Das Wesen der Dinge ist bunt und banal

22. Februar 2016 • Text von

Es ist eine Heldengeschichte: Ein Mann brach auf, um die Farbfotografie als eigenständige Kunstform zu etablieren – nur er und seine Kamera. An der Grenze von Dokumentation und Konzeptkunst durchstreifte er die amerikanische Prärie und erklärte alles und jeden zu einem bildwürdigen Motiv. Bei C/O Berlin wird nun eine Retrospektive des amerikanischen Fotografen Stephen Shore präsentiert.

Oft geben die einfachen und unscheinbaren Dinge am ehesten Aufschluss über die großen und bedeutenden Zusammenhänge der Welt. Stephen Shore widmet sich beidem, behauptet der Begleittext zu seiner Retrospektive im C/O Berlin. Der Künstler blickt durch die Linse seiner Kamera und sucht nach dem „Wesen der Dinge, das die Welt im Inneren zusammenhält und nicht nur dessen Abbild oder Schein.“ Auf den ersten Blick lassen sich diese hohen Ambitionen in den beiläufig wirkenden Aufnahmen von Menschen, Interieurs und Gebäuden nur schwer erkennen.

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West Ninth Avenue, Amarillo, Texas. October 2, 1974. From the series “Uncommon Places“ © Stephen Shore. Courtesy 303 Gallery, New York & Sprüth Magers.

Doch dann kommt mir Platon in den Sinn. Noch bevor unsere Zeitrechnung begonnen hat, stellte er mit seiner Ideenlehre eine der ersten Kunsttheorien auf. Ihm zufolge sind die Gegenstände, die wir wahrnehmen und unter einem Begriff – wie beispielsweise das Wort „Baum“ – zusammenfassen, dadurch miteinander verbunden, dass sie von einer bestimmten (sogenannten) Idee abstammen. Die Welt der Ideen ist unserer Wahrnehmung entzogen und sie kann ausschließlich geistig erfasst werden, so wie sie parallel zu der realen Welt existiert. Fertigt ein Maler nun eine mimetische Zeichnung eines Baumes an, ist der abgebildete Baum noch weiter von der eigentlichen Idee entfernt, als der tatsächliche Baum. Denn der individuelle Gegenstand, welcher noch mit seiner zugrunde liegenden Idee in Verbindung stand, wird anstatt dieser zur Grundlage des Bildes. Doch mit der Fotografie verhält es sich anders als mit der Malerei: Erfüllt sie ihr Versprechen, ausschließlich die Wirklichkeit zu dokumentieren, so ist das Bild des Baumes ein Abbild des wahrnehmbaren, existierenden Gegenstandes ohne zusätzliche Entfremdung von dessen Idee.

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Room 125, Westbank Motel, Idaho Falls, Idaho, July 18, 1973. From the series “Uncommon Places“. © Stephen Shore. Courtesy 303 Gallery, New York & Sprüth Magers.

Ich behalte diese Überlegung im Kopf, während ich durch die Retrospektive von Stephen Shore gehe. In den Fußstapfen von Walker Evans und Robert Frank begann er als Zwanzigjähriger in Schwarz und Weiß zu fotografieren. Die frühesten Bilder sind faszinierende Zeugnisse der 60er Jahre, in denen der amerikanische Horizont noch unendlich erschien, Autos die Größe von Raumschiffen hatten und Frauen jeden Tag Strapsen trugen. Zu dieser Zeit entstanden unter anderem auch Porträts der Eltern des Fotografen. Fred und Ruth Shore sind zweimal in derselben Pose abgebildet – einmal komplett angezogen und einmal nur in Unterwäsche. Das Konzept ist geradeheraus, die Umsetzung direkt, kontrastreich und wohl durchdacht. Es wird immer wieder betont, dass Stephen Shore zu Beginn seiner Karriere für eine Weile in Andy Warhols Factory lebte, doch zunächst lassen sich die zurückhaltenden Schwarz-Weiß-Fotografien nur schwer mit dessen knallbunten, plakativen Siebdrucken zusammenbringen. Der berühmte Pop-Art Künstler beeinflusste Shore jedoch nicht hinsichtlich der Auswahl einer Farbe oder eines Mediums, sondern lebte ihm die Freiheit vor, alles und jeden zum Thema seiner Kunst zu machen. Sowie Warhols Filme keinen Anfang und Ende haben, gibt es für Shore keine Grenze der Bild-Würdigkeit. Der zweite Aspekt, der im Zusammenhang mit der Entwicklung der amerikanischen Kunst in den siebziger Jahren steht, ist die Serialität von bestimmten Motiven. So ist in Shores Werk „KT Ranch“ prinzipiell immer die gleiche Szene zu sehen: Ein Gartenstuhl auf einer Wiese vor einer Ranch. Aber der Blitzpunkt verschiebt sich von Aufnahme zu Aufnahme und der Stuhl ist mal leer, mal sitz ein alter Mann, mal eine junge Frau darauf.

