Baum? Simulation!
Sven Drühl malt Bilder über Bilder

10. September 2016 • Text von

Wie malt man Landschaft im 21. Jahrhundert, im Zeitalter des Digitalen und der Nicht-Realität? Sven Drühls Ausstellung „Simulationen. Landschaft jenseits der Wirklichkeit“ im Haus am Waldsee sucht und findet Antworten.

Landschaft. Natur. Ursprung. Der Weg zum Haus am Waldsee – vorausgesetzt man verzichtet auf die Fahrt in der stickigen U-Bahn und steigt anstelle dessen auf das Fahrrad um – bildet eine äußerst gelungene Einstimmung auf Sven Drühls Schau „Simulationen. Landschaft jenseits der Wirklichkeit“. Hat man es einmal durch das betriebsame Steglitz ins gutbürgerliche Zehlendorf geschafft, so muss die großstädtische Betonwüste sanftfarbener Waldesidylle weichen. Statt Stimmgewirr und Motorenlärm sickert Vogelgezwitscher durch das Dickicht, im Garten des Hauses wogen sich in spätsommerlicher Hitze die Apfelbäume. Landschaft, das ist das Leitmotiv von Sven Drühls Einzelausstellung, und doch steht die Fahrt durchs Grüne im Vorab gewissermaßen im Kontrast zu ihr. Denn motivisch mag sich der Künstler zwar auf Landschaften beziehen, mit Natur allerdings hat das wenig zu tun.

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Sven Drühl, SDSS (Invers), 2016. Courtesy: CONRADS, Düsseldorf und Alexander Ochs Private © Sven Drühl, VG Bildkunst, Bonn, 2016.

Sven Drühls Arbeiten sind nicht Abbilder der Realität, sie sind Abbilder des Bildes. Gleich das erste Gemälde im Erdgeschoss macht dies deutlich: Bei der zweifarbigen Gebirgslandschaft, durch deren nachtblaue Grundierung sich subtile Farbverläufe ziehen, handelt es sich nicht etwa um ein Fundstück aus dem visuellen Gedächtnis des Künstlers persönlich, sondern um einen Ausschnitt aus einer Fotografie Sebastião Salgados. Dieser ist mitnichten der Einzige, den Drühl in seinen Arbeiten zitiert: Ungeniert schöpft er aus dem Fundus internationaler Kunst seit dem 19. Jahrhundert, positioniert lässig eine Ruine Caspar David Friedrichs neben einem modernistischen Bauwerk aus dem Architekturkatalog. Und so überkommt einen, wenn man sich durch die Ausstellung bewegt, zwangsläufig die Lust am Rätselraten: Wer ist es, der diesen Baum zuerst, diese Gebirgslandschaft noch vor Drühl erschaffen hat? Dass man als Betrachter dabei in dieselbe Denkweise verfällt, die auch Drühl zu eigen ist, fällt zunächst kaum auf: Nicht mehr der reale Ort oder die Landschaft an sich, sondern vielmehr das Verhältnis von Original und Abbild, der Prozess von Aneignung und Entfremdung, rückt in den Mittelpunkt.

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Sven Drühl, S.D.C.G.T.VII, 2015. Courtesy: CONRADS, Düsseldorf und Alexander Ochs Private © Sven Drühl, VG Bildkunst, Bonn, 2016.

Drühl mag in seinen Arbeiten zwar reihenweise Meister der klassischen Malerei zitieren, mit deren Arbeitsweise jedoch hat die seine wenig gemein. Silikon, Autolack und andere unkonventionelle Materialien finden ihren Weg auf die Leinwand, von den Neonröhren mal ganz abgesehen. In seiner neusten Werkserie hat sich der Künstler schließlich digitaler Computergrafik bedient, um die Klassiker neuzuinterpretieren. Ja, die Landschaft ist noch erkennbar, mit dem Original hat sie jedoch nichts mehr zu tun.

Kaum hat man sich von der hypnotisierenden Neuinterpretation Salgados losgerissen, springt einem gleich die nächste Arbeit ins Gesicht: Ein Landschaftsbild in pinken Neonfarben, welches in seiner leuchtenden Entschlossenheit dann aber doch etwas zu plakativ erscheint. Noch direkter wird es nur, wenn man dann im Obergeschoss vor einem überdimensionalen, tiefschwarzen Triptychon steht, aus dem reliefartig verschiedene Bauwerke, Bäume und Berge ragen. Keine andere Farbe als Schwarz hat Drühl für dieses Monstrum verwendet, je nach Lichteinfall allerdings glaubt man dunkelblaue und graue Schattierungen zu erkennen. Die Aufdringlichkeit verdichtet sich hier zu einer nahezu sakralen Präsenz, fast glaubt man das Kunstwerk atmen zu hören – das Rätselraten hört auf, man starrt gebannt.

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Sven Drühl, E.H. (Neon), 2007. Courtesy: CONRADS, Düsseldorf und Alexander Ochs Private © Sven Drühl, VG Bildkunst, Bonn, 2016.

Wie malt man Landschaft im 21. Jahrhundert, im Zeitalter des Digitalen, des Virtuellen, der Nicht-Realität? Das ist eine Frage, die in Sven Drühls Arbeiten ständig mitschwingt, und der Künstler hat eine Antwort darauf. Die Realität wird suspendiert, da ist nichts mehr, was noch auf sie verweist. Hinter jedem Zeichen verbirgt sich ein schon dagewesenes, hinter jedem Bild nur ein weiteres Bild. Auf das Virtuelle wird nicht nur angespielt, in einer Arbeit wird es gar ganz konkret thematisiert: Der Ausschnitt – Silhouetten schwarzer Ästen vor einem dämmrigen Himmel – stammt aus einem Computerspiel. Somit lässt sich anhand der unterschiedlichen Werkserien auch eine Art Digitalisierung der Arbeitsweise des Künstlers erkennen. Während er für seine früheren Werke hauptsächlich kunsthistorische Bildbände durchforstete, basieren einige neuere Arbeiten auf Bildern aus dem Internet. Ergo – Auch der Maler kann sich dem Sog des permanent Verfügbaren nicht entziehen. Vor diesem Hintergrund sind Sven Drühls Arbeiten vor allem eines: äußerst zeitgemäß. 

WANN: Die Ausstellung „Simulation. Landschaft jenseits der Wirklichkeit“ läuft noch bis zum 9. November. Alle weiteren Info’s findet ihr auf der Homepage vom Haus am Waldsee. Zur Homepage des Künstlers geht es hier entlang.
WO: Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, 14163 Berlin.

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