Vom Wesen der Orte

2. Mai 2016 • Text von

Die Welt ist nicht so, wie sie scheint! Vor allem nicht in der Kunst. Manchmal ist es besser zweimal hinzusehen, so auch in den Arbeiten von Oliver Boberg. Wer glaubt es mit Dokumentarfotografie in der Tradition der Becher-Schule zu tun zu haben, wird schnell eines Besseren belehrt.

Oliver Boberg: Schacht 6, 2016, 60x35, 25x10 cm, Leuchtkasten

Oliver Boberg: Schacht 6, 2016, 60x35x10 cm, Leuchtkasten

Der sympathische, in Fürth lebende Künstler gab uns anlässlich seiner Ausstellung im Kunsthaus Nürnberg ein Interview. Wir tauchten ein in eine Welt aus Abbild und Trugbild und ein äußerst anregendes Gespräch. Nur wenige in Franken ansässige Künstler haben überregional und international in den letzten Jahren ähnliche Erfolge feiern können wie dieser Meisterspieler der Realitäten. In seinen Arbeiten legt er falsche Fährten, verdächtige Spuren und schlägt visuelle Finten, dass es eine wahre Freude ist. In den 90er Jahren fing er an, seine Vorstellungen von Orten und Un-Orten in Modellen zu re-konstruieren. Die Ergebnisse sind ebenso verblüffend wie irritierend. Es entfaltet sich ein faszinierendes, mediales Verwirrspiel das unsere Wahrnehmungskategorien durcheinanderwirbelt.

gallerytalk.net: Wie arbeitest Du, wenn Du mit einem neuen Motiv beginnst? Was passiert zuerst? Wie entwickelst Du die neue Idee?
Oliver Boberg: Ich habe oft eine Grunderfahrung, die mich fasziniert und bei der ich dann über den Ort an sich nachdenke. Hinzu kommt mein Faible für nicht-beachtete Orte. Die klassischen Orten, die ich seit 1997 mache, sind meist in der Öffentlichkeit, teilweise aber auch im Privaten und liegen so quasi neben dem eigentlich Fokus. Man speichert sie irgendwo ab, wenn man vorbeigeht. Ich fange an, darüber nachzudenken, schlüssele die einzelnen Typen auf und mache Zeichnungen. Teilweise entstehen auch grobe Photoshop-Skizzen mit irgendwelchen Farbplatten, Farbbalken oder Farbebenen. Dann beginne ich langsam, das Modell mit Holz oder Schaumplatten und anderem Material im Atelier zu bauen. Während dieses Entstehungsprozesses arbeite ich bereits mit einem festen Bildausschnitt, den ich mit meiner Kleinbildkamera festlege. Ich überarbeite das Modell sowohl in den Skizzen als auch am Objekt immer wieder, um zu überprüfen, was für das endgültige Bild noch fehlt, bis für mich irgendwann feststeht, dass jetzt das Stadium erreicht ist, in dem es abfotografiert werden kann.

Oliver Boberg: Schacht-Zeichnungen, 2015, Copic-Marker auf Papier, Höhe ca. 20cm

Oliver Boberg: Schacht-Zeichnungen, 2015, Copic-Marker auf Papier, Höhe ca. 20cm

Du gleichst schon während des Bauens Abbild und Objekt immer wieder ab. Hast Du Deine Skizzen schon einmal ausgestellt?
Nein, wir haben hier im Kunsthaus überlegt, ob wir sie zeigen. Ich mag sie gern. Ich habe mir ein Tablet mit Zeichenstift gekauft, bin aber wieder zu der klassischen Designer-Methode mit Copic Markern zu arbeiten zurückgekommen.

Du arbeitest mit einem Fotografen zusammen, der Deine fertigen Modelle fotografiert. Wie ist Dein Verhältnis zur Autorenschaft?
Ich sage oft, die Beziehung zwischen mir und dem Fotografen ist vergleichbar mit der Beziehung zwischen einem Regisseur und dem Kameramann. Doch das stimmt insofern nicht ganz, als dass der Regisseur zwar Storyboards zeichnet, ich allerdings darüber hinaus das endgültige Bild so präzise festlege, dass ich dem Fotografen ein fertiges Kleinbildfoto davon vorlegen kann. Das Licht, die Farbe, die Kontraste und den Ausschnitt muss er dann exakt nachempfinden. Als unsere Zusammenarbeit losging haben wir uns damals überlegt, ob wir als Duo auftreten wollen. Das wäre mir jedoch merkwürdig vorgekommen, da letztendlich die gesamte Autorenschaft in den Bilder meine ist, und der technische Aspekt der Umsetzung sein Anteil ist. Aus diesem Grund hat er damals auch gesagt, dass er zum Beispiel bei Plakaten oder Veröffentlichungen als Fotograf genannt werden möchte, aber bei den Bildunterschriften keinen Impetus hat.

