"A thing is a hole in a thing it is not."
Carl Andre: Sculpture as a place, 1958 -2010.

7. Mai 2016 • Text von

Wir wollten dem Fangirl in uns eigentlich Einhalt gebieten, aber dann hat uns Carl Andre doch umgehauen. 300 Werke umfasst die Retrospektive, die derzeit im Hamburger Bahnhof zu sehen ist. Wir fanden jedes großartig.

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Installationsansicht, Carl Andre: Sculpture as Place, 1958-2010. Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin. © Carl Andre / VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Thomas Bruns.

„Von der Form in der Skulptur zu der Struktur in der Skulptur und bis zu dem, wo ich jetzt angelangt bin, nämlich dem Ort in der Skulptur“, so beschreibt Carl Andre seine künstlerische Entwicklung bereits in den Siebzigern. Seitdem sind drei Jahrzehnte vergangen und trotzdem liest man die Aussage dreimal und versteht sie immer noch nicht. Und zwar vollkommen zurecht. Das Werk von Carl Andre erklärt sich nicht durch Sprache, sondern durch Erfahrung. Glücklicherweise dürfen wir diese nun im Hamburger Bahnhof machen. Mehr als die Hälfte der Ausstellungsfläche des Museums für Gegenwart nimmt die 300 Werke umfassende Retrospektive ein, die von der Dia Art Foundation organisiert wurde, letztes Jahr bereits in New York und Madrid war und anschließend nach Paris und Los Angeles reist. Beim Betreten der historischen Bahnhofshalle stellt sich die Frage, wie diese Werke reisen. Immerhin sind dort fünf Kunstwerke ausgestellt, die aus insgesamt 1.515 Teilen bestehen.

Materialität und Schwerkraft definieren die Form. Schwerkraft und Materialität, sonst nichts. In der ersten Skulptur sind sechs verschiedene Metalle in 36 Quadraten, bestehend aus 36 Platten, in abnehmendem Reinheitsgrad angeordnet. Neben der Skulptur stehend, lässt sich die Mitte lediglich erahnen. Blick nach rechts, Blick nach links, der Museumswärter nickt kurz, und man steht mitten auf der Skulptur, mitten in dem Ort den Carl Andre geschaffen hat. Die einzelnen Platten berühren sich gegenseitig, den Boden und den Betrachter. Obwohl es sich um robustes Metall handelt, fühlt es sich an wie rohe Eier aus Gold – wertvoll und irgendwie fragil. Der Blick schweift durch den Raum, findet keinen Halt und jegliche hierarchische Beziehung zwischen Kunstwerk und Betrachter ist aufgehoben. „Meine Vorstellung von einer Skulptur ist eine Straße. Eine Straße erschließt sich nicht von einem bestimmten Punkt. Straßen erscheinen und verschwinden.“, sagt Carl Andre. Doch nicht alle Werke Carl Andres sind Bodendecker, in der historischen Halle befinden sich zudem ein Arrangement aus massiven Holzbalken und ein quadratisches Raster aus 100 Beton Klötzen. Die hervorgerufene Assoziation liegt irgendwo zwischen Stone Hedge und Kriegsfriedhof, ein archaisches Relikt der Menschheit. Ist aber nur aus den Neunzigern.

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Installationsansicht, Carl Andre: Sculpture as Place, 1958-2010. Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin. © Carl Andre / VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Thomas Bruns.

Carl Andre ist einer der fünf Gründerväter der Minimal Art, die als erste genuin amerikanische Kunstströmung in den 1960er Jahren nach einer Letztbestimmung der Kunst trachtete und heute als Schlussstein der Moderne beschrieben wird. Dem expressiven Pathos des Abstrakten Expressionismus setzten unter anderem Donald Judd, Robert Morris, Dan Flavin, Sol LeWitt und Carl Andre eine Kategorie von Objekten entgegen, deren Kunstgehalt minimal ist. Jegliche Differenzierung der Werke ist nicht durch den Künstler bedingt, sondern durch einer Quelle außerhalb der Kunst – beispielsweise der Natur oder einer Fabrik – bedingt. Carl Andre bedient sich sowohl natürlichen, als auch industriellen Materialien, die zwischen Readymade und Objet Trouvé changieren, und die Tatsache, dass sie der alltäglichen Welt entstammen, dabei trotzdem nicht zum zentralen Aspekt des Kunstwerkes zu machen. Minimal Art ist der unliebsame Stiefsohn der Kunst des 21. Jahrhunderts – eindeutig männlich. Es handelt sich um eine Kunst, die schwer vermittelbar ist, weil sie mehr einen Gedanken als ein Gefühl vermittelt. Für ein Publikum, das sich Sprüche wie „Ist das Kunst oder kann das weg?“ an den Kühlschrank klebt, grundsätzlich ungeeignet. Deshalb muss es nochmal gewürdigt werden, dass der Hamburger Bahnhof dieser Kunst den verdienten Platz einräumt. Die Werke von Carl Andre sind hervorragend dafür geeignet, einen Zugang zur Minimal Art zu finden: Seine Kunst ist ehrlich, geradlinig und überraschend, wobei die Nacktheit des Materials täuscht alle Verfechter der Annahme, dass Kunst durch handwerkliches Können bedingt ist.

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Installationsansicht, Carl Andre: Sculpture as Place, 1958-2010. Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin. © Carl Andre / VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Thomas Bruns.

Als Ausstellungsort ermöglichen die Staatlichen Museen zu Berlin, dass alle Skulpturen, die betretbar seien sollen, auch betretbar sind – was heutzutage aus konservatorischen Gründen keineswegs selbstverständlich ist. Der ehemalige Bahnhof fungiert dabei als erklärende Instanz für die Kunst Andres, der vor seinem künstlerischen Durchbruch für vier Jahre als Schaffner und Bremser von Güterzügen arbeitete. Neben dem skulpturalem Oeuvre des Künstlers umfasst die Retrospektive auch Zeichnungen, Collagen, Fotografien und duchampsche Objekte, die sowohl den künstlerischen Zeitgeist der Mitte des letzten Jahrhunderts einfangen, als auch Zeugnis über den geistreichen Unterbau der flachen Skulpturen ablegen. Zusätzlich bereichert wird der Parcours durch die Rieckhallen durch eine Vielzahl von Gedichten, da diese Einblick in die seriellen Strukturen geben, welche auch für die skulpturalen Werke Andres form- und bedeutungsgenerierend sind. Wer bis Mitte September durch die Hallen streunet, braucht nicht nach Titeln an der Wand zu suchen – eine umfangreiche und erklärende Broschüre in der Hand verhindert jegliche Orientierung in der Vertikalen. Ich jedenfalls verzichte darauf, mein Loblied unnötig in die Länge zu ziehen, um am Ende soll das Oeuvre von Carl Andre so unvoreingenommen wie möglich erfahrbar zu machen.

WANN: Vom 5. Mai bis 18. September 2016 für 14,00 €/ ermäßigt 7,00€.
WO: Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart. Invalidenstraße 50.51, 10557 Berlin.

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