Bewusstsein einer umständlichen Wahrheit
Roni Horn´s Pi in der Pinakothek der Moderne

8. Juni 2018 • Text von

Roni Horns Arbeiten unterliegen meist einem konzeptuellen Gefüge, das den Betrachter in eine Unruhe seiner eigenen Betrachtungsweise versetzt. Das meint für die Arbeit ‚Pi‘ buchstäblich auch eine physische Bewegung. 45 Fotografien, über Augenhöhe gehängt und alle vier Wände des nahezu geschlossenen Ausstellungsraums ausfüllend, umzingeln den Besucher und lassen ihn inmitten der Installation rotieren.

Roni Horn: PI, 1998, Installationsansicht,, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, © Roni Horn.

Es sind stille Bilder. Kühle Blautöne dominieren, sowohl schwarzweiß als auch Farbfotografien reihen sich zwischen abfotografierten Fernsehbilder ein. Ausdruckslose Gesichter ausgestopfter nordischer Tiere und das sublime Portraits eines isländischen Ehepaars, angepasst an die Ungehaltenheit des Wetters und des Meeres. Alle Fotografien wurden auf Island aufgenommen, wo die Künstlerin bereits seit 1975 regelmäßig Zeit verbringt und welches ihr Werk in weiten Teilen prägt.

Die im Titel benannte Kreiszahl, die als Konstante das Verhältnis des Umfangs eines Kreises zu seinem Durchmesser bestimmt, gibt ein erstes Indiz, wie die Gegebenheiten zur Sinnerfahrung werden. Zunächst werden wir, ähnlich dem Flanieren, zur affektiven Wahrnehmung und Reflexion bewegt. Im bewegten Betrachten wird der Raum tragendes Element der Installation. ‚Pi‘ ist so nicht narrativ lesbar. Alle Motive wie das Meer, der Horizont, tote arktischen Tiere, Nahaufnahmen einer Frau und eines Mannes, Interieurs mit Ausblick und die Stills aus der bekannten und über einen Zeitraum von 57 Jahren ausgestrahlten Fernsehserie ‚Guiding Lights‘, sind jeweils mindestens zweimal zu sehen. Die Verdopplung und manchmal sogar Verdreifachung der einzelnen Motive vermeiden eine bloße Erfahrung des Motivs als Ding an sich. Schnell findet man sich in einem Affekt-Raum wieder, der zwischen Entdecken und Erinnern korreliert und wir so zu einem Verständnis der bereits 1998 entstandenen Installation gelangen: Die wiederholte Wahrnehmung von scheinbar Gleichem führt zur Verschiebung, die auf das Erleben von Einzigartigkeit abzielt – denn bei genaueren Betrachten führen die subtilen Variationen zum Bruch der Oberfläche. Zeit wird nachvollziehbar. Diese Verschiebung kann man als künstlerische Strategie ausmachen und ist ganz typisch für die Arbeiten Horns. Ihr großes Thema ist auch heute noch eine intensive Auseinandersetzung mit Identität. Identität schafft sich aus Veränderungen, so ihre Überzeugung.

Roni Horn: From To Place – Verne’s Journey 1995 , Courtesy Hauser & Wirth Zürich/London © Edition, Verlag der Buchhandlung Walter Konig, Cologne.

Auch ihre andauernde Buchserie ‚to place‘, die Roni Horn 1988 begann und die sich geografisch ausschließlich auf Island begrenzt, erforscht die Beziehung zwischen Identität und Ort. Wie sie selbst sagt, sind ihre Arbeiten über eine Idee einer Enzyklopädie der Identität am besten zugänglich und wird in diesem Langzeitprojekt am besten erfahrbar. Auch kann es als ihr persönlichstes Werk angesehen werden und darf im Ausstellungsraum nicht fehlen. Dabei spricht sie dem Buch als Medium eine besondere Rolle zu, denn es ermöglicht eine intime und sinnliche Erfahrung und besitzt im Gegensatz zu Bildern ein Innen und Außen mit narrativen Aufbau. Thematisch darf auch ‚Pi‘ dieser Werkreihe hinzugezählt werden.

WANN: Zu sehen noch bis zum 23. September.
WO: Pinakothek der Moderne, Sammlung Moderne Kunst, Barer Str. 40, 80333 München.

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