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Beverly Boulevard and La Brea Avenue, Los Angeles, California, June 21, 1975. From the series “Uncommon Places“. © Stephen Shore. Courtesy 303 Gallery, New York & Sprüth Magers.

Shore begab sich für mehrere Jahre auf Reisen durch die amerikanische Prärie und etablierte dabei mit seinen Bildern von Highways, geschmacklosen Arrangements in Motels oder weggeworfenen Hotdogs die Farbfotografie als eigenständige Kunstform. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts musste der inzwischen gefeierte Fotograf sich gegen die Digitalisierung seines Metiers behaupten. Er zog sich in die verlassene Wildnis zurück und fotografierte zunächst in Farbe, danach erneut in Grautönen. Doch im Gegensatz zu seinem Frühwerk fehlt der für die Komposition der amerikanischen Weite so essenzielle Horizont. Die großformatigen Aufnahmen von Steinen und Baumen in ihrem natürlichen  Urzustand sind abstrakt; ihr Detailreichtum geradezu einschüchternd.  Die Landschaftsaufnahmen sind menschenleer und von ruhiger Poesie, die Hügel scheinen sich an die Bildfläche anzuschmiegen und die Gräser wogen zwischen dem Bild und dem schützenden Glas.

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Brewster County, Texas, 1987 12 Hazor, Israel, 1994 13 New York City, 2000-2002. © Stephen Shore. Courtesy 303 Gallery, New York & Sprüth Magers.

Die Beschreibung von Stephen Shores Werk impliziert, dass dieses beim Durchschreiten der Retrospektive einer spannungsvollen, kontinuierlichen Entwicklung folgt; dass das Publikum die abgebildeten Gegenstände, Menschen und Szenerien auf eine andere, neue Art und Weise wahrnimmt. Aber dem ist nicht so. Denn wir sind Kinder unserer Zeit. Farbfotografie ist kein Tabu, verlassene Tankstellen findet man in fast jeder zweitklassigen Foto-Ausstellung und manche banale Alltagssituationen schockieren uns nicht durch ihre Erhebung zum Kunstgegenstand, sondern kommen uns von Instagram bekannt vor. Deshalb steht jedem Besucher der Ausstellung, der nach 1970 geboren wurde, das Recht zu, nicht überrascht und beeindruckt zu sein. Die revolutionäre und unverblümte Direktheit der Fotografien von Stephen Shore ist für ihn oder sie nicht nachzuvollziehen. Und dennoch ist sie da, zwischen den immerzu als alltäglich und banal beschimpften Motiven. Jemand befreite die Fotografie von dem Zwang sich als künstlerisches Medium beweisen zu müssen. Weshalb beispielsweise Negative mit Chemikalien zur Leinwand umfunktioniert wurden und Fotografien auf keinen Fall den Anschein haben durften „nur“ die Wirklichkeit abzubilden. Indem Stephen Shore die Kamera auf nicht mehr oder weniger als das richtetet, was er sieht, verhilft er der Kunst zur Erkenntnis über die größte Qualität des Mediums: die Abbildung der wahrgenommenen Wirklichkeit. Und damit kommt er dem Wesen der Dinge (oder der Idee nach Platon) so nahe wie möglich. Liegt nicht genau in dem aberwitzigen Nebeneinander von Alltäglichem jenes Etwas, das die Welt im Innersten zusammenhält? Können wir in irgendetwas so sehr vertrauen, wie die unerklärliche Sinnlosigkeit und Schönheit dessen, was wir jeden Tag im Vorbeigehen sehen und Wirklichkeit nennen?

WANN: 06. Februar bis 22. Mai 2016, täglich 11 – 20 Uhr. 
WO:
C/O Berlin, Amerikahaus, Hardenbergstraße 22 – 24, 10623.

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