Teaser der Painter's Painter
Sechs Maler in der Evelyn Drewes Galerie

7. September 2018 • Text von

„There is a portrait, there is a landscape, there is a stillive. What else is there?“ Matthias Franz, Paul Mittler, Tim Sandow, Tallal Shammout, Katharina Spielmann und Antony Valerian beschreiben ihre Wege der Malerei in der Evelyn Drewes Galerie. Ein Gespräch mit Antony Valerian.

Evelyn Drewes Galerie

Antony Valerian, o.T., Evelyn Drewes Galerie

gallerytalk.net: Kannst du mir etwas über die Ausstellung „Was Malerei bedeuten kann“ erzählen? Warum habt ihr diesen Titel gewählt?
Antony Valerian: Der Titel stammt von dem Kurator Günther Oberhollenzer. Die Worte wurden von Jörg Immendorf übernommen, obwohl die Ausstellung grundsätzlich nichts mit diesem zu tun hat. Es ist passend, weil wir eine Gruppe aus Malerinnen und Malern sind, die sich alle mehr oder weniger nur darauf konzentrieren. Jeder Einzelne kann sich schwer vorstellen, etwas anderes zu tun. Dabei sind die Positionen sehr unterschiedlich. Es gibt diesen Ausdruck „Malers Maler“. Für mich ist das ein sehr positiver Ausdruck. Eben sehr malerisch.

Und was heißt malerisch?
Ich spreche von Malerei im klassischen Sinne. Da Malerei heutzutage sehr abgeflacht wird, habe ich das Gefühl, heute bedeutet das häufig einfach nur Farbe auf etwas. Das ist es aber meiner Meinung nach nicht und diese Einstellung teilen die anderen Künstlerinnen und Künstler unserer Ausstellung. Nicht, dass es grundsätzlich schlecht wäre oder keine Kunst sei. Es fehlt eben das Malerische. Darum geht es auch beim Malers Maler. Der Ausdruck ist unter Malern eigentlich ein Kompliment. Es gibt zum Beispiel Sterling Ruby, den ich als Künstler teilweise sehr gut finde. Ich sehe ihn aber trotzdem nicht so sehr als Maler, sondern stärker als jemanden, der das Medium der Malerei benutzt, um oft sehr gute Arbeiten zu schaffen.

Was macht für dich einen Maler aus?
Rein die Arbeit!

Was bedeutet das?
Das kann ich nicht definieren, weil ich mich lieber darauf freue, mich die nächsten Jahre immer wieder neu überraschen zu lassen. Wenn ich irgendwas sehe, dass ich nicht kenne und davon fasziniert bin und verknallt bin, dann ist das so und das kenn ich heute vielleicht noch nicht und deshalb kann ich gar nicht sagen, was einen Maler ausmacht, weil Malerei sich ja doch auch verändert. Für mich bedeutet Malerei eben nicht nur Farbe auf Leinwand, sondern das Malen selbst. Vieles wird als Malerei verkauft. Egal, ob es gut oder schlecht ist. Das Etwas, zwischen dir und der Leinwand, zählt nicht. Das Ausarbeiten der Farbe. Eine Collage mit Öl, zum Beispiel, wird schon als Malerei abgestempelt. Für mich ist das aber immer noch eine Collage.

Zu dem Titel, „Was Malerei bedeuten kann“ sind sechs unterschiedliche Positionen zusammengebracht, die verschiedene Wege der Malerei beschreiben und ich kann mir für einen Paul Mittler zum Beispiel schwer vorstellen, etwas anderes zu tun, als Malerei. Und Tallal Shammout ist der Einzige, der etwas in den Raum stellt. Eine Installation mit Malerei. Ein Zwischending. Eine Position, die aus seiner Sicht zeigt, was Malerei bedeuten kann. Wir stehen alle für unsere jeweiligen Sichtweisen.

TallalShammout_EmoDjinn3

TallalShammout, EmoDjinn3, Evelyn Drewes Galerie

Was fasziniert euch an der Malerei?
Wie du aus dem praktisch gesehen limitierten Medium und theoretisch betrachtet vollkommen öffnenden Medium so viel schöpfen kannst, wie nur möglich. So viel, wie dir als Künstler selber zusteht, oder auch als Betrachtender. Limitiert ist das Medium in dem Sinne, dass es Farbe auf Leinwand ist. Es wird immer zweidimensional bleiben, es wird immer an das Papier oder die Leinwand gebunden sein wird, oder die Wand selbst. Du kannst nicht drum herum gehen, du kannst es nicht dem Nachbarn an den Kopf werfen. Aber eben hierin kann man freiheitliche Möglichkeiten sehen und ich bin fasziniert davon, was Malerinnen und Maler damit machen können. Wie wenig Medium Agnes Martin dafür braucht, um so viel auszulösen. Das ist etwas, was mich bis morgen und seit gestern dazu anspornt, weiter zu malen.

