Birds & Politics
Kemang Wa Lehulere in der Deutschen Bank KunstHalle

13. April 2017 • Text von

Er verwebt die eigene Identität und persönliche Vergangenheit mit der kollektiven Geschichte seines Heimatlandes Südafrika. Für seine visuelle Poesie mit politischem Einklang wurde Kemang Wa Lehulere nun von der Deutschen Bank zum Künstler des Jahres 2017 gekürt.

Kemang Wa Lehulere im Atelier, Kapstadt 2016, © Paul Samuels

Kemang Wa Lehulere im Atelier, Kapstadt 2016, © Paul Samuels

Noch bevor man die Ausstellungsräume betritt, muss man eine blanke weiße Wand umschreiten, die eine Ahnung von dem gibt, worum es hier geht. Der Titel „Bird Song“ steht auf der Wand. Darunter die Fotografie einer vorsichtig unter einer dicken Putzschicht freigelegten Wandmalerei. Das Motiv: Ein Vogel. Im Grunde kann ebendieser Vogel als Ausgangspunkt des Folgendem betrachtet werden. Doch ist er nicht etwa von Wa Lehulere gemalt, stammt aber dennoch gewissermaßen aus seiner Hand. Er ist das Ergebnis eines Ausgrabungsprojektes, in dem sich der Künstler auf eine Spurensuche nach der afrikanischen Malerin Gladys Mgudlandlu begibt, die in den Sechziger Jahren mit ihren Landschafts- und Vogelbildern als „Bird Lady“ Bekanntheit erlangte und als eine der ersten schwarzen Kunstschaffenden zu Zeiten der Apartheid in Südafrikas Galerien ausgestellt wurde.

Kemang Wa Lehulere , The Bird Lady in Nine Layers of Time, 2015, © Kemang Wa Lehulere, courtesy STEVENSON Cape Town and Johannesburg

Kemang Wa Lehulere , The Bird Lady in Nine Layers of Time, 2015, © Kemang Wa Lehulere, courtesy STEVENSON Cape Town and Johannesburg

Doch blieb dieser Durchbruch nicht ohne Kritik: Man warf Mgudlandlu vor, eskapistische Dekorationsobjekte für weiße Sammler zu produzieren und dabei die Realität der staatlichen Unterdrückung ihrer Rasse unter den Tisch zu kehren. Wa Lehulere deutet das heute, 50 Jahre später, anders: Er sieht in dem Freiheitssymbol des Vogels eine subtile Stellungnahme und in den hügeligen Landschaften die Hütten von Luyolo – ein Township, dessen Bewohner, darunter auch Mgudlandlu, zwangsumgesiedelt wurden, um für die Weißen Platz zu schaffen. Es war ihm ein Anliegen, ihre Arbeiten in der Nebeneinanderstellung mit seinen eigenen Werken in einem neuen Licht zu präsentieren und die Geschichte der schwarzen Künstlerin so umzuformulieren.

Gladys Mgudlandlu, ohne Titel, 1963, © Kemang Wa Lehulere, courtesy STEVENSON Cape Town and Johannesburg

Gladys Mgudlandlu, ohne Titel, 1963, © Kemang Wa Lehulere, courtesy STEVENSON Cape Town and Johannesburg

Hierin lässt sich bereits das Leitmotiv seines Schaffens erkennen: Im Rückblick auf die schwarze Geschichte Südafrikas, die von Kolonialismus und Apartheid geprägt ist, strebt er nach Konservierungsmöglichkeiten, nach alternativen Erzählungen und Sichtweisen dieser Vergangenheit und nach einer Form des Transfers in die Gegenwart. „Protest against forgetting“ hat er das einmal genannt. Doch scheint er auch zu begreifen, dass dies allein schwer zu bewerkstelligen ist, weshalb er sich gerne verstorbene Künstler wie Mgudlandlu mit ins Boot holt und seine eigenen Arbeiten mit ihnen in Bezug setzt. Er tut dies hier, indem er nicht nur seine persönliche Sammlung von Arbeiten der „Bird Lady“ ausstellt, sondern auch, indem er seine Nachforschungen an ihrem Leben in Form einer Videoarbeit und einigen Tafelskizzen präsentiert, und die Vogelthematik in zwei Großinstallationen aufgreift.

