Vries ist 84 Jahre alt, trägt Rauschebart und Klamotten, die mehr Reformhaus als Rollkragen, Retro oder in irgendeiner anderen Form richtig trendy rufen. Ausgerechnet er ist es, der mit seiner Kunst wieder eine Atmosphäre schafft, die nicht zynisch, rotzig, ausschließend ist, sondern auf wohlige Weise kritisch.

 herman de vries, Ausstellungsansicht Ernst Barlach Haus, Hamburg, 2016 © herman de vries, Foto: Andreas Weiss.

herman de vries, Ausstellungsansicht Ernst Barlach Haus, Hamburg, 2016 © herman de vries, Foto: Andreas Weiss.

Für seine Arbeiten wählt der Niederländer de Vries Material aus der Natur. Das Ernst Barlach Haus zeigt derzeit nicht nur seine „Sculptures Trouvées“, die gefundenen Skulpturen aus Holz und Stein, sondern beleuchtet in kurzen, dokumentarischen Filmsequenzen seines Sohns Vince de Vries auch deren Entstehungsgeschichte.

„laufen / sehen / ich suche nicht / ich suche nichts / / finden“, schreibt Herman de Vries. Er ist ein Entdecker, einer der in der Natur das Schöne ausmacht. Indem er es nach Hause trägt, dort im weitesten Sinne sortiert und collagiert, macht er es zu Kunst.

 herman de vries, Ausstellungsansicht Ernst Barlach Haus, Hamburg, 2016 © herman de vries, Foto: Andreas Weiss.

herman de vries, Ausstellungsansicht Ernst Barlach Haus, Hamburg, 2016 © herman de vries, Foto: Andreas Weiss.

Wer die Ausstellung in Hamburg nun abläuft, fühlt sich in keinem Moment in die Schatzkiste eifriger Sammler im Vorschulalter versetzt. Wenn de Vries etwa 62 Rosenzweige auf eine Länge kürzt, sie jeweils mit einem feinen Nagel auf gleicher Höhe an der Wand fixiert, dann ist das ein Gemälde, keine Frage. Drapiert er zwölf kuriose Steine auf Eichenstehlen, werden sie Skulptur.

„Skulpturen werden meistens gehauen. Aber diese sind da“, sagt de Vries. Seit 1953 arbeitet er als Künstler, stand in den 60er Jahren der „Zero“-Gruppe nah. Im vergangenen Jahr durfte er den niederländischen Pavillon bei der Biennale in Venedig gestalten. Auch dort zeigte er Naturmaterialien – getrocknete Gräser, sortierte Muscheln, besagte Rosenknospen.

Fast philosophisch findet de Vries Schönheit und Wahrheit in der Natur, bringt sie zum Menschen und macht so – manchmal nur für einen Moment – etwas wie Sein begreiflich. Erst in der Ähnlichkeit besteht der Reiz des Unterschieds, erst das Gewöhnliche vermag zu überraschen. De Vries Arbeiten zu betrachten, ist wie Meditation für bildschirmfrittierte Großstadthirne. Sinn muss man nicht suchen, Sinn besteht.

WANN: Die Ausstellung „sculptures trouvées“ ist noch bis Montag, den 16. Mai, zu sehen – immer dienstags bis sonntags sowie an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr.
WO: Ernst Barlach Haus im Jenischpark, Baron-Voght-Straße 50a, 22609 Hamburg

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