Abstrakt klingt gut
Kunst für Augen & Ohren im me Collectors Room

8. Oktober 2016 • Text von

Wie verändert Musik meine Wahrnehmung von Kunst? Sieht ein Sigmar Polke zu Techno Beats anders aus als zur klassischen Sinfonie? „My Abstract World“ im me Collectors Room lädt zu einem alle Sinne beanspruchenden Experiment.

Erstmal auf die Couch fläzen. Das ist der erste Impuls, als ich die Ausstellung „My Abstract World“ im me Collectors Room betrete. Mit Kissen bestückte Holzpaletten laden das Gesäß zum Ablegen ein, der Boden ist mit Teppichen aus Omas Keller und Haufen aus Kunstzeitschriften wattiert. Kreatives Chaos in heimeliger Wohnzimmeratmosphäre statt cleanem White Cube, das kann schon mal für anfängliche Irritationen sorgen. Nachdem man ganz stilvoll einen Drink durch das auf dem Coffee Table platzierte Retrotelefon geordert hat, ist man auch endlich soweit, sich einen ersten Eindruck über die Arbeiten zu verschaffen. Anhand von 67 Werken aus seiner Sammlung tut Thomas Olbricht seine Leidenschaft für abstrakte Kunst kund und präsentiert unter anderem solch arrivierte Positionen wie Sigmar Polke, Gerhard Richter, Katharina Grosse und Etel Adnan.

me Collectors Room Berlin

My Abstract World, Installationsansicht, 2016. Courtesy: me Collectors Room Berlin. Foto: Bernd Borchardt.

Die Arbeiten großer Künstler in unkonventionellem Interieur in Szene gesetzt – soweit, so beachtenswert, und dennoch: Alles schon mal gesehen. Auch der Fakt, dass im Obergeschoss eine Kreativecke für die ganz kleinen Kunstfans eingerichtet wurde, trägt nur mäßig zur Einzigartigkeit der Schau bei. Nein, was „My Abstract World“ von anderen Ausstellungen unterscheidet – und ihr dabei zweifelsohne eine Brise Genialität einhaucht – ist die Tatsache, dass sie mit einem von dem Kunst- und Musikpublizisten Max Dax zusammengestellten Soundtrack unterlegt wurde. Kaum ist die kostenfreie App installiert, kann man so von Kunstwerk zu Kunstwerk schreiten, wobei bei einigen ausgewählten Arbeiten ein entsprechender Song ertönt. Die Frage, die sich beim Rundgang deshalb augenblicklich stellt: Wie verändert die Musik meine Wahrnehmung der Kunstwerke? Fühlt sich ein Gemälde von Katharina Grosse zu dem treibendem Sound von den Melvins anders an als zu den sanftmütigen Klängen Ulrike Haages?

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Katharina Grosse, o.T., 2015. Courtesy: VG Bild-Kunst, Bonn 2016,. Foto: Roman März, Berlin.

Der aus Costa Rica stammende Künstler Federico Herrero hat einen hellblauen Berg gemalt, der wie ein Haifischzahn in eine etwas kryptischen Umgebung ragt. Kaum habe ich meinen Platz vor der Malerei eingenommen, beginnt sogleich Arto Lindsays rhythmische Interpretation brasilianischer Tropicália-Musik aus den Kopfhörern zu sickern. Ein bisschen klingt das wie ein Traveller-Chanson und es vergeht kaum eine Minute, da wird das Bild durch eine Projektion meiner eigenen Fantasie ergänzt: Eine Gruppe kleiner Männchen klettert frohgemut mit geschulterten Rucksäcken den steilen Bergrücken hinauf. Wäre die Musik nicht gewesen – daran hätte ich beim besten Willen nicht gedacht. Eine ganz ähnliche Wirkung erzielt das Zusammenspiel aus Malerei und Musik auch bei Sigmar Polkes fein säuberlich strukturierter Arbeit „Mit kleinen schwarzen Quadraten“. Genau die beginnen sich nämlich zu dem dynamischen Sound von Palais Schaumburgs „Wir Bauen Eine Neue Stadt“ wie von Zauberhand in Tetris-artiger Manier hinauf- und hinunterzubewegen. Andere Kombinationen wiederum sorgen für Irritation: Hätten Umm Kulthums arabische Basar-Skalen nicht viel besser zu Ali Banisadrs ungestüm-schemenhaften Gemälde „Foreign Lands“ als zu Etel Adnans aufgeräumter Arbeit „Sans Titre“ gepasst?

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Ali Banisadr, Foreign Lands, 2015. Courtesy: Ali Banisadr, Galerie Thaddaeus Ropac, Paris Salzburg. Foto: Charles Duprat.

Die Antwort lautet: Kann sein, muss aber nicht. Die Auswahl der Musikstücke erfolgte nämlich keinesfalls willkürlich: Einige Songs weisen auf formalästhetischer Ebene Bezüge zu den ausgestellten Werken auf, bei anderen wiederum handelt es sich um Ausschnitte aus jenem Soundtrack, der die Künstler bei der Fertigstellung der Arbeit begleitete. Letzteres ist nicht nur insofern interessant, als das sich einem dadurch die seltene Gelegenheit bietet, sich den Arbeitsprozess der Künstler – wenn auch nicht bildlich, so zumindest musikalisch – vorzustellen. Wer hätte schon gedacht, das Thomas Ruff seine „Substrat“ Serie zu den epischen Klängen Wagners bearbeitete? Vor allem aber führt die Ausstellung damit vor Augen, wie subjektiv und manipulierbar unsere Wahrnehmung von Kunst ist. Ein Gemälde kann noch so finster und verschlingend sein – kombiniert mit dem richtigen Song erscheinen überall Regenbogenfarben. Noch offensichtlicher wird es nur, wenn einem die Melodie auch noch bekannt ist: Dann nämlich wird der persönliche Erinnerungsfundus angezapft und Peter Halleys „Conspiracy theory“ wird aller Reduziertheit zum Trotz auf Ewig zur Spiegelung des letzten großartigen Roadtrips. Die Reise durch „My Abstract World“ führt schlussendlich also nicht nur durch Thomas Olbricht beeindruckend bestückten abstrakten Kunstkosmos, sondern noch viel weiter.

WANN: Die Ausstellung „My Abstract World“ läuft noch bis zum 2. April 2017. Alle Infos findet ihr hier.
WO: me Collectors Room / Stiftung Olbricht, Auguststraße 68, 10117 Berlin.

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