Berliner Kunstgriff
12. - 19.04.2016

12. April 2016 • Text von

Wie strukturieren wir die Wirklichkeit? Ordnen wir das Wahrgenommene nach faktischen Kriterien, lachen wir über die zuweilen banale Idiotie von Konventionen und Regeln? Oder flüchten wir in den Elfenbeinturm der Theorie? Für jeden Ansatz präsentiert dieser Kunstgriff eine Veranstaltung: Daniel Young und Christian Giroux präsentieren „Berlin 2013/ 1983“ im Deutschen Architekturzentrum, Erwin Wurm eröffnet „Bei Mutti“ in der Berlinischen Galerie und im Hebbel am Ufer versucht man Anschlüsse an Foucault zu finden.

Nach Monaten in der Dunkelheit und dem künstlichen Licht der U-Bahn, hat der Frühling sich durchgesetzt und man kann wieder Fahrrad fahren. Das hat nicht nur den Vorteil, dass man auf dem Weg zur Arbeit an der Sommerbräune und -figur arbeitet, sondern auch, dass sich eine Stadt wie Berlin mit 15 km/h am besten greifen lässt. Wer von Neukölln nach Mitte fährt, an dem ziehen dreihundert Jahre (Architektur-) Geschichte vorbei: Die verwinkelten Gassen von Rixdorf, der Kotti, das Kreuzberger Niemandsland entlang der ehemaligen Mauer, die Plattenbauten auf der Fischerinsel, schließlich das Nikolaiviertel und eine Baustelle namens Friedrichstraße. Mit offenen Augen und einer grünen Welle erübrigt sich der Blick ins Geschichtsbuch. Doch nicht nur in berühmten historischen Bauten zeichnet die Geschichte sich ab. Den Beweis erbringen die beiden kanadischen Künstler Daniel Young und Christian Giroux mit ihrer Ausstellung „Berlin 2013/ 1983″, die am Donnerstag, den 14. April, im Deutschen Architektur Zentrum DAZ eröffnet. Ihre Zwei-Kanal-Videoinstallation nimmt mit dokumentarischer Genauigkeit und konzeptuellem Ansatz die Bandbreite zeitgenössischer Architekturproduktion in Berlin in den Blick. Young und Giroux fotografierten alle (!) Gebäude, die 2013 in Berlin errichten wurden, um sie mit ihrer Vorgängergeneration von etwa 30 Jahre älteren Bauten innerhalb der Nachbarschaft zu vergleichen. Eine Fleißaufgabe, die in Mehrfamilienhäusern und Garagenanlagen den Zeitgeist sucht, anstatt sich auf die prestigeträchtigen Bauten von Stararchitekten zu konzentrieren.

WANN: Donnerstag, 14. April 2016, 19 h.
WO: Deutsches Architekturzentrum DAZ, Köpenicker Straße 48/49, 10179. Details hier.

Berlin 2013_1983 © Daniel Young, Christian Giroux

„Berlin 2013 / 1983“ © Daniel Young, Christian Giroux

„Bei Mutti“ heißt die Alternative am Donnerstagabend. Die Berlinische Galerie eröffnet unter diesem Titel die erste Einzelausstellung von Erwin Wurm in der Hauptstadt. Das überrascht mich insofern, als dass der Österreicher einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Künstler ist, und ich noch vor der Oberstufe sein Werk im Kunstunterricht kennen lernte. Die Ausstellung widmet sich mit etwa 80 Originalen den zentralen Werkbereichen des – keiner Gattung zuordnenden – Künstlers und stellt gleichzeitig eine Verbindung zwischen den bereits bekannten Publikumslieblingen und seinen neuen Arbeiten her. In Wurms „One Minute Sculptures“ führt er eine Performance aus, in der sein Körper und ein beliebiger Gegenstand zur temporären Skulptur werden und hält diese fotografisch fest. Damit sprengt er nicht nur die Grenzen zwischen den Gattungen, sondern bringt uns auch zum Lachen. Sich selbst oder den Betrachter in ungewohnte – mitunter lächerliche – Positionen zu bringen, ist für Erwin Wurm auch ein Weg, um versteifte gesellschaftliche Konventionen aufzubrechen. Woher sein Engagement für dieses Thema kommt, deutet das autobiografische Werk „Narrow House“ an. Es handelt sich um einen begehbaren, detailgetreuen Nachbau von Wurms Elternhaus – gestaucht auf eine Breite von 1,10 m. In dem Maße wie die Besucher der Ausstellung „Bei Mutti“ sich darin kaum bewegen können, war der junge Erwin vermutlich bei Mutti in der österreichischen Provinz räumlich wie geistig eingeschränkt.

WANN: Donnerstag, 14. April 2016, 19 h.
WO: Berlinische Galerie, Alte Jakobsstraße 124-128, 10969. Nachlesen könnt Ihr hier.

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Erwin Wurm: The Idiot III (One Minute Sculpture), 2010. © Erwin Wurm, VG BILD-KUNST Bonn, 2016. courtesy: Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg/ Paris. Foto: Studio Erwin Wurm.

Architektur spürt dem Zeitgeist nach, Kunst sprengt die sich selbst auferlegten Gattungsgrenzen. Klare Aufgabenverteilung, alles in Ordnung. Am Sonntagabend jedoch wird im HAU Hebbel am Ufer unsere Erwartungshaltung an die und das Selbstverständnis der Kunst unter dem Titel „Ordnung der Kunst“ von der Künstlerin Rossella Biscotti und den PhilosophInnen Roberto Nigro, Juliane Rebentisch und Ruth Sonderegger in Frage gestellt. Jedem, der mal einen Fuß in eine geisteswissenschaftliche Fakultät gesetzt hat, wird der Name des Schutzherren der Veranstaltungsreihe „Fearless Speech – Anschlüsse an Foucault“ bekannt sein. Der französische Philosoph des 20. Jahrhunderts, Michel Foucault, charakterisierte die moderne Kunst anhand ihres Potentials mutig und riskant die (beziehungsweise eine) Wahrheit zu sagen. War diese Zuschreibung damals gültig und ist sie es noch heute? Darf dieser Anspruch an zeitgenössische Kunst gestellt werden und muss sie ihn erfüllen? Auch wenn sich diese Fragen wohl kaum mit Ja und Nein beantworten lassen, ist „Fearless Speech #2“ eine großartige, geistreiche Alternative zum bürgerlichen Tatort schauen in den engen Wänden des Einfamilienhauses – 2013 erbaut.

WANN: Sonntag, der 17. April 2016, 19 h.
WO: HAU2 Hebbel am Ufer, Hallesches Ufer 32 / 10963.
!: Mehr Infos und Tickets (8,80/5,50€) bekommt ihr hier.

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Michel Foucault und Jean-Paul Sartre demonstrieren vor den Renault-Werken wegen der Ermordung des Arbeiters Pierre Overney, 1972. Foto: Josee Lorenzo/ INA via Getty Images.

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