Oliver Boberg: Schacht 2, 2014, 100x100x11cm, Leuchtkasten

Oliver Boberg: Schacht 2, 2014, 100x100x11cm, Leuchtkasten

In Deiner neuesten Serie in der Ausstellung arbeitest Du mit Leuchtkästen.
Das Thema ist „dunkel“ und „hell“. Es begann mit einer U-Bahn-Fahrt, bei der ich gemerkt habe, dass da etwas sehr schnell an mir vorbeigeht, was ich so nicht kenne. Ich habe recherchiert und gezielt nach diesen Schächten gesucht. Beim Vorbereiten war klar, dass ich mich nicht nur auf den Teil beschränken kann oder will, bei dem das ganze Licht ist, sondern dass dieser Ort vor allem dadurch lebt, dass so viel Dunkelheit außen herum ist. Ich habe bei den ersten drei Motiven mit einer gleich aufgebauten Komposition und einem ähnlichen Betrachterstandpunkt begonnen. Schon beim Bauen hatte ich den Gedanken, daraus Leuchtkästen zu machen. Irgendwann war mir klar, dass ich nicht den Effekt haben wollte, dass es aus dem Dunkeln heraus neblig leuchtet, sondern es sollte so aussehen, als würde ein dunkler Print an der Wand hängen. Andererseits wollte ich das Licht als etwas haben, das  einen anzieht, wo man hinflieht. Es geht hierbei ganz oft um Flucht, etwa bei den Sicherheitsschächten. Spannend ist, dass diese Schächte baulich teilweise sehr abstrakt sind. Ich habe mich tatsächlich drei Stunden lang durch die Nürnberger U-Bahn führen lassen und habe dabei erfahren, was für Typen von Schächten es gibt. Ich finde es handelt sich um dramatische Orte, was deren Atmosphäre noch erhöht, aber letztendlich ging es mir in erster Linie um die Sinnlichkeit des Lichtes.

Oliver Boberg: Alte Mauer, 2012, 128x176cm, Lambdaprint

Oliver Boberg: Alte Mauer, 2012, 128x176cm, Lambdaprint

Wenn man durch Deine Ausstellung geht, scheinen Deine Arbeiten an verschiedene Bildsprachen zu referieren. Einerseits natürlich an die Becher-Schule, andererseits sehe ich bei Dir auch diese Referenzen zum Kino. Entwickelt sich das beim Arbeiten oder planst Du diese Referenzen im Vorfeld?
Ich habe noch im Studium begonnen mit dem Modell als künstlerischem Medium zu experimentieren. Das waren damals bis zu 1,5-Meter-hohe Guckkästen, die außen pechschwarz und massig schwer waren und in denen sich ein sehr reduziertes Modell befand. Man konnte durch ein kleines Fenster hineingucken und bekam dann das Gefühl eines großen hohen Raumes, in den von oben her Licht fällt. Schon damals beeinflussten mich die Mittel des Films.  Das Konzept des Filmmodells und die Filmkulisse haben mich total fasziniert und ich habe mir überlegt, was man darüber transportieren kann. Aber das war mir eindeutig zu fantastisch und war nicht Kunst für mich. Ich dachte mir, was will ich eigentlich erzählen? So bin ich irgendwann darauf gekommen, mit ganz alltägliche Außenansichten zu arbeiten und plötzlich habe ich gemerkt, da klickt etwas.

Ist es vielleicht auch eine Art Rückkopplung zwischen dem, was Du selbst im Alltag gesehen hast und dem, was es in Ausstellungen und in der zeitgenössischen Fotografie zu sehen gab?
Die Bildsprache war am Anfang völlig inspiriert von einer Faszination für die Becher-Schule, vor allem aber für die Bechers selbst. Mich reizte dieser immer gleiche graue Hintergrundhimmel, dieses neutrale Fotografieren und dieses unaufgeregte Einfach-nur-Hingucken. Ich wollte mein Modell eigentlich nicht inszenieren, sondern erzeugte aus verschiedenen Stoffen eine Interpretation der Wirklichkeit. Das Foto nutzte ich nur, um es zu objektivieren. Die Bechers haben das ebenfalls gemacht bei ihren Hochöfen, die, wenn man tatsächlich davor steht, unglaubliche Emotionen entwickeln. Im Bild, das von einem neutralen Standpunkt aus aufgenommen wurde, wurden die riesigen Kolosse objektiviert, indem die Bechers sie auf teilweise relativ kleine Formate abgezogen haben und so gesagt haben, guck mal, das ist das Objekt. Im Unterschied dazu habe ich die Ränder meiner Objekte nicht gezeigt, wodurch eine Form von Illusionismus entstand. Das Objektive daran war für mich das Interessante. Ich wollte die Leute damals nicht mit einer Atmosphäre ködern. Darauf zielte ich erst später ab in den Arbeiten der Nacht-Orte, die mit Licht, Inszenierung und Atmosphäre spielen. Diese Arbeiten gehen weg von den Bechers, hin zu einer eher filmischen Sprache.

