Nrnberg

Meditation und Materialschönheit – Yudi Noor in der Galerie Christian Ehrentraut

Die Assemblagen, Stickereien und Skulpturen, die Yudi Noor in der Galerie Christian Ehrentraut ausstellt, setzen sich aus einer Vielzahl von sorgfältig selektierten (man könnte sogar sagen kuratierten) Bestandteilen zusammen. Von einer simplen Anhäufung, wie sie die „Accumulation“ des Ausstellungstitels verspricht, kann in Betrachtung dieser exakt komponierten Arrangements kaum die Rede sein.

Hier treffen Ost und West, Design und Spiritualität aufeinander und in vieler Hinsicht lässt sich das, was Noor in den Galerieräumen zeigt, als eine Form von Meditation über die verwendeten Objekte und Materialien betrachten. Diese materiell hochwertigen Kunstwerkbestandteile reichen von sorgfältig polierten Holz-, Stein- und Keramikelementen über Industrieobjekte wie Motoradstoßdämpfer bis hin zu handbestickten Stoffen und Minarettlautsprechern. Noors Arbeiten können zwar durchaus als ästhetische Objekte für sich stehen, jedoch werden erst bei intensiverer Auseinandersetzung durch Erschließung der verwendeten Materialien auch inhaltliche Fragen aufgeworfen.

 Meditation und Materialschönheit   Yudi Noor in der Galerie Christian Ehrentraut

Ausstellungsansicht: Accumulation and the Hereafter Perception, 2012, Fotograf: Bernd Borchardt, Courtesy: Galerie Christian Ehrentraut

Gleich nach Betreten der Galerieräume erblickt man als erstes Werk auf der linken Seite den “Table of Contents” (2012) – einen schlichter Tisch aus verchromten Messing, an dem vorne eine hellblaue Glasplatte lehnt. Oben auf der Tischplatte liegen nebeneinander drei rechteckige Objekte in Blau- Weiß- und Beigetönen, bei denen es sich um Samples verschiedener Industriematerialen handelt – eines davon technisch hochspezialisierter Dämmungsstoff für eine Konzerthalle. Auch die Glasplatte vor dem Tisch ist mehr als ein simples Baumarktprodukt: ihr Blauton entspricht exakt dem eines Ray Ban Sonnenbrillenmodells.

Ebenso marken- und designspezifisch identifizierbar ist das Metallobjekt, das unter dem Tisch präzise ausgependelt von zwei pinken Fäden in der Schwebe gehalten wird. Hierbei handelt es sich um den Stoßdämpfer eines Kawasaki-Motorrades, der durch das Öffnen und Schließen der Galerietür in leichte Schwingungen versetzt wird, so dass ein Besucher vom ersten Moment an mit dem Kunstwerk interagiert.

 Meditation und Materialschönheit   Yudi Noor in der Galerie Christian Ehrentraut

Installationsansicht: Yudi Noor, Table of Contents, 2012, Fotograf: Bernd Borchardt,Courtesy: Galerie Christian Ehrentraut

Der pinke Faden dient nicht nur der Befestigung des Kawasaki-Stoßdämpfers, er umspannt einen Großteil der Tischkonstruktion und sorgt sowohl für kompositorische Spannung als auch für statisches Gleichgewicht. Gleichzeitig verweist das leuchtende Pink auf die Neonfarben, die Noors frühere Arbeiten prägten. Laut Aussage des Künstlers beziehen sich diese Farbtöne auf seine Kindheit in West Java, wo die Abwässer einer Textilfabrik einen Fluss in leuchtenden Tönen einfärbten (siehe Forbes, Alexander: Yudi Noor Blends Mysticism and Material, Creating Playful Abstract Sculptures in Berlin in: Modern Painters 09/2012, S. 54).

Die in vorgehenden Werken wesentlich prominenteren Neonfarben (man denke an Arbeiten wie „Opium“ (2011) oder „Don’t think twice it’s a Fake“ (2008)) hat Noor in der aktuellen Ausstellung jedoch stark reduziert. Neon ist nur noch in Form der erwähnten dünnen Fäden vorhanden. Selbst die bestickten Stoffelemente zeigen bloß eine gedämpfte Buntheit. Ansonsten dominieren Schwarz, Weiß und warme Beige-Töne, durch die sich die Objekte farblich nahezu perfekt in den Galerieraum mit seinen weißen Wänden und beige-cremefarbenen Steinboden einfügen.