Worin siehst du den Unterschied zwischen Malerei und der digitalen Form eines Bildes? Zum Beispiel in Form von Fotografie?
Eine alte Antwort darauf aus malereischer Perspektive wäre – und mein Vater ist Fotograf, ich komme aus einem Fotografenhaushalt, bin unter anderem im Studio groß geworden – dass Fotografie eine Aufnahme der Zeit ist und die Malerei die Manifestierung eines Gefühls. Das würde natürlich kein Fotograf so bestätigen! Aber Fotografie hat, in welche Form man sie auch verändert, einen Ausgangspunkt, den du nur sehr limitiert weiterbringen kannst. Egal wie abstrakt man das Foto schließlich gestalten will – sei es analog durch Säuren oder mit Computerprogrammen – ist man insofern eingeschränkt, als dass man von einem Foto ausgeht und dann im maximalen Sinne ein Bild daraus macht, auf dem man im Zweifelsfall gar nichts erkennt. Malerei geht von einem ganz anderen Standpunkt aus. Du hast die leere Leinwand und diese baust du auf. Das ist Etwas, das jeder anders für sich macht. Entweder du hast einen Plan, den du von vorne bis hinten verfolgst oder du hast ein Gefühl, dem du nachgehst, das sich verändert und dann plötzlich von einem anderen Gefühl überschwappt wird und das Bild sieht am Ende des Tages ganz anders aus, als es vorher geplant war. Das sind zwei unterschiedliche Herangehensweisen, weil Ersteres von einem fixen Ausgangspunkt getragen wird: das Porträt von Punkt Et Cetera, was du dann mehr oder weniger abänderst bis zu Stufe 101, wo du nichts mehr erkennst. Bei der anderen Herangehensweise fängt man bei Null an und schaut, wo es hingeht, wofür jeder seinen eigenen Weg hat. Diese verschiedenen Wege hierbei will unsere Ausstellung zeigen. Was bedeutet Malerei für mich, für dich, für ihn, für sie. Da habe ich meine Art und Weise, Tim Sandow hat seine und Katharina Spielmann hat wiederrum eine ganz andere. Indem sie zum Beispiel erst malt und schließlich mit Beize wieder Farbe abträgt. Meine Methode dagegen ist eher Draufklatschen und Draufklatschen und Übermalen und Übermalen. Viel kaputter. Mein Kleinformat wiegt dann am Ende so viel, wie ihr Großformat.

Katharina Spielmann, o.T.

Katharina Spielmann, o.T., Evelyn Drewes Galerie

Meinst du, malen ist eine Frage des Gebens und Nehmens?
Ja, ich denke schon. Ich male mehr, als dass ich nachdenke und dadurch entstehen sehr viele Fehler und diese benutze ich, um darauf aufzubauen und das eine ist das Geben und das andere ist das Nehmen. Wobei ich nicht weiß, welches welches ist. Ob der Fehler mir nimmt oder mir gibt, denn am Ende des Tages habe ich ein Bild mit einer Struktur von fünf anderen darunter, was bei Tim Sandow zum Beispiel ganz anders ist. Genauso wie bei Matthias Franz, die beide rein haptisch sehr dünn arbeiten. Sie haben auch viele Layers, aber sehr viel dünnere. Bei mir ist das eher gröbere Schnitzerei, Holzfällen. Bei den anderen vielmehr Chirurgie.

MatthiasFranz_Tailtrap

Matthias Franz, Tailtrap, Evelyn Drewes Galerie

Wenn du sagst, die einen arbeiten eher wie Holzfäller, die anderen eher wie Chirurgen: Inwiefern entsteht dann das Zusammenspiel in eurer Ausstellung?
Inwiefern entsteht ein Zusammenspiel zwischen einem Schlagzeuger und jenem, der die große Basstrommel im Orchester haut oder die Triangel oder Querflöte spielt? Am Ende des Tages sind wir ein Team, das zusammengestellt von Herrn Oberhollenzer steht. Dieser möchte erstmal alleine mit den Arbeiten in der Galerie sein, anschließend kommen wir dazu und dann prügeln wir uns und schauen, dass wir als gleichgeschorene Schafe aus dem Stall hinauskommen und alle happy sind.

Günther Oberhollenzer hat eine Vorauswahl getroffen?
Genau. Er hat jeden Künstler besucht und mit diesem eine Werkauswahl getroffen. Eine Größere, als die, die ausgestellt werden kann, um über Nachschub zu verfügen. Sollte etwas nicht miteinander passen, kann man so die Geige mit der Bratsche ersetzen. Die Bilder sind jetzt in Hamburg und er möchte mit ihnen alleine sein – auch ohne Galeristin. Darauf hat er Wert gelegt und wir respektieren das und freuen uns, mit ihm zusammenarbeiten zu können, da wir ihn alle sehr schätzen. Wie es dann ist, wenn wir alle dazukommen und, ob es dann eine 180 Grad Wendung gibt, das werden wir dann sehen.

