Beuys Bäume
Siegfried Sander und die Multiple Box

8. August 2016 • Text von

In der Admiralitätstraße häufen sich bekanntlich die Galerien. Siegfried Sander ist Inhaber der „Multiple Box“. Er hat mit uns über seine Zeit bei Beuys, bedingungsloses Grundeinkommen und die Abwesenheit von Grün gesprochen.

Siegfried Sander, Johannes Stüttgen und Joseph Beuys - documenta 7, 1982

Siegfried Sander, Johannes Stüttgen und Joseph Beuys – documenta 7, 1982

gallerytalk.net: Du hast fünf Jahre lang an Beuys Projekt 7000 Eichen gearbeitet. Was heißt das genau?
Siegfried Sander: Ich hatte das Glück mehrere Jahre in Beuys Privatatelier zu arbeiten. Die Zeit mit ihm war privilegierter Privatunterricht. Beuys konnte zu allem und jedem etwas sagen, ob nun Spaghetti Putanesca oder Strandbegrünungen an der Nordsee.

Im Vorfeld von 7000 Eichen gab es natürlich zahllose Diskussionen. Da hat er einen ganz banalen, aber wichtigen Satz gesagt: „Der Baum ist ein Außenorgan des Menschen.“  Dadurch bekam ich ein ganz anderes Verhältnis zu Bäumen als jemand, der beispielsweise in so’nem Straßenbauunternehmen arbeitet. Da haben sie von „Straßenbegleitgrün“ geredet. Im Projekt hatten wir eine Ausfallquote von 7 %, während die städtischen Gärtner eine Ausfallquote von 25-30% gehabt haben.

Bis ein Baum wirklich Wurzeln gefasst hat, dauert es ein paar Jahre. Wir haben also die Bäume nicht nur gepflanzt, sondern auch die Standorte gepflegt. Da sind vielleicht Raupen, bei anderen hast du Wühlmäuse oder städtische Gärtner, die die Wiese mähen und mit dem Rasenmäher gegen die Bäume deppern – und und und. Du hast eigentlich immer zu tun.

Joseph Beuys in Gelsenkirchen, 1977

Joseph Beuys in Gelsenkirchen, 1977

gallerytalk.net: Wie kam es dazu? Ursprünglich kommst du doch aus Gelsenkirchen.
Siegfried Sander: Ich weiß nicht, ob du den Film „Feuerzangenbowle“ kennst. Wir hatten viele autoritäre, Lehrer, die alle vom Krieg so nen Schlag schräg hatten. Als Sohn eines Zechenschmiedes bekam ich zu spüren, was es heißt, allenfalls geduldet zu sein. Dass dann Johannes Stüttgen als junger Kunsterzieher dorthin kam, war mein großes Glück. Er sorgte dafür, dass meine rebellischen Kräfte in richtige Bahnen gelenkt wurden. So bin ich also früh in der Düsseldorfer Kunstszene gelandet. Eines der Projekte war zur documenta 7 eben 7000 Eichen und so bin ich 1982 nach Kassel gegangen und hab da im Unternehmen fest mitgearbeitet.

gallerytalk.net: Wie bist du zum Galeristen geworden?
Siegfried Sander: Nach der Arbeit im Team hatte ich das Bedürfnis wieder eigene Arbeiten zu machen. Hab ein Atelier gesucht und ein Ladenlokal gefunden. Gute Lage, enorm günstige Miete. Daraus hat sich meine erste Galerie entwickelt, Leute haben gesagt: „Mensch du hast so’nen schönen Laden, kann ich da nicht mal ein Bild in’s Schaufenster stellen? Du kriegst auch was dafür, wenn wir’s verkaufen.“ Es gab damals keine einzige Galerie für zeitgenössische Kunst in Kassel und ich kannte doch so viele Künstler, die zum Teil schon sehr bekannt waren. Unter den Blinden ist der Einäugige König.

