„Could you be happy here?“
Anahita Razmi in der Galerie Sturm

3. Oktober 2016 • Text von

Unerklärlich zwar, aber die Galerie Sturm im kleinen Hinterhof einer Seitenstraße südlich des Bahnhofs ist noch immer ein Geheimtipp. Aber ein ganz heißer! Mit großem, unprätentiösem Programm sorgt Johannes Sturm immer wieder für echte Highlights – so wie ganz aktuell mit Anahita Razmi –, die uns beinahe vergessen lassen, dass wir uns in Nürnberg und nicht im hippen Berlin befinden.

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Anahita Razmi: Filmstill aus „Here Script“, HD-Video, 2016. Installationsansicht Galerie Sturm

Seit vorletzter Woche ist die ehemalige Werkstatt zu einer Art Blackbox geworden – und wir wundern uns dabei jedes Mal, wie wandelbar der Galerieraum Sturm doch ist. Nach Ausstellungen in Peking, New York, Belfast und Marseille (alle seit Juli diesen Jahres) kommt die junge und derzeit international sehr umtriebige Künstlerin Anahita Razmi nun nach Nürnberg und eröffnete ganz still und leise aber mit vollstem Paukenschlag bei uns ihre Ausstellung „Beat Sheets“.

Dominierend an der großen Stirnwand erfüllt die Videoarbeit „Here Script“ den Raum und lullt uns ein mit sich wiederholenden Textphrasen und Bildern zerfallender Tempelanlagen in weiter Wüstengegend. Wir lassen uns treiben, fühlen uns aber durch die unruhige Handkamera nicht wirklich an den Ort versetzt und schnell wird klar, dass es hier auch eher um Eindrücke, traumhafte Fragmente, flüchtige Erscheinungen geht, die nur eben vorbeihuschen und mehr ein Gefühl als eine konkrete Erinnerung hinterlassen. Unterschiedliche Stimmen sprechen zusammenhangslose Sätze, die zeitgleich auch in großer Schrift die gezeigten Bilder überlagern. Es sind lakonische Feststellungen wie „it’s here“, aber auch längere Sätze, die teilweise in kolonialistischer Ungezwungenheit vermeintliche Behauptungen über Länder und Völker aufstellen. In der Ambivalenz dieser Sätze wird die zunächst impressionistisch wirkende Videoarbeit auf subtile Weise politisch. Zwischendurch stellt uns eine der vielen Stimmen die Frage, ob wir hier glücklich sein könnten, „could you be happy here?“.

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Anahita Razmi: Filmstill aus „Here Script“, HD-Video, 2016. Courtesy of the artist

In rhythmisch-musikalischen Wiederholungen bilden die Worte eine Choreografie, eine Collage aus disparaten Zitaten und wir fragen uns, wer diese Dinge zu uns sagt, wer sie gesagt hat und aus welchem Grund und auch, zu welcher Zeit? Und nach und nach erinnern wir uns, es dämmert uns, wir denken an alte Filme – und tatsächlich: Razmi reiste für ihre Arbeit zu den Atlas Studios, einer Filmproduktionsstätte in der Wüste außerhalb von Marrakesch; sorgfältig ausgewählte Textfragmente aus tatsächlich hier gedrehten Filmen nutzt die Künstlerin für ihre Arbeit. Zahlreichen Orient- und Hollywoodfilmen diente der Ort als Kulisse, perfekt eingebettet zwischen Wüste und Bergen und flexibel genug, um durch künstliche Bauten fiktive Schauplätze zumindest für den Moment real werden zu lassen. Gänzlich isoliert, räumlich wie kulturell, bildet der Ort eine Art Green Screen, eine Projektionsfläche für Ideen und Geschichten auf Filmleinwänden.

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Anahita Razmi: Filmstill aus „Here Script“, HD-Video, 2016. Installationsansicht Galerie Sturm

Und plötzlich ergibt alles einen Sinn: die morbide Tempelanlage, auch das Gerüst, das das fragil wirkende Bauwerk in einer Einstellung von hinten zu stützen scheint, die Sätze, Stimmen, Musik und Töne, das Licht, der Schnitt, die Wiederholungen, die zwischengeschalteten Green Screens, der Titel der Arbeit.

