"Wissen, wie wenig man weiß"
Aino Laberenz und das Operndorf

14. Juli 2017 • Text von

Man kann nicht Operndorf sagen, ohne Christoph Schlingensief zu denken. Das ambitionierte Projekt war seine Idee, seine Vision. Aino Laberenz hat es nach Tod des Künstlers Realität werden lassen. Fertig ist es noch nicht und wird es vielleicht nie werden – das soll so. Die Ausstellung „Laafi Bala“ im EIGEN + ART Lab vermittelt eine Idee von der Kultur des Ausstauschs, die das Operndorf in Burkina Faso fördert.

„Laafi Bala“, Operndorf Afrika; Ausstellungsansicht, 2017, EIGEN + ART Lab; Foto: Otto Felber, Berlin; courtesy die Künstler und EIGEN + ART Lab

gallerytalk.net: Du hast mal gesagt, dass du eigentlich gar nicht zufrieden sein willst. Lieber seist du auf der Suche. Wenn du dich jetzt hier einmal umschaust, stellt sich dann doch so etwas wie Zufriedenheit ein?
Aino Laberenz: Mir ist Bewegung wichtig. Mit dem Operndorf wollten wir einen Raum für Austausch schaffen. Das ist gelungen, also bin ich in dem Sinne jetzt zufrieden. Das Projekt ist aber noch lange nicht abgeschlossen.

Die Ausstellung im Eigen + Art Lab fühlt sich an wie eine Zwischenbilanz. Wieso habt ihr euch für dieses Format entschieden?
Ich hätte mich natürlich irgendwo hinsetzen und vom Operndorf erzählen können: Das Operndorf ist eine Schule, eine Krankenstation und so weiter. Die Ausstellung bot die Gelegenheit, das Thema von einem Kunstgedanken aus visuell anzugehen. Wie macht man das Operndorf nicht nur dokumentarisch zugänglich, sondern macht auch den Diskurs dahinter sichtbar? Zum Beispiel, indem man verschiedene künstlerische Stimmen einlädt, neue Arbeiten entstehen lässt.

Ohne die Vision von Christoph Schlingensief hätte es das Operndorf nie gegeben. Du hast den Traum wahrwerden lassen. Entspricht das Ergebnis dem, was ihr euch vor vielen Jahren einmal gemeinsam vorgestellt habt?
Es war nie festgelegt, wie das Operndorf genau aussehen muss. Christoph Schlingensief wusste, dass er die Entwicklungen irgendwann nicht mehr mitbekommen würde. Entsprechend ist er mit dem Projekt umgegangen. Er hat sich da rausgenommen. Es ging nicht um ihn. Es ging nicht um seine künstlerische Vision. Sein Anliegen war es, eine Plattform des Austauschs zu schaffen. Voraussetzung dafür ist es, seinen ganzen Bewertungsapparat einmal abzulegen. Nicht schon immer alles zu wissen, sondern zunächst zu fragen: Welchen Weg kann man gehen? Zu hundertprozentiger Sicherheit hätte er es selber alles ganz anders gemacht, aber darauf kam es bei dem Projekt nie an.

Nicht selbstverständlich, dass sich jemand so zurücknimmt. Auch in der Kommunikation nach außen trägt das Operndorf den Namen Schlingensief nicht sonderlich auffällig vor sich her.
Es ist natürlich wichtig, dass man nicht vergisst, wer die Vision hatte. Für mich ist das so, als sei ein Samen gelegt worden und der entwickelt sich – aus sich heraus und dank der beteiligten Menschen.

Operndorf Afrika, Burkina Faso, December 2015, copyright Lennart Laberenz

Allen voran du!
Natürlich bin auch ich eine Form von schiebender Kraft. Aber A mache ich das nicht alleine und B geht es bei meiner Arbeit für das Operndorf auch nicht um mich. Es ist ein extremes gegenseitiges Sich-aufeinander-Einlassen. Das Team und die Künstler eint der Wille, zu fragen: Was macht der Ort mit einem? Schärft er die Sinne oder gibt es eine Diskrepanz? Gibt es ein Miteinander? Hat das Grenzen? Was sind die Missverständnisse?

Wenn man als Weißer in ein afrikanisches Land kommt, um dort etwas aufzubauen, gibt es sicherlich den ein oder anderen Fettnapf, in den man treten kann …
Es war wichtig, dort nicht hinzukommen und zu sagen: „So, das kauf‘ ich jetzt, ist meins und dann mach‘ ich da, was ich will.“ Christoph Schlingensief hat den Ort für das Operndorf auch in Zusammenarbeit mit der Regierung von Burkina Faso gefunden. Er ist zum Kultusminister gegangen, aber vor allem auch zu den Menschen drum herum. Er wusste, dass er ein Gast ist.

Operndorf Afrika, Buildings, Burkina Faso, December 2015, copyright Lennart Laberenz

Wurde das Operndorf deswegen auch von einem Architekten entworfen, der in Burkina Faso geboren wurde?
Wir kommen aus dem Westen. Das heißt aber nicht, dass wir unser Wissen nach Burkina Faso verpflanzen und es dem Land aufdrängen müssen. Es gibt dort ein anderes Klima und damit auch andere Bauweisen. Am Operndorf sollten die Menschen vor Ort mit lokalen Mitteln arbeiten. Diébédo Francis Kéré, unser Architekt, macht genau das. Väter haben die Schule ihrer Kinder mitgebaut.

