Schon seit Februar zeigt der Hamburger Bahnhof mit “Sehr gut I Very good” eine große Überblicksschau der zwischen Klamauk und Konzept schwankenden Arbeiten des 1997 verstorbenen Martin Kippenberger. Kuratiert von Udo Kittelmann, Britta Schmitz und Miriam Halwani will die Ausstellung bewusst keine Retrospektive sein, fühlt sich aber, nicht zuletzt aufgrund des gewaltigen Umfangs von über 300 Werken, doch wie eine an.
Der Großteil der Ausstellung befindet sich in den langestreckten Rieckhallen, doch im Hauptgebäude befinden sich als Vorgeschmack schon einmal zwei Installationen. Die Bodencollage „Untitled (Installation für Claudia Skoda)“ (1976) legt den Fokus der Ausstellung gleich auf Kippenbergers Berliner Jahre. In der titelgebenden Serie „Sehr gut │ Very good“, den „weißen Bildern“ von 1991, lässt der Künstler einen neunjährigen Jungen seine Arbeiten beschreiben und mit der Note „sehr gut“ versehen. Dieser, im Ostflügel auch räumlich vom Rest der Ausstellung abgesonderte, Bilderzyklus präsentiert sich visuell so ganz anders, als das, was man vom chaotisch-schrillen Kippenberger kennt. Die in die Wände eingelassenen weißen Leinwände, deren krakelige Kinderschrift erst auf den zweiten Blick zu entziffern ist, wirken minimalistisch, konzeptuell – ja richtig museal.
Im ersten Raum der Rieckhallen beginnt die Ausstellung dann ganz klassisch mit Selbstporträts wie „Bitte nicht nach Hause schicken“ (1983) und „Martin, ab in die Ecke und schäm dich“ (1989). Der Künstler zeigt sich als Exhibitionist, bei dem Kunst und Leben vollironisch verschmelzen, inszeniert sich als punkiger Anti-Beuys. „Jeder Künstler ist ein Mensch“ statt „jeder Mensch ist ein Künstler“, so steht es als Zitat an der Museumswand. Dazu gibt es als Audioinstallation gleich eine alkoholisierte Variante von Beuys 68er „Ja ja ja, nee, nee, nee, nee“-Monolog, von Kippenberger 1995 nachgekrächzt. Im Hamburger Bahnhof mit seiner einen ganzen Flügel füllenden Beuys-Sammlung befindet sich der Querulant Kippenberger plötzlich auf unerwarteter Augenhöhe mit dem filztragenden Schamanen aus Krefeld.
Kippenberger agiert aber nicht nur als Anti-Beuys, sondern probiert sich auch als Anti-Richter aus. In seinen Florenz-Bildern (1976/77) malt er wie Gerhard Richter beliebige Fotos und Zeitungsbilder ab. Statt meditativer Studien in malerischer Exzellenz produziert er jedoch comichafte Touristenimpressionen – und tauscht die Serie schließlich gegen lebenslange Freigetränke in der Berliner Paris Bar ein.
Sein bekanntes monumentale Bild der Paris Bar (1993) hängt dann passenderweise gleich nebenan. Obwohl das über zwei Bild-im-Bild-Ebenen verschachtelte Gemälde einen von Kippenbergers bevorzugten Absturzorten darstellt, hat er es nicht selbst gemalt, sondern bei einem Kinoplakatmaler in Auftrag gegeben. Das kann man banal finden, oder – gerade in Anbetracht der Tatsache, dass die Arbeit heute trotzdem für Millionenbeträge auf dem Kunstmarkt gehandelt wird – satirisch und hochkonzeptuell.

Martin Kippenberger: Paris Bar, 1993, Acryl auf Leinwand, 259 x 360 cm, © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Köln
„Berlin muss neu gestrichen werden“, propagiert Kippenberger, lässt dafür aber lieber andere malen. So geschehen in seiner Serie „Lieber Maler male mir“. Mit dieser Dekonstruktion des bis ins späte 20. Jahrhundert verschleppten Mythos vom Malergenie begann der Künstler schon 1981. Den von ihm bei Plakatmalern bestellten trivialen Alltagsmotiven ist dementsprechend der nächste Ausstellungsraum gewidmet.
Hier hätte man sich allerdings mehr Erläuterungen gewünscht, um den Sachverhalt des Malen-lassens klar darzustellen – den andächtigen Posen einiger Besucher nach, scheint der/die eine oder andere nämlich doch eine benjaminische Originalitätsaura in die Bilder hineingelesen zu haben.
Ein generelles Problem der Ausstellung ist sowieso die Gradwanderung zwischen selbsterklärender Kunstmarktsatire und dringend benötigter Erläuterung. Einerseits ist die Ironie vieler Werke nur für mit Kippenbergers Oeuvre vertraute „Eingeweihte“ erkenntlich, gleichzeitig tragen allzu detaillierte Infotexte aber wie die vielen Führungen, die sich mit pädagogischem Erklärbär-Impetus durch die Ausstellung schieben, zwar vielleicht zum kontextuellen Verständnis bei, der Konfrontation mit den Werken wird dadurch aber viel an Spontanität und Humor genommen.
