Die großen Künstler verlieren nicht an Aktualität? Jedenfalls nicht Roberto Matta. 10 Jahre nach dem Tod des chilenischen Künstlers (1911 – 2002), widmet das Bucerius Kunstforum  der Schaffenskraft Mattas die Ausstellung „Matta. Fitkionen“ und schreibt seinem Werk (zu recht) eine „verblüffende Aktualität“ zu. Wer es noch nicht getan hat, sollte sich also mit dem Å’uvre Mattas näher befassen.
Roberto Matta, der trotz seiner engen Freundschaft zu Marcel Duchamp dem Pinsel treu blieb, wird überwiegend den Surrealisten zugeordnet. Der hohe Grad an Abstraktion verlangt vom Betrachter einiges an Phantasie und ist nicht immer leicht zu erschließen. Dankenswerterweise helfen dem ein oder anderen Gedanken die Hinweise des Kunstforums auf die Sprünge. Neben den thematischen Inhalten stellt Matta auch eine Beziehung seines Werks zum Raum her: Fiktionsräume. Der Besucher versinkt in einem solchen Fiktionsraum, wie in Mattas fünfteiligem Werk Le Honni Aveunglant (1966) oder in der absurden Atmosphäre von Schwarzlicht und fluoreszierenden Farben Les métaux fondus reviennent au feu de la teere (1988).
Die Ausstellung, welche gemeinsam mit dem Frieder Burda Museum Baden-Baden entwickelt wurde, präsentiert dem Besucher eine großzügige Hängung vieler großflächiger Gemälde. Die hohen dunklen Wände, die zuletzt noch das New York des vergangenen Jahrhunderts in düsterer Atmosphäre auferstehen ließen, bringen die gewaltige Farbintensität der Werke hervorragend zum Ausdruck. Farbe ist ein wichtiges Stilmittel in Mattas Werk, um verschiedene Bildzentren zu entwickeln. Große verwischte Farbflächen schaffen mehrere Bildmittelpunkte, während sich eine klare Perspektive häufig aufgrund überspannender Liniennetze auflöst. Mal versinkt das Motiv des Bildes in einem Chaos aus Farbflächen, die von einem derartigen Zeichensystem überlagert sind (Locus Solus, 1942/42), mal liegt der Fokus auf einer farbigen Inszenierung einer einzelnen zentralen Kraft (L’ouverture de l’etre, 1959). In diesem stilistischen Gegensatz ist der künstlerische Entwicklungsprozess Mattas Mitte des 20. Jahrhundert deutlich sichtbar.
Die Deutung liegt auf der Hand, dass Matta sich insbesondere in den 1940er Jahren mit den damals gegenwärtigen politischen Entwicklungen auseinandersetzte. Matta, der bereits seit 1938 im Exil in New York lebte, verfolgte die radikale Führung seines Heimatlandes, den spanischen Bürgerkrieg ebenso wie die Wehen des II. Weltkrieges. Angesichts dieser totalitären Systeme ist es wenig verwunderlich, dass zunehmend Chaos und zentrale dekonstruktive Mächte die Bildmotive Mattas beherrschen (La Question 1960, L’Impecible 1957).
Zentrales Thema ist außerdem Mattas Vision einer technisierten Zukunft und damit verbunden der Beziehung des Individuums zu seiner Umwelt. Zwischen den Tötungsmaschinen des zweiten Weltkriegs und den futuristischen Ufos der frühen Jahre seines Schaffens, werden in Eros-océan (1960) grundsätzliche philosophische Ansätze thematisiert. In ähnlicher Weise inszenierten die Wachowski-Geschwister knapp 60 Jahre später im Sciencefiction Epos “The Matrix” den Menschen in einer technisierten Umwelt. Der Mensch in einer technisierten Umgebung bzw. von Maschinen beherrscht, vermag nicht auszubrechen, um eine höhere (intelligible) Gedankenwelt im Sinne des platonischen Höhlengleichnis zu erreichen. Die Welt wie er sie sich selbst geschaffen hat, lässt keine geistige Entwicklung eines höheren Bewusstseins zu. Schade.
Die künstlerische Auseinandersetzung mit totalitären Gesellschaftsformen, dem Individuum im Spannungsfeld von Machteinfluss und Technisierung werden wohl kaum an Aktualität verlieren, so dass Roberto Mattas zeitlose Themen einen Besuch lohnen. Die Ausstellung ist noch bis zum 6. Januar im Bucerius Kunstforum (Rathausmarkt 2) zu sehen. Für weitere Veranstaltungen während der Ausstellungsdauer siehe den Terminkalender. Der begleitende Katalog ist im Hirmer-Verlag erschienen und für 24,80 € im Handel erhältlich.








