Collagierte Ambivalenz
Adam Pendleton - "shot him in the face"

15. März 2017 • Text von

Mit Adam Pendleton zeigen die KW Berlin die dritte Position ihres Eröffnungsprogramms. Nach einem dadaistischen Manifest für das 21. Jahrhundert sucht man hier vergebens; vielmehr befragt der jüngst vielbeachtete Künstler das Medium eines solchen Manifests selbst: die Sprache.

Adam Pendleton, shot him in the face, 2017, Installationsansicht KW Institute for Contemporary Art, 2017, Foto: Frank Sperling.

Adam Pendleton, shot him in the face, 2017, Installationsansicht KW Institute for Contemporary Art, 2017, Foto: Frank Sperling.

 Ein Gastbeitrag von Arkadij Koscheew

Die Solopräsentation von Adam Pendleton besteht im Wesentlichen aus einer „Geste“. Eine diagonal im Raum eingezogene Mauer stößt beinahe an Decke und Wände. Auf der dem Eingang zugewandten Seite ist sie mit Bildern und Texten bedeckt. Erstere zeigen Motive wie ein tanzendes Paar auf der kongolesischen Unabhängigkeitsfeier, Stoffmuster, eine Installationsansicht einer Picasso-Arbeit auf der ersten documenta oder einen Dada-Tänzer aus dem Jahr 1916. Der Text, der die Arbeit „IF THE FUNCTION OF WRITING“ (2017) rahmt und zugleich ihr Titel ist, ist der erste Satz aus Ron Sillimans Gedicht „Albany“: „IF THE FUNCTION OF WRITING IS TO EXPRESS THE WORLD“. Die Worte sind nüchtern in Arial gehalten und überlagern die Bilder. Sie sind zu rechteckigen Blöcken gestaucht, die mitten im Wort kontraintuitive Brüche produzieren (EXP-RES-S). Dies ist dem Format der Blöcke geschuldet, das auf standardisiertes DIN-Papier verweist.

Es ist der Xerox-Drucker, der hier als medialer Filter angedeutet wird und dessen Grenzen hinsichtlich des Croppings eines Bildes Pendleton bereits 2008 im Interview mit Krist Gruijthuijsen betont. Das wirkt anachronistisch – den ersten Farbdrucker stellte die Firma Xerox 1970 vor, aber auch aktuell – wer kennt sie nicht, die zahllosen PDFs, die mit einer zu hohen Kontrasteinstellung gescannt und dann hochgeladen werden. Dass die Wand dann wie eine Reihung von neun Seiten Bild-/Text-Komposition nebeneinander anmutet, ist da nur konsequent.

Ethnographische Textfragmente stehen neben dem Foto einer männlichen Person mit aufwendigem Kopf- und Halsschmuck, die Abbildung von Teppichmustern flankiert Passagen, die einem Bestandskatalog asiatischer Stoffe entnommen zu sein scheinen. Diese Zusammenstellung wirft die Frage auf, was genau denn hier wie abgebildet, wie es repräsentiert wird.

Adam Pendleton, shot him in the face, 2017, Installationsansicht KW Institute for Contemporary Art, 2017, Foto: Frank Sperling.

Adam Pendleton, shot him in the face, 2017, Installationsansicht KW Institute for Contemporary Art, 2017, Foto: Frank Sperling.

Wovon die Texte sprechen, legt weniger Zeugnis von dem ab, wie Verhältnisse in der Welt sich realiter gestalten, als wie ein ‚westlicher‘ Blick die Welt wahrnimmt und sich aneignet. Gerade hiermit bricht Pendleton. Das von ihm appropriierte Gedicht Sillimans arbeitet mit „neuen Sätzen“, von denen jeder „neue Satz“ als „unabhängige Einheit [funktioniert], die weder kausal noch temporal mit den vorangehenden oder folgenden Sätzen verbunden ist“. Dem Faltblatt zur Ausstellung ist ein Scan des Gedichtes Sillimans beigelegt – eine Offenlegung der Referenzpunkte von Pendletons Arbeit, die sie zugleich politisiert (Sätze wie „Competition and spectacle. kinds of drugs.“ oder „With a shotgun and ‚in defense‘ the officer shot him in the face.“ Deuten hin auf Segregationserscheinungen und Kriminalisierung von Menschen wie auch Gewalt gegen Schwarze wie die Erschießung von Keith Lamont Scott in Charlotte im September 2016).