Als erster Künstler im Rahmen eurer Residency war Tobias Dostal vor Ort. Eine seiner Arbeiten ist hier in der Ausstellung zu sehen. Wieso ist die Wahl auf ihn gefallen?
Es bestand Interesse von seiner Seite. Außerdem war er Student bei Christoph Schlingensief. Dass es da diese Nähe gibt, fand ich einen total schönen Gedanken. Die Affinität dazu, filmisch zu denken.

Nach welchen Kriterien werden die Plätze für die Residency denn generell vergeben?
Die Residenz gibt es in diesem Jahr zum dritten Mal und wir befinden uns noch im Aufbau des Programms und auch im Aufbau seiner Strukturen. Wir sind noch nicht so weit, dass zum Beispiel eine unabhängige Jury oder ein Kuratorium darüber entscheiden kann. Da sind wir noch in der Entwicklung.  Ziel ist, dass man die Residenz nicht nur stabilisiert, sondern auch auf eigene Beine stellt. Inhaltlich ist es uns wichtig, spartenübergreifend zu arbeiten. Und im Austausch miteinander zu arbeiten – ein afrikanischer und ein nicht-afrikanischer Künstler. Wichtig ist die Bereitschaft, in ein Land zu gehen, in dem es keinen Luxus gibt. Die Residenzen sind kein Rückzugsort, um mal zu sich zu kommen.

„Laafi Bala“, Operndorf Afrika; Ausstellungsansicht, 2017 EIGEN + ART Lab; Foto: Otto Felber, Berlin; courtesy die Künstler und EIGEN + ART Lab

Hier im Lab sind auch Fotoarbeiten eines Teenagers aus Burkina Faso zu sehen. Wie kam es dazu?
Rouamba Maxime Wendyam ist 16 Jahre alt, also zu alt, um im Operndorf zur Schule zu gehen. Er leiht sich bei uns aber manchmal eine Kamera aus. Er hat einen sehr faszinierenden, direkten Blick. Ich wollte ihn vorstellen als werdenden Fotografen – oder auch nicht. Es ist unwichtig, ob er ein fertiger Künstler ist. Ich finde einfach seine Fotos ganz toll.

Wodurch zeichnet sich denn eigentlich die Kunstszene vor Ort aus?
In Burkina Faso gibt es ganz andere Not, als wir sie kennen. Es gibt dort zum Beispiel einen bekannten Hip-Hopper, Serge „Smockey“ Bambara. Er hat mich extrem beeindruckt. 70 Prozent sind Analphabeten und als Musiker klärt er die Menschen auf. Etwa, wenn es darum geht, dass Gesetze umgeschrieben werden sollen oder wenn Wahlen manipuliert werden, indem Stimmen gekauft werden. Die Künstler in Burkina haben Haltung – zur Gesellschaft, zur Politik. Hier bekommt man oft den Eindruck, Kunst sei – böse gesagt – inhaltsleer.

Screening „Light Of The Moon“, Burkina Faso 2014, copyright Marie Koehler

Muss Kunst zwingend politisch sein?
Nicht unbedingt. Mich fasziniert aber, wenn es ein Bedürfnis nach Kunst gibt. Eine Dringlichkeit, durch sie Haltung einzunehmen. Ich vermisse das manchmal. Wer Haltung einnimmt, macht sich natürlich angreifbar – und viele wollen vielleicht gar nicht angreifbar sein. Aber aus so einer Situation kann man viel lernen.

Lernen ist ein gutes Stichwort. Auf der Website des Operndorfs steht „von Afrika lernen“ und da musste ich sofort an die diesjährige Documenta denken. Da soll ja von Athen gelernt werden und das ging unterm Schnitt wohl eher in die Hose. Kannst du runterbrechen, wie man am besten in so einen künstlerischen Dialog tritt?
Ich weiß ja gar nicht, ob wir das richtig gemacht haben. Aber darum geht es uns auch überhaupt nicht. Man stellt sich zur Debatte. Dass mir Kritik mehr als willkommen ist, merke ich immer wieder aufs Neue. Würden das Projekt Operndorf kontinuierlich alle richtig und toll finden, würde ich denken: Das kann nicht sein, da stimmt was nicht! Unseren Ansatz pauschal runter zu brechen, fällt mir schwer. Vieles hört sich abgedroschen an, ist aber richtig.

„Laafi Bala“, Operndorf Afrika; Ausstellungsansicht, 2017

EIGEN + ART Lab; Foto: Otto Felber, Berlin; courtesy die Künstler und EIGEN + ART Lab

Was denn zum Beispiel?
Ich bin kein Afrika-Experte. Aber vielleicht ist genau diese Erkenntnis wichtig. Vielleicht muss man sich bewusst machen, wie viel man sich einbildet, zu wissen, und wie wenig man eigentlich weiß. Man muss miteinander sprechen und versuchen, ehrlich miteinander umzugehen. Es ist wichtig, dass man bestimmte Dinge offenlegt. Auch die Unterschiedlichkeiten. Dieses ganze Möchtegernglobalisierte von wegen „Wir verstehen uns doch alle!“. Wir verstehen uns eben auch ganz oft nicht!

WANN: Die Ausstellung „Laafi Bala“ läuft noch bis Freitag, den 28. Juli.
WO: EIGEN + ART Lab, Torstraße 220, 10115 Berlin

Ans Herz legen möchten wir euch außerdem ein Filmscreening im Lab. Am Donnerstag, den 20. Juli, wird im Lab „Une Revolution Africain“ gezeigt. Im Anschluss folgt eine Diskussionsrunde mit Alex Moussa Sawadogo, verantwortlich für das Kulturprogramm des Operndorf Afrika.

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