Oliver Boberg: Video-Still aus "Landstraße"

Oliver Boberg: Video-Still aus „Landstraße“

In den Filmen, auf die Du eben hingewiesen hast, arbeitest Du auch mit farbigem Licht, was Du in den statischen Bildern nicht machst. Vielleicht auch, weil das schnell kitschig oder befremdlich wirkt?
Ja. Ich hatte mir die Videoarbeiten ursprünglich auch als Leuchtkästen vorgestellt. Dann stellte ich mir ziemlich schnell die Frage, warum ich dieses Bild, das eine filmische Assoziation haben soll, nicht gleich als Film umsetzte? Der Gedanke war naheliegend, da der Film logischerweise eine ganz andere Zeitvorstellung entwickelt, wenn er ständig läuft. So entstanden diese bewegten Momente, die trotzdem Bilder sein sollten. Beim Film hat das blaue Licht einfach deswegen Sinn, weil man bei Nachtaufnahmen für Mondlicht Blaulicht in unterschiedlicher Blauintensität verwendet. Man muss eine Nachtszene beleuchten, sonst sieht man nichts.

Oliver Boberg: Gewerbegebäude, 2012, 128x176cm, Lambdaprint

Oliver Boberg: Gewerbegebäude, 2012, 128x176cm, Lambdaprint

Denkst Du, dass ein Architekt, der Deine Arbeit sieht, den Fake aufgrund einer Funktionalität oder Struktur, die möglicherweise nicht stimmt, schneller erkennt? Wie wichtig ist es für Dich, dass eine allgemeine Logik in Deinen Bildern existiert und dass Deine Arbeiten nicht surreal werden?
Ich recherchiere für meine Motive viele Räumlichkeiten und Materialzutaten. Ein Architekt hat mir bereits einmal gesagt, dass er bei bestimmten Stellen merke, dass die Objektstruktur zerbricht und ich mir dort ein paar Freiheiten herausgenommen habe. Während meine Schächte zum Beispiel gerade nach oben gehen, sind die allermeisten U-Bahn-Schächte eine Röhre, die die U-Bahn durchfährt. Das war eine Freiheit, die ich mir genommen habe, weil ich das Quadratische und die so entstehende Rahmenwirkung haben wollte; das Licht sollte letztendlich ganz gerade fallen. Ich bediene mich auch bei Material, das ich im Internet finde. Über bestimmte Schlagworte finde ich bestimmte Sachen, die meine Kulissenvorstellung entweder bestätigen oder auch korrigieren. Daraus baue ich mir einen Ort zusammen, der das erzählt, was ich will.

Oliver Boberg: Lärmschutzwall, 2012, 83,3x180cm, Lambdaprint

Oliver Boberg: Lärmschutzwall, 2012, 83,3x180cm, Lambdaprint

Passiert es oft, dass Leute Deine Bilder sehen und behaupten, sie würden den Ort kennen?
Ja, das ist natürlich für mich das Höchste, wenn etwas wiedererkannt zu werden scheint, was ganz woanders ist. Zumal sich die meine Orte aus ganz verschiedenen Ideen zusammensetzen. Teilweise versuche ich herauszufinden, was eine bestimmte Art von Ort braucht, um als Ortstyp plausibel zu sein. Ich schaue dann nach wiedererkennbaren Momenten und Details, die beispielsweise ein Erdloch zu einem Erdloch machen. Aber das ist eigentlich immer mit Kulissen so. Hinzu kommt bei mir noch: Wenn ich beispielsweise ein modernes museales Gebäude zeigen möchte, frage ich mich, was ich dazu alles brauche und wie ich meine eigene Sprache daraus machen kann. So kann ich, ohne Architekt zu sein, über aktuelle Repräsentationsarchitektur nachdenken. An den Stellen, an denen mir Wissen fehlt, muss ich einen Bruch riskieren.

