Berliner Kunstgriff
06.09. - 12.09.16

6. September 2016 • Text von

Die Grille als fröhlich zirpende Verkörperung von Lebensfreude und sexueller Freizügigkeit? Ist uns noch gar nicht in den Sinn gekommen. Umso besser, dass uns die Berliner Kunstwoche mal wieder auf originelle Gedanken bringt.

Donnerstag und Freitag sind diese Woche zweifelsohne die days to be. Los geht es am 8. September bei EIGEN + ART, wo die Ausstellung „Glückliche Zeiten“ des Schweizer Künstlers Rémy Markowitsch eröffnet. Die Schau handelt von einem Tierchen, welches uns ob seines Gesanges schon so manche schlaflose Sommernacht beschert hat: die Grille. Ausgangspunkt der Installation von Rémy Markowitsch bildet eine Geschichte, in der das zirpende Geschöpf einem seiner Insektenvetter – der Ameise – gegenübergestellt wird. Grille: lebenslustig, sexuell freizügig, unbedacht. Ameise: vorausschauend, fleißig, durchdacht. Während die Ameise den Sommer über emsig Vorräte anlegt, frönt die Grille dem leichten Lotterleben, was sie später jedoch bitter bezahlt: Als der Winter vor der Tür steht, zeigt sich die Ameise hartherzig und verschanzt sich in ihrem eigenen Quartier. Teilen? Nicht mit ihr. Rémy Markowitsch stellt nun die Schuldfrage: Ist es der Grille eigenes Pech, weil sie den ganzen Sommer über sorglos gesungen hat? Und: Kennen wir diese Geschichte nicht allzu gut, in der die einen im Wohlstand baden, während andere Not leiden? Und schon sind wir beim Eingemachten angelangt.

WANN: Die Eröffnung findet am Donnerstag, den 8. September, von 17 bis 21 Uhr, statt. Info’s hier.
WO: EIGEN + ART, Auguststraße 26, 10117 Berlin.

!cid_6336AB02-59B5-44C6-9DCF-B7526A34D284@intern

Rémy Markowitsch „WICKED CRICKET 18“ aus der Serie „WICKED CRICKET“, 2016. Courtesy: Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin.

Wen Zirpen eher ab- als anturnt, der kann sich am Donnerstag alternativ zu carlier | gebauer begeben, wo gleich drei Ausstellungen parallel eröffnen. Unter dem Titel „Hard Ground“ präsentiert die britische Künstlerin Sara Barker neue, an der Schwelle von Skulptur, Zeichnung und Malerei oszillierende Arbeiten, die äußerst mannigfaltige Referenzen – von Paul Klee bis hin zu Utagawa Hiroshige – aufweisen. Sebastian Diaz Morales hingegen untersucht in seiner Videoarbeit „The Lost Object“ jene komplexen Mechanismen, mit denen wir die Konstruiertheit der uns umgebenden Realität wahrnehmen, wobei er den Film als „Fabrik der Simulacra“ begreift. Der dritte im Bunde ist der amerikanische Künstler Richard Mosse, der in seinen „Heat Maps“ der Flüchtlingskrise in ihrer biopolitischen Dimension auf den Grund geht. Mit einer thermografischen Kamera, die normalerweise vom Militär genutzt wird, um Personen aus bis zu 50 km Entfernung zu identifizieren, erfasst er Flüchtlingslager und stellt diese grafisch dar. Damit sei das Kunstpensum für den Donnerstag erfüllt.

WANN: Die Eröffnungen finden am Donnerstag, den 8. September, von 18 bis 21 Uhr, statt. Info’s findet ihr hier.
WO: carlier | gebauer, Markgrafenstraße 67, 10969 Berlin.

215.1 1988

Jan Groover, Untitled (215.1), 1988. Courtesy: the artist, KLEMM’S Berlin.

Und damit wären wir beim Freitag angelangt, an dem sich mal wieder in die sakralen Räumlichkeiten der St. Agnes Kirche begeben werden darf. Daniel Turner lässt aus ausrangierten Alltagsgegenständen graziöse, häufig symmetrische Skulpturen entwachsen. Für seine Schau „Particle Processed Cafeteria“ in der König Galerie hat der gebürtige Engländer nun eine Cafeteria samt Klappstühlen und Plastiktischen in winzige Partikel zersetzt, diese einer chemischen Bearbeitung unterzogen und anschließend in den Galerieräumen verteilt. Der vormalige Ort des öffentlichen Lebens und Kaffeegenusses wird zur öligen Pfütze, eingerahmt von zwei vage leuchtenden Natriumlichtern. Müssen wir uns antun.

WANN: Die Eröffnung findet am Freitag, den 9. September, von 18 bis 21 Uhr, statt. Nachgelesen werden darf hier.
WO: König Galerie, St. Agnes, Alexandrinenstraße 118-121, 10969 Berlin.

KSL063.1

Jan Groover, Untitled (KSL 63.1), 1978. Courtesy: the artist, KLEMM’S Berlin.

Ebenfalls am Freitag lädt KLEMM’S dann zur Eröffnung der Ausstellung „The Virtue of Balance“ der amerikanischen Künstlerin Jan Groover. Bis in die frühen 70er hinein war Groover als Malerin tätig, bevor sie sich der Fotografie verschrieb. Ihrer „abstrakten“ Herangehensweise ist sie hierbei treu geblieben: Anstatt die vermeintliche Authentizität des eingefangenen Momentes vorzugaukeln, gleichen Groovers Arbeiten einem bewusst inszenierten Bild; zu stimmig die Farben und Formen, zu offensichtlich das Spiel mit Perspektive, Raum und Licht. Groovers Fotografien sind präzise, anmutig und mitunter verwirrend, wenn sich der Bildausschnitt beispielsweise nicht auf den ersten Blick zuzuordnen lässt. Genau deshalb sagen wir: Absolut sehenswert.

WANN: Die Eröffnung findet am Freitag, den 9. September, von 18 bis 21 Uhr, statt. Weitere Info’s gibt’s hier.
WO: KLEMM’S Berlin, Prinzessinnenstraße 29, 10969 Berlin.

Weitere Artikel aus Berlin