Academy in Space
Absolventenausstellung 2018 der AdBK Nürnberg

19. Oktober 2018 • Text von

Die diesjährigen Absolventen sind aus ihren Kinderschuhen herausgewachsen. Sie präsentieren individuelle Arbeiten mit eigenständiger Ästhetik und beschäftigen sich darin mit aktuellen gesellschaftlichen Themen. Man merkt, es weht frischer Wind in der Nürnberger Akademie, in jeder Hinsicht.

Eva Nüßlein und Marco Stanke, Seven of Nine, Foto: Johannes Kersting

Eva Nüßlein und Marco Stanke, Seven of Nine, Foto: Johannes Kersting

Sakral anmutend und ziemlich abgespaced empfängt die Ausstellungshalle dieses Jahr die Besucher der Absolventenausstellung in der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Die von Marco Stanke und Eva Nüßlein inszinierte Star-Trek-Hommage gibt dem prominenten Ausstellungsort, der üblicherweise mit mehreren Einzelpositionen bespielt wird, eine völlig neue Räumlichkeit. Weit und perspektivisch zieht sich das Innere, gleich einem Gotteshaus, in dem sich die Gläubigen, umgeben von Ikonenbildern, zum Gebet um ihren geistlichen Führer versammeln. Indem die Künstler den alten und seit Jahren verdunkelten Lichtschacht der Halle in die Installation integriert haben, erinnert die Situation aber ebenso an ein Raumschiff. Kritisch hinterfragen sie das Ausmaß des dem Fetisch gleichzusetzenden Personenkults unserer Zeit. Als Aufhänger dafür dient die titelgebende Serienfigur „Seven of Nine“ der Serie „Raumschiff Voyager“. Als bekennende Star-Trek-Fans nehmen sie sich von diesem soziokulturellen Phänomen nicht aus. Mit den von einer computergenerierten Stimme verlesenen Zitaten aus Star-Trek-Fanforen zeigen sie jedoch auf, wie die Verehrung fiktiver Figuren vielen Menschen zur Ersatzreligion wird und als solche zur Flucht aus der eigenen Realität dient.

Hannah Gebauer, food & fetish 1-3, 2018, fine art print, 150 x 100 cm, Foto: Johannes Kersting

Hannah Gebauer, food & fetish 1-3, 2018, fine art print, 150 x 100 cm, Foto: Johannes Kersting

Dem Fetisch in Zeiten des World Wide Web widmet sich auch Hannah Gebauer im Ausstellungsraum 18. Gekonnt spielt die Künstlerin mit dem Farbspektrum des Raums, indem sie die Rahmung und die Motive ihrer Arbeiten in Szene setzt und ihre sehr intimen, körperlichen Fotografien in unterschiedliche Betrachtungsdistanzen rückt. Die Absolventin der Klasse von Prof. Jürgen Teller zeigt in ihrer Serie „food & fetish“ die Relevanz von Körperlichkeit und Lebensmitteln im Internetzeitalter auf. Die vor allem durch Instagram artifiziell geprägte Ästhetik des menschlichen Körpers einerseits und von Früchten und Gemüse andererseits, entfremde diese ehemals sehr natürlichen Aspekte unseres Alltags und erhebe sie zu Objekten eines Fetischs. Food porn deluxe.

Michael S. Meier, Anti Biota, 2018, 1-channel video installation, PAL, 4:3, stereo sound, 13min., Steel, cotton, clay, spandex, Foto: Johannes Kersting

Michael S. Meier, Anti Biota, 2018, 1-channel video installation, PAL, 4:3, stereo sound, 13min., Steel, cotton, clay, spandex, Foto: Johannes Kersting

Michael S. Meier beschäftigt sich ebenfalls mit dem Körper, aber ausdrücklich mit dem schwulen. Im Ausstellungsraum 11 in der Klasse von Prof. Heike Baranowsky untersucht er mithilfe von Videomaterial aus den 80er Jahren, wie sich die öffentliche Berichterstattung zur Schwulenszene, insbesondere zu HIV-Infizierungen, auf die Sexualität damals wie heute auswirkt. Die aus Ton hergestellten und auf dem Boden arrangierten HIV-Pillen verweisen darauf, dass es mittlerweile möglich ist, die Ansteckungsgefahr mit Aids durch kostspielige Präparate auf 1% zu reduzieren und sich damit von sexuellen Restriktionen und Ängsten freizukaufen. Leider bleibt Meier dabei zu sehr in der von ihm bedienten Welt verhaftet. Allgemeingültiger wäre es, wenn er seine künstlerische Praxis als Ausgangspunkt sehen und die von ihm getroffenen Aussagen auf Sexualität im Allgemeinen erweitern würde. Denn die Gefahr, sich mit sexuell übertragbaren Krankheiten anzustecken beeinflusst nicht nur das schwule Begehren, sondern schränkt jeden ein, egal ob homo-, hetero- oder transsexuell.