Auf die „,lieber Maler“-Serie folgen fotografische Selbstporträts, auf denen sich Kippenberger nicht mehr als Fluxus-filziger Beuys inszeniert, sondern sich gleich Pablo Picasso als Malerfürsten des 20. Jahrhunderts annimmt: mit Bierbauch und in original-picassoesker Unterhose – Schießer mit Eingriff, versteht sich.
Dem Überblicksanspruch der Schau angemessen wird Kippenberger nicht nur als Maler, sondern auch hinsichtlich seiner Aktivitäten in anderen Medien präsentiert. Zu sehen sind Skulptur und Installation oder auch seine Kataloge, Bücher und Videoarbeiten.
Ein Video von 1993 zeigt ihn im „Interview“ mit dem Kunsthistoriker Roberto Ohrt anlässlich einer Ausstellung im Pariser Centre Pompidou. In schon fast pythonesker Absurdität liest Ohrt in holprigem Französisch Fragen aus einem Immendorf-Katalog vor, während Kippenberger diese mit Zitaten aus seinem eigenen Katalog zu beantworten versucht – ebenfalls auf Französisch. Dass Ausstellungsbesucher kichernd unter den Kopfhörern vor den Videobildschirmen sitzen, erlebt der geneigte Kunstmensch definitiv nicht allzu oft.
Nach den Videos wird es dann großformatig. Eine rote Laterne schlängelt sich reichlich angeschickert an der Wand entlang; in der Mitte des Raumes steht der stickerbeklebte „Brummi-Sitz“ auf einer Holzkiste. Die Wandbeschriftung behauptet: „Herrenwitze sind so wichtig wie der liebe Gott“. Das kann man so oder so sehen… Ansonsten gestalten sich die ausgestellten Werke für Kippenbergers Verhältnisse jedoch größtenteils angenehm unchauvinistisch.
Im nächsten Raum der schier endlosen Hallenreihung, gibt es dann wieder Flachware an der Wand. Darunter findet sich der Zyklus „Acht Bilder zum Nachdenken ob es so weiter geht“ (1983) mit Beschriftungen wie „Krieg böse II“ ein anarchischer Angriff auf die pathosgeladene Protestkultur der 80er Jahre.
In diesem politisch unkorrekten Kontext findet sich an der gegenüberliegenden Wand dann auch die Ansammlung abstrakter Balken mit verdächtigen Winkeln unter dem Titel „Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken“ (1984) Wir auch nicht, aber wer weiß? Vielleicht liegt das auch nur an den schlechten Augen der Reporterin. Daneben schlägt „Heil Hitler ihr Fetischisten“ (ebenfalls von 1984) in die gleiche Kerbe. Und an einer anderen Wand zeigt die Darstellung der „Sympathischen Kommunistin“ (1983) genau das, was der Titel verspricht: eine nett lächelnde junge Frau, die eine Mütze mit rotem Stern trägt.
Geht man weiter, trifft man auf die nächste Laternen-Skulptur. Diesmal traurig geknickt und „Melancholia“ betitelt. Eben jene Laterne findet sich auch auf einem gefälschten documenta Plakat wieder. 1992 hat sich Kippenberger dort noch augenzwinkernd hingeträumt – heute stehen seine Werke wohlinstitutionalisiert im Hamburger Bahnhof. So etwas nennt man wohl Ironie des Schicksals.
Nach einigen Kabinetten mit in den 1980ern entstandenen Zeichnungen auf Hotelbriefpapier und ebenfalls aus Hotelbeständen stammenden Spiegeln, auf die Kippenberger u. a. Porträts des französischen Komikers Louis de Funès gekritzelt hat, folgt wieder ein großer Saal. Hier erstreckt sich eine eng gehängte Reihung von Ausstellungsplakaten (darunter Blüten wie „Ansprache an die Hirnlosen“ und „Die Revolution in Köln muss verschoben werden, die Künstler fühlen sich heute zu schwach“) an der Wand entlang, kombiniert mit Dieter Roths monumentaler „Gartenskulptur“.
Kurz vor Schluss wird der Tonfall dann tatsächlich einmal ernst: Kippenberger stellt sich in einer Reihe von – diesmal von eigener Hand gemalter – Selbstporträts als die gekrümmten, sich windenden Leidenden auf Gèricaults „Floß der Medusa“ dar (1996). Die Fotovorlagen, die seine Frau Elfie Semotan von ihm anfertigte, sind ebenfalls zu sehen. Sie zeigen den Künstler vorzeitig gealtert und sichtlich von Krankheit gezeichnet.

