Ursprünglich war die Fotografie ein realitätsgebundenes Dokumentationsmedium. In der Galerie Hengevos-Dürkop im Galeriehaus Hamburg hängt aktuell eine Ausstellung des Fotografen Dirk Brömmel. Die erfindet das Medium der Fotografie nicht neu, spielt aber mit dessen Parametern. Die Abweichungen von perspektivischer Gewohnheit, üblichen Größen-Maßstäben, zeitlicher Einheit und farblicher Realität zeichnen eine kleine Reise durch das Portfolio des Künstlers nach. Eine erste Retrospektive, die viel über die verschiedenen Arbeitsfelder eines Fotokünstlers berichtet, der sich Themen annimmt und sie bearbeitet.
Brömmel wurde 1968 geboren. Nach einer Ausbildung zum Fotografen fand er über Umwege zur künstlerischen Fotografie, bevor er in der Klasse von Prof. Dr. Vladimir Spacek 2006 seinen Akademiebrief an der Akademie für Bildende Künste in Mainz erhielt. Zu den ausgestellten Serien gehören Auszüge der „Kopf-über-Serie“, die Brömmels künstlerischen Durchbruch markiert, ebenso, wie die „Antennen“ als eines der ersten Projekte des Künstlers. Daneben finden sich als jüngste Werkgruppe noch die „Schwimmenden Märkte“ und die viel beachtete „Villa Tugenthat“. Der Reihe nach.

Dirk Brömmel, Antenne, 2001, 100 x 100 cm, Diasec/Aludibond, Quelle: Galerie Hengevos-Dürkop
Die Antennen sind das am längsten andauernde Projekt Brömmels. Das Motiv beschränkt sich im Regelfall auf die funktionale Metall-Konstruktion. Die erhält in seiner Arbeit skulpturalen Charakter. Perspektivisch bewegt sich der Fotograf mit den Objekten auf einer Höhe, sodass der Blick auf das Konstrukt eine ungewohnte Nähe bekommt. Wahrscheinlich hat noch nie jemand der Antennenkultur derart viel Aufmerksamkeit geschenkt. Möglicherweise handelt es sich um eins der wenigen Objekte, an dem jeglicher ästhetischer Einfluss vorbeigegangen ist. Im Vordergrund steht ausschließlich dessen Zweckmäßigkeit. Bewusst verzichtet Brömmel auf Störfeuer durch natürliche Umwelteinflüsse. Damit genügt ein Pflänzchen am Fuße der Antenne, um gedankliche Assoziationen auszulösen, die irgendwo zwischen Natur und von Menschenhand geschaffener Industrie liegen. Ähnliche assoziativ-intuitive Impulse verarbeitet Brömmel in Linienführungen, die wie Leitungen oder in der Zuordnung zu Antennen wie Kommunikationsverbindungen wirken. Die Antennen begleiten Brömmel schon eine lange Zeit. In Folge dessen finden sich in dieser Werkreihe auch seine vielen Reisen verewigt, die ihn schon in weite Teile Europas und nach Amerika (New York), Armenien, China, Thailand, Türkei, Ägypten, Marokko und Südafrika (Kapstadt) geführt haben.

Dirk Brömmel, Rheinenergie, 2004, 210 x 70 cm, Diasec/Aludibond; Quelle: Galerie Hengevoss-Duerkop
Etabliert hat sich Brömmel mit dem ihm eigenen Stil der Kopf-Über Fotografien. Von den Rheinbrücken herunter, fotografiert er ein Vielzahl von Schiffen, die zwischen Nordsee und Alpen verkehren. In der Postproduktion entnimmt Brömmel die Objekte ihrer Umgebung und konstruiert sie auf eine einfarbige Farbfläche. Auf Diasec aufgezogen verkehren die Schiffe in einem unbegrenzten Raum und funktionieren nicht mehr in ihrer stereotypen Rolle des schwimmenden Kolosses. Auf diese Weise geht jegliches Gefühl für Maßstäbe und Größen verloren – selbst die „dicken Pötte“ verlieren an Masse und wirken wie Spielzeuge, während die Decklandschaft für den Betrachter zum Suchrätsel wird.

Dirk Brömmel aus der Serie "Schwimmende Märkte", 2012, 40 x 40 cm, Quelle: Galerie Hengevoss-Dürkop
Viel reisen und dabei arbeiten – das kann man nicht in jedem Beruf. In der Serie der schwimmenden Märkte konnte Brömmel beides verbinden. Die schwimmenden Märkte sind allesamt im Ausland entstanden und das – um der Perfektion willen – in zwei Anläufen. Das Farbspektrum der (fernöstlichen) Pracht grenzt die Märkte ästhetisch so sehr von den rheinischen Kolossen ab, dass lediglich der Kopf-über Stil die beiden Serien verbindet. Zudem hat Brömmel das Motiv weiter seiner realen farblichen Umgebung entrückt. Die Farben der aufwendig eingezogenen Horizontallinien haben im Motiv jeweils einen Bezugspunkt, sodass die Wahl des Hintergrundes sich letztlich konsequent aus dem Motiv selbst ergibt. Ungeachtet des ähnlichen Stils unterscheidet sich diese Serie wesentlich von den Containerschiffen – auch in ihrer Wirkung auf den Betrachter. Trotz des vielschichtigen Farbrasters werden die schwimmenden Märkte von einer Unaufgeregtheit und Ruhe begleitet.

Dirk Brömmel, Villa Tugenthat 15, 2002, 100 x 100 cm, Diasec/Aludibond, Quelle: Galerie Hengevoss-Dürkop
Die Villa Tugenthat ist eine der wohl bedeutendsten Bauten des Bauhaus Architekten Mies Van der Rohe. Sie entstand 1929 zeitgleich zum Barcelona Pavillon in Brünn. Seine architektonische Bedeutung wurde schon vielfach besprochen und auch fotografisch wurde das Gebäude schon festgehalten. Anders als in der Architekturfotografie nähert sich Brömmel diesem Meilenstein des Bauhaus maßgeblich über einen historischen Ansatz. Ein Sprung in der zeitlichen Einheit, der zeitliche Maßstäbe außer Kraft setzt. Anhand von Aufnahmen des Hausherrn Fritz Tugenthat kombiniert Brömmel historische Aufnahmen mit gegenwärtigen Eindrücken. Mit den schwarz-weißen Aufnahmen aus der Vergangenheit vor Augen wählt Brömmel für die gleichen Orte des Hauses einen anderen Bildausschnitt und fügt beide Ansichten schließlich übereinander. Zu seinen Vorlagen gehören sowohl stilisierte Architekturfotografien wie auch Szenen des Familienlebens. Durch die Kombination eröffnet Brömmel innerhalb seiner Bilder einen Raum für Zeit in dem Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen und sich ergänzen.
Die Ausstellung im Galeriehaus Hamburg hat von Mittwoch bis Freitag von 12:00 Uhr bis 18:00 Uhr sowie Samstags von 12:00 Uhr bis 14:00 Uhr geöffnet. Neben den erwähnten Serien sind weitere Werke aus dem Portfolio zu sehen. Weiterhin sind einige Publikationen zu Brömmels Arbeit erschienen.