Das verlorene Individuum
Die Julia Stoschek Collection in Berlin

24. August 2016 • Text von

Die Ausstellung „Welt am Draht“, die seit Mai in der temporären Dependance der Julia Stoschek Collection in Berlin-Mitte zu sehen ist, widmet sich dem digital vernetzten Individuum des 21. Jahrhunderts. Vor dem Bildschirm, im Computerspiel, jenseits der analogen Realität.

Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf einen Film von Rainer Werner Fassbinder aus den siebziger Jahren, der seinerseits auf einem amerikanischen Roman aus den Sechzigern basiert. Die doppelte Referenz zunächst außer Acht gelassen, beschreibt „Welt am Draht“ die 38 ausgestellten Kunstwerke ziemlich akkurat: Die Welt als die analoge Realität in Echtzeit und der Draht als die immaterielle, unendliche Virtualität. Zwischen diesen beiden Polen ist die Gesamtheit der medienbasierten Arbeiten einzuordnen, welche sich –  so wird der Besucher aufgeklärt – mit den Einflüssen und Veränderungen auf unsere gesellschaftliche Realität, Identität und Umwelt seit der Digitalisierung auseinandersetzt. Mit einem umfassenden, in seinem Zeitungsformat jedoch sehr unhandlichen Katalog bewaffnet bahnt sich dieses Individuum seinen Weg durch glänzendsauberen und geheimnisvoll dunklen Räume an der Leipziger Straße.

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Jon Rafman: Betamale Trilogy (Glass Cabin), 2015. Filmstill von der Mixed-Media Videoinstallation, bestehend aus HD-Videoprojektor, Stahlrahmen, Hartglas und drei Videos, 20’42’’, Farbe, Ton. Courtesy of the artist and Future Gallery, Berlin.

In der Vergangenheit widersagte sich die Kunst lange dem Abgründigen, Ekelerregenden und Unerhörtem. Nach dem zweiten Weltkrieg – insbesondere seit dem Millennium – sind Themen jenseits der Norm im Trend. Dies zeigt sich nicht nur in der Aufmerksamkeit, die beispielsweise dem Werk von Hieronymus Bosch gewidmet wird, sondern auch in einer der Aktualität verschriebenen Privatsammlung wie derjenigen von Frau Stoschek: Par excellence führt der kanadische Künstler Jon Raffman in die Abgründe des Dark Net. In einem Glaskasten sitzend kann der Betrachter den Bildern von einer gefolterten Riesengarnele kaum entfliehen. Mehr Distanz durch den dokumentarischen Blick wahrt hingegen Hito Steyerl, wenn sie sich auf eine Reise nach Japan begibt, um ihrer eigenen Vergangenheit als Bondage-Model nachzuspüren. Sie nimmt dabei die Rolle der Suchenden und Gesuchten ein und vermittelt gleichzeitig ihr zweifaches Bild an den Rezipienten. Ähnlich verhält es sich mit Wu Tsang, die in ihrem mehrfach ausgezeichneten Film „Wildness“ den Imagewandel des Nachtclubs „Silver Platter“ nachzeichnet. Als Rückzugsort der lateinamerikanischen Transgender Community in Los Angeles drohte diesem der Verlust seiner alten Identität. Ein Prozess, an welchem die Künstlerin selbst durch ihr Involvement und dem daraus resultierenden medialen Interesse teilhatte.

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Ian Cheng: Emissary Forks at Perfection, 2015, Filmstill von der Echtzeitsimulation, unbegrenzte Dauer, Farbe, Ton. Courtesy of the artist and Pillar Corrias, London.

In Abgrenzung von dem der Wirklichkeit entstammenden Material – mehr oder minder als Found Footage zu beschreiben – generieren die Bewegtbilder von Ed Atkins, Ian Cheng und Melanie Gilligan ihre eigene Realität. In dem Video „Us Dead Talk Love“ von Atkins sinniert ein computergenerierter Charakter, ein abgetrennter Kopf der vor hippen Pastelltönen schwebt, über die Frage: „Ich wollte fragen, ob du dachtest, dass die Entdeckung einer Wimper unter deiner Vorhaut bedeutend war?“ In einer riesigen, abschüssigen Black Box präsentiert Cheng ein 3-D Videospiel, hinter dem sich Algorithmen verbergen, welche in Echtzeit der Evolution nacheifern. Es lässt sich eine inhaltliche Bezugnahme zum Prinzip des Fressens und Gefressen-Werdens erkennen, wenn groteske Vierbeiner ziellos durch eine Landschaft streifen, die Assoziationen zwischen Vulkanausbruch und Kontinentalplatten hervorruft. In die Tiefen der einer utopischen Zukunft und in den Höhen des tatsächlichen technischen Fortschrittes schwebt das Werk „The Common Sense“ von Melanie Gilligan: In fünf Episoden wird das Schicksal einer Gruppe verwirrter Jugendlicher verfolgt, als eine für sie lebenswichtige Technologie ausfällt. Ohne diese ist es ihnen nicht mehr möglich affektive und physische Empfindungen unmittelbar mit ihren Mitmenschen zu teilen – und sie verzweifeln. Aufgemacht wie eine amerikanische Krimiserie faszinieren vor allem die schnurlosen Kopfhörer, welche den Ton zu jeweils dem Bildschirm abspielen, vor dem man gerade steht.

