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“Conferences” im Autocenter – Take 2

Es ist ja so, bei Teil 2 einsteigen ist meistens relativ kacke. Wer Russisch für Fortgeschrittene belegt und kein Kyrillisch, kann ist aufgeschmissen, wer beim zweiten Winnetou-Band beginnt, verpasst Nscho-tschi, und wer sich Susi und Strolch in zweiter Generation gönnt, der hat sie ohnehin nicht mehr alle. Manchmal kann sowas aber auch gut gehen. Wir glauben: Genau so einen Fall haben wir entdeckt. Traut euch!

Im AUTOCENTER geht ab Samstag, den 18. Mai, die Serie “Conferences” in die zweite Runde. Überraschender Weise heißt das dann “Conference 2″. Los geht’s um 20 Uhr. Worum geht’s? Die Ausstellungsmacher begreifen ihr Werk offenbar als repräsentativ für die Art wie der Laden an sich so geschmissen wird. Dynamisch und experimentell nämlich.

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Christian Jeppson, Pool Interface, 2012, dye-sublimation print on polyester, moussepad, and silicone pads, 160 x 100 cm © Christian Jeppson

Dynamisch und experimentell, das kann natürlich jeder sagen – würden sicher auch viele. So ist es eben mit Pressetexten. Oft wird Scheiße mit Floskeln verhängt, genau so oft verbirgt sich all den Plattitüden was richtig feines. Wir sind überzeugt: Bei “Conferences” ist es letzteres.

Fünf Künstler toben sich aus: Mathis Altmann, Kjersti Gjestrud, Christian Jeppsson, Michele di Menna und Eva Maria Salvador. Ihre Arbeiten werden um die Idee der ausgedehnten Ergonomie herum in einen offenen Dialog zu einander gestellt. Das hat in diesem Fall weniger etwas mit qualitativer Wirtschaftlichkeit zu tun. “Ergonomie” soll als poetischen Terminologie nach begriffen werden. Dabei geht es in der Ausstellung selbst um Themen wie Berühung und Haptik aber auch um den technischen wie medizinischen Einfluss auf den Körper. Kunst wird die Erweiterung des Körpers. Kunst wird Prothese.

Eva Maria Salvador Conferences im Autocenter   Take 2

Eva Maria Salvador, Untitled, 2011, Series: "Köpfe", Lambda Print, 60 x 80 cm © Eva Maria Salvador

Schon vor zwei Monaten, am Eröffnungsabend von “The Legend of the Shelves“, haben die noch relativ neuen Räumlichkeiten vom AUTOCENTER voll eingeschlagen. Wer die “Conference 1″ erlebt hat, kommt eh. Wer von euch miesen Kröten noch gar nicht vor Ort war, der nehme schon jetzt die Stiefel in die Hand. Dann seid ihr am Samstag auch pünktlich.

WANN: Am Samstag, den 18. Mai, ab 20 Uhr, eröffnet “Conference 2″. Ansonsten könnt ihr noch bis zum 1. Juni vorbei schauen – von Donnerstag bis Sonntag immer zwischen 16 und 19 Uhr.

WO: AUTOCENTER, Leipziger Strasse 56, 10117 Berlin

 

Artikelbild_Alex McQuilkin, Get your gun up, 2002 Video, 2,5 min Courtesy of the artist

Der wöchentliche Gallerytalk-Kunstgriff (14.5. – 20.5.2013)

Im Westen sagt man Mama, im Osten Mutti. Das haben wir am Wochenende gelernt. Wir waren nämlich furchtbar Kunstfaul. Dafür haben wir uns tagespolitisch gebildet. Pakistan hat gewählt, die Piraten haben sich eine neue Hübschheit an die Spitze gesetzt, im Kartoffelbusiness soll es – Obacht – Preisabsprachen gegeben haben, Anschlag in der Türkei und die Bayern haben völlig überraschend ihr Patscher an die Schale legen dürfen. Ist ja alles mehr oder weniger wichtig und so. Wir sind trotzdem erleichtert uns einfach nur wieder ins Kunst-Getümmel zu schmeißen. Das nächste Interview steht schon in den Startlöchern.

Wir schämen uns, echt wahr, aber beim Gedanken an den me Collectors Room geistert uns dieser Tage permanent die Zuckerwatte-Stimme von Anette Louisan durch die Birne. Bisschen eklig. Es dominiert dann aber die Vorfreude, auf das, worum es wirklich geht: die Ausstellung ”PLAY – The Frivolous and the Serious”. Dürften wir nicht schon heute in die Räume der Stiftung Olbricht linsen, wir stünden direkt morgen früh, am Mittwoch, den 16. Mai, um 12 Uhr auf der Matte. Da geht’s offiziell los. 22 Arbeiten unterschiedlicher Medien haben die beiden Nachwuchskuratorinnen des Master-Programms “Curating the Contemporary” an der London Metropolitan University zusammen geschmissen und in den Dienst des Spiels gestellt und ordentlich miteinander flirten lassen. Anna-Antonia Stausberg, Philippa O’Driscoll – junge Schönheiten nach vorn!

Alex McQuilkin Get your gun up 2002 Courtesy of the artist1 1024x682 Der wöchentliche Gallerytalk Kunstgriff (14.5. – 20.5.2013)
Alex McQuilkin, Get your gun up, 2002 Video, 2,5 min, Courtesy of the artist

Wer beim Gedanken post-apokalyptischen Landschaften endlich diese seltsamen roten Adern aus Krieg der Welten aus seinem Gedächtnis verdrängen möchte, findet mit Philip Groezinger dieses Mal kein Heilmittel. In dessen abstrakte Untergangsszenarien von 2011 ist nämlich wieder Leben eingekehrt. Düster bleibt’s trotzdem. Die Helden: martialische Männchen und groteske Mischwesen. Sie blecken ihre Zähne und fahren die Tentakel aus. Für die Bebilderung der klassischen Frühstückspension taugen die zombiesken Zerstörer jedenfalls nicht. Wer bei “Waiting for a new dawn” dennoch das Regenbogen-Boulevard bei Mario Kart denkt: Den orange-gescheitelten Schoßhund erblickend würde wohl nicht nur Peach die Straßenseite wechseln. Überzeugt euch selbst. Und zwar bei Christian Ehrentraut. “Sunny Side Up” eröffnet dort am Donnerstag, den 17. Mai, um 17 Uhr.

 Der wöchentliche Gallerytalk Kunstgriff (14.5. – 20.5.2013)
Philip Grözinger, Waiting for new dawn, Acryl, Öl, Ölkreide, Sprühfarbe auf Leinwand // 160 x 145 cm // 2013 Courtesy Galerie Christian Ehrentraut, Berlin, Foto: Uwe Walter

Für den Abend haben wir dann die MILA Kunstgalerie im Programm. Dort warten nämlich ab 19 Uhr “Mark Beard und seine Entourage” – eine “Gruppenausstellung. Beard ist ein kleiner Formenwandler. In den vergangenen Jahren hat er sich unterschiedliche Identitäten geschaffen um in diversen Stilen mit diversen Medien zu arbeiten. Cleverle. Mit ins Boot geholt hat er unter anderem den Männer-Mal-Experten und viel zu früh verstorbenen Bruce Sargeant. Oder Peter Coulter, den alten Poeten. Wenn der in der Vergangenheit seinen Wortschatz auf die Leinwand brachte, stand da gerne mal Schwanz, Fotze, Pisse, Scheiße. Richtig was für’s Familienfrühstück. Aber wir schweifen ab. Uns erwarten nun also zum Beispiel solide gepumpte Jungs, durchaus martialisch anmutend, und ein Hühnerstall. Unsere primitive Vorfreude gilt den Boxer-Buben – und natürlich Mark Beard himself.

Bruce Sargeant Three Boxers oil on canvas copyright Bruce Sargeant courtesy MILA Kunstgalerie 690x1024 Der wöchentliche Gallerytalk Kunstgriff (14.5. – 20.5.2013)
Bruce Sargeant, Three Boxers, oil on canvas, © Bruce Sargeant, courtesy MILA Kunstgalerie

Und dann ist da Anish Kapoor. “Cloude Gate”, ist klar. Chicago und so. Und natürlich “Shooting into the corner” – vielleicht nicht ganz angebrachte, aber die Arbeit die uns dahinschmelzen ließ. Er Kapoor ist einer der weltweit bedeutendsten zeitgenössischen Künstler. Ihm maximal nahekommen, das geht ab Samstag, den 18. Mai, im Martin-Gropius-Bau. Mehr wollen wir dazu nicht sagen, denn A haben wir die meisten von euch vermutlich spätestens bei Abschnitt drei verloren (ihr faulen, ihr) und B wollen wir über Kapoor an anderer Stelle vielleicht noch etwas mehr schreiben. Pssssst…

Folglich war’s das dann schon mit unserem wöchentlichen Gallerytalk Kunstgriff. Seit fleißig und wascht euch die Kniebeugen.

 

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“Was ist Ihnen wichtig”, fragt Foster Huntington

Mädels, falls ihr noch nicht sicher seit, welchen Mann ihr euren Eltern als nächstes an den Küchentisch setzt. Wir hätten da wen gefunden: Foster Huntington. Gewinnender Typ. Und wir so sofort hin und weg. Deswegen waren wir auch die letzten Tage ganz kribbelig, unsere Fan-Kultur an euch weiterzutragen. Fotos macht er jedenfalls – das soll nicht schon im Teaser vergessen werden. Hach, Foster.

Foster Huntington ist kein szeniger Kunst-Typ. Als wir ihn in Kreuzberg treffen, ist er gerade ein paar Tage in Berlin. Er hat sich Deutschland angeguckt. München, Frankfurt, Köln. Zum Gallery Weekend stand er dann hier auf der Matte. Bei Sommer & Kohl hat es ihm gefallen. Noch einen Monat lang ist dort der Schotte Paul McDevitt mit “A Life Without Shame” vertreten. So richtig Teil des Kunst-Klüngels sein, will Huntington nicht. Mit rumstehen und cool aussehen hat er nichts am Hut.

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1istmirwichtig mit Cary Siress, Architekturtheoretiker, Foto: Foster Huntington

Diese Sorte Mensch war der Grund, warum er vor zwei Jahren seinen Job bei Ralph Lauren gekündigt und New York verlassen hat, um in einen Camping-Van zu ziehen. Bis heute tourt er mit seinem VW Syncro von 1987 durch die Staaten. Gerade parkt er an der Küste von Oregon. Huntington ist mehr so Typ Carhartt. Carhartt bevor jeder 14-Jährige die entsprechende Mütze auf dem Kopf trug. Sneakers, Hose, Shirt. “Ich gehe eben lieber Surfen”, sagt Huntington.

