Berliner Kunstgriff
29.03. - 05.04.2016

29. März 2016 • Text von

Das mit der Realität ist schon eine schwierige Angelegenheit. Gibt es sie überhaupt, diese eine Wirklichkeit? Während sich Philosophen über dem Thema die Köpfe einschlagen und mit Theorien um sich werfen, wird in der Kunst subtil damit gespielt; die Wahrheit wird vorgehalten, verzerrt und immer auch in Frage gestellt. Diese Woche haben wir es mit künstlicher Realität, Surrealismus, und paradoxen Multi-Realitäten zu tun. In welcher man sich am wohlsten fühlt, muss man am Ende für sich selbst entscheiden.

In den neuen Monat werden wir von dem britischen Maler Jonathan Wateridge geschickt, der am Donnerstag, den 1.April, in der Galerie Michael Haas seine neuen Werke der Serie „Colony“ präsentiert. Sie zeigen Einzelpersonen, die in einem kargen Raum Dehnübungen machen, sich den Pulli über- oder abstreifen, oder auf einen Bildschirm außerhalb des Blickfelds starren. Dazu statische Fensteransichten, geschlossene Jalousien. Die Banalität des Alltags wird zum Gegenstand seiner fotorealistischen Malerei. Seine großformatigen Gemälde wirken wie zufällige Schnappschüsse, dabei sind es künstlich konstruierte Szenen, in höchster Präzision wiedergegeben. Die inszenierte Schlichtheit des Dargestellten steht im Spannungsverhältnis zu dessen ausgeprägtem Realismus in der Ausführung und hinterfragt dadurch den gesamten Mechanismus von Alltäglichkeit. Letztendlich ist diese ja auch nur ein künstliches Konstrukt.

WANN: Eröffnet wird am 1. April 2016, von 19 bis 21 Uhr.
WO: Galerie Michael Haas, Niebuhrstraße 5, 10629 Berlin. Nähere Infos zur Ausstellung hier.

Jonathan Wateridge Girl on Couch, 2015, Courtesy Galerie Michael Haas.

Jonathan Wateridge, Girl on Couch, 2015, Courtesy Galerie Michael Haas.

Ganz ähnliche Fragen beschäftigten auch die Surrealisten der Vorkriegszeit. Umgesetzt wurde der Zweifel an einer objektiv erfassbaren Realität jedoch anders: in phantastische Collagen und absurde Traumbilder des Unterbewussten. Diese surrealistische Ästhetik und Thematik sahen die Kuratoren des Kunstraumes Kreuzberg/Bethanien vermehrt in der zeitgenössischen Kunst wieder aufkommen und konzipierten hierzu gleich eine ganze Ausstellung. Anhand des Schaffens 22 internationaler KünstlerInnen werden surrealistische Ansätze und Arbeitsweisen, übersetzt in zeitgenössische Formensprache, offengelegt. Dabei werden auch klare Unterschiede zu der historischen Bewegung sichtbar: Die ausgestellten Werke folgen keinem Manifest und haben auch keinen unbedingt subversiven Charakter, sondern fügen sich zu einem schöpferischen Ganzen zusammen. Als Ergänzung zur Ausstellung wurde für den Besucher außerdem ein Archiv surrealistischer Filme von Germaine Dulac bis Henri Storck als Vertiefungs- und Vergleichsmaterial zusammengestellt. „Kollision. Im Labyrinth der unheimlichen Zufälle“ eröffnet ebenfalls am Freitag, den 1. April, mit einer Life Performance von Jérôme Poret und Pharoah Chromium.

WANN: Die Vernissage mit Performance findet am 1. April ab 19 Uhr statt.
WO: Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Mariannenplatz 2, 10997 Berlin. Alles Weitere findet ihr hier.

Heidi Sill, Cut #21, 2005, Courtey Kunstraum Kreuzberg/Bethanien.

Heidi Sill, Cut #21, 2005, Courtesy Kunstraum Kreuzberg/Bethanien.

Bei Lorenzo Sandovals Ausstellung „Deep Surface“ im L’Atelier-ksr wird ab Samstag, den 2. April, anhand standortbezogener Werke die paradoxe Multi-Realität unserer hochkapitalistischen Gesellschaft beleuchtet. Heute verschmelzen die Grenzen zwischen Materiellem und Immateriellem, Virtuellem und physisch Erfassbarem, oder auch zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit immer mehr zu einem zähflüssigen, viskosen Ganzen, das weder das Eine noch das Andere ist. Diese „Gelhaftigkeit“, auf die Sandovals Werke sich beziehen, dient dem Künstler als Metapher für unsere Immobilität, unsere Abhängigkeit und gleichzeitigen Drang sich weiterzuentwickeln, loszulösen. Sandoval versucht, dieser unbeweglichen, breiigen Masse zu entkommen, indem er die einzelnen Schritte seiner Arbeitsprozesse, die hinter dem endgültigen Werk sonst verborgen bleiben würden, offenlegt und somit die Materialitätsgrenze wiederaufbaut. Begleitet wird die Ausstellung von einem Programm von Interventions, in denen unser gemeinsamer Raum unter die Lupe genommen und neu ausgelegt wird. Die genauen Termine dazu findet ihr hier.

WANN: Die Eröffnung findet am 2. April findet zwischen 19 und 21 Uhr statt.
WO: L’Atelier-ksr, Großbeerenstraße 34, 10965 Berlin.

Lorenzo Sandoval, Deep Surface, Screen Capture, Courtesy L'Atelier-ksr.

Lorenzo Sandoval, Deep Surface, Screen Capture, Courtesy L’Atelier-ksr.

Auch am Samstag, den 2. April, findet nachmittags in der Galerie Gerken ein Künstlergespräch mit Tinka Bechert und Nils Kasiske statt, deren Werke noch bis 21. April den Ausstellungsraum schmücken. Die bunten Collagen und Leinwände von Tinka Bechert verbinden Geschichte und Gegenwart zu oftmals humorvollen Bilderwelten, die wiederum figurative Narration mit Abstraktion vereinen, und dabei stets sehr menschlich sind. Vor Absurdität wird kein Halt gemacht, ebenso wenig wie in Nils Kasiskes Arbeiten, in denen er sich gegen jede Form von Hype auflehnt. Seine Skulpturen von „Ikonen“ von heute und gestern ziehen den Habitus der Verherrlichung bestimmter Personen ins Lächerliche. Nicht ohne darin auch eine menschliche Tragik zu sehen. Indem er sich ostentativ charakteristische Stile berühmter Künstler wie Rodin oder Koons aneignet, untergräbt er bewusst deren Anbetungswürdigkeit und setzt noch einen obendrauf, indem er seine Skulpturen mit den Köpfen von Heiligkeiten wie Jesus Christus, Angela Merkel oder Snoop Dogg bekrönt.

WANN: Der Talk beginnt findet am 2. April statt und beginnt um 17 Uhr.
WO: Galerie Gerken, Linienstraße 217, 10119 Berlin. Hier geht’s zur Website.

Links: Tina Bechert, Scheinwelt, 2016. Rechts: Nils Kasiske, Untitled (Merkel) 1, Courtesy Galerie Gerken.

Links: Tina Bechert, Scheinwelt, 2016. Rechts: Nils Kasiske, Untitled (Merkel) 1, Courtesy Galerie Gerken.

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