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Installationansicht „Welt am Draht“ in der Julia Stoschek Collection, Berlin: Neil Beloufa: Jaguacuzzi, 2015. Mixed-Media-Videoinstallation, bestehend aus TV-Monitoren, Farbe auf Fiberglas, Farbe auf MDF, Stahl, Pigmenten und Zigarettenstummeln in Gießharz (Resin) und 16 Videos. Foto: Simon Vogel.

Irgendwo zwischen dem physischen Hier und Jetzt und dem digitalen Jederzeit und Überall will sich die Künstlerin Helen Marten verorten: Auf dem Bildschirm schweben simulierte Katzen, auf dem hellen Teppichboden steht ein Korb und Katzenfutter. Das schiefe Treppengeländer als unterinterpretierten Alltagsgegenstand mit Eigenleben zu beschreiben ist überinterpretiert. Neil Beloufa verfolgt gewissermaßen dieselbe Intention, stellt sich dabei jedoch wesentlich geschickter an. Der Ausstellungsbesuchter nimmt in einem schwarzen Gebilde Platz, dessen Ästhetik der MTV-Serie Pimp my Ride ähnelt, und wählt mittels Schaltknüppeln in Form von Zigaretten einzelne Videoarbeiten des Künstlers, die daraufhin abgespielt werden. Die interaktive, individuelle und irritierende Erfahrung wird Teil des Werkes selbst: Im Closed-Circuit zeichnet eine Kamera die Reaktion des Betrachters auf, um diese auf der Außenwand des Kubus live abzuspielen.

Es stellt sich die Frage, wo ich mich – als Rezipient – befinde? Sitze ich in dem raumschiffähnlichen Gebilde von Beloufa oder betrachte ich mich auf dem Bildschirm? Die simultane Aufzeichnung meines Körpers und dessen Veräußerlichung, weil dieses Abbild mir niemals zugänglich sein wird, erzeugen ein Gefühl der Entfremdung, welches sich durch die ganze Ausstellung zieht. Im Werk von Beloufa lässt es sich als die Absicht des Künstlers verstehen – im Gegensatz zu den übrigen Arbeiten der Ausstellung. Der Verlust von Körperlichkeit vollzieht sich in der Regel weitaus subtiler: Die Mehrheit der Kunstwerke verfügt über eine – eingangs erwähnte – Referentialität, welche sie weder im realen, noch im virtuellen Raum greifbar macht. So verweisen die Werke der Ausstellung auf die Musik von Pink Floyd, Donna Summer, Depeche Mode, X-Ray Sepex, den Song Hotel California, auf die Post-Punk Literatur von Kathy Acker, auf die Evolutionstheorie von Charles Darwin, auf die Schriften der Psychologin Julia Jaynes, auf die Bauordnungslehre von Ernst Neufert, auf Guantanamo, auf Baku, auf Kreuzritterfestungen in Israel, auf eine Vielzahl von Blogs und Webseiten und schlussendlich selbst auf die griechische Mythologie.

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Hannah Black: Bodybuilding, 2015. Filmstill von dem digitalen Video, 8’10’’, Farbe, Ton, in Auftrag gegeben vom Yarat Contemporary Art Centre, Baku. Courtesy of the artist and Diet Gallery, Miami.

Die Überforderung, die der Betrachter anhand der Vielzahl und der zeitweiligen Beliebigkeit der Referenzen erlebt, versperrt die Möglichkeit eines Erkenntniszuwachses. Denn die Betrachtung als ein physische Sehen wird zu einem intellektuellen Verstehen: Wer mit der Bauordnungslehre von Neufert aus dem Jahr 1943 nicht vertraut ist, reagiert mit Unverständnis auf die Installation von Amir Yatziv. Dadurch dass der Begleittext immer wieder eine Bedeutungsebene suggeriert, die in dem tatsächlichen Kunstwerk nicht sichtbar ist, wird das reale Objekt, Bild, Video – was auch immer – zu einer Prothese der Informationsvermittlung. Bedeutung und Bild divergieren seit Jahrhunderten; die Krux dieser Kunst liegt nicht in dem Spielraum, der dem Betrachter dadurch gewährt wird. Nein, es ist die fehlende Zugehörigkeit der Werke zu einem der beiden Bereiche. Die Videos sind nicht weltlich, sie sind nicht verständlich ohne den Text. Gleichzeitig wird permanent behauptet, dass sich der beschriebene Information im Werk erkennen lässt. So schwebt die Kunst irgendwo zwischen dem realen Raum und dem intellektuellen Nichts. Es zeugt von den Qualität der Ausstellung, dass sie uns dorthin mitnimmt.

WANN: Bis zum 13. November hat die Ausstellung immer von Donnerstag bis Sonntag, von 14 bis 20 Uhr, geöffnet.
WO: JSC Berlin, Leipziger Strasse 60 (Eingang über Jerusalemer Strasse), 10117 Berlin.

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