So entspannt, wie er aussieht, so entspannt spricht er auch über seine Arbeit. Wann er das erste mal auf den Auslöser gedrückt hat und dachte “Ja, das ist Kunst”, weiß er nicht. Vermutlich ist ihm der Gedanke nie gekommen. “Eigentlich wollte ich immer nur dokumentieren,” so Foster. “Ich wollte Fotos machen von den Dingen, die ich sehe. Und dann hat sich daraus plötzlich diese ‘Sache’ entwickelt.” Er war 20 Jahre alt, als er anfing zu fotografieren. Ein Freund vom College hatte ihn etwas eingewiesen. Wenige Monate kaufte er sich eine eigene Kamera und startete seinen ersten Foto-Blog: A Restless Transplant.

Foster Huntington Amerikanischer Fotograf und KÅnstler high res Was ist Ihnen wichtig, fragt Foster Huntington

Objekt der Begierde: Foster Huntington © Allianz

“Der Blog gab mir eine Platform, mit meinen Fotos die Geschichten zu erzählen, die ich erzählen wollte”, sagt Foster. Erst nach unserem Gespräch fiel auf, dass der zweite Eintrag  dort Wollunterhosen bewirbt. Wir mussten gar nicht fragen, um herauszufinden, was Huntington drunter trägt. Wäre ihm vermutlich aber nicht unangenehm gewesen, das Thema. Dass er mit einem Feature auf dem Urban Outfitters Blog auf den ultimativen Hipster-Thron gesetzt wurde, darüber kann er schließlich auch lachen.

Alles Geschichten, die er erzählen wollte. So ist das mit dem Internet. Und Huntington ist begeistert von dessen immenser Kraft. “Fotografen der Generation vor mir mussten noch allerhand Regeln befolgen”, sagt er. “Man musste Bilder in Magazinen platzieren und nach den Regeln kommerzieller Kunden spielen, um finanzielle Mittel für eigene kreative Projekte aufzubringen.” Heute sei Fotografie jedem zugänglich, auch die Kunst insgesamt. Man brauche jemandem ja nur einen Laptop in die Hand geben und er könne Fotos retuschieren und Filme schneiden. “Das Internet ist großartig”, findet Huntington. “Ohne das Internet würde ich mit meinen Bildern kein Geld verdienen. Ich wäre etwas anderes geworden, jedenfalls kein Fotograf.”

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1istmirwichtig mit Sepp Hundegger, Schafkopfmeister, Foto: Foster Huntington

Huntington gehört zu der Gruppe junger Menschen, die zufällig aus dem Netz gegriffen und zu Persönlichkeiten gemacht wurden. Sein Blog war sein kreativer Kanal. In einer Kleinstadt umgeben von Gleichaltrigen, die ihm in den seltensten Fällen zusagten – zu posh. “Ich war frustriert, ich wollte etwas tun”, erzählt er heute. Huntington wollte raus. Und genau das sollte er schaffen.

Huntington startete also einen zweiten Blog: The Burning House. Er fragte die Menschen: Was würdet ihr mitnehmen, wenn euer Haus brennt. Die Antwort hielt er fotografisch fest. Die Idee dazu kam ihm, da arbeitete er noch bei Polo in New York. “Mein ganzes Leben drehte sich darum, was die Leute tragen, welche Farben sie mögen, welche Autos sie fahren,” erzählt Huntington. Den ganzen Tag über musste er versuchen, Menschen über die Dinge, die sie besitzen zu definieren. “Aber ich war es leid, das in einem Kontext zu tun, wo es nur um die Produktion von Kleidung geht,” sagt er. Aber die Modeindustrie war ihm zu schnelllebig. “Gerade noch ist etwas cool, dann schon nicht mehr. Man hält bloß den Konsumkreislauf am Leben.” Huntington wollte eine Bühne kreieren, auf der die Leute sich auf eine echtere, ehrlichere Art ausdrücken können.

“Klar, im Internet gibt es so viele Möglichkeiten sich darzustellen und zu zeigen, was für verdammt coole Sachen man hat. Aber ich hoffe, das beim Burning House Raum ist für Dinge, zu denen man eine persönlichere Verbindung hat.” Huntington weiß, dass das in der Realität nicht immer so funktioniert. Insbesondere seit seine Bilder bekannt sind, überlegen sich die Teilnehmer ganz genau, was sie vor die Linse bringen. Huntington findet das in Ordnung. Irgendwann hat er das Projekt geöffnet. Er schießt nicht mehr alle Bilder selber. Die Menschen können ihre eigenen Bilder einsenden. “Ich hoffe sich hinter all dem Stilisierten, immer etwas wirklich spannendes verbirgt.”

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Huntington unterwegs für das Projekt 1istmirwichtig - hier auf Amrum © Allianz

Und tatsächlich, auf den Burning House Bildern finden sich kaum Gegenstände mit vorrangig praktischem Nutzen. Sicher, Laptops und Iphones sind dabei, Pässe, auch erstaunlich viele Messer und Tassen. Im großen und ganzen aber zeigen die Aufnahmen Gegenstände von offensichtlich sentimentalem Wert. Huntington selbst hat für das Projekt damals seine Festplatte fotografiert. Heute würde er seine Wahl anders treffen. “Alle meine Dateien habe ich heute online gespeichert. Die Sorgen müsste ich mir nicht mehr machen”, sagt er. Stünde sein Haus beziehungsweise sein Van in Flammen, würde er sich heute nur den letzten unentwickelten Film schnappen. “Das könnten schließlich die besten Bilder sein, die ich je gemacht habe!”

Die Geschichte von Foster Huntington, ist erstmal die Geschichte eines verdammt netten Kerls. Es ist die Geschichte von einem, der was kann. Es ist aber auch die Geschichte von einem der verdammt Glück hatte. Das schöne daran: Er weiß das auch. Die Geschichte von Foster Huntington ist nämlich auch die Geschichte von einem, der ehrlich dankbar ist. “Ich habe Geschichte studiert. Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal in einer Design-Abteilung arbeiten würde. Noch viel weniger, dass ich Foto-Projekte realisieren könnte. Es fing irgendwann an einfach zu passieren und ich bin mitgegangen.”

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1istmirwichtig mit Blanca Bernheimer, Galeristin, Foto: Foster Huntington; zum Video geht's hier

Hätte niemand sein Buch verlegt, wer weiß ob er dann heute die nötigen Kröten beisammen hätte, um in seinem Van zu sitzen. Abends um 19 Uhr, wenn es draußen regnet, nichts mehr zu tun ist und man nur auf den Schlaf hoffen kann. “Glamourös ist das nur, wenn man in seiner Stadt-Wohnung sitzt und vom wilden Leben träumt”, sagt Huntington. “In der Realität ist das völlig anders. Aber für mich ist es perfekt.”

Fast frech, dass er auch seinen Camping-Lifestyle mittlerweile zum Beruf gemacht hat. Die Allianz hat ihn auf einen Roadtrip durch Deutschland geschickt. Dieses Mal brennen keine Häuser. Er stellt die Frage: “Was ist Ihnen wichtig?” Die Bilder sehen ganz ähnlich aus. Ein cleverer Kerl, dieser Foster Huntington. Und die Allianz? Ein vielleicht noch cleveres Unternehmen.

Guckt euch an, was Foster mit den Herren und Damen Versicherern unter dem Titel “1istmirwichtig” auf die Beine gestellt hat.

Klickt euch auf A Restless Transplant.

Klickt euch auf The Burning House.

Kauft The Burning House.

Verliebt euch!

Falls wir übrigens nicht die einzigen sein sollten, denen beim Namen “Huntington” die Glocken im Schädel bimmeln: Das Huntington-Syndrom hat tatsächlich Fosters Ur-Ur-Großvater entdeckt.

Marie Cochon Nikolaus Eberstaller

Ein Mann, ein Schwein – Nikolaus Eberstaller

Nikolaus Eberstaller ist der Mann mit dem Schwein. Jeder braucht so seinen Identifier. Das deutsche Edelschwein Marie Cochon ist seiner. Eberstaller ist ein Ösi mit Wein anbauendem Cousin. Eberstaller spricht viel von Beuys. Eberstaller findet, die meiste Ahnung von Kunst haben Juristen. Und den miesesten Geschmack haben Zahnärzte. Eberstaller hat nie einen „Stil“ gehabt. Mit diesem Damoklesschwert von einst schlagen ihn Kritiker heute zum Ritter. Eberstaller ist ein Künstler, der sich selbst mehr als Medium begreift, und einer, der die Klappe aufreißt. Eberstaller ruft auf. Die Gesellschaft zum Hinsehen und Teilnehmen, seine Künstlerkollegen zur Demut. Eberstaller glaubt: Kunst ist normal.

„Eigentlich“, findet er, „ist gerade jetzt die beste Zeit für Kunst.“ Seit jeher hätten Krisen die Menschen kreativ gemacht. Er spricht von Kriegen und Bankencrashs. Als 2008 die amerikanische Immobilien-Blase platzte, da hätte es so richtig losgehen können. „Aber es passierte nichts!“ Eberstaller ärgert sich. Nicht wie ein trotziges Kind, dem einer den Lolli unter der Nase weggeschnappt hat, sondern wie einer, der an etwas glaubt. Eberstaller glaubt an die Kraft der Kunst.

Eberstaller Seite 7 Ein Mann, ein Schwein   Nikolaus Eberstaller

Eberstaller und Schwein "demonstrieren" gegen die Gier, Wien, 2012, Courtesy of the artists | Nikolaus Eberstaller & Barbara Eberstaller_Wendelin

Ein Dreivierteljahr haben er und seine künstlerische Partnerin Barbara Eberstaller-Wendelin daran gearbeitet, das Schwein Marie stadtfein zu machen. „Wir wollen, dass die Sau die Performance-Künstlerin ist und wir die Assistenten“, klärt Eberstaller gleich mal die hierarchischen Strukturen. Anders könne es nicht funktionieren. „Wir sind doch selbst nicht frei von Gier.“ Um Gier nämlich geht es bei dem Scheine schmausenden Schwein.

Als sie damals mit Marie nach Wien gefahren sind, um sie das erste Mal „spazieren zu führen“, war unklar, wie die Menschen reagieren würden. Sicherheitshalber gingen sie zur Polizei und meldeten eine Demonstration an – „Gegen die Gier“. Bepackt mit einem Sack voll Geldscheinen, eskortiert von Polizisten und unter den Augen verdutzter Innenstadt-Bummler zog Eberstaller dann das Schwein im Glaskasten durch Wien. Er muss grinsen, wenn er sich an eine alte Dame erinnert, die einen der Beamten antippte und fragte: „Herr Inspektor, dürfen die das denn?“.

