Lebensabschnittspartner gesucht
Geld sollte er haben, Kinder kein Problem

6. Juni 2016 • Text von

Es ist 12:00, Konditorei Aida. Vier junge Frauen sitzen an einem Tisch. Alle mit dem selben Tattoo auf dem Arm. Doch das ist nicht das Einzige, was sie verbindet. Alle vier sind Mitglied eines außergewöhnlichen Künstlerkollektivs: Club Fortuna.

Wir haben uns mit Kurdwin Ayub, Xenia Lesniewski, Julia Rublow und Sarah Sternat getroffen und über die Idee hinter Club Fortuna, ihre derzeitige Ausstellung und die Pläne für die Zukunft gesprochen.

© Club Fortuna, Happening Klimaanlage 2016

© Club Fortuna, Happening Klimaanlage 2016

gallerytalk.net: Auf eurer Facebook-Seite gebt ihr an, Haustier und Multi-Vitamin Müsli zu sein. Auf eurer Homepage schreibt ihr, ein Kombinationspräparat zu sein. Klingt alles sehr verrückt – wie habt ihr euch gefunden?

Kurdwin: Das ist peinlich. An der Angewandten gibt es eine psychoasoziale Beratung. Die ist umsonst und da gehen einfach alle Studenten hin. Ab und zu gibt es Gruppensitzungen, wenn Studenten eher mit denselben Konflikten zu kämpfen haben und da waren wir – Anfangs noch zu sechst. Der Berater hat uns geraten ein gemeinsames Projekt zu machen und so ist Club Fortuna entstanden.
Julia: Eigentlich sind wir Malerinnen. Alle vier.
Xenia: Oder keiner.

Dann habt ihr gemeint, euch als Künstlerkollektiv zu versuchen?
Julia: Wir haben vorher auch bereits Kunst gemacht, jede für sich. Das war langweilig.

Zu Beginn wart ihr ja mehrere, warum seid ihr jetzt nur noch zu viert?

Xenia: Ja genau, zu Beginn waren wir zu sechst, aber mit der Zeit lernt man sich einfach besser kennen und merkt, dass manche in eine andere Richtung möchten und manche eben in dieselbe.
Sarah: Und wir suchen auch weiter Leute die mit uns gehen wollen.

© Club Fortuna, Fit for Secession, 2015

© Club Fortuna, Fit for Secession, 2015

Die Ausstellungsräume ändern sich ja immer. Werden Projekte an den Raum angepasst oder ist es andersrum?     
Sarah: Bei unserer Weltausstellung haben wir uns die Mühl Foundation gesucht, weil wir fanden, dass der Komplex der Welt in diesem Wohnhaus mit Dachboden, Lokal, Keller und Gruft sehr gut umgesetzt werden kann. 
Julia: Da konnten wir die Räume so bespielen, wie es für uns gepasst hat und dabei wurde schnell klar, dass wir  unsere Ideen nicht Räumen unterwerfen wollen.

© Club Fortuna, Die Welt, Cash, 2014

© Club Fortuna, Die Welt, Cash, 2014

Bei der Ausstellung Die Welt habt ihr eine eigene Währung inklusive Inflation innerhalb des Abends eingeführt, eine Abschiedsfeier für Kurdwin, die in den Irak gereist ist, zelebriert und für eine Insel Spenden gesammelt, die es gar nicht gibt. Ist eure Kunst als Kritik an Gesellschaft und Politik zu sehen?       

Xenia: Naja, wir streifen halt immer wieder konkrete Themenbereiche und stellen diese innerhalb eines von uns mitgestalteten Rahmen zur Diskussion. Aber tendenziell sind wir gegen Verkürzungen und plausible Erklärungen.
Julia: Was uns interessiert kreist um Ambivalenzen innerhalb unserer Gesellschaft, Alltägliches oder auch Banales. Dabei geht es uns weniger um Illustration, sondern mehr um das Experiment, die Untersuchung und das Spiel mit unendlichen Gegensätzen oder Zeit.

Würdet ihr sagen, dass euer Kollektiv als Kritik der aktuellen Kunstwelt zu sehen ist – der kommerziellen Kunstwelt?        


Sarah: Ich glaub, dass „Alles oder Nichts“ ein gutes Beispiel dafür wäre.
Julia: Neulich hat uns ein Freund erzählt, dass er ein Seminar leitet zum Thema: Wozu Kunst? Dann sind wir schwimmen an den Strand.

© Club Fortuna, Happening Alles oder Nichts, 2015

© Club Fortuna, Happening Alles oder Nichts, 2015

Club Fortuna Defensive, eurer neues Projekt. Was passiert da?

