Kunst für alle?
Die Affordable Art Fair 2017

20. November 2017 • Text von

Zum mittlerweile sechsten Mal durften die Hamburger im großen bunten Kunstsupermarkt stöbern. Ein Wochenende lang wollte die Affordable Art Fair „Kunst für alle“ erschwinglich machen – ist ihr das gelungen?

Impression Messe 1, Copyright: Affordable Art Fair

Impression Messe 1, Copyright: Affordable Art Fair

Von Messemüdigkeit am letzten Tag der Veranstaltung ist kaum etwas zu spüren, als wir uns am Sonntagnachmittag durchs regenverhangene Schanzenviertel in Richtung Messehallen begeben. Denn man muss einfach nur dem Strom vieler kunstaffin aussehender Menschen folgen, um die Halle A3 zu finden. Dort wartet sie auf uns: Die Affordable Art Fair – das Großevent, das im Hamburger Kunstkalender neben der punkrockigen Millerntor Gallery, den hanseatisch-gediegenen Deichtorhalleneröffnungen oder dem Free Spirit des MS Artville immer ein bisschen aus der Reihe zu tanzen scheint. Denn im Gegensatz zu den anderen Events kann die Messe weder mit ausgefeiltem kuratorischen Gesamtkonzept noch mit wohltätigem Engagement auftrumpfen – ihr Hauptziel trägt sie im Namen: verkaufen. Und das ziemlich günstig.

Zwischen 100 und 7.500 Euro kosten die Arbeiten, die in der Messehalle von 80 nationalen und internationalen Galerien aus 14 Ländern angeboten werden. Das Motto auf den pinken Fahnen der 1999 in London entstandenen und inzwischen in zehn Städte exportierten Affordable Art Fair lautet „Kunst für alle“. Die moderaten Preise sollen dafür sorgen, dass auch Kunstneulinge und Menschen mit kleinerem Sammlungsetat das eine oder andere Werk mit nach Hause nehmen können.

Die Fuffis in den Club – Verzeihung, die Messehalle – schmeißen werden wir heute nicht. Aber ein Schaufensterbummel durch die Stände der vielen Galerien hat schließlich auch dann seinen Reiz, wenn man danach nicht mit einem Paket in pinkfarbener Luftpolsterfolie unter dem Arm die Halle verlässt.

Affordable Art Fair 2017, Impression Messegelände. Foto: Martina John

Affordable Art Fair 2017, Impression Messegelände. Foto: Martina John

Das Publikum unterscheidet sich auf dem ersten Blick übrigens nicht groß von einer typischen Hamburger Vernissage – die übliche Mischung aus stylishen jungen Menschen in schnieken Sneakers und älteren Semestern mit Tweedjacket oder Burberry-Schal. Dazwischen aber als erfrischende Ausnahme ein paar St. Paulianer mit Totenkopfpulli, die nach dem Heimspiel am Nachmittag offenbar noch einen Abstecher zur Messe gemacht haben.

Aber kommen wir zur Kunst: Wie so oft auf einer Messe erschlägt einen die Vielfalt des Angebots erst einmal. Etwas verstrahlt laufen wir drauf los, riskieren links und rechts einen Blick in die klassisch in weißen Kuben aufgereihten Stände.

Zugegeben, die Galerien stellen hier natürlich primär Kunst aus, die sich verkauft, indem sie den aktuellen Mainstream-Geschmack trifft. Viele Kleinformate, der niedrigen Preise wegen. Viel dekorativ-Figürliches mit Landschaften, Tieren oder Cartoon-Motiven. Und wenn es dann großformatiger wird, ist das oft ziemlich instagrammy: Pastellfarben, Neonröhren, eine ordentliche Prise Millennial Pink. Das ist nicht automatisch schlecht, so freuen wir uns über die Schallplattenrücken von niemand bei der Artered Gallery aus New York oder die bunten Stadtlandschaften von Alberto Sanchez bei den Australiern von Retrospect Galleries. Am Stand aus Down Under begeistert uns außerdem das tolle Blau der Unterwassergemälde von Nicole Tijoux.

Generell sind es die internationalen Galerien, die uns immer wieder in ihren Bann ziehen: zum Beispiel die skulpturalen Papierarbeiten bei Gallery Tableau aus Südkorea oder die Buchobjekte von Francois du Plessis bei den Niederländern von Chiefs and Spirits.

 Affenfaust Galerie: Tizian Baldinger, DEER, 2016, Holz, Rehfell, Acrylglas, Leuchtstoffröhren, Acrylfarbe, Stromkabel


Affenfaust Galerie: Tizian Baldinger, DEER, 2016, Holz, Rehfell, Acrylglas, Leuchtstoffröhren, Acrylfarbe, Stromkabel

Qualität findet man aber selbstverständlich nicht nur in der Ferne, sondern auch vor der Haustür – so freuen wir uns über die Neonarbeiten von Tizian Baldinger am Stand der Affenfaust Galerie und statten auch der Kontorhausviertel-Institution Evelyn Drewes einen Besuch ab. Und sogar die Millerntor Gallery ist vertreten – hier supported man mit einem Kauf der wirklich human bepreisten Arbeiten wie auch beim großen Millerntor-Event im Sommer die Wasserinitiative Viva Con Agua.

An anderer Stelle wird das „Affordable“ aus dem Messenamen etwas anders ausgelegt. Denn großformatige Flachware und prominente Namen bieten die Galerien natürlich im 7.000-Euro-Bereich an. Dafür kann man zum Beispiel am Stand von Galerie Pfanne-Dressen aber auch große alte Herren des 20. Jahrhunderts wie Heinz Mack, Gerhard Richter oder A. R. Penck zu vergleichsweise erschwinglichen Preisen erwerben.

AAA+: Christoph Rode, die taegliche Bestuhlung, Öl auf Leinwand, 2017, Courtesy AAA+Galleries

AAA+: Christoph Rode, die taegliche Bestuhlung, Öl auf Leinwand, 2017, Courtesy AAA+Galleries

Ob Fan von Cartoon-Ästhetik im Urban-Art-Stil, Liebhaber pastoser Farbtubenexplosionen oder Afficionado zarter Tuschezeichnungen – wer auf der Affordabe Art Fair sucht, wird fündig. Davon zeugen sowohl die zahlreichen roten Punkte auf den Bildlabels als auch die diversen Menschen, die ihre LuPo-verpackten Schätze aus den Hallen tragen.

Vielleicht kann man das Ganze ein bisschen mit einem Ikea-Besuch vergleichen: Irgendwann tun einem die Füße weh und man hat echt viele Sachen gesehen, die vielleicht nicht dem persönlichen Geschmack entsprechen oder etwas zu billig gemacht waren – aber dazwischen lauern viele viele schöne Dinge und ab und zu auch ein paar großartige „muss haben“-Schätze, ohne die man den Laden eigentlich nicht verlassen kann. Nur Hot Dogs und Zimtschnecken gibt es auf der AAF nicht und Kunst muss man ja glücklicherweise auch nicht selbst mit dem Inbus-Schlüssel zusammenbauen …

Wir kommen zur Affordable Art Fair 2018 auf jeden Fall wieder – und machen bis dahin vielleicht schon mal ein bisschen Platz an unseren Wohnzimmerwänden frei …

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