Eberstaller Seite 10 Ein Mann, ein Schwein   Nikolaus Eberstaller

The wisdom of the dogs - Die Weisheit der Hunde © Nikolaus Eberstaller & Barbara Eberstaller Wendelin

60.000 Geldscheine sind an diesem Tag geflogen. Natürlich keine echten. Die brauchte es aber auch gar nicht. Die Leute seien richtig auf dem Boden herumgerobbt, um sich einige Scheinchen zu greifen. „Sie erniedrigen sich, obwohl die Scheine keinen wirklichen Wert haben“, sagt Eberstaller. „Das ist die Macht der Symbolik.“ Marie teilt ihr ballastoffreiches doch nährstoffloses Futter. Welch wundervoll groteskes Bild.

Eberstallers Währung heißt „Honey“ („Home Made Money“). Sieben Scheine, sieben Todsünden. Der schönste Schein von allen sei vielleicht die 100er-Note, so Eberstaller. Die Vorderseite zeigt – wie bei allen anderen Scheinen – Schloss Krasków (eine polnische Kunststiftung als Beispiel positiver Transformation von Geld). Auf der Rückseite sehen wir Captain Ahab, „den völligen Idiot“, der sein Leben der – aussichtslosen – Jagd auf einen Wahl, Moby Dick widmet, außerdem Ahabs fiktiven Sohn, an den er seinen Wahnsinn weitergibt. Die verkörperte Sünde ist Ira, der Zorn.

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Honey - Home Made Money © Nikolaus Eberstaller

Der seiner Meinung nach schönsten wie unheimlichsten Sünde, hat Eberstaller den Wert 10 zugewiesen. Der Blaue Schein steht für Acedia, die Trägheit des Herzens.  „Das Billigste und zugleich das Tragischste“, so Eberstaller. Hier soll noch einmal herausgestellt sein: Jeder dieser Scheine ist ein verdammtes Kunstwerk. Das lässt Eberstaller zwar so gar nicht raushängen, aber bei seinem Geld sitzt jedes Symbol, jedes Symbölchen am rechten Fleck. Mit „worthless unless transformed“ liefert jeder Schein gleich seine Gebrauchsanweisung. Die Signatur wie Zeichen kommen nicht ohne die Biene aus – Nikolas Eberstaller, der „Beekeeper“. Das Geld kommt aus der „Extranational Honeybank of Krsków“. Die jeweilige Sünde findet sich verkörpert in Rückseitenmotiv, Siegel je eines Global Players und einer Allegorie. Die Seriennummer steht immer für den Beginn eines großen Krieges.

„Wir gehen mit der Sau auf die Straße, schmeißen Scheine und die Leute verstehen’s“, sagt Eberstaller heute. Das und nur das ist, was er erreichen wollte. Er stemmt sich gegen verklausulierte Kunst, die sich nur noch einer aufgeklärten Elite erschließt. Er will Menschen neu für Kunst gewinnen. Sie sollen sehen: „Hier passiert was, wo ich mitgehen kann.“

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Schwein Marie unterwegs in Wien © Nikolaus Eberstaller & Barbara Eberstaller Wendelin

Wenn man will, kann man den Schweine-Marsch als feines Sinnbild für all die Privilegien unserer Zeit betrachten – das Recht auf Meinungsäußerung, das Recht sich zu versammeln, das Recht Veränderung anzustoßen. Hier ging es „nur“ um Gier, es hätte um Größeres gehen können. „Das Absurde aber ist doch: Das Ganze hat keinen Mut erfordert. Es ist alles geregelt, nichts kann passieren – und trotzdem tut’s keiner.“ Die Menschen gingen eben immer erst auf die Barrikaden, wenn etwas wirklich Schlimmes passiert.

Eberstaller will ein Künstler sein, der transformiert. Wenn er produziert, dann als ein Gefäß, was sich solange füllt, bis es überläuft. „Was entsteht, hat meine Umwelt geformt“, sagt Eberstaller. Deswegen nennt er positive Demut als wesentlichen Faktor des Künstlerdaseins. Immer wieder gleichen seine Bilder im Nachhinein einer Prophezeiung. In seiner Kunst spiegelt sich, was zwar da, aber noch nicht sichtbar war. So war es bei seinem Bild „So ein schönes Kind warst du“. Es zeigt einen Jungen zwischen bedrohlichen Lianen mit einer Naht senkrecht auf dem Oberkörper. Als Eberstaller das Kind malte, wusste er noch nicht, dass er schwer krank war. Wenig später musste er sich einer Operation unterziehen. Auf das vorausschauende Moment in seinen Arbeiten ist Eberstaller nicht stolz. „Kunst ist ein Lautsprecher“, sagt er. Aber nicht unbedingt sein Lautsprecher. „70 Prozent von dem, was ich mache, sind scheiße, 30 Prozent sind gut – nur zehn Prozent sind das, was ich wirklich machen will.“

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So könnte das "Battlefield" vor dem Reichstag aussehen © Nikolaus Eberstaller

Zu diesen zehn Prozent zählt das rosafarbene „Battlefield Love Memorial“. Ein Schlachtfeld in rosa, prominent platziert. Es geht um die Dualität von Gut und Böse. Und wieder um Transformation. So wie sich die Liebe zuweilen in ein Schlachtfeld verwandelt, so soll sein Schlachtfeld zu Liebe vernichtet werden. Nicht nur abstrakt. Nein, am Ende soll ein Bulldozer die temporäre Installation dem Erdboden gleich machen.

Details des Projekts stehen noch zur Disposition, nicht aber die Farbe von Soldaten, Panzern & Co. Rosa, das stand für Eberstaller immer schon fest. Die perfekte Begründung hat ihm dann erst der befreundete Kunsthistoriker und Kurator Achim Gnann geliefert: Rosa ist die Mischung aus weiß und rot – Rot versinnbildlicht das Blut, weiß die Reinheit.  Er selbst, gesteht Eberstaller, habe immer mehr an Hautfarbe gedacht – „popartmäßig überzogen“.

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Das Projekt Battlefield Love Memorial © Nikolaus Eberstaller

Noch eins ist für ihn ganz klar: sein Schlachtfeld soll in Berlin passieren. Berlin, als absolutes Paradebeispiel der Transformation. Ein Ort, wo Kälte, Starre und Mauer, Inspiration und Aufbruch gewichen sind. „Österreich hat sich immer aus der Geschichte genommen“, findet Eberstaller. In Deutschland hingegen werde aus der Last der Generationen Kraft. „Wir erleben dort eine Transformation zum Guten, wie wir sie nirgendwo anders erfahren können“. Wenn er sich ein Land aussuchen sollte, das vorerst mit Sicherheit keinen Krieg anzettelt, es wäre Deutschland. Vor dem Reichstag oder auf dem Tempelhofer Feld – da sieht Eberstaller seine Über-Installation. „Ich bin geisteskrank, völlig größenwahnsinnig, ich weiß“, kommentiert er. Das Battlefield sei eben eine Art Lebensprojekt. Er will es richtig machen. Am liebsten möchte er fünf Kontinente damit bespielen. Er will es richtig machen.

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Selbstportrait © Nikolaus Eberstaller

„Museale Kunst hat ihre Berechtigung“, findet Eberstaller. Er aber will raus. Seine Kunst soll in die Öffentlichkeit. Dass das Battlefield auch ein nicht von der Hand zu weisender touristischer Faktor wäre, davon ist er überzeugt. Im gewöhnlichen Kriegerdenkmal zum Beispiel sieht er bloß eine versiegelte Fläche. „Da wird drei Mal im Jahr geputzt. Sonst passiert da nichts.“  Eberstaller sucht die Möglichkeit, „Denkmal“ als etwas Neues zu begreifen. Sein Battlefield muss belebt werden. „Die Leute sollen zwischen Panzern Picknicken, Gewehre abbrechen, Sex neben Soldaten haben – nur völlig abtragen dürfen sie es nicht“, erklärt er. Und je mehr sein Werk von Leben erfüllt werde, desto weniger scheine das einstige Schlachtfeld hindurch.  „Noch bevor die Planierraupe kommt, wird nur noch Liebe übrig sein“ – so stellt sich Eberstaller das vor.

Eberstaller Seite 05 Ein Mann, ein Schwein   Nikolaus Eberstaller

© Nikolaus Eberstaller

Jetzt braucht er Investoren. „Aber welcher Konzern sollte diese Botschaft nicht unterstützen wollen?“ Eberstaller ist hoffnungsvoll. Auf öffentliche Gelder will er verzichten. Damit solle man lieber junge Künstler fördern.

Er hat es nicht in diesem Zusammenhang gesagt, aber was wäre ein Fan-Artikel ohne den obligatorischen Emotionsrundumschlag: „Ich habe mich schon als Kind gefragt: Wenn wir wissen, dass das All unendlich ist. Wie geht es dann, das etwas unmöglich ist?“

Wem Nikolaus Eberstaller bei White Concepts durch die Lappen gegangen ist, hällt sich am besten über den Eberstaller-Internetauftritt auf dem Laufenden. Und wer sich in Marie verguckt hat der folgt dem Schwein bei Facebook.

Alina Szapocznikow, Fiancée folle blanche, 1971, Polyester, Plastiknetz, 46 x 25.5 x 22 cm © Courtesy Galerie Isabella Czarnowska, Berlin

Wir habens getan – Gallery Weekend 2013 #2

Da ist’s auch schon vorbei, unser Gallery Weekend. Ja klar, nicht unser Gallery Weekend. Es war einfach stark Teil dieser wild wabernden Masse zu sein. Überall Kunst-Jünger – und wir mitten drin. Jetzt stehen wir da mit unseren kleinen Köpfen, in denen tausende Bilder rumspuken – und Ideen, von denen sicher 95 Prozent nie in die Tat umgesetzt werden. Ist aber auch egal. Der Drive der Umtriebigkeit ist eben der Prinz unter den Ego-Pushern. Wir blicken zurück mit wohlig kribbelnden Bäuchlein und lecken uns die Finger nach mehr.

Bevor hier so richtig Inhalt an den Start geht, wollen wir uns ganz doll bei MADE bedanken. Wir hatten einen ganz großartigen Abend. Mit Yohji Yamamoto, mit 5 Cuts, mit leckeren Drinks (es hilft massiv, eine Wodka-Marke im Boot zu haben). Hingeschickt haben wir euch ja bereits. Jetzt wollen wir euch ein wenig heiß machen: Wir werden ganz bald mit dem netten MADE-Team quatschen und das Ergebnis lest ihr dann in unseren Berlin Interviews.

Ach und: Seid doch nicht so schüchtern und scrollt ruhig mal ans Ende des Artikels. Wir haben wieder Texte zusammen geschmissen und wünschen uns ein bisschen Fame für jeden von uns. Merci, ihr Tollen.

