"…und eine Welt noch"
Kongeniale Konzepte im Kunsthaus Hamburg

10. Mai 2016 • Text von

„…und eine Welt noch“: So mystisch betitelt das Kunsthaus Hamburg seine aktuelle Ausstellung. Die Welt, um die es geht, ist der vielschichtige Kosmos Hanne Darbovens. Von ihrer Welt bekommen die 43 vertretenen Künstler nicht genug. Sie interpretieren die konzeptuellen Ideen der Hamburger Künstlerin neu.

Hanne Darboven steht ganz klar im Mittelpunkt der aktuellen Schau im Kunsthaus – und das, obwohl eigentlich nur eine Arbeit von ihr zu sehen ist: „Wende 80“. Das geht erstaunlich gut, denn die Kuratorinnen rollen das Feld von hinten auf. Das Kunsthaus ist bis oben hin voll mit atemberaubenden Arbeiten von Zeitgenossen und jungen Künstlern, die zentrale Aspekte im Schaffen der 1941 Geborenen weiterspinnen, neu bearbeiten und viele kleine Schlaglichter auf eine der Wegbereiterinnen der konzeptuellen Kunst werfen. Es handelt sich also um keine klassische Retrospektive, sondern um eine ganz eigene Form der Ausstellung: eine Umschreibung von Darbovens Schaffen voller Um- und Seitenwege.

Anna Artaker und Meike S. Gleim: KÜNSTLICHE SONNEN, MONDE UND STERNE, 2014, im Hintergrund Daniela Comani: "Ich war's. Tagebuch 1900-1999", 2002/2006, Druck auf Netvinyl, 300 x 600 cm. Foto: Christina Grevenbrock

Anna Artaker und Meike S. Gleim: KÜNSTLICHE SONNEN, MONDE UND STERNE, 2014, im Hintergrund Daniela Comani: „Ich war’s. Tagebuch 1900-1999“, 2002/2006, Druck auf Netvinyl, 300 x 600 cm. Foto: Christina Grevenbrock

Gleich am Anfang begeistert eine raumgreifende Installation: Anna Artaker und Meike S. Gleim haben einen mehrere Meter breiten Vorhang mit Schwarz-Weiß-Bildern von allerhand technischem Gerät bedruckt. Hier geht es um die Produktion und Verbreitung von Bildern mittels Spiegeln, Kameras und Fernsehern. Dazu stehen Zitate aus Walter Benjamins „Passagen“-Werk als riesenhafte Seiten eines überdimensionalen Buches im Raum. Als Betrachter fühlt man sich winzig gegenüber diesem seltsamen Raumteiler und taucht in die Gedankenwelt des Philosophen ein. Hier wird der Grundton der Ausstellung deutlich: Tiefgründige philosophische Ideen werden spielerisch und sinnlich erfahrbar.

Irma Blank: Eigenschriften, Pagina 74, 1970, pastel on paper, 70 x 50 cm, © the artist, courtesy Galerija Gregor Podnar, Berlin

Irma Blank: Eigenschriften, Pagina 74, 1970, pastel on paper, 70 x 50 cm, © the artist, courtesy Galerija Gregor Podnar, Berlin

Mitte der 60er Jahre hatte Darboven in New York Künstler der Minimal Art-Bewegung kennengelernt, etwa Sol Le Witt, der im Kunsthaus mit einer Serie von Faltblättern vertreten ist. Ab diesem Zeitpunkt bestimmen Schreibzeichnungen, persönlich bedeutsame mathematische Rechnungen, Kalendarien und Tabellen ihr Werk. In ihnen archiviert sie, fast wie in einem Tagebuch, persönliche Erlebnisse und das Verstreichen der Zeit. Ganz die protestantisch erzogene Kaufmannstochter stand Darboven jeden morgen früh auf, rechnete, zeichnete und schrieb. So abstrakt ihre Arbeiten scheinen, waren sie doch immer Teil ihres Alltagslebens. Lediglich eine Handvoll Blätter vermögen es, ihre Grundideen auf das Wesentliche zu verdichten. Zeichnungen von Bäumen, Noten, ein Interview mit Franz Josef Strauß und Helmut Schmidt, bei dem alle Antworten Strauß‘ geschwärzt sind, und Seiten voller Schrift und rhythmischer Bögen – in der Editionsarbeit „Wende 80“ kommt alles zusammen. Vor allem die Visualisierung von persönlich erlebter Zeit beschäftigte die Künstlerin immer wieder. Viele Blätter signiert sie nicht mit ihrem Namen, sondern mit einem durchgestrichenen „heute“. Die Arbeiten wirken nur auf den ersten Blick kühl und distanziert, tatsächlich sind sie aufs Engste mit ihrem Leben verknüpft.

