Da ist’s auch schon vorbei, unser Gallery Weekend. Ja klar, nicht unser Gallery Weekend. Es war einfach stark Teil dieser wild wabernden Masse zu sein. Überall Kunst-Jünger – und wir mitten drin. Jetzt stehen wir da mit unseren kleinen Köpfen, in denen tausende Bilder rumspuken – und Ideen, von denen sicher 95 Prozent nie in die Tat umgesetzt werden. Ist aber auch egal. Der Drive der Umtriebigkeit ist eben der Prinz unter den Ego-Pushern. Wir blicken zurück mit wohlig kribbelnden Bäuchlein und lecken uns die Finger nach mehr.
Bevor hier so richtig Inhalt an den Start geht, wollen wir uns ganz doll bei MADE bedanken. Wir hatten einen ganz großartigen Abend. Mit Yohji Yamamoto, mit 5 Cuts, mit leckeren Drinks (es hilft massiv, eine Wodka-Marke im Boot zu haben). Hingeschickt haben wir euch ja bereits. Jetzt wollen wir euch ein wenig heiß machen: Wir werden ganz bald mit dem netten MADE-Team quatschen und das Ergebnis lest ihr dann in unseren Berlin Interviews.
Ach und: Seid doch nicht so schüchtern und scrollt ruhig mal ans Ende des Artikels. Wir haben wieder Texte zusammen geschmissen und wünschen uns ein bisschen Fame für jeden von uns. Merci, ihr Tollen.

Jerszy Seymour - The Universe Wants To Play Installation View at Galerie Crone, 2013 © Galerie Crone, Photo: Marcus Schneider
Wer immer schonmal LSD in der Prärie nehmen wollte, aber weder den nötigen Mut noch die Kröten zusammen kratzen konnte, der sollte bald mal in der Galerie Crone vorbeischauen. Dort will nämlich das Universum spielen. Mit euch, mit uns, mit jedem, den ein bisschen Sand in den Schuhen nicht weiter kümmert. Jerszy Seymour it is!

Jerszy Seymour - The Universe Wants To Play Installation View at Galerie Crone, 2013 © Galerie Crone, Photo: Marcus Schneider
Zugegeben, man wäre schon ganz gern allein gewesen auf dieser psychedelischen Spielwiese. Sei’s drum. Wir sehen: Felsbrocken, Steine, Ziegel, Knochen, Äste, Tierschädel. Alles bunt besprüht. Ab und an ein Kaktus – Prärie-Gefühl hoch hundert. Echt wahr. Irgendwo zwischen Pragmatismus und Träumerei finden wir uns wieder. Starren kuhäugig auf die farbwechselnden an die Wand gebeamten Rechtecke und würden am Liebsten die Leiter rauf und ab durch den Beton. Nicht weil’s inmitten des vulkanartig anmutenden Gesteins unbequem geworden wäre, sondern weil wir weiter wollen. Weiter und höher und mehr. Weil Seymour so viel Spaß macht. Weil er detailverliebt den Blick für’s Ganze wahrt. Weil er uns in seine Kunst reinstapfen lässt und uns darin gefangen hält ohne uns in Ketten zu legen.

Julius von Bismark, Unfall am Mittelpunkt Deutschlands #2, 2013, Inkjet Print © alexander levy, Berlin
Julius von Bismark ist auch so’n alter Witzbold. Wir stolpern rein bei Alexander Levy, versuchen weder auf fremde Füße noch auf die grünen wachsartigen Gebilde am Boden zu treten und Landen vor Fahrzeugpapieren. Fahrzeugpapiere und ein Autoschlüssel – VW Golf. Alles Klar. Der deutsche Otto Normal. Aber wie immer wenn wir mit unseren tauben Augen Kunst Banalität unterstellen, kommt der erhobene Zeigefinger um die Ecke geflitzt. Es ist nämlich so: Es stand einmal in der thüringischen Provinz eine Linde. Da steht sie wohl immer noch – das Präteritum dient hier der Märchen-Dramaturgie, liebe Kinder. Eines Tages rumste ‘ne Karre rein. Und das war’s schon fast mit dem Märchen. Das hat wer fotografiert. Das Foto fand seinen Platz an die Wand einer Galerie, daneben: Fahrzeugpapiere und ein Autoschlüssel. Wie wir den Zusammenhang so erkannten, fanden wir’s jedenfalls stark. Ende. Doofes Märchen, gute Kunst. Und irgendwie auch sehr klassisch, so thematisch. Natur prallt auf Kultur – in diesem Falle anders herum.