Crone Seymour2 Wir habens getan   Gallery Weekend 2013 #2

Jerszy Seymour - The Universe Wants To Play Installation View at Galerie Crone, 2013 © Galerie Crone, Photo: Marcus Schneider

Wer immer schonmal LSD in der Prärie nehmen wollte, aber weder den nötigen Mut noch die Kröten zusammen kratzen konnte, der sollte bald mal in der Galerie Crone vorbeischauen. Dort will nämlich das Universum spielen. Mit euch, mit uns, mit jedem, den ein bisschen Sand in den Schuhen nicht weiter kümmert. Jerszy Seymour it is!

Crone Seymour3 300x196 Wir habens getan   Gallery Weekend 2013 #2

Jerszy Seymour - The Universe Wants To Play Installation View at Galerie Crone, 2013 © Galerie Crone, Photo: Marcus Schneider

Zugegeben, man wäre schon ganz gern allein gewesen auf dieser psychedelischen Spielwiese. Sei’s drum. Wir sehen: Felsbrocken, Steine, Ziegel, Knochen, Äste, Tierschädel. Alles bunt besprüht. Ab und an ein Kaktus – Prärie-Gefühl hoch hundert. Echt wahr. Irgendwo zwischen Pragmatismus und Träumerei finden wir uns wieder. Starren kuhäugig auf die farbwechselnden an die Wand gebeamten Rechtecke und würden am Liebsten die Leiter rauf und ab durch den Beton. Nicht weil’s inmitten des vulkanartig anmutenden Gesteins unbequem geworden wäre, sondern weil wir weiter wollen. Weiter und höher und mehr. Weil Seymour so viel Spaß macht. Weil er detailverliebt den Blick für’s Ganze wahrt. Weil er uns in seine Kunst reinstapfen lässt und uns darin gefangen hält ohne uns in Ketten zu legen.

JvB Wir habens getan   Gallery Weekend 2013 #2

Julius von Bismark, Unfall am Mittelpunkt Deutschlands #2, 2013, Inkjet Print © alexander levy, Berlin

Julius von Bismark ist auch so’n alter Witzbold. Wir stolpern rein bei Alexander Levy, versuchen weder auf fremde Füße noch auf die grünen wachsartigen Gebilde am Boden zu treten und Landen vor Fahrzeugpapieren. Fahrzeugpapiere und ein Autoschlüssel – VW Golf. Alles Klar. Der deutsche Otto Normal. Aber wie immer wenn wir mit unseren tauben Augen Kunst Banalität unterstellen, kommt der erhobene Zeigefinger um die Ecke geflitzt. Es ist nämlich so: Es stand einmal in der thüringischen Provinz eine Linde. Da steht sie wohl immer noch – das Präteritum dient hier der Märchen-Dramaturgie, liebe Kinder. Eines Tages rumste ‘ne Karre rein. Und das war’s schon fast mit dem Märchen. Das hat wer fotografiert. Das Foto fand seinen Platz an die Wand einer Galerie, daneben: Fahrzeugpapiere und ein Autoschlüssel. Wie wir den Zusammenhang so erkannten, fanden wir’s jedenfalls stark. Ende. Doofes Märchen, gute Kunst. Und irgendwie auch sehr klassisch, so thematisch. Natur prallt auf Kultur – in diesem Falle anders herum.

Szapocznikow Fiance folle blanche 1971 Wir habens getan   Gallery Weekend 2013 #2

Alina Szapocznikow, Fiancée folle blanche, 1971, Polyester, Plastiknetz, 46 x 25.5 x 22 cm © Courtesy Galerie Isabella Czarnowska, Berlin

Weil es bei “Nödlich der Zukunft” von Annette Messager und Alina Szapocznikow um das in Beziehung setzen zweier Künstler und ihrer Arbeiten geht, ist es natürlich doof, dass wir euch nur ein Bild zeigen. Wir wollen euch aber ganz gezielt lenken, damit ihr nur ordentlich lange auf dieses immense Glied glotzt. Dann brauchen wir uns auch nicht mehr so schäbig fühlen, weil unsere Blicke so gefesselt waren. Manipulation der Medien können wir auch. Schreibt’s euch hinter die Ohren. Der Ort des Geschehens ist die Galerie Isabella Czarnowska. Gut für Fußfaule, denn Crone und Alexander Levy findet man im gleichen Gebäude. Wir blicken also auf die Konfrontation des weiblichen Körpers mit dem Penis, als Inbegriff der Männlichkeit. Ist ja nicht so, als sei das eine völlig lebensfremde Situation. Allein die größen Verhältnisse schocken – und ob das mit dem Augen-Verbinden wohl eine gute Idee war, da sind wir uns auch nicht so sicher. Hier sollte wirklich was schlaues stehen. Aber es ist spät. Guckt’s euch an. Ist noch ne Menge tolles dabei!

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Ayşe Erkmen "Wesenszug", Ausstellungsansicht © Galerie Barbara Weiss

Barbara Weiss an zeigt die Einzelausstellung “Wesenszug” von Ayse Erkmen. An den Wänden kann man eine Serie von zehn bunt lackierten Wandskulpturen beschauen, deren Form- und Farbgebung eher dem Bereich Design entliehen sind. Bei den Farben handelt es sich um die Farbpalette des Modeherbstes 2013 der Marke Pantone, die standardmäßig für Textil und Architektur verwendet wird. Ihrer Zweckmäßigkeit enthoben, kann man nun versuchen dem Wesen der Farben nachzuspüren oder sich einfach am visuellen Vergnügen, das hier zweifellos gegeben ist, erfreuen. Umgeben von den geformten Farben wird zudem noch eine Skulptur gezeigt. Sie besteht aus zwei ineinander verschlungener Acrylplatten. Selbige ist eine Ausgabe der Edition “Surprise Sculptures”. Wie der Name bereits vorwegnimmt, ersteht der experimentierfreudige Kunstliebhaber beim Erwerb einer solchen Überraschungsskulptur zunächst eine weiße und eine gelbe Platte, die dann erst von Erkmen zur Skulptur geformt werden.

Untitled Wir habens getan   Gallery Weekend 2013 #2

Alicja Kwade, Nach Osten, 2011, fünf Lautsprecher, Mikrophon, Verstärker, elektrischer Motor, Pendel, Glühbirne, Courtesy Alicja Kwade und Johann König, Berlin

Von den hellen farbenfrohen Räumen bei Barbara Weiss ging es dann weiter zur St. Agnes Kirche. Die bespielt der Galerist Johann König nun dauerhaft. Der Kontrast könnte kaum größer sein. Schon beim Eintreten in den abgedunkelten Kirchenraum ist man vom bedrohlichen Sound von Alicja Kwades Installation “Richtung Osten” umgeben. Kwade beschert dem Besucher mit ihrer im Grunde einfachen Konstruktion ein beeindruckendes Sinneserlebnis. Ihre Faszination für Naturwissenschaften hat sie einmal mehr inspiriert und so fertigte sie für den Ausstellungsort ihre eigene Version des Foucault’schen Pendels an. Die Metallkugel im ursprünglichen Experiment wurde durch eine einfache Glühbirne ersetzt – die einzige Lichtquelle im Raum. Von der Kirchendecke herabhängend, schwingt der Lichtpunkt knapp über dem Boden und beschreibt dort allmählich eine Kreisbewegung, die auf die Erdrotation zurückzuführen ist. Der verstärkte Sound der Pendelbewegung, der schummrige Kirchenraum, die tanzenden Schatten an den Wänden – wer hätte gedacht, dass Physik derart dramatisch sein kann!

Sturm und Bedrängnis Galerie Gilla Loercher 260413 MG 8764 Wir habens getan   Gallery Weekend 2013 #2

Foto: Cordia Schlegelmilch für Galerie Gilla Lörcher I Contemporary Art, Berlin

Weil wir Ungleichbehandlung und unkorrektes Gendern völlig inakzeptabel finden, soll nun über die Galerie Gilla Lörcher gesprochen werden. In Schöneberg. Einem von uns völlig unterpräsentierten Stadtteil in diesem Westen der Stadt da. Käse, wir schreiben über Gilla Lörcher, weil da verdammt nochmal Holz aus dem Fenster kommt. Also nicht ganz, sieht aber so aus. Starkes Ding jedenfalls. Die Installation heißt “Sturm und Bedrängnis” und ist auf dem Mist von Caro Suerkemper und Matthäus Thoma gewachsen. Als hätten die Wellen sie eben an Land geschwemmt ragen Holzbalken quer durch den Raum und – lediglich unterbrochen durch’s Fenster – darüber hinaus. Ganz schön frech wird da Privates im Öffentlichen platziert. Zwischen all den Balken und latten finden sich Suerkempers birnen-nasige Figuren. So richtig dazuzugehören scheinen die nicht. Im Pressetext ist an dieser Stelle von “Gefangenschaft und Revolte” die Rede. Gesehen haben wir das nicht. Heißt ja aber kaum was.

Und wieder geht es in die Auguststraße – heute zum langerwarten “Relaunch” des KW Institute for Contemporary Art unter der neuen Chefkuratorin Ellen Blumenstein. Die ist in den renovierten und neugestalteten Räumen dann auch omnipräsent – wenn auch auf recht unerwartete Weise. Aber dazu später. Erst einmal sollten wir der Reihe nach anfangen: Man schlängelt sich also mit den sich schon draußen auf der Straße wartenden Gallery Weekend-Hoppern und KW-Aficionados in den Hof und muss erst einmal über ein Graffiti auf einem Holzbalken am Eingang schmunzeln: „This is temporary and contemporary“. Stimmt irgendwie.

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Ausstellungsansicht © Martina John

Endlich im Gebäude angekommen, findet der geneigte Besucher eine Ausstellung vor, die eigentlich gar nicht existiert. Statt Bildern, Skulpturen und Installationen gibt es auf den ersten Blick nur weiße Wände, den White Cube to end all White Cubes sozusagen. Schaut man dann genauer hin, entdeckt man Text. Viel Text. Manchmal groß und rot an der Wand, manchmal im mit der Lupe zu suchenden Miniaturformat, manchmal rotzig hingekritzelt, wie das Graffiti am Hofeingang. Und diese Textstücke haben es in sich. Es handelt sich nämlich um die „Markierungen“ des bulgarischen Künstlers Nedko Solakov und den roten Faden der Relaunch-Ausstellung. Man könnte es natürlich auch als Schnitzeljagd für Kunstmenschen bezeichnen.

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Ellen Blumenstein, Chefkuratorin KW Institute for Contemporary Art, Berlin © Edisonga

Folgt man den Textspuren durch alle Geschosse der KW, so lässt sich einiges über die für die Zukunft geplanten Projekte herausfinden. Nummerierte “Teaser” erklären einem, dass hier demnächst u.a. eine Einzelausstellung von Kader Attia, ein „Living Archive“, ein Performance-Wochenende zum Thema “Wetten”, eine Ausstellung zum Thema Waffen und der Ambivalenz von Gewalt, eine Kooperation mit dem Deutschen Hygiene Museum oder ein Projekt zum “Denken im Kino” stattfinden werden.