Innerhalb der zeitgenössischen Fotografie gibt es den Strang der sogenannten Modellbauer. Mich interessiert, wie Du Dich da selber positionieren würdest? Man kann zum Beispiel Thomas Demand nennen oder Edwin Zwakman…
…Lois Renner…
Gibt es da einen, den Du besonders gut findest; einer, der Dich vielleicht ein bisschen ärgert – oder wie würdest Du Dich da ins Verhältnis setzen?
James Casebere hat momentan eine große Retrospektive in München [Anm. d. Red.: Die Ausstellung „James Casebere Flüchtig“ läuft noch bis 12.6. im Haus der Kunst, München]. Eigentlich hat er mit dem Modellbauen angefangen. Man kommt zum Modell, einfach weil man im Atelier während des Studiums experimentiert und ein Faible für etwas hat. Dann probiert man, das möglichst echt und ehrlich hinzubekommen. Ich weiß nicht, wie die anderen angefangen haben – bei mir ging der Weg so los. Anfang der Zweitausender Jahre war genau diese Gruppe relativ präsent und man merkt nach und nach, wer was betont und was wessen Geschichte ist. Ich glaube, was insbesondere Demand, Zwakman und ich gemeinsam haben, ist die Erinnerungsfrage. Allerdings funktioniert das immer über ein anderes Vehikel: bei Demand sind es die nachgebauten Fotogeschichten; Zwakman hat zum Beispiel Fragen über Baustellen oder Museen, aber auch seine frühe Arbeit, die sehr berühmt ist, wo man scheinbar aus einem Flugzeug durch die Wolken auf eine Stadt hinunterblickt – ein großartiges Motiv, bei der dieser Kippungseffekt einfach Spaß macht. Ich fand es spannend, dass jeder sein Segment abdeckt und jeder seine eigene Art von Geschichte erzählt. Letztendlich sind es immer Geschichten, insbesondere wenn Du mit Erinnerung spielst. Das ist immer sehr persönlich. Im einen Fall ist es eben Persönlichkeit und Öffentlichkeit, bei mir ist es Persönlichkeit und Privatheit. Für mich ist es wesentlich interessanter die Leute zu fragen, was sie sehen, als dass ich über etwas rückkoppele, was eigentlich schon einmal öffentlich gewesen ist.

Oliver Boberg: Garteneingang, 2001, 94x83,5cm, Lambdaprint

Oliver Boberg: Garteneingang, 2001, 94×83,5cm, Lambdaprint

Du arbeitest auch als Lehrer mit Kindern und Jugendlichen. Vor allem, weil Du auch gleichzeitig Bildender Künstler bist, würde mich interessieren, was für Dich guten Kunstunterricht ausmacht?
Jeder von uns hat irgendeine Erinnerung an den eigenen Kunstunterricht. Ich hatte unglaubliches Glück, weil ich einen wirklich tollen Kunstlehrer hatte. Er hat mich beeindruckt durch diese Mischung aus einer Persönlichkeit, die selber um den Wert der Kunst weiß, aber nicht müde wird sie vom Sockel zu holen. Er hat uns eine große Unverfrorenheit gegenüber den Göttern der Kunst beigebracht und das immer wieder verbunden mit den rein urmenschlichen Vorgängen. Er hat gesagt, letztendlich wollen die Leute Geld, Macht und Positionen oder sie wollen alle möglichen anderen menschlichen Grundbedürfnisse. Und darauf brach er meistens die Kunst runter. Und das stimmt! Ich hab das durch ihn gelernt, der zwar für sich seine eigene Position irgendwie gefunden hatte, aber der ein in sich ruhender Mensch gewesen ist, mit ganz vielen Fragen, unglaublich intelligent und unglaublich belesen. Bestimmte Sachen von ihm habe ich übernommen: ich denke, dass ich als Person ziemlich integer bin – und das muss ein Kunstlehrer oder überhaupt jeder Lehrer sein. Meine Lieblingsklientel in der Schule sind nicht diejenigen, die sowieso klasse sind, sondern tatsächlich diejenigen, die mit Kunst überhaupt nichts am Hut haben und sich fragen, was sie hier eigentlich machen. Die soweit zu kriegen, dass sie eine Arbeit erstellen, von der sie hinterher sagen, dass ihnen das sogar gefällt – das finde ich toll! Ich frage im Unterricht sogar: „Stimmts, Du bist grad stolz auf das, was Du grad gemacht hast?“ Und dann kommt die Antwort: „Ja.“ Und ich glaube, das ist was, wo jemand in sich etwas entdeckt hat, das er vorher nicht für möglich gehalten hätte.

WANN: Die Ausstellung „Oliver Boberg. Fast hier“ ist noch bis Sonntag, den 8. Mai zu sehen.
WO: Kunsthaus Nürnberg, Königstraße 93, 90402 Nürnberg

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