Die Verbindung von persönlichem Erleben und Weltgeschichte ist auch für viele jüngere Künstler relevant. Jorinde Voigt etwa füllt großformatige Blätter mit seriellen Momentaufnahmen; im Minutentakt schreibt sie immer wieder dasselbe Wort: Now. Daniela Comani hingegen bespielt eine Wand des Kunsthauses mit einem fiktiven „Tagebuch“, bei dem die unterschiedlichsten weltpolitischen Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts auf die Tage eines Jahres komprimiert sind. Alle Geschehnisse gibt sie in der Ich-Form wieder, als wäre sie an ihnen beteiligt und zum Teil verantwortlich gewesen. Lia Perjovschi arrangiert in ihrem großen Wandbild „21. century“ für sie wichtige weltpolitische Ereignisse des 21. Jahrhunderts zu einer spiralförmigen Mind Map. Schrift hat hier eine Doppelrolle: Als Medium, um Zeitgeschichte zu archivieren, und als ästhetische Ausdrucksform. Diese rein ästhetische Funktion von Schrift – Schrift als Zeichnung – war ebenso wichtig für Darboven, die Texte, etwa Wörterbucheinträge, Wort für Wort abschrieb und als Schriftzeichnung ausstellte. Den Umkehrschluss, Zeichnung als Schrift, präsentiert Irma Blank. Von Weitem betrachtet wirken ihre Blätter wie bedruckte Buchseiten. Bei näherer Betrachtung stellt sich der vermeintliche Schriftspiegel jedoch als reine Zeichnung heraus.

Irma Blank,Osmotic Drawings D-2, 1996, acrylic on paper, double page 23.7 x 30.7 cm, © the artist, courtesy Galerija Gregor Podnar, Berlin

Irma Blank,Osmotic Drawings D-2, 1996, acrylic on paper, double page 23.7 x 30.7 cm, © the artist, courtesy Galerija Gregor Podnar, Berlin

Was wenige wissen: Hanne Darboven liebte Musik und komponierte selbst mathematische Stücke, die an Arnold Schönberg und Zwölftonmusik erinnern. Der rhythmische Klang, der durch das Kunsthaus hallt, ist jedoch nicht von ihr. Cevdet Erek verbindet in seinen Arbeiten zwei Aspekte, die auch für Darboven wichtig waren: Sound und persönliche Zeitmessung. Er hat Lineale entwickelt, die Zeit messen und Rhythmen repräsentieren. Der „Week-Ruler“ spiegelt den typischen Wochentakt eines Arbeitnehmers wider, Werktage und Wochenende wechseln sich mit je eigenen Takten ab. Der „Rythm-Ruler“ hingegen „misst“ einen 4/4-Takt und passt somit zum Wochenende, denn dies ist der Takt von Tanzmusik. Eine der beeindruckendsten Arbeiten der Ausstellung hat auch mit Sound zu tun, allerdings mit seiner Abwesenheit. Sigrid Sigurdsson, eine Kommilitonin Darbovens an der HfBK, hat für ihre Videoarbeit „Redepausen“ alle sprachlosen Momente aus den Audio-Mitschnitten der ersten Frankfurter Auschwitzprozesse zusammengeschnitten. Hier wird Weltgeschichte bedrückend greifbar: Angesichts der unfassbaren Verbrechen bleibt nur Sprachlosigkeit.

Ausstellungsansicht „...und eine Welt noch“, Kunsthaus Hamburg. Banu Cennetoglu: 11.08.2015, 2015, in Deutschland gedruckte Tageszeitungen mit dem Datum des 11.08.2015, 70 Bände, Hardcover.

Ausstellungsansicht „…und eine Welt noch“, Kunsthaus Hamburg. Banu Cennetoglu: 11.08.2015, 2015, in Deutschland gedruckte Tageszeitungen mit dem Datum des 11.08.2015, 70 Bände, Hardcover.

So wandert man zwischen ernsten und spielerischen, detailverliebten und gigantischen Arbeiten umher. Zu Letzteren gehört sicherlich auch die Installation von Banu Cennetoğlu, sie hat alle Zeitungen, die an einem zufälligem Tag, dem 11. August 2015, in Deutschland erschienen sind, gesammelt; zu großformatigen Büchern gebunden und auf riesigen Tischen präsentiert nimmt die deutsche Presselandschaft viel Raum ein. In diesem umfangreichen Archiv eines einzigen Tages darf geblättert werden. Dabei fällt auf, wie homogen unsere Nachrichtenlage einerseits ist, wie unterschiedlich andererseits mit denselben Nachrichten umgegangen wird.

Künstlerinnen werden viel zu selten in großen Ausstellungen als einflussreiche Figuren ins Zentrum gerückt. Im Kunsthaus wird durch die Augen anderer das Schaffen Hanne Darbovens ganz aktuell: Wie gehen wir mit Zeit um? Wie passen Ereignisse von globaler Bedeutung und persönlich erlebte Zeit zusammen? Wie kann diese archiviert, strukturiert und ästhetisch aufbereitet werden? So zeigt die Schau nicht nur, wie die Ideen dieser großen Künstlerin weiterwirken. Ganz nebenher wird mit einer bemerkenswerten Mühelosigkeit, die ihresgleichen sucht, eine Entwicklungslinie konzeptuellen Kunstschaffens von den 1970ern bis heute aufgezeigt. Hut ab, das schafft wirklich nicht jedes Museum! Das Kunsthaus macht alles richtig in dieser tollen Ausstellung, unbedingt alle hingehen!

WANN: Die Ausstellung „…und eine Welt noch“ ist noch bis zum 26. Juni zu sehen.
WO: Kunsthaus Hamburg, Klosterwall 15, 20095 Hamburg

Weitere Artikel aus Hamburg