Oft wird so etwas spielerisch-ironisch angekündigt – “Right now ELLEN is writing an application to get money to do the VAMPIRE project.” Vampire – na hoffentlich nicht in der “Twilight”-Variant.  Wie oben schon angesprochen ist “ELLEN”, also Ellen Blumenstein, in den Inschriften überall zugegen. Doch immer wieder werden ihre Instruktionen (z.B. “If you step back two meters you can see all 3 floors of this building says ELLEN”) mit schnoddrigen Beifügungen (“and I’m saying ‘And so what?’”)  einer anderen “Stimme” subversiv unterminiert: Aus der simplen Kombination von weißer Wand und schwarzer Schrift ergibt sich ein unerwarteter Dialog und es passiert viel mehr, als man vermutet hätte.

Zusätzlich stimuliert der Text auch die Interaktion der Besucher untereinander – wenn zum Beispiel gleich fünf Leute im Kreis um eine Säule im Chora-Geschoss laufen, weil alle gleichzeitig versuchen die spiralförmig angebrachte Schrift zu entziffern. Oder wenn man beobachtet, wie jemand mit dem Handy eine scheinbar leere Stelle an der Wand fotografiert und einem, sobald man hinzutritt und nachschaut, freudestrahlen winzige Piktogramme offenbart werden, die man alleine garantiert übersehen hätte.

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© Martina John

 ”…some art might appear” verspricht eines der Grafitti. “Imagine that this green is not here”, entschuldigt sich ein anderes für einen Farbfleck auf dem angenehm roh belassenen Fußboden. Die Räume werden aktiviert, so heißt es im Pressetext und der trifft an dieser Stelle dem Nagel auf den Kopf. Es ist herrlich anzuschauen, wie sich ein paar hundert Kunstinteressierte total fasziniert eine Ausstellung anschauen, in der auf den ersten Blick gar nichts zu sehen ist. Doch hier handelt es sich nicht um einen Hoax Marke des Kaisers neue Kleider. Denn es findet durchaus ein Rezeptionsprozess von Kunst statt – nur manifestiert sich dieser nicht über die Betrachtung von Kunstobjekten sondern in der Interaktion mit dem Gebäude selbst, seinen Räumen und mit der Institution KW.

Wie “One on One” kann man sicher auch dem KW Relaunch eventige Effekthascherei vorwerfen. Andererseits ist es aber einfach schön, wieder einmal eine Ausstellung zu sehen, die die Leute involviert, aktiviert und zum Schmunzeln bringt. Die gallerytalk-Korrespondentin ist auf jeden Fall hochzufrieden nach Hause gegangen.

Schließlich, von wegen der Transparenz: Anna war für euch bei Crone, Alexander Levy, Isabella Czarnowska und Gilla Lörcher, Katrin hat sich ihre Schmankerl bei Barbara Weiss und in St. Agnes heraus gepickt und Martina, die Frau mit den tiefgründigen Texten, hat sich die neuen KW angeguckt.

So, Kinners, das war es dann aber wirklich, wirklich mit dem Gallery Weekend. Wem jetzt schon Tränchen kullern, der liest gleich nochmal “Wir habens getan – Gallery Weekend 2013 #2“. Wem’s reicht, dem gönnen wir 24 Stunden. Dann rollt schon wieder der Gallerytalk Kunstgriff an. Unstoppable, wir Berliner.

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Wir habens getan – Gallery Weekend 2013 #1

Berlin hat irgendwie kein Anständiges Volkfest. Über München brauchen wir nicht sprechen, Hamburg hat den DOM und Frankfurts Dippemess ist zwar Popel-König unter den popligen Veranstaltungen, dennoch Jahr für Jahr überpräsent. Vielleicht laufen deswegen diese ganzen anderen Events hier so super. Diese mit Kultur. Die Menschen wollen sich verdammt nochmal versammeln. Und es muss ja auch nicht zwangsläufig Zuckerwatte im Spiel sein.

Vom Gallery Weekend, das an diesem Wochenende die Kunst-Geier durch die Stadt treibt, kann man jedenfalls ohne “Mein Mäuschen”-Herz nach hause gehen. Dafür mit vielen schönen Bildern im Kopf. Richtig was zum träumen (ja, nach dem mieserabelen Aufhänger wird jetzt noch schamlos in der Romantik-Trickkiste gewühlt). Katrin, Martina und ich wollten auch ein bisschen Teil des kollektiven Kunstrauschs sein. Folgender Maßen fanden wir das:

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Ausstellungsansicht Monica Bonvicini, Disegni, Johann König, Berlin 26. April – 15. Juni 2013 Foto: Roman März Courtesy die Künstlerin und Johann König, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn

Schwarz-Weiß-Party bei Johann König. Dort bespielt Monica Bonvicini die Ausstellungsräume mit skizzenhaften Textbildern, Cut-outs, Assamblagen und Zeichnungen. Clean schaut’s aus. 20 Minuten später hat man dann entweder richtig Lust sich ordentlichtlich vermöbeln zu lassen beziehungsweise selbst drauf los zu prügeln oder SM-Fetischisten kommen einem nicht mal mehr in den kühnsten Träumen in die Kiste. Stahlkette, Kettensäge, Porno-Sprech oder eine Bauarbeiter-Eichel können immer irgendwie beides sein: erotischer Akt und Abturner. Und schließlich die Dualität der Sadomasopraxis selbst. Verkörpert in den Bildern “Fear” und “Fuck”, auf denen jeweils eine Metallkette eben jene Begriffe formt. Die Ausstellung “Disegni” wirkt möglicher Weise geständig, jedenfalls bekennend. “I was very enamoured of guns, I was very suicidal, I was drinking heavily, I was obsessed with pornography in the way only a lonely person is”, heißt es auf einem Bild.

Nun wollen wir gar nicht behaupten, dass sich da die Künstlerin die Seele umkrempelt. Bonvicini macht sich emotional nackig und ihr Werk, ihr Fleisch, ist unser aller gemeinsamer Abgrund. Ist vielleicht alles aber auch ganz anders gedacht. Bevor wir uns fragen, ob denn eine Person allein, die Perversion der Menschheit schultern sollte und bevor wir dann grenzwertige bis geschmacklose Jesus-Parallelen ziehen: Liebe Frau Bonvicini, wir halten Architektur nicht für erotische Kunst. Ansonsten sind wir aber recht d’accord mit Ihren Faxen. Wir lieben ihre Affengurte, wir wollen unserer Armut auch ein wenig Eleganz hinzufügen und wir schimpfen unsere utopische Erwartungshaltung, während im Kopf Ihr Mantra klingt: What goes up, must come down.

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GeorgeCondo "Drawing Paintings" © Sprüth Magers

Schon um kurz nach sechs herrscht bei Sprüth Magers reger Betrieb. Wie fast immer bekommt man hier gleich drei Ausstellungen auf einmal zu sehen, wobei sich die versammelte Kunstcrowd fast ebenso sehr für den, zugegebenermaßen sehr idyllischen, Hinterhofpark zu interessieren scheint wie für die gezeigten Werke. Mit durch die Galeriefenster strömenden Grillgeruch in der Nase geht es also frohen Mutes in die Ausstellungen. Im großen Saal unten gibt es “Drawing Paintings” von George Condo zu sehen. Großformatige Leinwände, auf denen sich allerlei bekannte Zitate aus der klassischen Moderne tummeln: Matisse, Tanguy, Klee, Picasso. Wie es der Titel verspricht werden hier Zeichnung und Malerei verbunden – in Form von kubistisch angehauchten Gesichtsfragmenten und wild-abstrakten schwarzen Linien auf großen bunten Farbflächen.

Dann geht es die Treppe hoch zu Joseph Kosuth für eine Dosis hochkonzeptuelles, buntflimmerndes Neonlicht. Da leuchten einem von der Wand die Kapiteltitel und Zeitangaben aus James Joyces “Ulysses” entgegen – definitiv eine angenehmere Art und Weise sich mit Leopold Blooms Tagesablauf zu beschäftigen, als den ganzen Schinken von vorne bis hinten zu lesen. Im nächsten Raum dann noch mehr Literatur, diesmal aus den verschiedensten Quellen. So einige Besucher starren angestrengt auf den Pressetext, andere freuen sich über die hübsch bunten Schriftzüge in Rot, Weiß, Blau oder Gelb. Auch hier herrscht inhaltlich schwere Kost vor: Wittgenstein, Freud, Becket. Ohne den zusätzlichen Erklärungsschlüssel an der Wand wäre so manch einer ganz schön verloren. Aber visuell ansprechend sind die Arbeiten auf jeden Fall und gerne möchte man sich tiefer in Kosuths Oeuvre einlesen – wenn an diesem Abend denn nicht noch so viele andere Eröffnungen rufen würden! Ein anderes Mal dann aber gerne. Jetzt erst einmal wieder die Treppe hinabsteigen, noch einen kurzen Blick auf die texturschweren mysteriös verschwommenen „Portraits!“ von Richard Artschwager werfen, und dann geht es auch schon zur Tür hinaus und tiefer in den ersten Abend des Gallery Weekend hinein.

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Installationsansicht Joseph Kosuth: 'Insomnia: assorted, illuminated, fixed.', Sprüth Magers Berlin, 2013, © Joseph Kosuth / ARS, New York, Courtesy Sprüth Magers Berlin London / Sean Kelly, New York

Das bisher so angenehm warme Wetter entlädt sich plötzlich in Regenschauern und einer Art Sandsturm auf der Auguststraße. Da flüchtet man sich doch spontan in die Ehemalige Jüdische Mädchenschule und erholt sich im EIGEN + ART Lab bei einer kurzen Betrachtung von Jürgen Mayer H.‘s Rauminstallationen. Große wirre Schlangenlinien an der Wand  – der Pressetext sagt, es handele sich um Datensicherungsmuster aus der Innenseite von Briefumschlägen, dazu filigrane kleine Skulpturen und Zeichnungen, alles schwarz-weiß, sehr ornamental, sehr schön. Aber der Regen hat aufgehört und es gibt ja noch so viel zu sehen. Also ein paar Hausnummern weiter, sich zwischen Kunstmenschen mit Gallery Weekend Flyern in den Händen und verwirrten italienischen Touristen vorbeischieben, sehnsüchtig zu Clärchens Ballhaus rüberschielen - aber für Biergarten und Tanz ist keine Zeit, die Kunst ruft.

