Nürnberg

Zwischen Reflexion und Referenztrash – Jonathan Monk bei Meyer Riegger Berlin

In den Räumen von Meyer Riegger Berlin zeigt Jonathan Monk unter dem Titel „Who ate all the Pies?“ noch bis zum 22. Dezember eine Auswahl von zwischen 1998 und heute entstandenen Arbeiten.

Mit seinen vielschichtigen, sich Strategien der Pop- und Minimal-Art bedienenden Werken produziert Monk etwas, das sich am besten als ironische Form der „Kunst über Kunst“ bezeichnen lässt. Auch mit den in „Who ate all the Pies?“ ausgestellten Arbeiten thematisiert er vor allem den Kunstbetrieb und den Mechanismus des Ausstellens an sich.

02 monk 12 Zwischen Reflexion und Referenztrash   Jonathan Monk bei Meyer Riegger Berlin

Ausstellungsansicht Jonathan Monk "Who ate all the pies?", 2012, Galerie Meyer Riegger, Bildquelle: http://www.meyer-riegger.de, Courtesy: Meyer Riegger

Im Fenster der Galerie erwartet den irritierten Besucher noch vor dem Betreten der Räume eine flimmernde Neonschrift in Rot und Blau, die spiegelverkehrt die Worte „Sex Kino“ buchstabiert. Die Schrift spiegelt sich in der Glasfassade des Gebäudes auf der gegenüberliegenden Straßenseite und wird so in der richtigen Reihenfolge sichtbar. Bei „ONIK XES“ handelt es sich um eine Installation, die sich ursprünglich gegenüber eines Sexkinos befand und dort quasi als Spiegelung von dessen Werbeschrift auftrat.

Eine ähnliche Neonschrift taucht innerhalb von Monks Ausstellung noch ein zweites Mal auf, zeigt diesmal jedoch bloß ganz unverfänglich die „Galerieöffnungszeiten“ (2004) an. Auch diese Arbeit war ursprünglich ortsgebunden und wurde eigentlich für die Karlsruher Räume von Meyer Riegger angefertigt.

08 monk 12 Zwischen Reflexion und Referenztrash   Jonathan Monk bei Meyer Riegger Berlin

Installationsansicht: Jonathan Monk "ONIK XES", Galerie Meyer Riegger, Bildquelle: http://www.meyer-riegger.de, Courtesy: Galerie Meyer Riegger

Hat man die Ausstellung betreten, begegnet einem eine Ansammlung verschiedenster, auf den ersten Blick eher unzusammenhängender, geradezu trashig wirkender Objekte. So zum Beispiel poppig-dekonstruierte Americana in Form einer zerfetzten Flagge mit Umrissen der Kontinente und ein Homer Simpson-Porträt in Öl mit angewidertem Gesichtsausdruck, ein perforiertes Fahrrad, das am Fenstersims vor dem großen Fenster zur Friedrichstraße lehnt oder eine in einer Vitrine arrangierte Wii-Konsole von Nintendo.

Auffälligstes Element ist natürlich das Auto in der Mitte des Raumes, das in den pragmatischen, auf die Präsentation großformatiger Objekte ausgelegten Galerieräumen mit ihrem schwarzen Boden und den eckigen Stützpfeilern geradezu für Parkhausatmosphäre sorgt.

Der verspiegelte VW-Golf ist als Projektionsfläche Teil der Installation „Giuseppe Penone Watching Queen’s Bohemian Rhapsody Video Whilst Driving with his Eyes Closed“ (2012), die in ihrem Titel auf den italienischen Arte Povera Künstler anspielt. Der Golf besitzt aber durch die Verfremdungselemente (die Nummernschilder des Wagens sind weiß überklebt und die Scheiben geschwärzt und verspiegelt) auch als Objekt für sich skulpturale Qualitäten.

00047 monk 11 28 Zwischen Reflexion und Referenztrash   Jonathan Monk bei Meyer Riegger Berlin

Jonathan Monk "Zwirner Piece IV (Sandback)", 2011, Bildquelle: http://www.meyer-riegger.de, Courtesy: Galerie Meyer Riegger

Rechts neben dem Auto sind an der langen Seitenwand Monks sieben große „Zwirner Pieces“ (2011) angebracht. Es handelt sich um auf Acrylglas aufgezogene C-Prints, die mit Neonröhren hinterleuchtet werden, wie man es von Werbeplakaten an Bushaltestellen kennt. Zu sehen sind sieben Fotos einer Uhr vor dem Berliner U-Bahnhof Bornholmer Straße zu verschiedenen Tageszeiten, deren Werbeschild jeweils mit der zynischen aber wahrheitsgemäßen Ankündigung versehen sind, dass verschiedene verstorbene Konzeptkünstler fortan durch den New Yorker Galeristen David Zwirner repräsentiert werden: „Judd Foundation is now exclusively represented by David Zwirner“ lautet z.B. eine der Inschriften, für die Monk tatsächlich eine Reklamefläche an der Bornholmer Straße gemietet hat.

