Nrnberg

Gespräch mit Manfred Rothenberger, Direktor des Instituts für moderne Kunst Nürnberg e. V.

gallerytalk.net: Das Institut für moderne Kunst hat viele Aufgabenbereiche, unter anderem Ausstellungsrealisation, Archivarbeit und die Herausgabe von Publikationen. Als Direktor: Welcher ist Ihnen der Liebste?

Manfred Rothenberger: Meine große Liebe ist das Bücher-Machen. Schon mit 17 oder 18 habe ich einen kleinen Verlag gegründet, in dem ich selbstgetackerte Heftchen in einer Auflage von jew. 15 Stück veröffentlichte. Nächtelang an einem neuen Buch zu arbeiten, ist ein wunderschönes Abenteuer. Und das Eintauchen in ein (gutes) Buch so etwas wie ein kleiner Drogentrip mit ausschließlich positiven gesundheitlichen Auswirkungen. Neben dem Konzipieren und Realisieren von Büchern ist für mich aber auch das Sammeln von Büchern unbedingt notwendiges Lebenselixier. Zuhause ist alles voller Bücher, ich bin ein richtiger Bücher-Messie.

Die Arbeit im Institut für moderne Kunst ist sehr vielfältig und komplex, ein Dreiklang von Informationen-Sammeln über zeitgenössische Kunst und Ausstellungen und Bücher erarbeiten in enger Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern. Jeder Arbeitsbereich des Instituts beeinflusst die anderen und ist zugleich deren Nutznießer. Ich vergleiche die unterschiedlichen Tätigkeitsfelder gerne mit mehreren Kindern. Man liebt alle gleichermaßen, doch in bestimmten Phasen hat man mit dem einen mehr zu tun als mit den anderen. Momentan ist zum Beispiel das Ausstellungsprojekt „30 Räume / 30 Künstler“ (www.30kuenstler-30raeume.de) das »Kind« des Instituts, dem die größte Aufmerksamkeit gilt.

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Manfred Rothenberger in seinem Büro im Institut für moderne Kunst Nürnberg e.V.

gallerytalk.net: Abgesehen von Ihrer persönlichen Präferenz, welcher Bereich hat für das Institut die höchste Priorität?

Manfred Rothenberger: Das ist ein ständiges Wechselspiel, da sich die einzelnen Aufgabenbereiche gegenseitig befruchten. Von unserem engen Kontakt mit Künstlern bei der Produktion von Büchern und Ausstellungen profitiert auch das Institutsarchiv, da es der persönliche Kontakt leichter macht, an sogenannte „graue Literatur“ wie Einladungskarten, Flyer oder andere ephemere Materialien zu kommen. Ohne die unmittelbare Nähe zu den handelnden Protagonisten der zeitgenössischen Kunst wäre unser Archiv wahrscheinlich eine ganz »normale« Kunstbibliothek mit Monographien der wichtigsten 300 Gegenwartskünstler. Tatsächlich umfasst die Bibliothek des Instituts für moderne Kunst aber mehr als 550.000 Archivalien (Publikationen, Zeitschriften, CD-ROMs, Drucksachen und Presseausschnitte) und rund 18.500 Informationsdossiers zu wichtigen Vertretern der nationalen und internationalen Kunst nach 1945. Das ist ein in Deutschland einzigartiger Wissensspeicher.

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Teile des Archivs des Instituts für moderne Kunst Nürnberg e.V.

gallerytalk.net: Im Kunstbetrieb gibt es wenige Jobs die mit Ihrem vergleichbar sind. Wie wurde das Institut durch Ihre Vorgänger Dietrich Mahlow und Heinz Neidel geprägt?

Manfred Rothenberger: Dietrich Mahlow hat mit den Gründungsvätern des Instituts das ungewöhnliche Konzept eines Informationszentrums zur zeitgenössischen Kunst entwickelt, das nicht nur Informationen sammelt, sondern diese auch durch Ausstellungen und Publikationen weiter vermittelt und in die Öffentlichkeit trägt. Eine solche Konstruktion, die drei grundlegend unterschiedliche Aufgabenstellungen miteinander verschmilzt, ist sehr ungewöhnlich. Mahlow wollte mit diesem Konzept zu einem besseren Verständnis der Gegenwartskunst beitragen und den »Elfenbeinturm der Kunst« gewissermaßen vom Kopf auf die Füße stellen. Der erste Direktor des Instituts war ein »wilder Denker«, der visionäre Ideen am Fließband produzierte und seiner Zeit bzw. seinen Zeitgenossen stets einige Schritte voraus war. Man darf nicht vergessen, dass Nürnberg durch den Nationalsozialismus und die damit einhergehende Ermordung bzw. Vertreibung jeder unangepassten Intelligenz nach dem Krieg intellektuell völlig ausgeblutet und von den ästhetischen Errungenschaften der Moderne gänzlich abgekoppelt war. Erst Dietrich Mahlow band Nürnberg in den 1960er Jahren wieder an den internationalen Kunstdiskurs an, freilich nicht ohne den ein oder anderen fränkischen Betonschädel in seinen Grundfesten zu erschüttern und entsprechende Abwehrreaktionen hervorzurufen.