Und schon ist man bei EIGEN+ART und beäugt skeptisch das Warnschild an der Galeriewand. Hier wird erst einmal erklärt, was starke Magnetkraft so alles anstellen kann. Danach wirkt die Installation von Carsten Nicolai „crt mgn“ (2013) doch gleich doppelt beeindruckend. Neonröhren an der Galeriewand, umgedrehte Fernseher, Stromkreise und riesige schwingende Magnetpendel, alles begleitet von verstörender Soundkulisse und inspiriert von Nam June Paik. Am Ende kommen von Magnetkraft und Elektrizität per Zufall produzierte abstrakte Bildergebnisse heraus. Medienkunst von nahezu erhabenen Dimensionen. Da wird einem ganz anders.

Um sich erst einmal aus der Reichweite potentieller Magnetstrahlungen zu begeben geht es jetzt weiter in die Linienstraße. Hier kann man bei Kicken Berlin unter dem Motto “About Sculpture” ganz klassisch Skulpturen von Hans Arp und Constantin Brancusi bewundern (und bekommt dazu stilecht Champagner gereicht). Viele Leute, enge Räume, aber ein paar wunderschöne Skulpturen von den ganz Großen und an den Wänden hochinteressante Photographien von skulpturalen Objekten aus den 1920ern. Zu den Kippenberger-Photos hat es die Gallerytalk-Reporterin heute leider zeit- und platzbedingt nicht mehr geschafft.

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Maria Lassnig: Adam und Eva, (2010), Öl auf Leinwand, 200 x 150 cm, © Maria Lassnig, Foto: Jens Ziehe, Courtesy Capitain Petzel, Berlin.

Ebenfalls in der Linienstraße geblieben aber ein paar Hausnummern weiter, geht es in den backsteinverzierten Hinterhof und dann zu Neugerriemschneider. In den Galerieräumen angekommen denkt man sich erst einmal: “Huch, wer hat denn hier den zugemüllten Kinderwagen abgestellt?” Dann fällt jedoch schnell auf, dass es sich um Assemblagen von Isa Genzken handelt. Zwischen Schirmen, Sitzmöbeln und Trash aus dem 1€-Laden werden Kinderpuppen in Szene gesetzt. Einsam und verloren hocken sie da unter den bunten Schirmen wie im Kinderstrandbad nach der Apokalypse. Das Ganze wurde schon einmal in Münster ausgestellt und dort Wind, Wetter und den geschockten Reaktionen der Passanten ausgesetzt. Entsprechend heruntergekommen sehen die armen Puppen aus und die Installationen wirken damit noch verstörender als bei ihrer Erstausstellung. Unbedingt einen Besuch wert!

Und last but not least (Samstag ist ja schließlich auch noch ein Tag, mit KW Relaunch und sicher noch so einigen Galeriebesuchen) führt der Weg zurück in östliche Gefilde, um noch einmal bei Capitain Petzel am Strausberger Platz vorbeizuschauen. Hier wird in der monumentaler Atmosphäre von ehemaliger DDR-Prachtarchitektur die große alte Dame, Maria Lassnig, gezeigt. Werken aus den letzten drei Jahren - dass muss einer über 90-Jährigen erst einmal jemand nachmachen! Einzig vergleichbar agiert in dieser Altersklasse vielleicht noch K. O. Götz, aber der hat es im Gegensatz zu Lassnig nicht auf’s Gallery Weekend geschafft. Bei Capitain Petzel werden nun elf Ölgemälde ausgestellt. Alle sehr groß, sehr farbintensiv, sehr expressiv. Toll. Besonders ins Auge fallen die Baconhaft fleischig verdrehten “Drei Grazien” in rosa auf türkisblauem Grund, der buchstäblich sein Innerstes offenbarende “Jüngling”, “Adam und Eva mit Spiegel” (Eva zeigt dem verwirrt starrendem Adam sein wahres Gesicht) und “Mann, Frau und Hund” mit dem unglaublich leidend dreinschauendem Knautschgesicht einer einsamen Bulldogge, die vom abgeschotteten Paar in der linken Bildhälfte schmählich ignoriert wird. In den großzügigen Galerieräumen verteilen sich die vielen Besucher und man kann ohne Hektik und Gedränge noch ein weiteres Gläschen Sekt trinken und die Bilder genießen.

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Peter Saul, Head, 2013, Acrylic and oil on canvas, 183 x 183 cm © VW (VeneKlasen/Werner), Berlin

Beeindruckt hat dann schließlich noch die knallbunte Einzelausstellung von Peter Saul bei VW (VeneKlasen/Werner). Unter dem Titel “Neptune and the Octopus Painter” werden dort Gemälde und Zeichnungen gezeigt, die in den letzten beiden Jahren entstanden sind. Zitieren als Prinzip, denkt man sich, wenn man vor einer der humorvollen, oftmals bissigen Kompositionen steht. In ihnen werden Elemente aus Popkultur, Comik sowie Klassischer Malerei zusammengeführt, und entwickeln in der Synthese ein komplexes Eigenleben. Grell und Grotesk, finden wir gut.

Und damit wir euch morgen auch noch was servieren können, soll nun Schluss sein. Ihr seid ja sicher ohnehin schon wieder selber unterwegs und guckt, wo man überall cool rumstehen kann. Wer noch ein paar Tips braucht, klickt sich fix durch unseren Gallerytalk Kunstgriff.

Ah und: Fairerweise soll hier nochmal fix gesagt sein: Bei Johann König war Anna für euch, VW hat Katrin abgedeckt und all die übrigen herrlichen Eindrücke hat euch Martina gezaubert.

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MADE präsentiert: Yohji Yamamoto // “5 Cuts”

Yohji Yamamoto, du Mode-Urgestein, du Gott des dekonstruierten Schnitts, du Liebhaber der bloß dezent bepinselten Frau. Mögen meine zukünftigen Kinder deine Honja His tragen. Du Meister deines Handwerks. Und verdammte Axt dabei geht es doch hier gar nicht um deine Fummel. Künstler, du. Lass uns über “5 Cuts – A visual dialogue” sprechen.

Wir lehnen uns sicher nicht zu weit aus dem Fenster, wenn wir behaupten, Liebeserklärungen habe Yamamoto schon eine Menge bekommen. Dabei weiß er, dass Liebe häufig genug ein Missverständnis ist. “Liebe und Hass gehen Hand in Hand”, sagt der 69-Jährige. “Sie sind gute Freunde.”

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Yohji Yamamoto, Foto: Matthias Maercks © MADE

Yamamoto ist nicht umsonst so unverschämt bekannt. Das ist nicht allein seiner konsequenten wie einzigartigen Haltung und Arbeitsweise in der Modewelt geschuldet. Der Mann hat das Gesamtpaket. Der muss nicht wahlweise in Australien Orangen ernten, in Mexiko Schildkröten retten oder in Thailand zu sich selbst finden. Yamamoto hat, wovon andere träumen: Persönlichkeit.

Und er ist so nett unseren lechzenden Mäulern einen kleinen Happen davon hinzuwerfen. MADE hat eine Video-Installation entwickelt, die den zeitlosen Japaner von jeder Seite einmal anpackt. Die Installation soll uns authentisch hinter die Fassade Yamamotos linsen lassen. MADE verspricht uns den Blick auf einen Mann, dessen Einzigartigkeit eben nicht nur in seiner herrlichen Kleidermacherei hervortritt.

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Schöne Räume, schöne Menschen © MADE

Eine gute Gelegenheit sich mal die schicken wie vielseitigen Räumlichkeiten von MADE vor- und einen Rat von Yamamoto anzunehmen.  ”Wenn du jemanden innig liebst, wirst du ihn verletzen. Liebe nicht zuviel.” Na gut, Meister.

WANN: Sonntag, den 28. April von 12-18 Uhr sowie Montag, den 29. April von 16-19 Uhr.

WO: MADE, Alexanderstraße 7, 9. Etage, 10178 Berlin

5cuts visual madeblog MADE präsentiert: Yohji Yamamoto // 5 Cuts

"5 Cuts - A visual dialogue" with Yohji Yamamoto © MADE

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Der wöchentliche Gallerytalk-Kunstgriff (23.4. – 29.4.2013)

Gut, dass ihr euch auf gallerytalk.net herumtreibt. Wir haben in dieser Woche voll den Geheimtipp für euch: Es ist Gallery Weekend! Und weil wir euch mit dieser Info vermutlich nicht völlig vom Hocker kippen konnten, haben wir uns ordentlich durch’s Programm gefräst und euch unsere kleinen Highlights zusammen gestellt. Schaut mal, wo wir uns in dieser Woche so rumtreiben.

Los geht’s für uns am Mittwoch, den 24. April. Da gibt’s nämlich was sowas von Neues, neuer geht gar nicht. Das Sammlerehepaar Haubrok eröffnet nämlich ihre neue Ausstellungsfläche Haubrok’s Fahrbereitschaft. Auf der Karl-Marx-Allee ist es den beiden wohl zu schick geworden. Was wir bislang von der neuen Location gesehen haben ist jedenfalls alles andere als edel.

Für Donnerstag, den 25. April, haben wir uns dick und fett die Galerie Johann König hinter die Ohren geschrieben. Wenn der Laden mit dem uncharmanten Internetauftritt schon mal Monica Bonvicini an den Start bringt, müssen wir unser Gesabber schon konzentriert kontrollieren. Eine Liebe die mit Leder-Geschirr begann und dann irgendwie nie endete. “Disegni” heißt die Ausstellung. Das ist möglicherweise Italienisch und findet sich bei Pons nur als fare disegni, was dann Pläne schmieden heißt. Gedanken. Nun ja. Kommt zahlreich und ab 18 Uhr.

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Joseph Kosuth, Self-defined object (green), 1966, Green neon mounted directly on the wall, 10 x 172,5 cm 4 x 68 inches © Joseph Kosuth / ARS, New York Courtesy Sprüth Magers Berlin London

Freitag, der 26. April, hat es dann natürlich ordentlich in sich. Eine dreiste Lüge wäre das, zu behaupten, einer Allein könnte den ganzen Käse allein bezwingen. Wir teilen durch drei und sehen unter anderem:…

… Joseph Kosuths “Insomnia: assorted, illuminated, fixed.” bei Sprüth Magers. Wir sehen dass etwa 50-jährige Schaffen eines Neon-Fetischisten. Der gute Mann hat 20 Jahre schon nicht mehr solo Berlin bespielt. Da soll’s sich auch lohnen. Los geht’s um 18 Uhr. Wenn ihr schon mal da seit könnt ihr euch ja auch noch fix den den Portrait-Ästheten George Condo zu Gemüte führen.

… Hans-Peter Feldmann in der Galerie Mehdi Chourakri. Wer sagt: ”Mich interessieren nicht die Brennpunkte des Lebens. Nur fünf Minuten des Tages sind interessant. Ich will den Rest zeigen, das normale Leben.” Der soll uns doch mal bitte dieses normal vor die Nase klatschen. Und zwar ab 18 Uhr. Danke.