Kemang Wa Lehulere, My Apologies to Time, 2017, © Kemang Wa Lehulere, courtesy STEVENSON Cape Town and Johannesburg

Kemang Wa Lehulere, My Apologies to Time, 2017, © Kemang Wa Lehulere, courtesy STEVENSON Cape Town and Johannesburg

„My Apologies to Time“ besteht aus einer Sammlung hölzerner Vogelhäuschen, angebracht auf unterschiedlichen Ebenen innerhalb eines Geflechts aus Stahlrohren. Sie können gleichermaßen als Schutz wie auch als Käfig fungieren, und bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen Freiheit und gesellschaftlicher Domestizierung. Für diese Konstruktion wurden unverkennbar alte Schulpulte zersägt und umgeschmiedet. Sie verweisen in ihrer Materialität nicht nur auf die Chancen von Bildung, sondern auch auf deren Missbrauch durch kollektive Konditionierung.

Kemang Wa Lehulere, Broken Wing, 2016, © Kemang Wa Lehulere, courtesy STEVENSON Cape Town and Johannesburg

Kemang Wa Lehulere, Broken Wing, 2016, © Kemang Wa Lehulere, courtesy STEVENSON Cape Town and Johannesburg

Ähnlich vielschichtig geht es bei „Broken Wing“ zu: Dutzende schwerer Holzprothesen scheinen im Raum zu schweben und einen fragilen Flügel zu formen. Blickt man genauer hin, erkennt man, dass dieser Flügel angebrochen ist und jede seiner groben Federn als Schraubstöcke dienen, die ein künstliches Gebiss einklemmen, das wiederum vom „heiligen“ Buch geknebelt wird: Die Bibel in der Sprache des südafrikanischen Xhosa-Stammes, die hier als Instrument der Unterdrückung zu Kolonialzeiten dargestellt wir. Repression und Freiheit – gekrümmt und federleicht – stehen hier in Wechselwirkung und erzeugen eine erhabene Atmosphäre.

Installationsansicht “Kemang Wa Lehulere: Bird Song“, Foto: Mathias Schormann

Installationsansicht “Kemang Wa Lehulere: Bird Song“, Foto: Mathias Schormann

Man spürt, dass Wa Lehuleres diese Konflikte tief in sich trägt. Auch er musste unter den historischen Bedingungen seines Heimatlandes leiden. Als illegitimer Sohn eines weißen Vaters und einer schwarzen Mutter lebte er seit  jeher zwischen den Hautfarben und Identitäten, war entweder zu weiß oder zu schwarz. Damit setzt er sich auch in der Arbeit „Lefu La Ntate“ auseinander: Auf weißer Leinwand ist ein Ausschnitt einer Jazzkomposition gezeichnet, doch die schwarzen Linien und Notationen bestehen aus dem eigenen Haar seines Afros. Anspielend auf den „Bleistifttest“, bei dem die Rasse eines Individuums an der Tatsache bemessen wurde, ob der Stift in seinen Haaren stecken bleibt, ist die Arbeit aber gleichzeitig eine optimistische Hommage an den Jazz, einer wesentlichen Komponente seines Lebens und Werkes.

Kemang Wa Lehulere, Does this Mirror Have a Memory 4, 2015, © Kemang Wa Lehulere, Sophia Lehulere, Gladys Mgudlandlu, courtesy STEVENSON Cape Town and Johannesburg

Kemang Wa Lehulere, Does this Mirror Have a Memory 4, 2015, © Kemang Wa Lehulere, Sophia Lehulere, Gladys Mgudlandlu, courtesy STEVENSON Cape Town and Johannesburg

So bereichert und verändert er die offizielle Geschichtsschreibung um seine individuelle Biografie. Weder anklagend noch von Selbstmitleid geprägt, sondern voller Poesie drückt Wa Lehulere ein persönliches Sentiment aus, das stark von den Umständen in Südafrika geprägt ist. Auch scheint er verstanden zu haben, dass fernab liegende politische und soziale Missstände nur auf dieser Ebene auch für Nicht-Betroffene spürbar werden können.

Und so nobel das Vorhaben, vergessenen Künstlern der Apartheid neues Leben einzuhauchen und eine ungeschriebene Geschichte aufzudecken, auch ist: Sollte sich darin ein Versuch Wa Lehuleres verstecken, in Rückbezügen auf die Vergangenheit eine Legitimierung für sein eigenes, gegenwärtiges Schaffen zu finden, so ist dies überflüssig – seine Werke sind in sich stark genug.

WANN: Die Ausstellung „Bird Song“ ist noch bis zum 18. Juni 2017 zu sehen. Montags ist der Eintritt frei.
WO: Deutsche Bank KunstHalle, Unter den Linden 13/15, 10117 Berlin.

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