Here Script“ ist eine Komposition, eine perfekt austarierte Balance aus Einzelteilen und Fragmenten, die wunderbar choreografiert aneinandergereiht viel über einen Ort erzählen, der eigentlich eher ein Un-Ort ist im Niemandsland der weiten Wüste von Marokko, ein Fake eigentlich, eine Kulisse für Kulissen mit vielen Gesichtern, manifestiert in den Leinwänden diverser Filmproduktionen. Gerade jedoch durch das Fehlen jeglicher historisch-authentischer Bezüge und dem originären Benennen von Identität und Kultur, das hier einer cineastischen Blaupause und einem Klischee des Orientalisch-exotischen gewichen ist, werden wir uns deren Bedeutung auf besondere Weise bewusst.

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Anahita Razmi: China Girl, C-Print, 90 x 60 cm, Shanghai, 2009. Courtesy of the artist

Erst nach einer ganzen Weile fällt unser Blick auf Razmis „China Girl“, das uns bereits die ganze Zeit von links her beobachtet. Ihr Gesicht ist eingebettet in bunte Farbflächen und –formen, ihre rechte Hand hebt eine graue Kreisform, ihr Gesicht zeigt ein leicht spöttisches Lächeln. Gebannt in einen Leuchtkasten strahlt sie uns an und wir können nichts, aber auch überhaupt gar nichts Chinesisches an ihr entdecken. China Girls“ – und das erklärt uns erst der Begleitzettel der Ausstellung – wurden früher die Mädchen genannt, die am Anfang einer Filmspule zum besseren Farb- und Kontrastabgleich Farbkarten in die Kamera hielten. Diese kurzen Frames bekamen Zuschauer nie zu Gesicht; dennoch befanden sie sich, heimlich versteckt, auf den anschließend gezeigten Filmen. Weshalb sie „China Girls“ genannt wurden, ist nicht geklärt, aber Razmi findet ihre ganz eigene Interpretation und nimmt die Bezeichnung schlicht wörtlich: Ihr „China Girl“, das sich als Selbstporträt entpuppt, entstand auf einer Reise in ihrem Apartment in China.

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Ausstellungsansicht „Anahita Razmi: Beat Sheets“, Galerie Sturm, 2016

Tatsächlich haben die beiden Arbeiten „Here Script“ und „China Girl“ deutlich mehr gemeinsam, als zunächst vielleicht gedacht: Es geht um Orte, aber eigentlich auch wieder nicht. Es geht um Film, aber auch das eigentlich nicht. Es geht um ein Dahinter, Dazwischen, Danach, um das Nicht-Offensichtliche, das Andere, eine Art Schwebezustand zwischen den Festlegungen und Zuschreibungen. „Here Script“ zeigt ein „Hier“, einen vermeintlich realen Ort, der alles andere als echt ist. Zugleich erzählt die Videoarbeit viel über die Flüchtigkeit des Kinos und die Fiktion der cineastischen Bildwelten. „China Girl“ verweist auf einen Ort, genauer: ein Land, das real ist, aber für die gezeigte Fotografie nur mehr eine Art Floskel und, wie das Mädchen selbst, ein Platzhalter ist. Zugleich geht es auch hier um Nicht-Gezeigtes, darum, wie Film funktionert und darum, was den Zuschauern vorenthalten bleibt.

Razmis Werk ist ein Spiel, spielerisch leicht, mit ironischem Unterton; lächelnd, zugleich aber auch ernst und tief. Sie schafft einen Spagat, schafft es, politische Kunst unpolitisch wirken zu lassen, unverkopft, aber trotzdem relevant und klug. Die Ausstellung wirkt lange nach – und das gefällt! Unbedingt sehenswert!

WANN: Plant Euren Besuch gut, denn die Galerie Sturm ist nur geöffnet donnerstags, von 18 bis 20 Uhr, und sonntags, von 15 bis 17 Uhr. Allerdings habt ihr noch Zeit bis zum 6. November, dann geht die Galerie in die Winterpause.
WO: Hinter einem weißen Metalltor mit dezentem Galerieschild in der Galgenhofstraße 33 südlich des Bahnhofs öffnet sich ein kleiner Hinterhof. Die Galerie Sturm befindet sich geradeaus in dem ehemaligen Werkstattgebäude.

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