Denkmodelle als Interface
Interview mit Jorinde Voigt

1. Dezember 2015 • Text von

Jorinde Voigts aktuelle Bilder erweitern den Begriff der klassischen Zeichnung, sie eröffnen konzeptuelle Bild- und Vorstellungswelten. Sie selbst beschreibt ihre Arbeiten als Überlegungen in Form von Versuchsanordnungen. In ihrer Ausstellung „NOW“ in der Galerie Klüser zeigt die Künstlerin drei neue Werkgruppen. Gallerytalk sprach mit der Künstlerin über ihre Bilder und ihre Herangehensweise.

Organische Formen, zarte Linien, kräftige Farben. Blattgold, Tinte, Tusche und schwarz gefärbte Federn. In ihren neuen Arbeiten reizt Jorinde Voigt die Mittel der Zeichnung aus, sie ergänzt die ihr typischen Raster aus Linien, Zahlen und Schrift um farbige Explosionen und plastische Abstraktionen. Bildliche Elemente variieren, wiederholen sich und werden transformiert. Ein neues Mittel ist der „Splash“, eine auf das Papier geworfene Tintenspur, die von der Künstlerin in einem prozessualen Akt aufgetragen wird und dessen Form in den Bildern einen zentralen Raum einnimmt.

Ausstellungsansicht: Jorinde Voigt, NOW, Galerie Klüser

Ausstellungsansicht: Jorinde Voigt, NOW, Galerie Klüser

Gallerytalk: Was an Ihren neuen Arbeiten besonders auffällt, ist das Spannungsfeld zwischen, auf der einen Seite, einer strengen Ordnung und Struktur, und Elementen, die scheinbar zufällig entstanden sind.
Jorinde Voigt: Da gibt es eine Entwicklung, aber dies war schon immer Bestandteil meiner Arbeit. Zum Beispiel bei der früheren Serie die entlang der Fibonacci-Folge geschrieben ist, dem Aktionsablauf „2 küssen sich“. Auch da ist es Teil des Algorithmus, dass spontane Entscheidungen enthalten sind. Aber sehr begrenzt, nur auf den Verlauf der Linie zwischen A und B beschränkt. Der Startpunkt (A) steht fest, wo B gesetzt wird und wie diese Strecke von A nach B verläuft, das ist immer eine spontane Entscheidung. Diese Freiheit ist natürlich extrem reduziert. Aber je älter ich werde desto komplexer werden die Freiheiten.

Ist der ‚Splash‘ in Ihren neuen Arbeiten ein bewusstes Zulassen von Freiheit und Zufall?
Das hat auch mit der Annahme zu tun, dass bestimmte Dinge überhaupt erst sichtbar werden, wenn man sie passieren lässt. Die künstlerische Handlung ist gesetzt und bewusst als Versuchsanordnung gedacht: Ich befülle einen Behälter mit Farbe, entscheide  mich für eine Farbe, es gibt die Entscheidung etwas seriell auszuführen – Das sind konzeptuelle Setzungen, überlegte, konkrete Handlungsanweisungen, die ich dann selbst ausführe. Wie es sich dann tatsächlich verhält, da gibt es kein Richtig und kein Falsch. Es gibt nur die Sicherheit, dass es sich irgendwie verhält. Aber wie, zeigt sich nur, wenn man es so sein lässt, wie es ist.

Bild: Jorinde Voigt, 2 küssen sich V, 5 Zeichnungen, Berlin, 2006

Bild: Jorinde Voigt, 2 küssen sich V, 5 Zeichnungen, Berlin, 2006

Sie entwickeln eine Handlungsanweisung, ein Konzept, und führen dies dann aus, wie man ein Programm ablaufen lässt. Wie Noten, die gespielt werden?
Die Handlungsanweisung ist weit gesetzt. Ähnlich einer Partitur, aber auch wie ein Musiker eine Melodie spielt, ist nicht komplett kontrollierbar. Man kann lediglich die Anlässe festsetzen, vielleicht auch die Haltung, wie ein Musiker eine Melodie versteht. Es gibt ja selbst in der klassischen Interpretation einen Spielraum, welche Beat-Geschwindigkeit ein Adagio hat, ist immer auch eine individuelle Entscheidung des Performers. Ich performe in meiner Arbeit meine eigene Handlungsanweisung. Ich schreibe ein Konzept, eine Partitur, und spiele sie selbst durch. Und daran wird etwas Uniquäres sichtbar, das immer nur im Jetzt liegt, nicht wiederholbar und nicht revidierbar ist, so wie das mit dem eigenen Leben in der Zeit eben auch ist.