 Meditation und Materialschönheit   Yudi Noor in der Galerie Christian Ehrentraut

Ausstellungsansicht: Accumulation and the Hereafter Perception, 2012, Fotograf: Bernd Borchardt, Courtesy: Galerie Christian Ehrentraut

Der pinke Faden in die Vergangenheit erscheint noch ein zweites Mal in „Patience on Top of Patience“ (2012), einer Installationsskulptur in zwei Teilen:. Auf einer mit Alufolie umhüllten Säule, die einst Teil der Halterung eines Tempelgongs war, ist ein trichterförmiges Kapitel montiert, bei dem es sich ursprünglich um den ehemaligen Lautsprecher eines Minarettes gehandelt hat, der jetzt funktionsbefreit zur Decke zeigt. Im Kunstwerkkontext ist beiden Objekten ihr religiöser Ursprung zwar nicht mehr anzusehen, über das Material bleiben Religion und Politik jedoch in kodierter Form präsent.

Die Säule wird über einen steil gespannten Neonfaden mit einem fensterartigem Begleitobjekt verbunden. Zudem ist der Schaft der Säule mit bunt besticktem Jeansstoff umhüllt – die aufgestickten Kreisformen sind ein wiederkehrendes Element in Noors Oeuvre und verweisen auch innerhalb der Ausstellung auf die monumentale schwarze Stickerei „Segment Corridor“ (2012), die die Galerieräume nach hinten abschließt.

 Meditation und Materialschönheit   Yudi Noor in der Galerie Christian Ehrentraut

Installationsansicht: Yudi Noor, Rewind for a Moment and then Replay again, 2012, Fotograf: Bernd Borchardt, Courtesy: Galerie Christian Ehrentraut

Sämtliche Arbeiten der Ausstellung eingehend zu beschreiben würde den Rahmen dieser Besprechung sprengen. Erwähnung finden müssen aber dennoch die beiden Arbeiten, denen sich ein Besucher im Empfangsbereich der Galerie gegenüberfindet:

Die Bodeninstallation „Rewind for a Moment and then Replay again“ (2012), besteht aus einer Fensterglasplatte, auf der Holz- und Keramikquadrate sowie ein rundes Duschausgusssieb aus Metall sorgfältig zu geometrischen Mustern arrangiert worden sind. In ihrer gleichzeitig streng und verspielt wirkenden Formsprache weckt gerade diese Arbeit Assoziationen zur klassischen Moderne.

Begleitet wird sie von dem minimalistischem Wandbild „Sail Fast with No More Faith“ (2012), einem großformatigem Leinwandquadrat, auf dem links oben ein einzelner alter Teller auf einer hexagonalen Kachel angebracht ist. Der Teller mit seinen Dreck- und Verschleißspuren wird hier in beinahe meditativer Reduziertheit inszeniert, sein rot-blaues Fisch- und Blumenmuster weckt fernöstliche Assoziationen. In dieser Hinsicht erscheint auch der Titel des Kunstwerks als Einladung zur kontemplativen Betrachtung.

Insgesamt ist in der Ausstellung eine definitive Weiterentwicklung im Kontrast zu Noors vorherigen Arbeiten sichtbar. Der Verzicht auf Neonfarben scheint den Arbeiten gut zu tun, denn gerade durch die reduzierten Farbakzente kommt Spannung auf. Gleichzeitig verströmen die Objekte Ruhe und laden ein, sich in eine längere Auseinandersetzung zu vertiefen Hat man sich erst einmal auf die Arbeiten eingelassen, gibt es auch außerhalb reiner Objektschönheit viel zu entdecken.

Yudi Noor: Accumulation and the Hereafter Perception
11 September – 20 Oktober 2012

Christian Ehrentraut
Friedrichstraße 123
10117 Berlin
Di – Sa 11-18 Uhr
www.christianehrentraut.com

 

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