Alina Szapocznikow, Fiancée folle blanche, 1971, Polyester, Plastiknetz, 46 x 25.5 x 22 cm © Courtesy Galerie Isabella Czarnowska, Berlin
Weil es bei “Nödlich der Zukunft” von Annette Messager und Alina Szapocznikow um das in Beziehung setzen zweier Künstler und ihrer Arbeiten geht, ist es natürlich doof, dass wir euch nur ein Bild zeigen. Wir wollen euch aber ganz gezielt lenken, damit ihr nur ordentlich lange auf dieses immense Glied glotzt. Dann brauchen wir uns auch nicht mehr so schäbig fühlen, weil unsere Blicke so gefesselt waren. Manipulation der Medien können wir auch. Schreibt’s euch hinter die Ohren. Der Ort des Geschehens ist die Galerie Isabella Czarnowska. Gut für Fußfaule, denn Crone und Alexander Levy findet man im gleichen Gebäude. Wir blicken also auf die Konfrontation des weiblichen Körpers mit dem Penis, als Inbegriff der Männlichkeit. Ist ja nicht so, als sei das eine völlig lebensfremde Situation. Allein die größen Verhältnisse schocken – und ob das mit dem Augen-Verbinden wohl eine gute Idee war, da sind wir uns auch nicht so sicher. Hier sollte wirklich was schlaues stehen. Aber es ist spät. Guckt’s euch an. Ist noch ne Menge tolles dabei!

Ayşe Erkmen "Wesenszug", Ausstellungsansicht © Galerie Barbara Weiss
Barbara Weiss an zeigt die Einzelausstellung “Wesenszug” von Ayse Erkmen. An den Wänden kann man eine Serie von zehn bunt lackierten Wandskulpturen beschauen, deren Form- und Farbgebung eher dem Bereich Design entliehen sind. Bei den Farben handelt es sich um die Farbpalette des Modeherbstes 2013 der Marke Pantone, die standardmäßig für Textil und Architektur verwendet wird. Ihrer Zweckmäßigkeit enthoben, kann man nun versuchen dem Wesen der Farben nachzuspüren oder sich einfach am visuellen Vergnügen, das hier zweifellos gegeben ist, erfreuen. Umgeben von den geformten Farben wird zudem noch eine Skulptur gezeigt. Sie besteht aus zwei ineinander verschlungener Acrylplatten. Selbige ist eine Ausgabe der Edition “Surprise Sculptures”. Wie der Name bereits vorwegnimmt, ersteht der experimentierfreudige Kunstliebhaber beim Erwerb einer solchen Überraschungsskulptur zunächst eine weiße und eine gelbe Platte, die dann erst von Erkmen zur Skulptur geformt werden.

