Back in 7 Minutes – Unter diesem Titel ist dieser Tage bei Feinkunst Krüger das moderne Gesicht der Zeichnung zu sehen. So der Anspruch der Ausstellung. In der Tat zeigt die Ausstellung eine Bandbreite an modernen Zeichnungen und ja, man trifft dabei auf wirklich interessante und abwechslungsreiche Arbeiten. Diese kommen frech, rüde oder humorvoll und farbig daher, aber auch feinsinnig und bisweilen mysteriös. Es stellt sich dennoch die Frage: Kann uns diese Gruppenausstellung auch wirklich das moderne Gesicht der Zeichnung offenbaren?
Dafür spricht das spannende Wechselspiel zwischen den ausgestellten Künstlern. Angefangen auf der langen ersten Wand zur Linken reihen sich die Arbeiten des Hamburger Künstlers Stefan Marx. Gewissermaßen bilden sie den Einstieg in die Ausstellung und lassen erahnen, was folgt: Schnelle Striche, spontane Umsetzung, die sich der Perfektion verweigert und auf den Moment konzentriert. Es handelt sich um direkte Kommunikation, die nicht umständlich sein muss. Dabei bedient sich Marx oft einer auf den ersten Blick kindlichen oder auch unbedarften Art des Zeichnens. Diese wird jedoch gepaart mit schwer zu entschlüsselnden Vagheiten, die den Betrachter zu einem zweiten Blick zwingen, so beispielsweise bei der geheimnisvoll anmutenden schwarz-weißen Werkgruppe “Landscapes”.
Diesem ersten Abschnitt entgegengesetzt tritt die “Patrick Farzar Corner” in Erscheinung. Die Arbeiten des Hamburger Künstlers  sind raffiniert in eine Ecke eingefügt worden, die vom Eingang und von der ersten Wand nicht eingesehen werden kann. Dem nichts ahnenden Um-die-Ecke-Kommenden springen die Arbeiten somit unmittelbar und mit Wucht entgegen. Die “Farzar Corner” ist eine Ansammlung von Zeichnungen, unterschiedlich in Farbigkeit, Technik, Rahmung und Format. Hatte man sich gerade an das Schwarz-Weiß von Stefan Marx gewöhnt, so trifft dieses feingliedrige Gewirr einen völlig anderen, lauten und stürmischen Ton. Ähnlich wie bei Stefan Marx sind viele der Zeichnungen von Spontanität geprägt, im Gegensatz jedoch von Ordnung und Einheitlichkeit befreit. Die Menge an kleinen Arbeiten und die Virtuosität führen an den Rand zur Überforderung, animieren aber gerade zum genauen Hinsehen.
Wieder kommt es zu einem Wechsel: Die zarten Bleistiftzeichnungen des Newcomers Anton Engel sind im Kontrast zu der Farzar Corner einheitlich angeordnet und in sich ähnelnden Farben gehalten. Sie erinnern an Comics, derer typischen Stilmittel sich Engel konsequent bedient. Engel unterscheidet sich von den beiden Künstlern zuvor durch eine sehr viel peniblere Zeichenweise. Die Zeichnungen sind durchformuliert und in ihren Kompositionen fest in der Bildfläche verankert. Man kann den Arbeiten damit sogar eine beruhigende Wirkung zuschreiben, man ist ja zuvor wachgerüttelt worden.
Dann kehrt Patrick Farzar mit Dynamik zurück: Das großformatige Werk „Old Brother“ zieht den Blick ohne Mühe auf sich. Es handelt sich um eine Bleistiftzeichnung, die von der Ferne ein strenges Männergesicht zeigt, welches sich von Nahem betrachtet als ein Gewirr aus Gesichtern, Körpern, Grimassen und anderem herausstellt. Auch hier spielt Farzar mit dem Element der Überfrachtung: Die unzähligen Details auf der großen Fläche lassen sich einerseits von Nahem kaum im Ganzen erfassen, von Weitem verschwimmen sie hingegen wieder zu einer grauen Masse, die Zeichnung ist schwer zu greifen.
Die Arbeiten des Künstlers Matt Lock aus den USA sind in ihrer Technik wiederum sehr viel präziser und stellen skurrile und bisweilen bedrückende Szenen mit deformierten menschenartigen Geschöpfen dar, die sich an ungewöhnlichen Schauplätzen aufhalten. Das Ganze scheint in Surrealismus getüncht, sieht jedoch nach Comic aus und vereint dabei auch Auschnitte aus Zeitschriften oder Zeitungen. Letztlich beschwört Matt Lock in seinen ausgestellten Arbeiten in bestechender Deutlichkeit eine unheimliche Welt herauf. Das angesprochene Wechselspiel macht sich deutlich bemerkbar und zieht sich weiter durch die gesamte Ausstellung.