Lucia Hufnagel, Institut für Metakompetenz, Installationsansicht, Foto: Johannes Kersting

Lucia Hufnagel, Institut für Metakompetenz, Installationsansicht, Foto: Johannes Kersting

Nüchtern und rein datenbezogen scheint hingegen das von Lucia Hufnagel in Ausstellungsraum 4 eröffnete Institut für Metakompetenz zu operieren. Tatsächlich treibt es aber nur die hohe Kunst der Inszenierung auf die Spitze. Einer Arztpraxis gleich, wird man im Wartebereich aufgefordert einen Erhebungsbogen zum eigenen Kunstverständnis auszufüllen. Es folgt die Auswertung der Angaben durch das auf den ersten Blick geschult wirkende Personal. Scheinbar auf den Ergebnissen der Datenanalyse beruhend, wird dem Kunden eine Arbeit aus dem Fundus des Instituts gezeigt. Die Installation baut Spannung auf und enthält bis zu einem gewissen Grad Kritik am Kunstmarkt und dem Datensammeln großer Firmen, inklusive eigenem Banksy-Moment. Dennoch wäre der Effekt noch besser zu Tage getreten, wenn die Datenerhebung und -auswertung nicht nur vorgegaukelt, sondern wirklich einen eigens für die Arbeit programmierten Algorithmus verwendet hätte. So bleibt das ganze eben doch nur Show und führt dem Besucher nicht wirklich die möglicherweise erschreckenden Konsequenzen seiner freiwilligen Datenpreisgabe vor Augen.

René Radomsky, Permanent Question, Foto: Johannes Kersting

René Radomsky, Permanent Question, Foto: Johannes Kersting

Wirklich unter die Haut geht dafür René Radomskys Videoinstallation „Permanent Question“. Seiner künstlerischen Praxis liegt ein dafür eher unkonventionelles Handwerk, das Tätowieren, zugrunde. Seien es Performances, in denen er bereitwilligen Kandidaten seine eigene Unterschrift unter die Haut setzt oder Zeichnungen, die er seinen Kunden als Unikate verkauft und anschließend tätowiert. Für die Absolventenausstellung hat er seine eigenen Gliedmaßen mit permanenten Souvenirs versehen: sieben Wörter, jedes an einer anderen Körperstelle, eine für den Künstler und seine Entscheidungsfindung und -bewertung essentielle Frage, festgehalten mithilfe einer Videokamera. Das Ergebnis ist im hinteren Teil der Ausstellungshalle zu sehen und nicht nur das Performance-Endprodukt, sondern auch Video- und Soundinstallation. 

Felix Neumann, When the Chemtrails kicked in, Foto: Johannes Kersting

Felix Neumann, When the Chemtrails kicked in, Foto: Johannes Kersting

Die Absolventen selbst wurden von Karin Kolb und Felix Neumann in deren ganz persönlichen Jahrbuch verewigt, im extra für den Anlass designten Ausstellungskatalog. Als Studierende der Klasse für Grafikdesign und visuelle Kommunikation haben sie nicht nur ein in der heutigen Zeit unschätzbares Handwerk erlernt, sondern zudem ihre künstlerische Ausdrucksweise geschult. Die Resultate dieser Verschränkung sieht man im Aquarium, in dem die beiden Künstler ihre Abschlussarbeiten zeigen. Davon profitiert aber vor allem der Katalog. Als eigenes künstlerisches Statement enthält er persönlich gestaltete Profile aller Absolventen. Ganz allgemein zeigt sich hier der große Vorteil der Nürnberger Akademie, eine Grafikklasse mit künstlerischem Selbstverständnis zu haben. Man merkt, die Akademie trifft den Zeitgeist und das zeigt sich nicht nur in der diesjährigen Absolventenausstellung.

WANN: Die Arbeiten der Absolventen sind noch das ganze Wochenende, einschließlich Sonntag, immer von 14:00 bis 19:00 Uhr zu sehen.
WO: Auf dem gesamten Gelände der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, in der Bingstraße 60, 90480 Nürnberg.

Dieser Beitrag entstand in freundlicher Zusammenarbeit mit der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg.

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