Alicja Kwade, Nach Osten, 2011, fünf Lautsprecher, Mikrophon, Verstärker, elektrischer Motor, Pendel, Glühbirne, Courtesy Alicja Kwade und Johann König, Berlin
Von den hellen farbenfrohen Räumen bei Barbara Weiss ging es dann weiter zur St. Agnes Kirche. Die bespielt der Galerist Johann König nun dauerhaft. Der Kontrast könnte kaum größer sein. Schon beim Eintreten in den abgedunkelten Kirchenraum ist man vom bedrohlichen Sound von Alicja Kwades Installation “Richtung Osten” umgeben. Kwade beschert dem Besucher mit ihrer im Grunde einfachen Konstruktion ein beeindruckendes Sinneserlebnis. Ihre Faszination für Naturwissenschaften hat sie einmal mehr inspiriert und so fertigte sie für den Ausstellungsort ihre eigene Version des Foucault’schen Pendels an. Die Metallkugel im ursprünglichen Experiment wurde durch eine einfache Glühbirne ersetzt – die einzige Lichtquelle im Raum. Von der Kirchendecke herabhängend, schwingt der Lichtpunkt knapp über dem Boden und beschreibt dort allmählich eine Kreisbewegung, die auf die Erdrotation zurückzuführen ist. Der verstärkte Sound der Pendelbewegung, der schummrige Kirchenraum, die tanzenden Schatten an den Wänden – wer hätte gedacht, dass Physik derart dramatisch sein kann!

Foto: Cordia Schlegelmilch für Galerie Gilla Lörcher I Contemporary Art, Berlin
Weil wir Ungleichbehandlung und unkorrektes Gendern völlig inakzeptabel finden, soll nun über die Galerie Gilla Lörcher gesprochen werden. In Schöneberg. Einem von uns völlig unterpräsentierten Stadtteil in diesem Westen der Stadt da. Käse, wir schreiben über Gilla Lörcher, weil da verdammt nochmal Holz aus dem Fenster kommt. Also nicht ganz, sieht aber so aus. Starkes Ding jedenfalls. Die Installation heißt “Sturm und Bedrängnis” und ist auf dem Mist von Caro Suerkemper und Matthäus Thoma gewachsen. Als hätten die Wellen sie eben an Land geschwemmt ragen Holzbalken quer durch den Raum und – lediglich unterbrochen durch’s Fenster – darüber hinaus. Ganz schön frech wird da Privates im Öffentlichen platziert. Zwischen all den Balken und latten finden sich Suerkempers birnen-nasige Figuren. So richtig dazuzugehören scheinen die nicht. Im Pressetext ist an dieser Stelle von “Gefangenschaft und Revolte” die Rede. Gesehen haben wir das nicht. Heißt ja aber kaum was.
Und wieder geht es in die Auguststraße – heute zum langerwarten “Relaunch” des KW Institute for Contemporary Art unter der neuen Chefkuratorin Ellen Blumenstein. Die ist in den renovierten und neugestalteten Räumen dann auch omnipräsent – wenn auch auf recht unerwartete Weise. Aber dazu später. Erst einmal sollten wir der Reihe nach anfangen: Man schlängelt sich also mit den sich schon draußen auf der Straße wartenden Gallery Weekend-Hoppern und KW-Aficionados in den Hof und muss erst einmal über ein Graffiti auf einem Holzbalken am Eingang schmunzeln: „This is temporary and contemporary“. Stimmt irgendwie.

Ausstellungsansicht © Martina John
Endlich im Gebäude angekommen, findet der geneigte Besucher eine Ausstellung vor, die eigentlich gar nicht existiert. Statt Bildern, Skulpturen und Installationen gibt es auf den ersten Blick nur weiße Wände, den White Cube to end all White Cubes sozusagen. Schaut man dann genauer hin, entdeckt man Text. Viel Text. Manchmal groß und rot an der Wand, manchmal im mit der Lupe zu suchenden Miniaturformat, manchmal rotzig hingekritzelt, wie das Graffiti am Hofeingang. Und diese Textstücke haben es in sich. Es handelt sich nämlich um die „Markierungen“ des bulgarischen Künstlers Nedko Solakov und den roten Faden der Relaunch-Ausstellung. Man könnte es natürlich auch als Schnitzeljagd für Kunstmenschen bezeichnen.