Julia: Club Fortuna Defensive besteht aus mehreren Ebenen. Man kann es Ausstellung nennen, aber irgendwie ist es das nicht direkt. Vielleicht beginnen wir damit, dass diese Aktion grob an den so genannten Charity- und Weltverbesserungssektor angelegt ist. Und mehr oder weniger nebenbei die eigene Künstlerrolle in diesem System in Frage stellt. 
Xenia: Defensive ist eine mehrstufige Aktion bei der nicht die eigentliche Ausstellung die Arbeit war. Gestartet haben wir mit einer Poster-Aktion. Plakate mit der Aufschrift „Notruf – Club Fortuna“ wurden zwei Wochen vor der Ausstellung in der ganzen Stadt aufgehängt, immer ein Stock-Image, unsere Kontonummer und Telefonnummer und ein Schriftzug wie zum Beispiel „Wir steuern mit“. Diese Plakataktion wurde begleitet von Videos bei denen wir Found-Footage Videos aus dem Netz hergenommen und adaptiert haben. Es ging uns darum, eine bestimmte Charity-Logik und Ästhetik aufzugreifen. 
Julia: Wir haben die Aktion Club Fortuna Defensive ins Leben gerufen, mit dem Ziel, Spenden gegen Ungerechtigkeit zu sammeln. Zusätzlich wurden uns im Rahmen einer Gruppenausstellung auch noch drei große Schaufenster im 2. Bezirk für eine Installation angeboten. Die stellen wir nun Interessenten zum mieten zur Verfügung.

© Club Fortuna, Plakataktion, Defensive, Wir schwimmen mit, 2016.

© Club Fortuna, Plakataktion, Defensive, Wir schwimmen mit, 2016.

Und, habt ihr bereits Anfragen? 

Julia: Ja, es melden sich schon Einige.
Xenia: Vor allem zeigen andere Kollektive Interesse, die ihre künstlerisch wertvollen Arbeiten gerne präsentieren wollen. Um 69 Euro pro Woche kann die jeder haben.

Man sieht, ihr zieht euer eigenes Ding durch. Gibt es aber Vorbilder in der Kunstwelt?

Kurdwin: Als Gruppe haben wir nicht wirklich eins, manchmal kommt es vor, dass wenn uns etwas einfällt – ach, das haben halt schon andere Kollektive gemacht … . Das ist dann aber eher ein Ausweichen.
Xenia: Eigentlich wollen wir gar keine Vorbilder, das interessiert uns nicht so.

Was waren denn so Höhepunkte und Tiefpunkte in der Vergangenheit von Club Fortuna?

Kurdwin: Das Ding hierbei ist unsere Arbeitsweise. Xenia wohnt jetzt in Berlin und der Rest von uns ist oftmals auch nicht in Wien. Wir müssen viel Skypen. Das sind stundenlange Skype-Gespräche in denen wir unsere Ideen besprechen und uns austauschen. Bei uns ändern sich die Ideen ständig. Da kann es auch mal vorkommen, dass zwei Tage vor der Ausstellung auch schon mal das ganze Konzept geändert wird und wir kurzfristig bei Null sind und neu starten müssen. Club Fortuna ist ja eine echte Arbeit. Wir müssen halt richtig arbeiten.
Xenia: Und dafür brauchen wir Geld.
Sarah: Geld wird dann auch im nächsten Projekt Thema sein. 

© Club Fortuna, Club Fortuna Defensive, Schaufenster und Schild, 2016

© Club Fortuna, Club Fortuna Defensive, Schaufenster und Schild, 2016

Also habt ihr so kurz nach Eröffnung der Ausstellung bereits die nächsten Pläne? 

Julia: Genau. Im Sommer fahren wir nach Russland und nehmen dort an der Shiryaevo Biennale mit dem Thema Cash teil. Obwohl wir gar kein Geld haben.
Xenia: Aber Höhepunkte sind meistens dann, wenn wir zusammen sein können und an einem Ort sind und intensiv an etwas arbeiten. Das schwierige ist die ganze Organisation rundherum, dass das ganze stattfinden kann.
Sarah: Es ist bei uns wie in einer Beziehung.

Seid ihr alle neben Club Fortuna auch eigenständige Künstlerinnen? 
   

Julia: Ja genau, aber das Werk von Club Fortuna funktioniert eben als Werk von Club Fortuna. Nebenbei macht jede von uns eigene Projekte. Kurdwin ist eine berühmte Filmemacherin, Sarah ist berühmte Bühnenbildnerin, Xenia ist berühmte Filmemacherin und Installationskünstlerin und ich bin Choreographin beim Impulstanzfestival.

Und zu guter Letzt, welche Visionen habt ihr für die Zukunft von Club Fortuna?

Xenia: Ziel ist schon, das so weiterzutreiben wie bisher. Vom Gefühl her will man ja immer mehr und plant auch immer größere Sachen zu machen.
Julia: Aber so, wie wir arbeiten, ist es natürlich so – wir wissen nicht wie die Zukunft aussieht. Vielleicht können wir hier auf Gallerytalk.net eine Partneranzeige schalten?
Xenia: Club Fortuna sucht Lebensabschnittpartner mit Geld. Kinder kein Problem.

© Club Fortuna, Club Aida, 2016

© Club Fortuna, Club Aida, 2016

Konditorei Aida, Lieblingstreffpunkt von den Mädels von Club Fortuna. Die Mozarttorte schmeckt gut hier, das Personal ist bemüht und der Rosa-Ton der Uniformen gefällt. Wer weiß, vielleicht kommt ja auch mal ein Projekt mit AIDA zustande. Wir sind gespannt, was Club Fortuna noch so alles vorhat.

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