50 monk 12 Zwischen Reflexion und Referenztrash   Jonathan Monk bei Meyer Riegger Berlin

Ausstellungsansicht Jonathan Monk "Who ate all the pies?", 2012, Bildquelle: http://www.meyer-riegger.de, Courtesy: Galerie Meyer Riegger

Am Übergang zum nächsten Teil der Galerie fällt ein auf dem Boden abgestellter Overheadprojektor ins Auge. Um das Gerät verteilt liegen zwei Scheren und offenbar wirr verstreute Papierschnipsel, man muss aufpassen, nicht draufzutreten. Die auf der Projektionsfläche des OHP angeordneten Papierstücke werfen evokative, semi-abstrakte Formen an die Wand.

Weiter geht es in den zweiten Galerieraum, der von der mittig im Raum befindlichen Arbeit „One Cubic Meter Infinity (with Disco Ball)“ (2012) beherrscht wird. Dieser große quadratische Kasten, der mit weißen Bändern zusammengehalten wird, besteht aus nach innen zeigenden Spiegeln. Das Objekt wirkt trotz seiner Glaskonsistenz eher wie ein roh zusammengezimmertes, auf den Transport wirkendes Paket, denn der Betrachter sieht nur die Rückseiten der Spiegel – beschichtete Glasplatten ohne Reflektion. Über den angeblich im Inneren befindlichen Discoball wird man nur über Titel und Pressetext informiert. Die sicher eindrucksvolle Spiegelung der Discokugel bleibt der Vorstellung überlassen und ist nach außen hin nicht sichtbar.

In einer Ecke des Raumes sitzt schließlich eine zwar kleinformatige, aber hyperrealistisch gestaltete Puppe auf einer Becks-Bierkiste. Der bärtige alte Mann im grauen Anzug ist mit „Paul together alone with each other“ (2012) betitelt – es handelt sich um den Künstler Paul McCarthy in der Kleidung von Ex-Beatle Paul McCartney – eine zufällige Namensähnlichkeit die jedem Kunst- und Musikinteressenten sicher schon einmal aufgefallen ist. Monks Hybrid-Figur aus beiden Pauls blickt ausdruckslos bis leicht traurig in einen an der Wand montierten Spiegel – und nur über diesen wird ihr Gesicht für den Betrachter erkennbar.

34 monk 12 Zwischen Reflexion und Referenztrash   Jonathan Monk bei Meyer Riegger Berlin

Installationsansicht: Jonathan Monk "Corner Piece" 2006, Bildquelle: http://www.meyer-riegger.de, Courtesy: Galerie Meyer Riegger

Auf alle der gezeigten Kunstwerke einzugehen, würde den Rahmen dieser Besprechung sprengen. Zu erwähnen wären vielleicht noch die den Übergang zu den Büroräumen blockierende, überdimensionierte Kanone („Medium Cannon (German)“ (2008)) und die in einer Raumecke auf dem Fußboden liegende, gebogene Metallröhre, bei der es sich um ein „Corner Piece“ (2006) handelt, ein abstraktes Selbstporträt Monks, dessen Maße auf seine Körpergröße anspielen.

Wie an diesen Arbeiten ersichtlich wird, ist Monks Konzeptkunst gleichermaßen von humorvoller Ironie und elitärem Anspruch geprägt. Der 1969 geborene, heute in Berlin lebende Brite verlangt von seinem Publikum detaillierte Kenntnisse des Kunstbetriebes, ohne die sich seine Werke nicht enträtseln lassen. In gewisser Weise handelt es sich damit ein Oeuvre, das nur in der hochspezifischen Nische der Kunstszene und auf Basis des entsprechenden kulturellen Wissens zu existieren scheint. Zwar behauptet der zur Ausstellung gehörige Pressetext, dass versucht wird, durch die neue Zusammenstellung der Werke eine werkimmanente Betrachtung zu etablieren, die Balance zwischen Kontext und Eigenständigkeit scheint jedoch nicht immer gelungen.

Ein roter Themenfaden, der sich durch die  Ausstellung zieht, manifestiert sich aber dennoch im Motiv des Spiegels. Spiegel und Glasmaterialien tauchen nicht nur immer wieder in verschiedenen Arbeiten auf, sei es unsichtbar nach innen gewendet, als hermetischer Abschluss nach außen oder als Werkzeug der Betrachtereinbindung. Auch auf der Metaebene sorgen sie dafür, dass die gezeigten Arbeiten nicht nur eine bloße „Referenzhölle“ (wie ein ZEIT-Artikel von 2009 Monks Werke betitelte) mit Trash-Ästhetik darstellen, sondern als buchstäbliche Spiegelung und ironische Reflexion der Absurditäten der Kunstwelt funktionieren können.

Jonathan Monk „Who ate all the Pies?“
26. Oktober – 22. Dezember 2012

Meyer Riegger Berlin
Friedrichstrasse 235
10969 Berlin
Di-Sa 11-18 Uhr
www.meyer-riegger.de

Share Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • twitter Zwischen Reflexion und Referenztrash   Jonathan Monk bei Meyer Riegger Berlin

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>