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John Isaacs: The lie, 2013 Wachs, Öl, Styropor, Stahl, Bronze, Latex, Kunstblut, 81 x 207 x 117 cm, Foto: Jens Kunath, Berlin © John Isaacs & Galerie Michael Haas, Berlin

… John Isaacs – den haben wir nämlich gegoogelt. ‘Fettleibiger zerfließt’ wurde die Skulptur des Begehrens getauft. Egal. In der Spaß-Welt Internet geht es fleischig zu und wir hoffen, in der Galerie Michael Haas ebenfalls ab 18 Uhr.

… Peter Saul auf den Brettern, die die Welt bedeuten – naja, bei VeneKlasen Werner. Unter “Neptun and the octopus painter” gibt’s neue Arbeiten des New Yorkers. Flabbrige Disneyeske Figuren treffen auf klassische Malerei. Irgendwo zwischen geschmacklos und abartig – herrlich also. Tickets für ‘nen LSD-freien Trip löst ihr ab – ihr ahnt es schon – 19 Uhr.

… Ayşe Erkmens “Wesenszug” dürfen in der Galerie Barbara Weiß umschleichen. Für die weiß-gelbe Skulptur, die wir wohl unter anderem zu sehen bekommen, hat Erkmen 1969 den ersten Preis in der Erstsemesterausstellung der Universität Mimar Sinan erhalten. Der Preisgekrönte Grund von der Künstlerin liebevoll betitelten “Überraschungsskulpturen”. Was ist hier nutzlos, was nützlich? Was ist der Wesenszug, liebe Kinder? Lach- wie Sachgeschichten und eventuell Antworten gibt’s ab 18 Uhr.

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Martin Kippenberger “Kipön de Berjé (Dame Herz / Queen of Hearts)”, ca. 1976-77 offset print on cardboard ©Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne / Courtesy Kicken Berlin

… Maria Lassnig, das Kunst-Urgestein, bei dessen Namen unserer Chefin die kaufwütigen doch armutsgeplagten Finger jucken. Ihr Lebenswerk:  ”Körperbewusstseins-Zeichnungen und -Malereien”. Elf Gemälde räkeln sich vor den Augen des mehr dankbaren denn kritischen Betrachters. Capitain Petzel macht’s möglich – ab 18 Uhr.

… Martin Kippenberger, der Mann mit der cleveren Ausstellungsbesprechung zu “Sehr gut I Very good” im Hamburger Bahnhof. Nachdem die uns ganz wuschig gemacht hat, seh ich uns in Scharen heran eilen, nicht war? Das Namenswunder und Galerie Kicken Berlin zeigt Foto-Arbeiten des Lebemanns ab 18 Uhr.

… Jodie Careys “Immemorial” zwischen Verschwinden und Bewahren. Es geht um symbolisch stark aufgeladene Stoffe, alltägliche Materialien und – eigentlich hatten wir uns vorgenommen die englische Sprache (im Gegensatz zur italienischen) von Übersetzungsambitionen fern zu halten – ums Erinnern. Die Neuen Berliner Räume haben sich mit der Galerie Rolando Ansehni zusammen getan, damit ihr sehen könnt, wovon wir sprechen. Die Eröffnung startet vor toller Kulisse um – mal was anderes – 19 Uhr.

Elegy2 Der wöchentliche Gallerytalk Kunstgriff (23.4. – 29.4.2013)
Jodie Carey, Elegy, 2012, digital prints from glass plates c1920, Courtesy of the artist and Galerie Rolando Anselmi

Und so sind wir doch in super-mega Lichtgeschwindigkeit schon beim Samstag, den 27. April, angekommen. Ab 16 Uhr könnt ihr mal was zur Abwechslung bekommen: ‘ne voll echte Filmpremiere – richtig wahr. Das Babylon Kino zeigt “Richard Deacon - Inbetween”. Für die, die genau so dumm sind wie wir: Richard Deacon macht zum Beispiel diese organisch anmutenden Holzgebilde. Na jedenfalls gibt’s im Anschluss an die Vorführung ein Filmgespräch mit dem Meister himself und Regisseurin Claudia Schmid.

Außerdem könnt ihr beim me Collectors Room dem Sammlergespräch mit Thomas Ulbricht und Jonas Burgert lauschen. Um 17 Uhr geht’s los. Und natürlich spricht dann auch nichts mehr gegen einen Blick in die Sammlung. Unter dem Titel “Wonderful – Humboldt, Krokodil & Polke” gibt’s Neuzugänge und Oldies zu gucken. Turboschnecke, Pokémon. Finden wir voll wonderful.

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Ellen Blumenstein, Chefkuratorin/ Chief Curator KW Institute for Contemporary Art, Berlin © Edisonga

Ja, ihr Lieben, und dann gibt’s noch was aus der Kategorie neue Räume. Hier aber alte Räume neu gedacht. Die Rede ist vom “Relaunch” der Kunst-Werke. Ellen Blumenstein ist dort die neue Chefkuratorin. Und was die so verhackstückt, wollen wir – klar – am liebsten als allererste sehen. Wir erinnern uns an “One on One” und vergessen’s dann auch rasch wieder. Auf zu neuen Ufern geht’s ab 17 Uhr. Konkurrenzveranstaltung also.

So wären wir denn nun beim Sonntag, den 18. April, angekommen. Reicht ja jetzt auch mal. Wir lassen euch auch gleich allein in eurem Sud schmoren. Gleich. Vorher legen wir euch noch das nette Team von MADE und überhaupt MADE und so ans Herz. Die haben sich da nämlich was zum japanische Klamotten-Gott Yohji Yamamoto ausgedacht. Was das ist? Geht hin. Liegt auch zentral. Sonntag eben von 12-18 Uhr und dann noch Montag, den 29. April von 16-19 Uhr.

Das Schönste, ja das Allerschönste verraten wir euch aber zum letzten, ja allerletzten Schluss. Ihr könnt euch sicher denken, dass das gallerytalk.net Team in Berlin am Wochenende ganz schön am Rotieren sein wird. Das macht uns aber wider Erwarten die Schreiberlings-Hände lahm, das bläst uns ordentlich Pfeffer durch den Boppes. Deswegen sind Katrin, Martina und ich nicht nur auf eigener Mission sondern auch immer ein bisschen für euch unterwegs. Unsere Eindrücke des Vorabends halten wir von Samstag bis Montag fest und ihr könnt’s nachlesen. Be excited. Jetzt.

Und wem das nicht reicht. Klickt halt, ihr Undankbaren.

 

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Die Drogenkunst der Sarah Schönfeld

Sarah Schönfeld arbeitet, womit andere feiern: mit MDMA. Und mit Heroin. Und mit LSD. Schönefeld betreibt Drogenmalerei. Da liegt es nicht nur herzlich nahe “schön” und “oh” und “ah” zu rufen; manch einer mag das flach finden. ‘nen Trend-Ding. Grund für uns den Oberlehrer-Finger zu heben –  genau, den neben dem Daumen. Wer sowas behauptet, hat Schönfeld noch nicht über ihre Arbeiten sprechen hören. Ja, sie ist ein harter Brocken. Geknackt haben wir sie nicht. Fans sind wir trotzdem.

gallerytalk.net: Ich muss die Frage gleich zu Anfang loswerden. Echt war, dass Sie sich in Ausschwitz den Kopf rasiert haben?
Sarah Schönfeld: Vielleicht war’s auch Fotoshop, ich kann mich nicht genau erinnern…

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Sarah Schönfeld: All you can feel, Koffein, C-Print 70×70 cm © Galerie Feldbusch Wiesner

gallerytalk.net: Dinge, die wir vorab über Ihre Kunst wissen sollten:
Sarah Schönfeld: Da ist keine Vorbildung notwendig.

gallerytalk.net: „All you can feel“ zeigt Drogenbilder. Farbnegative, die Sie mit verschiedenen Substanzen von Koffein über MDMA bis hin zu Heroin beträufelt haben. Diese wirken dann auf die Oberfläche ein und erschaffen ein Bild, schillernd, strahlend, vorallem sehr ruhig. Ganz anders als das düstere Klischee von der exzessiven Drogenszene, oder?

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Sarah Schönfeld, Foto: Tatjana Bilger


Sarah Schönfeld: In der Arbeit geht es nicht um die Illustration von Klischees, sondern um verschiedene Wahrnehmungs- und Realitäts-konzepte. Die Romatisierung oder Verteufelung der Drogenszene hat eher mit machtpolitischen Interessen zu tun. Eine fixe Realität zu bahaupten und ideologisch zu stützen und verhindern zu wollen ist im Interesse der Machthaber. Die Leute kommen nicht auf die Idee, bestehende Verhältnisse infrage zu stellen und sind besser lenkbar, wenn gut / böse und dergleichen klar definiert sind. Drogen können auch Augen öffnen, das ist deren positives Potential. Die ganze Silicon Valley-/Internetentwicklung ist stakt verwoben mit der Geschichte von LSD. Man muss bestimmte Dinge erstmal denken können.

gallerytalk.net: Wie kommt man überhaupt zu so einem Experiment?
Sarah Schönfeld: Das bleibt Betriebsgeheimnis…

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Sarah Schönfeld: All you can feel, Installationsansicht, LSD und Fantasy mit Ecstasy, C-Prints 150×150 und 125×155 cm © Galerie Feldbusch Wiesner

gallerytalk.net: In der Gesellschaft gibt es oft ein klares Bild davon, was gute und was böse Drogen sind. Auf Ihren Bilder, ähneln sich die Substanzen auf einmal…
Sarah Schönfeld: Eben! Eine Gesellschaft lässt sich ja auch besser kontrollieren, wenn das Realitätskonzept fix ist und alles andere “böse”. Es geht da doch um Macht.

gallerytalk.net: Wie erklären Sie Ihrer Familie, dass Sie im Berghain, Deutschlands berüchtigtstem Techno-Club, arbeiten und nebenbei mit Betäubungsmitteln Labor spielen?
Sarah Schönfeld: Wieso sollte ich das meiner Familie erklären?

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Sarah Schönfeld:All you can feel, Installationsansicht/ Detail, Leuchttisch (Engelstrompete mit GBL auf Negativ) © Sarah Schönfeld

gallerytalk.net: Bei „All you can feel“ scheint der Anteil der Fotografie an Ihrer Kunst, dem nahezu alchemistischer Experimente zu weichen. Absicht? Dürfen wir Sie denn so gar nicht in die Fotografen-Schublade packen?
Sarah Schönfeld: Schubladen sind eh nicht so meine Sache…

gallerytalk.net: Wenn Sie sich Ihre Arbeiten heute anschauen, was ist denn Ihrer Meinung nach die „schönste“ Droge?
Sarah Schönfeld: Eigentlich habe ich keinen Favoriten. Ich mag es, dass sich alle verschieden verhalten und ihren eigenen Charakter formulieren. Es gibt ästhetisch keine Präferenz, aber zum Beispiel mag ich Mephedron wegen des fast magischen Blaus und der Kristalle, die es ausbildet. Es sieht aus wie ein Planet - nur etwas anders strukturiert, als wir es gewohnt sind.