Martin Kippenberger: "Zuerst die Füße", 1991, Holz, Autolack, Metall, 130 x 110 x 22 cm Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Köln
Im nächsten großen Ausstellungsraum sind als weniger dramatisches, dafür umso skandalumwitterteres Selbstporträt dann die gekreuzigten Frösche von 1990 mit dem Titel „Zuerst die Füße“ zu sehen. Zu diesem Zeitpunkt ist der eine oder andere Ausstellungsbesucher aber schon reichlich ermüdet. Auch wenn sich die Kuratoren wohl bewusst von der sonst üblichen engen Hängung von Kippenbergers Arbeiten absetzen wollen, hätte ein wenig mehr Kunst auf etwas weniger Raum derartigen Erschöpfungserscheinungen sicher vorgebeugt.
Neue Energie gewinnt man dann aber beim Entdecken eines weiteren der alles doppelgründigen satirischen Sticker mit Phrasen wie „I ♥ Nächstenliebe“, „I ♥ Simone de Beauvoir“ oder (persönlicher Favorit der Rezensentin) „I ♥ Old Museums“, die bunt auf den Wänden der gesamten Ausstellung verteilt sind. Selbst die Türme des Museums sind paradox mit „I ♥ Gala“ und „I ♥ Ruins“ beflaggt.
Am Ende wird es dann mit dem Bierdosenobjekt und dem Gemälde „Alkoholfolter“ ein zweites Mal persönlich und düster. Die Plastikstränge eines Bier-Sixpacks fesseln den Künstler als Handschellen, aus denen es kein Entkommen gibt – einmal als Gemälde in beißenden Rot- und Rosatönen an der Wand, einmal als Objekt in der Vitrine. Dieses Eingeständnis persönlicher Problematiken wird jedoch gleich wieder selbstdarstellerisch ironisiert, denn der in der Vitrine ausgelegte Katalog trägt den Titel „Kippenberger. Fanden wir schon immer gut“. Wobei – die Präsenz der Bierfessel könnte genauso gut das augenzwinkernde Selbstverständnis des Katalogtitels demontieren.

Martin Kippenberger: "Alkoholfolter", 1981/82 Öl auf Leinwand, 50 x 60 cm © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Köln
Abschließend folgen weitere Kabinette, diesmal mit einer von der Musikerin Gudrun Gut zusammengestellten Soundinstallation, die Kippenbergers Zeit im SO 36 repräsentiert. Schließlich läuft die Ausstellung mit ein paar Einladungskarten aus und man kann sich auf bereitgestellten Sofas ausruhen, bevor man entweder den langen Weg zurück in die Haupthallen des Hamburger Bahnhofs auf sich nimmt, oder sich noch einmal tiefgreifend von der die Rieckhallen abschließenden Bruce Nauman Installation verunsichern lässt.
Interessant ist, dass die Struktur der aneinandergereihten Ausstellungshallen eigentlich nach Chronologie schreit, diese in der Ausstellung, die ja dezidiert keine Retrospektive sein will, aber nicht wirklich gegeben ist. Die Schau fängt ganz konventionell mit der Selbstpräsentation Kippenbergers an, dann kommen die frühen Arbeiten aus Florenz und Berlin, danach ist die Ordnung jedoch thematisch, nicht biografisch orientiert und manchmal nicht einmal das.
Kuratorisch war es eine gute Entscheidung, die Arbeiten nicht in der monumentalen Kathedralenarchitektur der historischen Bahnhofshalle zu zeigen. Natürlich haben die Rieckhallen White Cube-Format. Der rohe Asphaltboden mit Straßenmarkierungen und die wellblechartige Deckenstruktur geben der Ausstellung aber zumindest einen kleinen Spritzer der Kippenberger angemessenen rebellischen Trashigkeit. Denn dafür, dass sich sein Werk permanent am Kunstbetrieb abarbeitet und sich so dermaßen gegen das Museum sträubt, ist er spätestens mit dieser Ausstellung in der Nachbarschaft von Beuys, Warhol und den anderen großen Namen doch allergründlichst musealisiert worden.
„Stellvertretend für all uns Wohldressierte führte Kippenberger ein selbstzerstörerisches Tänzchen auf, soff, sang, bastelte und krawelte sich durch die Gassen und Gossen der Kreativbranche, nur, um am Ende doch im Museum zu landen“, fasst die ZEIT treffend zusammen, was hier passiert ist. (http://www.zeit.de/2013/09/Ausstellung-Martin-Kippenberger).
Doch selbst in den geweihten Hallen einer Berliner Museumsinstitutionen kann der Restgeschmack anarchischen Nihilismus‘ nicht ganz fortgewaschen werden. Zumindest für ein paar Momente nach Verlassen der Ausstellung sieht man den Kunstzirkus mit anderen Augen, wird der Absurdität und der inhärenten Sinnlosigkeit hinter den Säulen der Kulturlandschaft gewahr. Und selbst wenn es einem manchmal im Halse stecken bleibt. Am Ende nimmt man zumindest ein Lachen mit – sei es mit oder über Kippenbergers Arbeiten. Sehr gut.
WANN: Noch bis 18. August 2013
WO: Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50, 10557 Berlin