Dafür sprechen auch die Variationen in der Präsentation der Werke. Denn es liegt eine Aneinanderreihung von geordneten und ungeordneten aber ausdrucksstarken Arten der Präsentation vor. So schon im Verhältnis zwischen Marx und Farzar, aber vor allem bei den ausgestellten Arbeiten des Künstlers 4000 in einer Nische auf halber Länge des Raumes. Die Arbeiten von 4000 sind in einem Durcheinander mit Klebeband und Tackernadeln befestigt, eine Aldi-Tüte verleiht dem ganzen eine plastische Komponente, in der Mitte prangen zwei neon-pinke Vogelwesen. Die Zusammenstellung wirkt impovisiert und spontan, sogar die Mappe, in der die Arbeiten aufbewahrt wurden, ist der Hängung einverleibt worden. Die Arbeiten selbst zeigen eine Bandbreite an Motiven, oft collagenartig zusammengesetzt mit malerischen Elementen, sehr kraftvoll und selbstbewusst. Durch die isolierte Position im Raum, einen die Nische überspannenden Rundbogen aus Klebestreifen und die Akzentuierung durch eine einzelne Lichtquelle erhält die zunächst wilde Ansammlung einen sakralen, ja altar-ähnlichen Charakter. Dies steht im starken Kontrast zu den teilweise obszönen Inhalten,  wie zum Beispiel einer kleineren gerahmten Arbeit, mit der simplen Anweisung: “Drink, Paint, Fuck”.
Die Hängung selbst stammt vom Künstler Stefan Vogel, der bei den Vorbereitungen für die Ausstellung zugegen war und sich dazu berufen fühlte, die Arbeiten von 4000 aufzuhängen (Stefan Vogel wird mit Simon Hehemann ab dem 04. November bei Feinkunst Krüger ausstellen). 4000 selber war zu diesem Zeitpunkt gar nicht anwesend, ist jedoch hellauf davon begeistert und kommentierte die Hängung beim ersten Anblick mit empor geworfenen Armen, so die Geschichte dahinter.
Von Farzar wiederum stammt das Gewehr, welches sich mitten im Raum befindet (“1952″; s. Titelbild oben). Neben der eigentlichen Gestaltung durch eine feine Holzgravur, fällt auch hier die Präsentation ins Auge. Es schwebt über einem etwas mehr als hüfthohen weißen Sockel, an Nylon-Schnüren befestigt. Auf den ersten Blick könnte man meinen der Sockel sei ein irgendwie geartetes tragendes Element. Aber nein, er stellt lediglich eine scheinbare Verbindung zwischen Boden und Ausstellungsstück. Dieser Effekt verleiht dem mit lachenden Gesichtern aber auch Totenköpfen gravierten Gewehr gleichsam die Leichtigkeit und Spannung eines magischen Artefaktes, hier hat sich jemand Gedanken gemacht.
Außerdem ist die Ausstellung tatsächlich international. Die Zeichungen Ingo Giezendanners sind dafür ein klares Beispiel. Er bewegt sich zwischen Vilnius, Kairo und Zürich und zeichnet unscheinbare Orte und gibt damit sein eigenes urbanes Erlebnis wieder. Die Arbeiten sind mit solch ruhiger und präziser Hand gefertigt, dass sie von der Realität losgelöst wirken und eine zweidimensionale Fäche aus schwarzen Linien und Farbflächen bilden.
Eine internationale Sprache spricht auch der Japaner Ken Kagami. Dieser reiht 24 bizarre Variationen von Snoopy in weißen Rahmen aneinander, welche farblich mit den gegenüberliegenden Werken von Stefan Marx korrespondieren, man ist wieder bei Schwarz-Weiß angekommen. Snoopy fungiert hier als globalisiertes Wesen, eine Ikone bekannt zwischen Tokyo und Hamburg. Damit vollenden Kagamis Arbeiten die bereits angesprochene Internationalität und verdeutlichen, dass Zeichnung nicht ortsgebunden ist, sie ist frei von geographischen Einschränkungen und spricht den Betrachter auf einer direkten Eben an, kulturelle Barrieren werden spielerisch überbrückt.
Ein letzter jedoch essentieller Aspekt: Die Auswahl der Künstler ist gelungen. Denn diese sind trotz einiger Gemeinsamkeiten alle Vertreter verschiedener Facetten der modernen Zeichnung. Damit spannt die Ausstellung einen Bogen von Stefan Marx bis hin zu Ken Kagami, mit zwei turbulenten Teilen, der “Farzar Corner” und der “4000-Nische”, dazwischen immer wieder Ruhigeres, weniger Hektisches. In diesem Raum solch verschiedene Eigenschaften ausgewogen nebeneinander zu bringen, ohne dass sie sich in Quere kommen, wird wohl die größte Herausfornderung gewesen sein. Es hat funktioniert. Vor allem aber zeigt die Ausstellung die Rolle der modernen Zeichnung: Sie bietet ein Medium, welches unsere unmittelbare Umwelt in schnellen Strichen, ungehemmt und mit direkten Reaktionen aufnimmt und durch die Augen und Gedankenwelt der Künstler widerspiegelt. Sie kann damit einerseits die Moderne dokumentieren und andererseits die Psyche einer ganzen Generation offenlegen.
Somit ist die Antwort: Ja. Die Ausstellung kann zurecht den Anspruch erheben das moderne Gesicht der Zeichnung zu zeigen. Eine feine Auswahl an Arbeiten und eine ausbalancierte Abstimmung im Raum und in der Anordnung machen den Besuch von „Back in 7 Minutes“ zur Notwendigkeit für Liebhaber der modernen Zeichnung, und für alle anderen auch.
Laufzeit: 07. – 27. Oktober 2012
Feinkunst Krüger, Kohlhöfen 8, 20355 Hamburg











