Der Tod trägt Nike-Schuhe
Doppeldenk in der Affenfaust Galerie

12. Dezember 2016 • Text von

Besinnliche Adventszeit? Nicht in der Affenfaust. Dort huldigen Marcel Baer und Andreas Glauch alias Doppeldenk der dunklen Seite des Winters. Ihr monumentaler “Totentanz” überführt das mittelalterliche Thema mit Bonbon-Ästhetik und schwarzem Humor in die Gegenwart.

Wer die Affenfaust im White-Cube-Format mit Aldifliesenboden kennt, macht beim Betreten der neuen Ausstellung große Augen. Das Leipziger Künstlerduo Doppeldenk lädt zum Totentanz in Neon. Das Licht ist gedimmt und von schwarzen Stellwänden leuchten einem Schwärme knallbunter Totenschädel in old-schooliger Videospiel-Optik entgegen: Space Invaders go Memento Mori.

Doppeldenk "Skull Blue", Diasec, Glas, Holzrahmen, Affenfaust Galerie, Foto: Martina John

Doppeldenk „Skull Blue“, Diasec, Glas, Holzrahmen, Affenfaust Galerie, Foto: Martina John

Gleich daneben wird es sogar sakral. An einer schwarz gestrichenen Wand leuchtet eine Bilderserie auf Diasec-Acrylglas wie Buntglas-Kirchenfenster aus der Dunkelheit. Bevor sich der eigentliche Totentanz offenbart, präsentieren Doppeldenk hiermit ein weiteres, jahrhundertealtes Bildformat: Die Serie “Septem Vitia” zeigt die sieben Todsünden: Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit – verkörpert von stilisierten Cartoon-Tieren. Da tritt die Faulheit als schlafendes Schaf auf und die Wollust ist ein rammelndes Kaninchen – diese nur auf den ersten Blick harmlos wirkende Tiersymbolik gibt einen Vorgeschmack auf das eigentliche Herzstück der Ausstellung: Den großen Totentanz in 17 Bildern.

Doppeldenk: "Septem Vitia", Diasec, Glas und Holzrahmen, Affenfaust Galerie, Foto: Martina John

Doppeldenk: „Septem Vitia“, Diasec, Glas und Holzrahmen, Affenfaust Galerie, Foto: Martina John

Mit dem Thema Totentanz widmen sich Doppeldenk, die ihren Künstlernamen aus George Orwells Dystopie-Klassiker  “1984” entliehen haben, einem uralten Motiv der bildenden Kunst: Die allegorische Darstellung des Todes als großen Gleichmacher, der Mitglieder aller Stände zum Tanz bittet. Vom König über dem Papst bis zum einfachen Bauern kann sich niemand seiner Aufforderung entziehen. Das Motiv kam im Spätmittelalter auf und breitete sich in ganz Europa aus, wurde aber auch von Künstlern des 20. Jahrhunderts aufgegriffen. So verarbeitete Otto Dix mit seinem “Totentanz” zum Beispiel die Gräuel des Ersten Weltkriegs.

Doppeldenk: "Totentanz", Acryl auf Leinwand, Affenfaust Galerie, Foto: Martina John

Doppeldenk: „Totentanz“, Acryl auf Leinwand, Affenfaust Galerie, Foto: Martina John

In ihrer Serie quadratischer Acrylgemälde haben sich nun auch Doppeldenk dem Triumph des Todes angenommen und versuchen, das mittelalterliche Thema fürs 21. Jahrhundert zu adaptieren. In Sachen Form machen die beiden Leipziger dabei keine Experimente: Die Bilderserie zeigt den Tod wie schon im 15. Jahrhundert als Skelett beim Tanz mit Mitgliedern verschiedener Gesellschaftsgruppen, nur dass Richter, Gelehrter, Prostituierte, Bäuerin, Soldat und Co. nicht im Mittelalterlook, sondern als Vertreter unserer Gegenwart auftreten – und in Form lustiger Tierfiguren dargestellt sind. Das Ganze ist gerahmt von zwei Extrabildern, “Geburt” und “Tod”, die den Zyklus mit den lateinischen Sinnsprüchen Mors certa, hora incerta” (“Der Tod ist gewiss, die Stunde ungewiss”) und “Vos qui transit” (“Ihr, die vorüberzieht”) einleiten und abschließen. Eigentlich müsste es beim Schlussbild, auf dem der Tod den Sarg davonträgt, allerdings “Vos qui transitis” heißen, um auf die traditionelle Grabsteininschrift zu verweisen, war das Absicht oder brauchen die Jungs Lateinnachhilfe?

Doppeldenk: "Geburt", Acryl auf Leinwand, Affenfaust Galerie, Foto: Martina John

Doppeldenk: „Geburt“, Acryl auf Leinwand, Affenfaust Galerie, Foto: Martina John

Auf den Bildern dazwischen geht es trotz der putzigen Cartoon-Optik ganz schön makaber zu. Da tanzt der Tod mit zweiköpfiger genmutierter Schlange in der Hand den Panda-köpfigen Wissenschaftler an, der einen Atomkern in der Hand hält und eine Labormaus in der Kitteltasche stecken hat. Dem Kind mit Affengesicht präsentiert sich der Sensemann als Drogendealer in Nike-Sneakern mit Gras und Pillen im geöffneten Exhibitionisten-Trenchcoat und mit dem – im wahrsten Sinne des Wortes – Finanzhai, spielt er Trommel, während drum herum Symbole von Verschwörungstheorien durch die Gegend purzeln.

Es bringt Spaß, den Zyklus zu entschlüsseln, die vielen Details zu entdecken, gleichzeitig bleibt einem das Lachen angesichts der oft tiefschwarzen Witze manchmal auch im Halse stecken. Viel offenbart sich erst auf den zweiten Blick, denn Doppeldenk demonstrieren fundiertes Ikonografiewissen und an Details wie der Martin-Kippenberg-Referenz mit dem gekreuzigten Frosch hat das Experte seine Freude. Gleichzeitig ist die Botschaft der Bilder aber plakativ genug, dass man auch ohne Kunsthistoriker-Skills eine Menge aus dem Zyklus herausholen kann – und manchmal bringt es eben auch einfach infantil Spaß, an der visuellen Oberfläche zu bleiben, und sich über Atombomben mit Lachgesicht oder einen echt niedlichen anthropomorphen Laborkolben zu freuen.

Doppeldenk: "Wissenschaftler", Acryl auf Leinwand, Affenfaust Galerie, Foto: Martina John

Doppeldenk: „Wissenschaftler“, Acryl auf Leinwand, Affenfaust Galerie, Foto: Martina John

Wer sich vor der allgemeinen Weihnachtsbesinnlichkeit noch einmal mit den abgründigeren Aspekten unserer Existenz befassen möchte, für den lohnt sich ein Abstecher nach St. Pauli auf jeden Fall. Das knallbunte Memento Mori könnt ihr dort noch bis Anfang Januar in Augenschein nehmen.

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis zum 7. Januar, geöffnet ist mittwochs, donnerstags und samstags jeweils von 14 bis 18 Uhr. Für die abweichenden Öffnungszeiten während der Feiertage schaut ihr am besten auf der Galeriewebseite nach.
WO: Affenfaust Galerie, Paul-Roosen-Straße 43, 22767 Hamburg.

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