Ellen Blumenstein, Chefkuratorin KW Institute for Contemporary Art, Berlin © Edisonga
Folgt man den Textspuren durch alle Geschosse der KW, so lässt sich einiges über die für die Zukunft geplanten Projekte herausfinden. Nummerierte “Teaser” erklären einem, dass hier demnächst u.a. eine Einzelausstellung von Kader Attia, ein „Living Archive“, ein Performance-Wochenende zum Thema “Wetten”, eine Ausstellung zum Thema Waffen und der Ambivalenz von Gewalt, eine Kooperation mit dem Deutschen Hygiene Museum oder ein Projekt zum “Denken im Kino” stattfinden werden.
Oft wird so etwas spielerisch-ironisch angekündigt – “Right now ELLEN is writing an application to get money to do the VAMPIRE project.” Vampire – na hoffentlich nicht in der “Twilight”-Variant. Wie oben schon angesprochen ist “ELLEN”, also Ellen Blumenstein, in den Inschriften überall zugegen. Doch immer wieder werden ihre Instruktionen (z.B. “If you step back two meters you can see all 3 floors of this building says ELLEN”) mit schnoddrigen Beifügungen (“and I’m saying ‘And so what?’”) einer anderen “Stimme” subversiv unterminiert: Aus der simplen Kombination von weißer Wand und schwarzer Schrift ergibt sich ein unerwarteter Dialog und es passiert viel mehr, als man vermutet hätte.
Zusätzlich stimuliert der Text auch die Interaktion der Besucher untereinander – wenn zum Beispiel gleich fünf Leute im Kreis um eine Säule im Chora-Geschoss laufen, weil alle gleichzeitig versuchen die spiralförmig angebrachte Schrift zu entziffern. Oder wenn man beobachtet, wie jemand mit dem Handy eine scheinbar leere Stelle an der Wand fotografiert und einem, sobald man hinzutritt und nachschaut, freudestrahlen winzige Piktogramme offenbart werden, die man alleine garantiert übersehen hätte.

© Martina John
”…some art might appear” verspricht eines der Grafitti. “Imagine that this green is not here”, entschuldigt sich ein anderes für einen Farbfleck auf dem angenehm roh belassenen Fußboden. Die Räume werden aktiviert, so heißt es im Pressetext und der trifft an dieser Stelle dem Nagel auf den Kopf. Es ist herrlich anzuschauen, wie sich ein paar hundert Kunstinteressierte total fasziniert eine Ausstellung anschauen, in der auf den ersten Blick gar nichts zu sehen ist. Doch hier handelt es sich nicht um einen Hoax Marke des Kaisers neue Kleider. Denn es findet durchaus ein Rezeptionsprozess von Kunst statt – nur manifestiert sich dieser nicht über die Betrachtung von Kunstobjekten sondern in der Interaktion mit dem Gebäude selbst, seinen Räumen und mit der Institution KW.
Wie “One on One” kann man sicher auch dem KW Relaunch eventige Effekthascherei vorwerfen. Andererseits ist es aber einfach schön, wieder einmal eine Ausstellung zu sehen, die die Leute involviert, aktiviert und zum Schmunzeln bringt. Die gallerytalk-Korrespondentin ist auf jeden Fall hochzufrieden nach Hause gegangen.
Schließlich, von wegen der Transparenz: Anna war für euch bei Crone, Alexander Levy, Isabella Czarnowska und Gilla Lörcher, Katrin hat sich ihre Schmankerl bei Barbara Weiss und in St. Agnes heraus gepickt und Martina, die Frau mit den tiefgründigen Texten, hat sich die neuen KW angeguckt.
So, Kinners, das war es dann aber wirklich, wirklich mit dem Gallery Weekend. Wem jetzt schon Tränchen kullern, der liest gleich nochmal “Wir habens getan – Gallery Weekend 2013 #2“. Wem’s reicht, dem gönnen wir 24 Stunden. Dann rollt schon wieder der Gallerytalk Kunstgriff an. Unstoppable, wir Berliner.