Art Cologne Top Five

21. April 2016 • Text von

Wo der Vegetarier einen halben Hahn ordert und Jung und Alt frisch gezapftes Kölsch en masse konsumiert, ist auch die älteste Messe für moderne und zeitgenössische Kunst der Welt zuhause. Wir waren am Wochenende für euch auf der Art Cologne unterwegs und präsentieren euch hiermit unsere Top Five Entdeckungen.

Soy Capitán / Grace Weaver: Die Arbeiten der 26 Jahre jungen Amerikanerin Grace Weaver wären uns vielleicht gar nicht sofort ins Auge gefallen, wäre da nicht dieser Schatten gewesen. Auf einem ihrer Gemälde sind zwei junge Frauen im Bikini abgebildet, sie liegen am Strand, natürlich darf das Smartphone in der Hand nicht fehlen. Und dann dieses besagte Fleckchen Dunkelheit auf der Haut der beiden Sonnenanbeterinnen: so subtil abgestimmt, dass Schatten und Körper fast zu verschmelzen scheinen. Weavers figurativen Malereien haftet etwas Unschuldiges an – ihre farbintensiven Gemälde sind bevölkert von jungen Kreaturen, von denen man nicht so recht weiß, ob es sich hier um Teenager oder doch schon um Erwachsene handelt. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die dargestellten Szenarien: zwei junge Menschen treffen sich zum Date und tauschen erste schüchterne Blicke, ein Pärchen liegt in Unterwäsche im Bett, er den Laptop, sie den Spiegel in der Hand. Die Situationen kommen einem vertraut vor, denn sie sind dem kollektiven Gedächtnis einer Generation entnommen, die sich ob ihrer digitalen Vernetzung mehr und mehr zwischen virtueller und realer Welt hin- und herbewegt. Grace Weavers Arbeiten sind aufrichtig, klug und kritisch. Und kommen dabei so leicht und fluffig daher, dass wir ihnen bei Facebook glatt ein dickes Like verpassen würden.

Grave Weaver „Getaway“, 2015. Courtesy Soy Capitán, Berlin. Photo: Roman März.

Grave Weaver „Getaway“, 2015. Courtesy Soy Capitán, Berlin. Photo: Roman März.

Aanant & Zoo / Michael Müller: Wir lieben puzzeln. Und noch mehr lieben wir Puzzlekunstwerke. Genau damit hat uns Michael Müller dieses Jahr gekriegt: Bei Aanant & Zoo prangten zwei seiner Puzzlebilder an der Wand, auf denen dank angewandter Entfremdungsmechanismen ein zwischen gefährlichem Hai und niedlichem Delfin changierendes Chimäre abgebildet war. In puncto Auffälligkeit staubte allerdings das Selbstporträt des Künstlers die Goldmedaille ab: eine von Courbets „L’Orgine du monde“ inspirierte Bleistiftzeichnung, die Müller als lüstern dreinblickendes Hermaphrodit zeigt. Müller interessiert sich nicht nur brennend für sprachliche, mathematische oder stellare Systeme jeglicher Art und erfindet diese auch gerne mal, sondern auch für jene schmale Grenze, die Original von Kopie, Bild von Abbild trennt. Historische wie auch gegenwärtige künstlerische Codes werden von ihm aufgegriffen, nach Lust und Laune umgeformt und mit neuer Bedeutung behaftet. So bestand eine seiner Arbeiten auf der Art Cologne beispielsweise aus der von ihm gefertigten Kopie von Gaugins Kopie von Manets originalem Gemälde „Olympia“. Michael Müllers Oeuvre ist so vielschichtig wie es klingt, allerdings stets mit einem selbstironischen Augenzwinkern versehen. Im Januar erst gastierte der Künstler übrigens mit einer Soloshow in den Berliner Kunstwerken. Wir freuen uns auf mehr.

Richard Jackson @ Hauser & Wirth at Art Cologne 2016 . Photo: Frank Jankowski.

Richard Jackson @ Hauser & Wirth at Art Cologne 2016 . Photo: Frank Jankowski.

Hauser & Wirth / Richard Jackson: Richard Jacksons Kunstwerke haben uns nicht nur aufgrund ihrer Farbintensität förmlich angesprungen. Auch wird ein jeder, der auch nur über ein Fünkchen investigativen Sinn verfügt, sich augenblicklich gefragt haben, was sich hinter den verkehrt herum an die Wand gepappten Leinwänden am Stand von Hauser & Wirth verbirgt. Der amerikanische Konzeptkünstler ist ein Virtuose des Actionpainting und verflüssigt in seinem Oeuvre in äußerst radikaler Manier die Grenzen zwischen Performancekunst, Maler- und Bildhauerei. Bei Hauser & Wirth wurde Wand nun kurzerhand zur Leinwand umfunktioniert, von der die halbkreisförmig aufgetragenen Knallfarben mit einer solchen Dynamik herunter trieften, das man den Pinsel quasi noch durch die Luft zischen sah. Der eigentliche Clou der Arbeit waren allerdings die umgekehrt an die Wand gehängten Leinwände: blinde Flecken inmitten der Farbexplosionen, die der malerischen Arbeit nicht nur etwas Objekthaftes verliehen, sondern auch die Neugier eines jeden Betrachters triggerten. Warum falsch herum? Was verbirgt sich auf der anderen Seite? Gähnende Leere oder gar ein weiteres Bild? Jacksons Arbeit hat mit uns jedenfalls das gemacht, was Kunst mit uns machen soll: Sie hat uns beeindruckt und gleichzeitig rätselnd zurückgelassen. Ganz großes Kino!