Joseph Beuys: Intuition, 1968

Joseph Beuys: Intuition, 1968

gallerytalk.net:  Findest du denn, man sollte Kunst besitzen können?
Siegfried Sander: Ja, da hast du Recht, man muss sich fast die Frage stellen, ob das überhaupt geht. Kunst zu verkaufen. Einige Künstler machen das gerne, andere leiden darunter. Ich bin damit auch in einer Zwickmühle. Meine Galerie verkörpert einen ganz traditionellen, fast kapitalistischen Geschäftsbetrieb. Es ist schon widersinnig, wenn man sich mit Kunst beschäftigt, dass man diese Beschäftigung auch immer wieder mit Geld gleichsetzt. Gerade mit den Erkenntnissen des erweiterten Kunstbegriffs ist das für mich der falsche Ansatz. Da fänd’ ich den Gedanken des bedingungslosen Grundeinkommens interessanter. Wo jeder Mensch erstmal das machen kann, was er will, was er für richtig hält und was für ihn wichtig ist. Und wenn dann noch jemand partout meint, er müsste Bilder malen, dann soll er’s machen.

gallerytalk.net: Wärst du denn trotz bedingungslosen Grundeinkommens Galerist?
Siegfried Sander: Gerade dann hätte ich doch die Freiheit, das zu zeigen, was ich am interessantesten finde. Ganz ohne Druck.

gallerytalk.net: Warum der Name Multiple Box? Ich denk erstmal klassisch an die Multiples, die in den 60er Jahren aufkamen.
Siegfried Sander: Jede Galerie hat irgendwo einen Schwerpunkt, gerade in dieser Straße. Multiple gefällt mir, weil damit so viel gemeint sein kann. Es gibt Leute, die kommen hier rein und sagen: „Aah, sie machen hauptsächlich Fotografie!“, und dann kommen die nen Monat später und sind völlig verblüfft, weil hier ganz andere Dinge hängen. Das ist für mich auch multiple: bloß keine Einschränkung, keine klassischen Kategorien. Das ist sowas von pingelig. Die Multiple Box ist ein kleiner, überschaubarer Laden mit vielen Überraschungen.

Imi Knoebel: Rot Gelb Weiß Blau

Imi Knoebel: Rot Gelb Weiß Blau

gallerytalk.net: Okay, keine klassischen Kategorien. Wie definierst du denn Kunst für dich?Siegfried Sander: Kunst ist das Wichtigste auf der Welt. Und die einzige revolutionäre Kraft, der einzige Bereich, in dem es keine Tabus gibt, keine Grenzen, in dem man alles denken kann, machen kann. Mir ist wichtig, dass die Kunst mit der Zeit, mit der Gesellschaft, mit dem sozialen Umfeld zu tun hat, in dem wir uns alle befinden. Noch einmal das Stichwort: Erweiterter Kunstbegriff.

gallerytalk.net: Also spürt man in der Kunst die aktuellen Themen?
Siegfried Sander: Das ist natürlich ein schwieriger Ansatz. Da ist man schnell auch bei politischer Kunst, die anprangert und mich langweilt. Das ist aber nicht gemeint. Kunst kommt für mich von „künden“. Wenn mir hier jemand etwas anbietet, dann frage ich mich: „Was will dieser Mensch mir kund tun?“ Ich will davon verblüfft, fasziniert, abgestoßen, was auch immer sein. Künstler müssen nicht unbedingt Leute sein, die an drei Akademien der Welt studiert haben. Es gibt da einen Düsseldorfer Künstler, Imi Knoebel, der beschäftigt sich zum Beispiel schon eine halbe Ewigkeit mit der Farbe Grün. Da vorne hängt so eine kleine Arbeit von dem, die heißt einfach: „Rot Gelb Weiß Blau“ – da fehlt natürlich Grün. Das fehlt, weil der Knoebel sagt: „Ich hab noch nicht das Grün, das ich brauche, gefunden. Ich bin immer noch auf der Suche nach diesem Grün.“ Für die Meisten erstmal ein relativ banales Thema, aber für jemand, der sich lang genug damit beschäftigt, für den ist das ein Lebenswerk.

WO: Multiple Box, Admiralitätstraße 76, 20459 Hamburg.

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