Kann man Ihre Arbeit als Versuch verstehen, einen Umgang mit Geschehnissen und Ereignissen zu finden?
Mein Messinstrument, ob etwas richtig ist oder nicht, und auch ob die Struktur und Anordnung von Abläufen und bestimmte Themen richtig sind, leite ich von der von mir erlebten Realität ab, von meinem Leben: von bestimmten Ereignissen die passiert sind. Ich habe für mich daraus eine Art Spiel entwickelt, das aber einen ganz konkreten Bezug hat. Für mich ist das Ergebnis, das daraus entsteht auch nicht nur spielerisch, sondern eine tatsächliche Überlegung auch zum Umgang mit Dingen, die mir konkret passiert sind, oder die mit mir passieren.

Eine konkrete Auseinandersetzung?
Ja, es geht um Haltungen. Eine Kombination von Haltungen, unterschiedliche Möglichkeiten, die man durchspielt. Übersetzt in eine bildhafte Sprache, kombiniert mit dem Schriftlichen, eine Mischform und Gleichzeitigkeit, um über gewisse Dinge kommunizieren zu können. Meine Arbeiten sind eigentlich Überlegungen in Form von Versuchsanordnungen. Sie sind immer als Denkmodell gedacht, immer als eine Art Interface. Die Zeichnung selber, die man sieht, ist nur eine Notationsform für etwas, das eigentlich in der Vorstellungskraft stattfindet.

Ausstellungsansicht: Jorinde Voigt, NOW, Galerie Klüser

Ausstellungsansicht: Jorinde Voigt, NOW, Galerie Klüser

Sie entwickeln eine eigene Kommunikationsform, im Sinne einer eigenen Sprache, die sehr individuell ist?
Ja, das könnte man so ausdrücken. Aber ich will nicht verschlüsseln, ich versuche, es so offen zu legen, wie möglich. Die Kommunizierbarkeit ist mir sehr wichtig. Mir selbst geht es darum, eine Art Notationsverfahren, eine Erweiterung von Schrift, zu erarbeiten, die mir eine Kommunikation über bestimmte Zusammenhänge möglich macht, auf eine Art, die in anderen Formen so nicht möglich ist. Ursprünglich komme ich ja vom Schreiben und ich sehe meine Arbeit eigentlich als erweiterte Form dessen.