Dietrich Mahlow hat den Denk-, Spiel- und Freiraum abgesteckt, in dem sich das Institut bis heute bewegt. Insofern ist er für mich ein wichtiger mentaler Begleiter.

Heinz Neidel, der Nachfolger von Dietrich Mahlow, hat dessen Idee eines »Informations- und Dokumentationszentrums für zeitgenössische Kunst« dann so richtig zum Leben erweckt und in leidenschaftlicher Kärrnerarbeit die Grundlagen für das Institut in seiner heutigen Gestalt geschaffen. Ich habe viel von Heinz Neidel gelernt, von seinem unbedingten Respekt gegenüber den Künstlern, seiner großen Sensibilität im Umgang mit allen künstlerischen Schöpfungen und nicht zuletzt von seiner nie versiegenden Neugier und Offenheit gegenüber der jüngeren Generation. Außerdem ging Heinz Neidel sowohl schriftlich wie mündlich genial mit Sprache um. Das machte ihn zu einem großen Lehrmeister. Ich habe immer wieder mit ihm über Kunst diskutiert, Texte über Kunst lektoriert und dabei unentbehrliches Handwerkszeug erworben.

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Manfred Rothenberger im Archiv des Instituts für moderne Kunst Nürnberg e.V.

gallerytalk.net: Und wie sind Sie ans Institut gekommen?

Manfred Rothenberger: In meiner Studienzeit habe ich eine Kunst- und Literaturzeitschrift namens „Bateria“ herausgegeben. Die musste ich mit Werbung finanzieren. Ursprünglich bin ich nur zum Institut gegangen, um dort eine Anzeige zu aquirieren. Heinz Neidel meinte, dafür habe das Institut kein Geld, aber er war sehr angetan von »Bateria« und so kamen wir ins Gespräch. Später hat er mir dann einen kleinen Job im Institut angeboten, sonst hätte ich wohl nach meinem Lehramtsstudium in einer Schule anfangen müssen. Darauf war ich allerdings nicht sehr erpicht.

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Manfred Rothenberger zeigt uns im Archiv des Instituts eine alte Ausgabe der Zeitschrift "Bateria"

gallerytalk.net: Wann haben Sie die zeitgenössische Kunst für sich entdeckt und wie hat sich seitdem Ihr Verhältnis zur Kunst entwickelt?

Manfred Rothenberger: Ein Schulfreund, der sich schon immer als Künstler empfand, hat im Unterricht ständig gezeichnet und jeden Tag unter der Schulbank einen anderen Kunstband durchgeblättert. Das hat mich irgendwie infiziert.

Als ich dann später Germanistik, Anglistik und Kunstgeschichte studierte, war ich recht schnell genervt von der Arroganz und Leidenschaftslosigkeit der verbeamteten Geisteswissenschaftler. Ihre Ignoranz gegenüber allen aktuellen künstlerischen Strömungen und ihre Angst vor jedem nicht sofort klassifizierbaren kreativen Impuls war ernüchternd. Dichtung und Kunst wurden nicht zum Sprechen gebracht, sondern geknebelt und mundtot gemacht. Ich spürte fast körperlich, wie sich Kafka und Kirchner, Trakl und Magritte in ihren Gräbern wälzten und fluchten über die Regalkilometer an überflüssiger Sekundär- und Tertiärliteratur, die blutlose Wissenschaftler über sie verfassten. So gründete ich mit einigen anderen enttäuschten Studenten ein Magazin namens »Bateria«. Als »Zeitschrift für künstlerischen Ausdruck« bot diese eine Veröffentlichungsplattform für zeitgenössische Literatur und Kunst und sicherte gleichzeitig den Herausgebern, also uns Studenten, das mentale Überleben während des Studiums. Die meisten Künstler und Autoren, die wir ansprachen, waren vom Konzept der »Bateria«, Texte und Bilder nicht illustrativ aufeinander zu beziehen, sondern gleichberechtigt nebeneinander zu stellen, begeistert. Die englische Malerin Bridget Riley hat uns einmal sogar 25 Siebdrucke geschenkt, um mit deren Verkauf die Produktion einer Ausgabe zu finanzieren.

