Abgeschossen
Michael Sailstorfer im BNKR

21. Februar 2019 • Text von

Tonnenschwere Tränen, dunkles Wabern und ausgebremste Gewalteinwirkungen. Nach mehr als zehn Jahren wird im BNKR die erste Einzelausstellung von Michael Sailstorfer in München präsentiert. Kuratiert von Lukas Feireiss steht der Dialog mit der Architektur des ehemaligen Luftschutzbunkers im Zentrum der Ausstellung.

Michael Sailstorfer: Tränen, 2015, 8:33 min, 5/5 + 2 AP. © Studio Michael Sailstorfer und KÖNIG Galerie, BNKR München, Fotografie: Achim Kukulies, Düsseldorf.

Sie scheinen federleicht und richten doch den maximalen Schaden an. Wie von Geisterhand fallen riesige Tränen vom Himmel, direkt auf ein baufälliges Haus. Immer wieder stürzen sie herab, wie in Zeitlupe, zerstören erst das Dach und schließlich das gesamte Haus. Volltreffer. Die Videoarbeit „Tränen“ aus dem Jahr 2015 ist eine der Arbeiten, die der Kurator Lukas Feireiss und der Künstler Michael Sailstorfer für dessen Einzelausstellung in den Räumen des BNKR an der Ungererstraße ausgewählt haben. Sie setzt die Stimmung für diese Präsentation, die sich auf den genius loci des ehemaligen Luftschutzbunkers einlässt.

Michael Sailstorfer: Augenhöhe, 2019 ,© Studio Michael Sailstorfer und KÖNIG Galerie, BNKR München. Fotografie: Achim Kukulies, Düsseldorf.

Michael Sailstorfer hat 2005 sein Diplom an der Akademie der Bildenden Künste in München gemacht und den Sprung in eine internationale Karriere geschafft. In seiner künstlerischen Praxis nutzt er Strategien der Verfremdung, der Dekontextualisierung und Rekonfiguration. Subversiv und durchaus humorvoll kombiniert er alltägliche und technische Materialien, transformiert Bedeutungen und schafft so präzise wie poetische Arbeiten. In seinen skulpturalen Inszenierungen bezieht er sich auf die Qualitäten der gegebenen Räume und fordert diese heraus. So auch im BNKR.

Michael Sailstorfer: Augenhöhe, 2019, © Studio Michael Sailstorfer und KÖNIG Galerie, BNKR München. Fotografie: Achim Kukulies, Düsseldorf.

Wie eine metallische Schlange windet sich ein Rohr durch das Erdgeschoss des Ausstellungsraums, auf Stativen montiert schlängelt es um Ecken herum, an Wänden entlang, 25 Meter durch den Raum. Dieser Eingriff in die Architektur stellt sich als der ins Absurde verlängerte Lauf eines Luftgewehres heraus, das Sailstorfer im zentralen Raum der Ausstellung auf ca. 160 cm Höhe aufgebockt hat. Einmal geladen, entlässt dieses Gewehr sein Projektil in seine vorgegebene Bahn bis dieses, fast seiner ganzen Energie beraubt, aus dem offenen Ende nur mehr entkräftet an die dicke Mauer des Bunkers kullert und einen kleinen Kratzer im Putz hinterlässt. „Augenhöhe“ nennt Sailstorfer dieses Spiel mit vermeintlicher Bedrohung, unzulänglicher Zerstörungskraft und comichafter Brutalität.

Michael Sailstorfer: Untitled (Bulb), 2010, © Studio Michael Sailstorfer und KÖNIG Galerie, BNKR München. Fotografie: Achim Kukulies, Düsseldorf.

Bedrohlich wirkt auch die Tonkulisse, die aus dem Untergeschoß des BNKR wabert und den Betrachter geradezu die Treppe herunterlockt. „Bulb“ aus dem Jahr 2010 und „Lohma“ von 2008 widmen sich Momenten der Auflösung, des Zerfall. Sailstorfer manipuliert die Parameter von Bewegung und Zeit und schafft so bewegte Bilder, die brutal und poetisch gleichermaßen wirken. Die Präsentation mit ratternden Filmprojektoren unterstreicht die skulpturale Qualität dieser Filme, die sich den Prozessen von Transformation und materieller Veränderung widmen.

Michael Sailstorfer: Ohne Titel (Lohma), 2008, © Studio Michael Sailstorfer und KÖNIG Galerie, BNKR München. Fotografie: Achim Kukulies, Düsseldorf.

Ein Schutzbunker, auch restauriert, saniert und zu einem Ausstellungraum umgestaltet, wird immer eine ganz eigene Wirkung ausstrahlen. Gebaut als Schutz vor Bedrohung und Zerstörung, hebt die Architektur beim Besucher ebendiese potenziellen Bedrohungen ins Bewusstsein. Michael Sailstorfer bespielt mit seinen Arbeiten gekonnt diese Architektur, hinterfragt deren Dispositiv formell wie inhaltlich und schafft so ein reflektierendes Raumerlebnis.

WANN: Zu sehen bis Sonntag, den 12. April 2o19. Am 21. Februar ab 19 Uhr wird unter dem Titel „Der Gelebte Raum“ ein Gespräch zwischen Franz Xaver Baier, Michael Sailstorfer und Lukas Feireiss im BNKR stattfinden.
WO: BNKR – current reflections on art and architecture, Ungererstraße 158, 80805 München. 
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Kontakt: Nina Pettinato, pettinato@bnkr.space T +49 (0)89.689 0606 20
Öffnungszeiten: Jeden Samstag und Sonntag, 14 – 18 Uhr, Eintritt frei.
Kostenlose Führungen (Di, Mi, Do) nach Vereinbarung unter info@bnkr.space
Öffentliche Verkehrsmittel: U-Bahn U6, Haltestelle „Alte Heide“

Dieser Text ist in Kooperation mit dem BNKR entstanden.

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