Das Unsichtbare
Eine Ausstellungsführung von Galerist Tobias Posselt

19. November 2018 • Text von

Nordisch-ruhige Stimmung findet sich im neu eröffneten Kunstraum kajetan.berlin. Sanfte, durch Präzision geleitete Formen verführen die Betrachtenden und spiegeln Fragen der Existenz. Der Galerist Tobias Posselt hat in der Ausstellung „Form follows Fiction“ vier Künstlerinnen und Künstler zusammengebracht. Eine Führung.

Marc Nagtzaam, To imagine an…2018, 55,5 cm x 41,5 cm, © Marc Nagtzaam

gallerytalk.net: „Form follows Fiction“ ist die erste Ausstellung im kajetan Berlin?
Tobias Posselt: Genau, ich habe den Raum seit September und heute Abend findet die erste Ausstellung statt.

Gibt es ein bestimmtes Konzept, das hinter dem Raum steht?
Jede hier gezeigte Ausstellung und jede ausgestellte Arbeit für sich soll ein Leben, die Existenz auszeichnende Komplexität durch Präzision in der Form in die Sinne und ins Bild bringen. Das zeigt sich beispielsweise in Jan Wawrzyniaks „Eccentric Construction“ deutlich. Das Bild wirkt auf den ersten Blick ganz einfach, aber es steckt eine Menge an Unwägbarkeiten im Miteinander der Bildelemente und Ebenen darin.

Bleistiftzeichnung

Marc Nagtzaam, Zeichnungen, 43 cm x 27 cm 2015, © Marc Nagtzaam

Das hier sind Arbeiten von Marc Nagtzaam, einem niederländischen Zeichner. Er kopiert und collagiert Bilder aus Zeitschriften, die dann nach einer gezielten Auswahl in unregelmäßigen Gittern angeordnet, fotokopiert, übereinander gelegt und anschließend nachgezeichnet oder gedruckt werden, sodass nur die angrenzenden geradlinigen Konturen erhalten bleiben und der Bildinhalt zerstört wird. Sie wirken sehr geometrisch und formal klar, wobei in der Zeichnung auch die eigene Handschrift, das Subjektive zugelassen wird.

Zeichnung

Marc Nagtzaam, Always Crashing in the same Car 55 x 68 cm, Bleistift auf Papier, © Marc Nagtzaam

Er macht das sehr akribisch. In diesem Fall wurde mit Bleistift gearbeitet, hier ist die Auslassung die Zeichnung. Die Zwischenräume hat er ausgefüllt, damit es als ein Ganzes wirkt. Als Bild. 
Seine Zeichnungen sind sehr unterschiedlich. Im Übrigen hat Nagtzaam die Zeichnungen für diese Ausstellung extra neu arrangiert und installiert. Er betrachtet eine Ausstellung als mögliches Werk und der strukturelle Ansatz seiner Zeichnungen findet auch in der Ausstellungsstruktur Anwendung, die als vergrößerte Zeichnung im Raum betrachtet werden kann.

Trine Søndergaard

Trine Søndergaard, Surrigkap dress of mourning I, AP, Pigmentdruck, © Trine Søndergaard

Das sind Fotografien von Trine Søndergaard. Sie hat auf der Insel Föhr Frauen in Trauertrachten fotografiert. Hier wird das gleiche Motiv von verschiedenen Seiten gezeigt. Was ich daran spannend finde, ist, dass Søndergaard das Unsichtbare zeigt und beachtet. Dadurch führt sie vor, wie das Unsichtbare auch etwas sichtbar macht. Sie hinterfragt den blinden Fleck im Sehen, was im Zeitalter von Twitter und Facebook, in dem man immer sichtbar sein muss, oft übersehen wird. Zusätzlich wird auch deutlich, dass die Verschleierung in mehr als einer Religionszugehörigkeit und in vielen Kulturkreisen vorkommt.
Der Schleier hat wahrscheinlich häufig einen natürlichen Ursprung, wodurch man ihn nicht unbedingt an einer Religion festmachen kann. Gerade auch der Punkt mit Twitter und dem Weglassen ist in Bezug auf die fehlende Sichtbarkeit in den Bildern sehr prägnant. Sie wirken dadurch sehr ruhig. Man sieht ja immer noch, dass ein Mensch abgebildet ist.
Wobei ich jedoch in „Surrigkap #I, Dress of Mourning“ keinen Menschen mehr erkennen kann. Im Umkehrschluss kann man auch die Frage stellen, ob uns der absolute Blick nicht blind machen würde. Søndergaards Fotografien nehmen zwar vom blinden Fleck ihren Ausgang, kehren dahin aber nicht zurück. Im blinden Fleck spiegelt sich ja eine Existenzfrage für das Sehen. Inwieweit kann der Blick riskiert werden, ohne blind zu werden, eigentlich nichts mehr zu finden im Unverhüllten. Was darf der Blick, ohne schamlos oder einfach wie alle Welt zu sein. Vielleicht zeigen diese Fotos ja die Notwendigkeit des Schleiers für das (eigenständige) Sehen.