Als ich später im Institut gelandet bin, musste ich erst einmal Kunstzeitschriften auswerten und habe stapelweise Artikel zur zeitgenössischen Kunst ausgeschnitten. Da hat mir bald nicht nur die Hand wehgetan, sondern das war auch ein Supertraining, um einen detaillierten Überblick über die unzähligen Protagonisten und Themen der Gegenwartskunst zu gewinnen. Als ich mit dieser Komplexität und Vielfalt konfrontiert wurde, habe ich endgültig Blut geleckt.

gallerytalk.net: Obwohl die Arbeit im Institut viel Zeit in Anspruch nimmt, geben Sie im zusammen mit Kathrin Mayer gegründeten Verlag „starfruit publications“ eine eigene Buchreihe heraus. Wie sieht deren Konzept aus?

Manfred Rothenberger: Mit „starfruits publications“ haben wir die zentrale Idee von „Bateria“ wieder aufgegriffen, allerdings in verschlankter bzw. konzentrierter Form. Jeder »starfruit«-Titel präsentiert ein Kooperationsprojekt zwischen einem Schriftsteller und einem Künstler. Es erscheinen lediglich ein bis zwei Bücher pro Jahr. Nicht nur, weil wir diese selbst finanzieren müssen, sondern auch weil wir den eingeladenen Künstlern und Autoren die notwendige Zeit geben möchten, sich aufeinander einzulassen. So ist jedes Buch in dieser Reihe etwas ganz besonderes, das soll auch der Name »starfruit« (= Sternfrucht) symbolisieren.

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Manfred Rothenberger zeigt uns die Entwürfe zum neuen Buch "Verbotene Verbesserungen"

gallerytalk.net: Der neue »starfruit«-Titel – „Verbotene Verbesserungen” von Dietmar Dath, dem ehemaligen »Spex«-Chefredakteur, und der Fotokünstlerin Heike Aumüller, ist gerade erschienen. Können Sie uns beispielhaft schildern, wie die Zusammenarbeit zwischen Autoren und Künstlern abläuft und wie diese von Ihnen koordiniert werden muss?

Manfred Rothenberger: Häufig hinken Schriftsteller visuell total hinterher und können mit Gegenwartskunst wenig anfangen. Umgekehrt setzen sich viele Künstler nicht mit zeitgenössischer Literatur auseinander. Künstler und Autoren leben also in der gleichen Zeit und gleichzeitig in völlig verschiedenen ästhetischen Räumen. Deswegen finde ich es so spannend, durch »starfruit« diese Räume zu verbinden.

Dietmar Dath und Heike Aumüller kannten und schätzten sich bereits durch gemeinsame Musikprojekte. Das bildete die emotionale Grundlage dafür, sich gegenseitig Bilder und Texte zu senden und diese inhaltlich aufeinander zu beziehen. Das Ergebnis ist ein herrlich schräges Foto- und Lesebuch über Zombiealarm und Feenzauber, über Löwenjagd und Adorno und viele andere schöne Dinge mehr.

In einem gewissen Sinn funktioniert »starfruit« wie eine Partnervermittlung. Wir arrangieren »Blind Dates« zwischen Künstlern und Autoren, bei denen wir uns vorstellen können, dass etwas zwischen ihnen entsteht und manchmal – beileibe nicht immer! – folgt dem ersten Rendez-Vous fröhlich sprühender Funkenschlag, den wir dann – nicht zuletzt dank dem sicheren Händchen unseres Grafikers Timo Reger – zwischen zwei Buchdeckel pressen.

gallerytalk.net: Danke, dass Sie uns einen Einblick in Ihre Arbeit sowie Ihren persönlichen Erfahrungshintergrund gewährt haben. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg, insbesondere für die Veröffentlichung Ihres neuen Buchs.

Das Gespräch führte Benita Böhm. Wir verlosen drei Exemplare der neuen Publikation unter http://www.gallerytalk.net/?p=5604.

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