Mit zusammenhängenden Narrativen zu brechen, die versuchen gelebte Praxis in einen Sinnzusammenhang einzubinden und dabei zwangsläufig nicht die Fülle der Welt einfangen können, die Sprache also nach ihrer Funktionalität zu befragen, scheint Pendletons Desiderat zu sein. Dieses teilt er sich mit der Dada-Bewegung, auf die er sich mit seinem groß angelegten Projekt „Black Dada“ bezieht (ein gut 300 Seiten starker „Black Dada Reader“, eine Materialsammlung Pendletons, erscheint anlässlich der Ausstellung). Diese Praxis verweist auch auf Pendletons Aktivismus. Der äußerte sich zum Beispiel jüngst im Kauf des Geburtshauses der Jazz- und Bluessängerin Nina Simone in Tryone, das der Künstler zusammen mit seinen Kolleg_innen Rashid Johnson, Ellen Gallagher und Julie Mehretu vor dem Abriss rettete. Pendleton ordnet Fragmente von Geschichtsschreibung an, ohne sie in moralisierender Form in den Kontext einheitlicher Erzählungen von Unterdrückung und Emanzipation zu rücken. Die Betrachter_innen können sich nicht länger mühelos zur Kunst positionieren, sie sind jeglicher argumentativen Sicherheit beraubt.

Solchermaßen verunsichert begibt man sich man auf die andere Seite der Wand, wo sich dieses Gefühl plötzlich relativiert. Die Besucher_innen werden mit den gewohnten weißen Wänden eines Ausstellungsraums konfrontiert. Die Präsentation ist sehr reduziert, einzig ein monochromes Gemälde Ian Wilsons, „Red Rectangle“ (1966 | 2008) steht mit „Black Dada/Column (A)“ (2015) von Pendleton in stiller Konfrontation.

Adam Pendleton, Black Dada/Column (A), 2015, Courtesy der Künstler und Galerie Eva Presenhuber, Zürich ; Ian Wilson, Red Rectangle, 1966 (rekonstruiert  in 2008), Courtesy der Künstler und Jan Mot, Brussels; Installationsansicht KW Institute for Contemporary Art, 2017, Foto: Frank Sperling.

Adam Pendleton, Black Dada/Column (A), 2015, Courtesy der Künstler und Galerie Eva Presenhuber, Zürich ; Ian Wilson, Red Rectangle, 1966 (rekonstruiert in 2008), Courtesy der Künstler und Jan Mot, Brussels; Installationsansicht KW Institute for Contemporary Art, 2017, Foto: Frank Sperling.

In dieser Sphäre des Wenigen dringt man zu der inhaltlichen Klammer des Eröffnungsmarathons vor: die Auseinandersetzung mit der Arbeit des südafrikanischen Konzeptkünstlers Ian Wilson. Er dematerialisierte seine künstlerische Praxis, bis schließlich Gespräche, deren Ankündigungskarten das einzige verkäufliche Element des Werks darstellen, den Hauptteil seiner Arbeit ausmachten.

Ian Wilsons monochrom rote, nicht ganz gleichwinklige Leinwand (1966) wurde unter Aufsicht von Wilsons Galeristen Jan Mot 2008 durch den belgischen Künstler Pieter Vermeersch rekonstruiert. Das ebenso monochrom schwarze Diptychon Pendletons zeigt einzig den Buchstaben „A“ und eine Musterung in Siebdruckfarbe ausgeführt, wie wir sie von den Kopien auf er Vorderseite der Wand kennen. Es ist gängige Praxis Pendletons, einzelne Buchstaben aus dem Titel bar einer offensichtlich erkennbaren Logik in das Bild zu integrieren. Anders als bei seiner „Geste“ fällt es bei dieser Arbeit jedoch schwer, die Hinterfragung des Diskurses nachzuvollziehen. Denn die Musterung stammt von einer vergrößerten Fotografie von Sol LeWitts „Variations of Incomplete Open Cubes“ (1974). Dies könnte man als Infragestellung des Vermögens westlicher Kunstdiskurse, politisch zu sein verstehen, wenn die Arbeit, die Teil einer Serie ist, die Pendleton 2008 begann, nicht viel plausibler als ‚Kudos‘ an einen seiner frühesten Förderer, Sol LeWitt, lesbar wäre.

Tritt man jedoch aus dem White Cube heraus und blickt auf die Vorderseite der Wand zurück, lässt der Kontrast zwischen den beiden Räumen innehalten. Die Überpräsenz minimalistischer Tafelbilder, hier zur Rückseite verkehrt, ist nur aufgrund der Ausblendung vieler anderer Diskurse möglich, die auf der Vorderseite der Wand angedeutet werden. Im Diskurs – und auf dem Markt – ist die Majorität nur durch den Ausschluss von Minoritäten zu haben, wobei hier Minorität das genaue Gegenteil einer zahlenmäßigen Unterlegenheit meint. Der Satz „IF THE FUNCTION OF WRITING IS TO EXPRESS THE WORLD“ wird von einem angehängten „IF“ abgeschlossen und wächst in dieser Wiederholung, dieser Fortsetzung plötzlich über den Ausstellungsraum hinaus, streicht ihn imaginär durch und sprengt seine Mauern. Geschichte wird fortgeschrieben, und das nicht immer einheitlich.

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis zum 14. April.
WO: KW Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69, 10117 Berlin 

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