Fotografien

© Marcus Schneider, Ausstellungsansicht Trine Søndergaard

Auf dem Bild, auf dem das Gesicht sichtbar ist (Trine Søndergaard, „Surrigkap #III, Dress of Mourning, 2016″), liegt dieses auch wieder komplett im Fokus. Da wird ein völlig anderer Raum erschaffen. Auf den anderen beiden Fotografien, die nur die Verschleierung zeigen, steht das Gesamte viel stärker im Vordergrund.
Die Tracht, die Struktur ihres Textils in den Fotos von Søndergaard korrespondiert ganz gut mit der Arbeit „Welle, konvertiert, 1:27.88-1:27.8857″ (2015) von Anneke Kleimann. Das ist eine sogenannte Transformationsarbeit, wie Kleimann es nennt.

Welle

© Marcus Schneider, Ausstellungsansicht Anneke Kleimann

Das ist eine 57/1000 Sekunde von einer Welle der Nordsee als auf einen Bildschirm übertragene Tonspur, die die Künstlerin in Fiberglas nachgebildet hat. Die bewegt sich auch, wenn man um sie herumgeht oder ein Luftzug kommt. Natürlich korrespondieren Søndergaards Fotografien und Kleimanns Objekt auch in Bezug auf die Nordsee miteinander.
Kleimanns Arbeiten gehen oft von der wissenschaftlichen Wahrnehmung aus, die sie durch Transformation wieder auf ein unvoreingenommen forschendes Sehen, Tasten, Hören und Denken zurückführen. Die Wissenschaft ist ja nur eine Dimension der Wahrnehmung oder eine Realfiktion neben anderen, wie Kleimann es mal nannte. Dass es daneben noch mehr Perspektiven der Dinge, Lebewesen und Eindrücke von ihnen gibt, ist hier zu erfahren.
Das passt dann auch wieder zum Titel „Form follows Fiction“.

Kohlemalerei

© Marcus Schneider, Ausstellungsansicht Jan Wawrzyniak

Das ist ein Bild – Malerei oder Zeichnung – von Jan Wawrzyniak. Auf den ersten Blick ein ganz einfaches Bild und trotzdem tauchen dazu Fragen auf wie beispielsweise: Was ist ein Bild? Ist das noch ein Bild? Ist es Malerei oder eine Zeichnung? Vielleicht auch eine Skulptur im Verhältnis der Flächen, Ebenen inklusive Leinwand und Raumwand. Tritt Letztere nicht auch hervor (und wieder zurück)? Und sobald gedacht wird, irgendetwas zu haben, woran sich festzuhalten wäre, man denkt, es sei so oder so und die Antwort bekannt, entzieht sich alles wieder im Zusammenspiel von Bildelementen und Ebenen. Da kommt praktisch alles mit ins Spiel, der ganze Raum. Das Bild in seiner Unmöglichkeit einer abschließenden Betrachtung  und seine Elemente im Zusammenspiel als kritisches, unverfügbares Gegenüber des Beschauers spiegeln die eigene Existenz und deren Unsicherheit.

WANN: Die Ausstellung kann bis zum 27. Januar 2019 besichtigt werden.
WO: kajetan.berlin, Gneisenaustraße 33, Fabrikgebäude, 1. Hof, 2. Etage, 10961 Berlin.

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