Berliner Kunstgriff
26.01. - 02.02.2016

26. Januar 2016 • Text von

Wer sich gerne mit muskulösen, nackten, tätowierten Männern umgibt, kann diese Woche die Porträts von Andreas Fux im cubus-m bestaunen. Für eine ganz andere Richtung von Fotokunst haben wir außerdem analoge schwarz-weiß Abzüge von Erwin Kneihsl im Angebot. Mehr Film- als Fotografieliebhaber? Dann könnte Michal Helfman in den Kunstwerken oder David Lamelas bei Sprüth Magers euch gefallen.

„We will not forget, we will not forgive“ steht auf den Würfeln, die die israelische Aktivistin Gal Lusky und ihr syrischer Partner, mit dem sie seit Jahren Handprotesen und andere humanitäre Güter nach Syrien schmuggelt, abwechselnd rollen lassen, während die beiden einen einschneidenden Moment ihrer Beziehung reinszenieren. Dieser Dialog bildet den Auftakt der Videoarbeit „Running Out of History“, die Michal Helfman am Dienstag, den 26. Januar, um 19 Uhr in den Kunstwerken vorstellen wird. Helfman befreit den Satz von seiner ursprünglichen Holocaustkonnotation und bezieht ihn auf gegenwärtige Grausamkeiten im Nahen Osten. Wie der Titel des Werkes andeutet, geht es dabei nicht um gestern, sondern um heute. Wie man diese Heute durch künstlerisches oder aktivistisches Handeln durchdringen kann, ist die Frage, um die es sich im zweiten Teil der Arbeit dreht. Das war jetzt hoffentlich vage genug, damit genug Neugier zum Vorbeischauen bleibt!

WANN: Dienstag, 26. Januar 2016, 18 bis 21 Uhr, mit einer Einführung der Künstlerin um 19 Uhr.
WO: KW Projects, Auguststr. 69, 10117 Berlin. Wegbeschreibung und mehr auf der Website.

Michal Helfman, RUNNING OUT OF HISTORY, 2015, HD-Videostill, Courtesy Künstlerin

Michal Helfman, RUNNING OUT OF HISTORY, 2015, HD-Videostill, Courtesy Künstlerin.

Am Donnerstag, den 28. Januar, lädt die Galerie Guido W. Baudach zur Eröffnung ihrer sage und schreibe achten Einzelausstellung des Künstlers Erwin Kneihsl mit dem minimalistischen Titel „nur“ ein. Darin spiegelt sich ein fototheoretischer Zugang an das elementare Fundament der analogen schwarz-weiß Fotografie – Licht und Filmkorn. Oder seine minimalistische Ästhetik im Einfangen und Vergegenständlichen dieser Grundstoffe. Vielleicht auch die bescheidene Wahl der Inszenierung: die Silbergelatine-Handabzüge sind auf Graupappe getackert und hängen frei von der Decke. Doch all das kennen wir bereits von Kneihsl. Am Ende bezieht sich der schleierhafte Titel eventuell auch auf einen seiner großformatigeren Drucke, auf das Porträt von Bobby. Will er den Menschen seiner evolutionären Vormachtstellung entledigen und seiner animalischen Natur ermahnen, indem er ein Gorillapräparat aus dem Naturkundemuseum porträtiert? Die Antwort dieser Frage liegt wohl im Auge des einzelnen Betrachters.

WANN: Donnerstag, 28. Januar 2016, ab 18 Uhr.
WO: Galerie Guido W. Baudach, Potsdamer Straße 85, 10785 Berlin. Hier nochmal die Eckdaten.

Erwin Kneihsl, (ohne Titel), Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin.

Erwin Kneihsl, (ohne Titel), Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin.

Wer es bunter und vielfältiger will, sollte die Galerie Sprüth Magers aufsuchen, denn dort eröffnen am Donnerstagabend gleich zwei Ausstellungen. Die Gruppenausstellung „Dreaming Mirrors Dreaming Screens“ zeigt die Werke von 13 internationalen Künstlern wie Andy Hope 1930, Pamela Rosenkranz oder Andro Wekua. „Screen“ kann sowohl Leinwand als auch Bildschirm bedeuten. Beides funktioniert als Schnittstelle oder Verbindungstür zwischen dem rationalen und dem intuitiven, kreativen, träumerischen Selbst. Es wird künstlerisch erforscht, welchen Einfluss diese auf das Bewusstsein des Menschen in der technologisierten Welt nehmen. Dabei bedienen sich die Künstler teilweise der Struktur von Computersprache mit Codierung, Zeichen und Symbolen. Außerdem haben wir die Chance einige der älteren Werke des konzeptuellen Pioniers David Lamelas in einer separaten Einzelausstellung zu Gesicht zu bekommen. In seinen experimentellen Filmen und Skulpturen spielt der Argentinier mit dem Format und Kontext von Kunst, die in der Form der Repräsentation stets einer gewissen Kurzlebigkeit unterlegen ist. Seine Werke lassen den Betrachter gängige Darstellungsmittel und Umgangsweisen mit Zeit und Raum hinterfragen und reflektieren, und hinterlassen ein verstärktes Bewusstsein für die Beschaffenheit der eigenen Umgebung.

WANN: 28. Januar 2016, 18 bis 21 Uhr.
WO: Sprüth Magers, Oranienburger Straße 18, 10178 Berlin. Infos findet ihr hier.

Stan VanDerBeek, Poemfield No. 1, 1967, Film still, Courtesy Estate of Stan VanDerBeek and Sprüth Magers.

Stan VanDerBeek, Poemfield No. 1, 1967, Film still, Courtesy Estate of Stan VanDerBeek and Sprüth Magers.

Im cubus-m eröffnet am Freitag, den 29. Januar, die neue Ausstellung des Fotokünstlers Andreas Fux mit dem Titel „стыд и красота“, was sich ungefähr als „Scham und Schönheit“ übersetzen lässt. Seine intimen Porträtaufnahmen von (halb-)nackten, tätowierten Männern feiern Körperkult und Sexualität, ohne dabei provokant oder aufdringlich aufzutreten. . Nächtelang dauern die Sessions, in denen Fux seine Modelle aus ihrem gewohnten Kontext nimmt und sie in die Raum- und Zeitlosigkeit seiner Fotografien transportiert. Die ausgestellten Werke wurden im September letzten Jahres bereits nach Moskau „geschmuggelt“, und dort in privatem Rahmen gezeigt, daher auch der russische Titel. Russische Sicherheitsbehörden hätten seine Porträts womöglich als zu obszön wahrgenommen, als sexuelle Gefährdung der Sitte. Der Aspekt der Kontextverschiebung der Ausstellung öffnet Diskussionsraum zu Fragen der Unterdrückung und Zensur, ein Zustand, der Fux aus DDR-Zeiten bekannt ist.

WANN: Freitag, 29. Januar 2016 ab 19 Uhr.
WO: cubus-m, Pohlstraße 75, 10785 Berlin, hier die nötigen Details.

Andreas Fux, god was here (No.1), 2015, Courtesy Andreas Fux and Galerie cubus-m.

Andreas Fux, god was here (No.1), 2015, Courtesy Andreas Fux and Galerie cubus-m.

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