Tim Sandow, Someones Missing, Evelyn Drewes Galerie

Tim Sandow, Someones Missing, Evelyn Drewes Galerie

Ihr wart alle in der Klasse von Daniel Richter an der Akademie in Wien und habt viel Zeit miteinander verbracht. Habt ihr einander inspiriert?
Ich weiß es nicht genau, manchmal inspirieren mich Sachen, von denen ich es gar nicht weiß. Allerdings standen wir in engem Austausch, wir haben alle in einem riesigen Atelier im Semperdepot in Wien gearbeitet und waren nur durch Trennwände voneinander getrennt. Es war so, dass sobald du Abstand von deinem Bild brauchtest, du 20 Meter weiter gegangen bist, auf eine Zigarette mit einem von deinen Nachbarn. Man stand ständig im Dialog, man hat die Meinung der anderen sehr geschätzt. Sonst wären wir heute nicht gemeinsam in Hamburg für die Ausstellung. Wir haben eine Gemeinschaft wie ein Kollektiv, ohne kollektive Arbeit zu schaffen.

Paul Mittler, Streetlife Is The Only Life I Know, Evelyn Drewes Galerie

Paul Mittler, Streetlife Is The Only Life I Know, Evelyn Drewes Galerie

Meinst du der Weg raus aus dem gemeinschaftlichen Atelier ins Eigene hat eine Veränderung mitgebracht?
Ja, für mich hat er mehr Konzentration mit sich gebracht. Ich will mich weiterentwickeln, so wie jeder Künstler, ich möchte mein eigenes Ding machen und fühle mich sicher genug, um auf eigenen Beinen zu stehen. Man lässt beim Fahrrad irgendwann die Stützen weg, weil man glaubt, nicht mehr fallen zu können. Was man natürlich tut, was man immer tun wird, was aber auch dazugehört. Fallen wirst du zwar, aber die Unterstützung von deinen Kollegen, anderen Malern, wirst du immer haben, du kannst jederzeit jeden einladen, wenn du das möchtest. Du hast aber auch die Möglichkeit, ein Jahr lang niemanden zu sehen und nur aus dir selbst zu schöpfen, dich selbst als einzige Inspiration zu nehmen.

Du malst vor allem Landschaften, Personen, Stillleben.
David Hockney hat mal gesagt: „There is a portrait, there is landscape, there is a stillive. What else is there?”. Und wenn ich so darüber nachdenke, fällt mir im Bereich der gegenständlichen Malerei auch nichts anderes ein. Am Ende ist ein Caravaggio, der eine ganze Szene beschreibt, doch auch ein Portrait, genauso wie ein Stillleben. Neben dem Abstrakten gibt es für mich nur das. Ich habe mich in den letzten Bildern vor allem floralen Motiven gewidmet, weil es mir ausgehend von der Figur wesentlich mehr Freiheit gibt. Ich komme aus einer eher gegenständlichen Malerei und bewege mich gerade ins Abstrakte. Auch wenn eine Tomate ein Fleck ist, ist es meine Tomate und ich kann am Ende selbst darüber entscheiden, welche Farbe sie hat.

Hast du das Gefühl, dass aus deinen Bildern eine Geschichte entstehen könnte?
Ich hoffe es. Ich fühle mich so, als wäre ich am Ende des ersten Kapitels. Von einem Buch, von dem ich nicht weiß, wie viele Kapitel es hat. Aber es hat mehr als zwei und an dessen Ende steht eine Retrospektive. Daniel Richter, der große Museumsausstellungen und Retrospektiven hatte, hat gesagt, dass es unfassbar interessant ist, als Maler in ein Museum zu gehen, in eine Ausstellung mit Bildern, die du seit 30 Jahren nicht gesehen hast, weil sie vor 35 Jahren verkauft wurden, an wen auch immer, und die letzten drei Jahrzehnte in Abu Dhabi oder Honolulu hingen. Die Bilder wiederzusehen, die du selbst geschaffen hast, die vierzehn-jährigen Hunde, die du als Welpen verkauft hast, und diese zusammen mit dem Jetzigen und allem, was dazwischen lag, in Bezug zu setzen – das ist dann eine Geschichte.

Aber diese Ausstellung  ist nur ein Kapitel oder vielleicht ein Teaser.

WANN: Die Ausstellung eröffnet am Donnerstag, den 7. September, um 18 Uhr und kann bis zum 12. Oktober besichtigt werden.
WO:
Evelyn Drewes | Galerie, Burchardstraße 14, 20095 Hamburg.

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