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Sarah Schönfeld: All you can feel, Installationsansicht, Leuchttisch © Sarah Schönfeld

gallerytalk.net: Ende des Monats war’s das auch schon wieder mit der Ausstellung. Wo sehen wir Ihre Arbeiten als nächstes und woran arbeiten Sie, während wir vor dem alten Zeug stehen?
Sarah Schönfeld: Als nächstes steht eine Ausstellung im Augsburger Kunstverein an. Die beginnt am 12. Mai. Über das nächste Projekt will ich noch nicht so gern laut sprechen.

In unserem wöchentlichen Gallerytalk Kunstgriff hatten wir’s bereits erwähnt: Derzeit stellt Schönefeld bei Feldbusch Wiesner aus. Bis Samstag, den 20. April, könnt ihr euch das noch angucken.

Und falls ihr mal lunzen wollt, wie Sarah Schönfeld in Aktion aussieht. Das folgende Bild zeigt sie bei ihrer letzten Performance im NGBK.

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Sarah Schönfeld und Voin de Voin bei der letzten Performence zu "All you can feel" im NGBK © Sarah Schönfeld

Jürgen Mayer H. Skulptur in Lazika, Georgien Foto: Metal Yapi

Jürgen Mayer H. macht Datensicherungsmuster – in schön

Heute wollen wir mal was Neues probieren: wir werden euch richtig, richtig viel Text zumuten. Und dann stammt der nicht einmal von uns, herrjeh. Das liegt nämlich daran, dass da ein Pressetext so unfassbar großartig zu lesen war, dass wir ihn mit euch teilen wollen. Lest also, während wir uns in Demut verkriechen.

Am Dienstag, den 9. April, eröffnet im EIGEN + ART Lab die Einzelausstellung “BLACK.SEE” mit Werken von Jürgen Mayer H.. In den Räumlichkeiten des Lab zeigt er eine speziell entwickelte Rauminstallation aus Skulpturen und Wandmalereien, sowie eine Auswahl an Zeichnungen, Objekten, Collagen und Fotografien. Mit seinem Team J. MAYER H. arbeitet er in multidisziplinärer Raumforschung am Verhältnis von Körper, Natur und Technologie.

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Jürgen Mayer H. Skulptur in Lazika, Georgien Foto: Metal Yapi

“Lazika am Schwarzen Meer” – [eine Stadt, die] bis heute ist sie Entwurf geblieben [ist]. Und doch gibt es von ihr schon etwas zu sehen. Am Ende der bereits gebauten Magistrale, am Pier des zukünftigen Hafens, türmt sich wie eine erstarrte Gischtwelle ein schneeweißes Gebilde auf, dessen waffelartige Struktur es trotz seiner großen Höhe zart wirken lässt. Zunächst assoziiert man eine Funktionalität, einen futuristischen Leuchtturm etwa oder eine Forschungsstation. Doch der Bau von Jürgen Mayer H. ist frei von jeder konkreten Benutzbarkeit und somit vor allem eines: eine verbindende Geste zwischen Land und Meer, ein Spiel mit organoiden Volumina, mit materieller Gebundenheit und Leere, mit Schwerkraft und Schwebezustand. Die „Lazika Pier Sculpture“ macht etwas erfahrbar, was sie als funktionales Bauwerk vielleicht nicht leisten könnte: Sie zeigt das vielfältige Potenzial einer freien Raumkonstruktion und trägt auf diese Weise die Vision der geplanten Stadt symbolisch in sich.

[...] Die Rauminstallation „BLACK.SEE“ [hat] Jürgen Mayer H. speziell für die Räume des EIGEN + ART Lab geschaffen. Die Installation verbindet schwarze, frei im Raum stehende Elemente mit riesigen, gleichfalls dunklen Wandzeichnungen. Die dreidimensionalen Elemente bestehen aus hohen Platten, die dergestalt ausgefräst wurden, dass sich ihre Flächigkeit nahezu vollständig aufgelöst hat. [...] In direkter Beziehung zu den schwarzen Raumgebilden stehen die umbrafarbenen Wandzeichnungen. Als geheimnisvolle Muster laufen sie über Wände und Decken, scheinen die Skulpturen – ebenso fragmentarisch wie diese – fortzusetzen. Die Zeichnungen wirken wie die Schatten der Skulpturen, verzerrt von einer nicht lokalisierbaren Lichtquelle.

Das Formvokabular, auf das Jürgen Mayer H. seit langem zurückgreift und auch bei der Installation „BLACK.SEE“ einsetzt, entstammt sogenannten Datensicherungsmustern. Diese finden sich beispielsweise auf den Innenseiten von Briefumschlägen, die von Ämtern oder Banken versandt werden. Ihre stark verdichtete Optik soll persönliche Briefinhalte vor Indiskretion schützen und sensible Daten unsichtbar machen, indem sie eine Sphäre exklusiven Wissens vorgibt. Doch ob das analoge, antiquiert anmutende Verfahren heute noch von Bedeutung ist, bleibt fraglich; vor dem Hintergrund einer hochtechnologisierten, digital geprägten Welt wirkt es eher metaphorisch. Denn es gibt mittlerweile andere, weitaus raffiniertere Möglichkeiten, in den Besitz geheimer Daten zu gelangen.

Mit seiner Installation „BLACK.SEE“ scheint Jürgen Mayer H. auf das trügerische Versprechen von Strukturen anzuspielen – und zwar nicht nur von Strukturen, die den Schutz persönlicher Daten suggerieren. Es geht um Strukturen und Konstruktionen ganz generell, die unser Vertrauen in sehr viel weiter reichendem Maße beanspruchen und eine scheinbare Sicherheit vermitteln. Wenn Mayer H. seine im Raum befindlichen, kryptischen Skulpturen mit verzerrten, unwirklichen Schatten kombiniert, werden nicht nur Ursache und Wirkung im physikalischen Sinne voneinander unabhängig gemacht. Der Raum erweitert sich damit auch um Wahrnehmungsqualitäten, die einen stärker produktiv beschäftigen als das in sich Logische und sofort Einleuchtende – etwa das Beunruhigende, Fehlende, Missverständliche, Undefinierbare, Riskante, Instabile oder Vieldeutige. Zwar wird einer rationalen Konstruktion in unserem Kulturkreis mehr Berechtigung zugestanden, Realität darzustellen, als dem Imaginären. Doch erst die Gesamtheit aller sinnlichen Qualitäten bildet das vollständige Potenzial eines Erfahrungsraums.

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Jürgen Mayer H. BLACK.SEE Rauminstallation, 2013 Ausstellungsansicht (Simulation) EIGEN + ART Lab

Dass unsere Raumwahrnehmung eine stets subjektive, nie völlig berechenbare und sich ständig verändernde Größe ist, war Künstlern und künstlerisch Tätigen schon immer bewusst – über alle kreativen Gattungen hinweg. Vor allem seit den 1960er Jahren haben Architekten, bildende Künstler, Choreografen und Komponisten den Erfahrungsraum mit bewusst geschaffenen Leerstellen, mit disparaten Materialien, Fragmentarischem, unorthodoxen Bewegungsabläufen oder neuen Klangmustern aufgebrochen und damit erweitert. Donald Judd, Dan Flavin oder Fred Sandback beispielsweise haben sich mit dem real vorgefundenen wie dem imaginären Raum gleichermaßen befasst. Naturgemäß noch von rein analogen Raumerfahrungen ausgehend, haben sie die Gültigkeit unserer Orientierungsmaßstäbe gezielt in Frage gestellt. Nicht selten haben sie sich dabei Systemen des Seriellen und industriell Standardisierten bedient – Strukturen also, die dem alltäglichen Denken entstammen und dadurch jenes Vertrauen einflößen, das sie jedoch nicht uneingeschränkt verdienen. Die Künstler haben erkannt, dass Konstruktionen nicht nur Orientierung bieten, sondern durchaus auch einengen können.

Auch Jürgen Mayer H. bewegt sich mit seinen ungewöhnlichen Formfindungen und Raumbildungen entgegen herkömmlicher Vorstellungen, etwa von Architektur als etwas klar Definiertem oder typologisch Einzuordnendem. Ebenso wie die Bestandteile eines organischen Systems scheinen auch Mayer H.s Raumsetzungen Elemente eines größeren, überwiegend nicht zu entschlüsselnden Kontexts zu sein. Sie agieren und reagieren folgerichtig (aber nur scheinbar logisch) und könnten sich unter Umständen auch sprunghaft verändern. Sie sind – im selben Maße wie das Organische – hochkomplex, aber unberechenbar. In diesem Sinne ist das vollständige Erschließen eines Raums von Jürgen Mayer H. kein gelingender, aber auch kein zwingend geforderter Zustand.

Diese Haltung ist der bildenden Kunst insbesondere nach dem Ende der Moderne immanent, wenn sie die Dominanz alles Systematischen, Strukturellen und Konstruktiven aufbricht und sich immer wieder bewusst dem Dysfunktionalen, dem noch Unfertigen, Anti-Konstruktiven oder alternativ Ästhetischen zuwendet. In der digitalen Welt des 21. Jahrhunderts, in der sich die Abhängigkeit von technologischen Systemen verstärkt, fällt jeder Konstruktionsfehler, jede unerwartete Abweichung als Kontrollverlust um so eklatanter auf. In dieser Situation ist es eine Chance, dem Unberechenbaren offen und vertrauensvoll entgegenzutreten. Immer bedeutsamer wird es, gerade jene Denkansätze weiter zu entwickeln, die rein rationale Konstruktionen nicht bieten können. Genau aus diesem Grund ist eine Haltung, wie sie Jürgen Mayer H. konsequent verfolgt, ebenso zeitgenössisch wie notwendig.

(Pressetext: Bernhart Schwenk, Kurator für Gegenwartskunst, Pinakothek der Moderne, München)

WANN: Eröffnung ist am Dienstag, den 9. April von 17 bis 21 Uhr. Bis Samstag, den 25. Mai, könnt ihr Dienstag bis Samstag immer zwischen 11 und 18 Uhr dort vorbei schauen.

WO: EIGEN + ART Lab, Auguststraße 11-13, 10117 Berlin

Die Veranstaltungen am Wochenende findet ihr wie immer in unserem wöchentlichen Gallerytalk Kunstgriff.