Sie haben in ihrer künstlerischen Praxis diese Ebene des rein sprachlich-analytischen verlassen und ihre Arbeit um andere Komponenten erweitert.
In früheren Arbeiten habe ich Notationen für zeit-basierte Abläufe entwickelt  und zu Beginn habe ich einmal solche Arbeiten auch am Computer hergestellt: Linien, Text und Zeilen, was passiert wann, wie und wo. Das Anliegen war, so neutral wie möglich zu einer Situation zu stehen, um sie objektiv betrachten zu können, wertungsfrei. Mir wurde aber relativ schnell klar, dass die angenommene Objektivität eigentlich ein Selbstbetrug ist. Ich bin ja diejenige, die das beobachtet und ich bin lebendig und natürlich nicht nur in der Ratio in diesem Moment. Und es ist verfälschend dass zu negieren. Da wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, dass es eine handgeschriebene Linie ist, die auch immer in der Art und Weise, wie sie verläuft aus einer spontanen Reaktion auf den Moment kommt. Dadurch vermitteln sich natürlich auch andere Informationen. Bei der Arbeit am Computer unterliegt man einer angenommenen, auf Konventionen beruhenden, Neutralität. Das ist aber störend wenn es darum geht, eine tatsächliche Untersuchung durchzuführen. Es gibt kein Richtig und kein Falsch im spontanen Ausdruck. Fakt ist nur, es ist ein Ausdruck, der immer eine Information in sich trägt, auch wenn es sich nur über die Stimmung, die Geschwindigkeit, die Kraft ausdrückt. Und so drückt sich Lebendigkeit ja aus. Und deswegen wurde es ganz bewusst Teil des Schreibens, dass ich dies nicht verheimliche, sondern, dass ich das so annehmen wie es ist. Und aus dieser Haltung heraus entwickeln sich dann auch bildlich größere, sichtbarere Aktionen wie der Splash. Die Notationen und Aktionsabläufe meiner Arbeit werden nun ergänzt. Jetzt ist ein Teil des Aktionsablaufes, zum Beispiel das ausgießen von Farbe, Teil der Notation. Was man sieht ist nicht die geschrieben Partitur, sondern auch die gespielte Partitur im Bild. Wie ein Recording von einer Live-Aufführung. Die Verschiedenen Formen von Zeit, mit denen man zu tun hat, sind ja eigentlich das grundlegende Thema.

In Form einer Fixierung von Zeit? Ist das ein unzulänglicher Versuch, die Zeit anzuhalten?
Letztendlich bleibt die Zeit ja auch angehalten, in Form eines Abdrucks dieses Ereignisses, das in der Vergangenheit liegt. Es ist ein Verweis auf etwas, das in der Vergangenheit stattgefunden hat. Aber es bleibt sichtbar, wie eingefrorene Zeit. Gleichzeitig beinhaltet meine Arbeit aber mehrere Aspekte die auf andere Arten mit Zeit umgehen. Einzelne Elemente referieren auf Zeiträume: Vorgestern bis unendlich, gestern, heute, morgen, übermorgen bis unendlich. Das sind Zeitbegriffe im Transit. Morgen ist morgen wieder morgen. Täglich neu. Alles andere wird einen Tag älter. Zeit lässt sich auch über Rotationsangaben ableiten, in Bezug auf Bewegung: Ein mal pro Tag, zwei mal pro Tag, zwanzigmal pro Tag. Eine Frequenzangabe, wie in der Musik. Diese Elemente sind im Bild entlang einer vertikalen Achse angeordnet. Das ist die Bezugsrichtung entlang der etwas passiert. Jedes Element ist aber auch autonom, entsprechend seiner Charakteristika. Man könnte sie als modellhafte Anordnungen beschreiben.

Könnte man Ihren künstlerischen Ansatz als subjektiv-wissenschaftlich beschreiben?
Ich verlasse mich nur auf das, was ich selbst überprüfen kann. Ich kann natürlich auf gewisse Dinge zugreifen, ein gewisses Wissen, meine Interessen.. Ich kann mich natürlich auch in Themen wie Mikrobiologie und Physik einlesen und das interessiert mich auch sehr. Diese Theorien und Formeln kann ich im Denken durchspielen, aber tatsächlich erleben kann ich sie nicht. Ich kann überprüfen, ob ich das mit meinen persönlichen Erlebnissen vereinbaren kann. Und zu was für einer Form des Begreifens der Realität das führt. In Form eines Abgleichs. Dass sich die Erde dreht kann man nicht fühlen, man kann sich das vorstellen und es erklärt Tag und Nacht und die Jahreszeiten. Auch konkrete Dinge können eine Abstraktheit haben, die sich transferieren lässt auf ein anderes Gebiet. Das ist meine Herangehensweise, ich versuche Dinge abzugleichen, eine Art der Mustererkennung. Die Voraussetzung ist eine unvoreingenommene Neugierde und das ist auch die Haltung aus der das passiert.

WANN: Die Ausstellung ist bis 13. Februar zu sehen.
WO: Galerie Klüser, Georgenstraße 15, 80799 München.

Weitere Artikel aus München