Berliner Kunstgriff
03.05. - 09.05.16

3. Mai 2016 • Text von

Das Gallery Weekend haben wir überstanden, das Maifest so halb – wirklich frisch starten wir nicht in die Woche, allerdings bringt ein bisschen Kunst gucken den Kopf ganz schnell wieder auf Touren…

Am Mittwoch, den 04. Mai, gilt es zunächst einmal einem der bedeutendsten Vertreter des Minimalismus Tribut zu zollen: Um 20 Uhr eröffnet im Hamburger Bahnhof die bisher umfangreichste Einzelausstellung des US-amerikanischen Bildhauers Carl Andre. Mit Arbeiten aus über fünf Jahrzehnten – darunter neben Skulpturen auch Gedichte, Fotografien und Assemblagen des Künstlers – gibt die Schau nicht nur einen Gesamtüberblick über dessen umfangreiches Oeuvre, sondern zeichnet auch historische und ästhetische Veränderungen in diesem nach. Carl Andre gilt als Wegbereiter eines neues Skulptur-Verständnisses – bei ihm wird die Skulptur zum Ort, über den sich die Rolle des Betrachters sowie dessen Empfinden maßgeblich definiert. Charakteristisch für sein Schaffen sind seine Bodenskulpturen aus linear angeordneten Bau- und Industriematerialien, die wie Miniaturmetropolen aus dem Boden schießen.

WANN: Die Eröffnung findet am Mittwoch, den 04. Mai 2016, um 20 Uhr, statt. Infos hier.
WO: Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50-51, 10557 Berlin.

Installation view, Carl Andre: Sculpture as Place, 1958–2010, Dia:Beacon, Riggio Galleries, Beacon, New York. May 5, 2014–March 2, 2015. Art © Carl Andre/Licensed by VAGA, New York, NY. Photo: Bill Jacobson Studio, New York.

Installation view, Carl Andre: Sculpture as Place, 1958–2010. Dia:Beacon, Riggio Galleries, Beacon, New York. May 5, 2014–March 2, 2015. Art © Carl Andre/Licensed by VAGA, NewYork, NY. Photo: Bill Jacobson Studio, New York. Courtesy Dia Art Foundation, New York.

Wem der Sinn am Mittwoch weniger nach gucken, als nach lauschen steht, der kann sich alternativ ins Haus der Kulturen der Welt begeben, wo um 19 Uhr der Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka mit dem Filmtheoretiker Manthia Diawara über den Begriff von Wahrheit diskutiert. Was bedeutet Wahrheit im Kontext von postkolonialen Konflikten und Menschenrechtsverletzung, aber auch von Versöhnung und Reparation? Wann führt Wahrheit zu individueller Freiheit, wann lässt sie erneut ausgrenzende Machtstrukturen entstehen? Den Ausgangspunkt des Gespräches bilden die Theorien der Négritude-Bewegung, die für die kulturelle Selbstbehauptung der afrikanischen Bevölkerung einsteht, sowie Glissants Theorie der Relation. Im Anschluss an den Talk findet die Deutschlandpremiere von Manthia Diawaras Filmprojekt „Négritude – Ein Dialog zwischen Soyinka und Senghor“ statt.

WANN: Die Veranstaltung beginnt am Mittwoch um 19 Uhr. Alles Wichtige gibt’s hier.
WO: Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin.

Wole Soyinka, 2009, Foto: Annette Hauschild.

Wole Soyinka, 2009, Foto: Annette Hauschild.

Am Donnerstag, den 05. Mai, eröffnet dann bei Exile die Ausstellung „New Writing“ des amerikanischen Schriftstellers und Künstlers Travis Jeppesen. Jeppesen setzt sich in seinem Oeuvre mit Sprache auseinander – er entwickelte unter anderem eine objektorientierte Form des Über-Kunst-Schreibens, bei dem das eigentliche Wesen eines Kunstwerkes mitsamt seiner Widersprüchen und Rätsel eingefangen wird. Jeppesen selbst hat viel und vor allem viel über Kunst geschrieben: Bekannt sind unter anderem seine Novellen „Victim“,„Wolf at the Door“ „The Suiciders“ sowie seine kunstkritischen Schriften „Disorientations: Art on the Margins of the “Contemporary”. In der Ausstellung wird der Text nun mal als sprachliches Artefakt, mal als Abstraktion, mal als Bild gehandelt und der Betrachter so zum Entschlüsseln neuer visueller Codes aufgefordert. Bis dahin sollten wir auch wieder ausreichend erholt sein, um diese Herausforderung zu meistern.

WANN: Die Eröffnung findet am Donnerstag, den 05. Mai 2016, von 19 bis 21 Uhr statt. Infos gibt’s hier.
WO: Exile Berlin, Kurfürstenstraße 19, 10785 Berlin.

Travis Jeppesen: Poem against the fog, 2016. Courtesy: Exile and the artist.

Travis Jeppesen: Poem against the fog, 2016. Courtesy: Exile and the artist.

Und dann steht auch schon wieder der lang ersehnte Freitag vor der Tür und wo ließe sich dieser besser einläuten als bei The Ballery. Um 18 Uhr eröffnet dort die Ausstellung „organiche/ geometriche“ der italienischen Künstlerin Valentina Bardazzi, die nicht zum ersten Mal die Räume in der Nollendorfstraße bespielt. Bardazzis Malereien mögen für zartbesaitete Seelen unzumutbar sein: überdimensionale Gebisse, deformierte und fragmentierte Körper, Embryos, undundund …Man muss schlucken, ja, aber nicht nur wegen der Motive, sondern auch, weil die Künstlerin so mutig ist, Hässliches und Unvollkommenes ungeschönt darzustellen. Wem das Ganze dennoch auf den Magen schlägt, der ist bei The Ballery dann wenigstens gut aufgehoben: Süffig und plauschig wird’s garantiert!

WANN: Die Eröffnung findet am Freitag, den 06. Mai 2016, um 18 Uhr statt. Nachlesen könnt ihr hier.
WO: The Ballery, Nollendorfstraße 11, 10777 Berlin

Valentina Bardazzi "Loridelsanto", 2011. Courtesy: Artist, The Ballery.

Valentina Bardazzi „Loridelsanto“, 2011. Courtesy: Artist, The Ballery.

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