Thomas Struth "Study", 2015. Courtesy: Thomas Struth.

Thomas Struth „Study“, 2015. Courtesy: Thomas Struth.

Galerie Rüdiger Schöttle / Thomas Struth, Thomas Ruff, Chen Wei: Die Münchner Galerie Rüdiger Schöttle hat zur Art Cologne die Arbeiten zweier altbekannter Namensvetter mitgebracht: Thomas Struth und Thomas Ruff. Ersterer lässt auf seinen Fotografien selbst völlig unentwirrbares Kabelchaos so interessant aussehen, dass man am liebsten sofort den Kopf darin versenken möchte. Letzterer hat uns zum ersten Mal im Boros Bunker in den Bann gezogen, als wir auf einmal ziemlich verloren und gleichzeitig ziemlich angetan in einen überdimensionalen Sternenhimmel starrten. Auf der Art Cologne gab es dieses Mal weder Kabel noch Sterne, dafür aber zerlegte Körper und Comicbilder. Für seine an der Charité Berlin entstandene Arbeit „Study“ hat Thomas Struth Nachbildungen menschlicher Gliedmaßen – Hände, Füße, Brüste, ja sogar Köpfe – so akribisch angeordnet und fotografiert, dass diese in ihrer Komposition schon fast wieder wie ein heiles Ganzes wirken. Thomas Ruff’s Arbeit „Substrat 16 II“ hingegen verschluckte uns ebenso wie einst seine Sternenbilder. Schicht für Schicht unterzog der Künstler Comicbilder einer digitalen Bearbeitung, bis diese schließlich zu einer abstrakten, schwammigen, giftig leuchtenden Masse verschmolzen. Die dritte Arbeit des chinesischen Künstlers Chen Wei bewegte sich dann irgendwo in der Mitte zwischen Chaos und Ordnung, Abstraktheit und Form. Eine von blauem Licht durchflutete „Dance Hall“, die den Betrachter in ihrer Leere ebenso schluckte wie Ruffs verfremdete Comicbilder. Von uns gibt’s ein Sternchen für diese gelungene Zusammenstellung.

Andro Wekua, 'Anruf', 2016, installation view, Kölnischer Kunstverein. Photograph: Simon Vogel.

Andro Wekua, ‚Anruf‘, 2016, installation view, Kölnischer Kunstverein. Photograph: Simon Vogel.

Kölnischer Kunstverein / Andro Wekua: Auf unser persönliches Highlight der diesjährigen Art Cologne sind wir dann absurderweise nicht in, sondern außerhalb der Messehallen gestoßen. Am Samstagabend lud der Kölnische Kunstverein zum Konzert des Künstlertrios „Cannibal“. Erst wurde (äußerst) experimentellen Klängen gelauscht und Bier genippt, danach durch die aktuelle Ausstellung gezogen. Zunächst schien es, als wolle der aus Georgien stammende Künstler Ando Wekua die Besucher in dem Kopf eines vorpubertären, dreizehnjährigen Mädchens einsperren: ein komplett in rosa getauchtes Zimmer, rosa Wände, rosa Teppich, rosa alles. Nach diesem sanften Einstieg, dann der Schock beim Anblick der im Raum hängenden Installation: die hyperrealistische Skulptur eines Mädchens, an einem Strick von der Decke baumelnd, das regungslose Gesicht auf einer seltsamen Glasplatten-Konstruktion aufgebahrt. Als würde das der unheimlichen Atmosphäre nicht schon Genüge tun, zuckten plötzlich die Finger des zugleich menschen- wie auch roboterhaft anmutenden Wesens. Wem es nicht spätestens hier kalt den Rücken herunter lief, der hat eindeutig zu viele Horrorfilme geschaut. Andro Wekua setzt sich in seinem Oeuvre mit Themen wie Erinnerung und Fiktion, Unterbewusstsein und kollektivem Gedächtnis auseinander. Seine Arbeiten sind unheimlich, eindringlich und absolut genial. Und sie zählen zu den wenigen, die uns trotz des Kunst-Overkills im Gedächtnis bleiben werden.