gallerytalk.net traf den Bildhauer Nico Kiese zum Interview. In der firstlines gallery zeigte er uns seine Arbeiten und erklärte uns seine künstlerischen wie handwerklichen Vorgehensweisen. Entstanden ist ein konkretes wie kenntnisreiches Gespräch über Kunst.
gallerytalk.net: Wie siehst du deine Arbeit im Verhältnis zu traditioneller Bildhauerei?
Nico Kiese: Wenn ich mich konkret festlegen müsste, würde ich mich als Bildhauer bezeichnen. Darunter ordne ich alles ein was plastisches Arbeiten umfasst. Die zeitgenössische Bildhauerei zeichnet sich im Gegensatz zum traditionellen Verständnis des Genres durch eine breite Vielfalt an Materialen und die unbegrenzten Möglichkeiten ihrer Bearbeitung aus. Das macht den Arbeitsbereich so interessant. Auf der anderen Seite schafft diese Fülle aber auch eine Komplexität, die überwunden werden muss. Anders als ein klassischer Holzschnitzer sehe ich mich immer wieder mit der Frage konfrontiert, welches Material ich auswähle, wie ich es bearbeite und warum. Skulptur oder Installation? Klein oder groß? Und warum entscheide ich mich überhaupt dafür? Je mehr Auswahl ich habe, desto länger denke ich auch darüber nach.
gallerytalk.net: Würdest du dich als konzeptuellen Künstler bezeichnen?
Nico Kiese: Oft bin ich mir darüber selbst nicht im Klaren. Es ist einfacher etwas Freies und Abstraktes zu kreieren. Die Spannung der Objekte entsteht bereits durch Form- und Farbgebung. Es ist ein meditatives Arbeiten, dass sich von selbst entwickelt. Trotzdem versuche ich auch konkrete Konzepte zu erarbeiten, was eine ganz andere Herangehensweise darstellt. Bei meinen Installationen habe ich oft eine konkrete Symbolik vor Augen, die umgesetzt werden muss.
gallerytalk.net: Kannst du uns den Entstehungsprozess deiner Arbeiten exemplarisch an einer deiner Bronzeskulpturen näher bringen?
Nico Kiese: Ich habe begonnen mit der Spannung und Biegsamkeit von Papier zu experimentieren und kleine Module zu konstruieren, die ich vervielfältigt, zusammengesetzt und schließlich mit Wachs überzogen habe. Die Formfindung der Skulpturen kann man grundsätzlich als einen sehr intuitiven und handwerklichen Prozess beschreiben. Schon beim Überziehen der noch sehr filigranen und biegsamen Papierskelette mit Wachs verändern sich Aussehen und Wirkung komplett. Auch das Wachs hat je nach Verarbeitungstemperatur spezifische Materialeigenschaften, mit denen ich arbeite. Die Wachsobjekte werden später im Gussverfahren in Metall umgewandelt und erzielen wieder eine völlig neue Wirkung.
Bei diesen Metallgüssen ist es mir wichtig Denkmuster und Erwartungen an das klassische Material umzukehren. So bearbeitete ich die Oberflächen der gegossenen Plastiken beispielsweise mit Lack oder sandstrahlte sie. Es interessiert mich Material bewusst anders zu verwenden. Vor diesem Hintergrund entstand auch meine Skulptur „Fertig aus“, bei der ich Gusstrichter, Guss und Luftkanäle so konstruierte, dass sie als Teil der Form wahrgenommen werden. Weiter entfernte ich nicht wie üblich säuberlich die Gipsschamottemasse, sondern beließ Teile an der Skulptur und überarbeitete diese nur geringfügig. Ich wollte die Kraft, Rohheit und Handwerklichkeit, die für den Bronzeguss notwendig ist bei diesem Stück beibehalten.
Diese Art von Metallskulpturen stellt eine Serie dar, von der ich immer wieder denke, ich hätte sie abgeschlossen. Doch wahrscheinlich sind sie dafür als konstruktive Arbeiten zu wandelbar.
gallerytalk.net: Gehst du an die Konzeption deiner Installationen auch intuitiv heran?
Nico Kiese: Spannung, Kraft und Wirkung dieses Typs von Arbeiten kann man nicht an konkreten Punkten festmachen. Es kommt auf den Gesamteindruck an, weshalb ich viel analytischer vorgehen muss, als bei Skulptur oder Objekt. Deshalb dauert die Entwicklung einer Installation auch viel länger. Neben der handwerklichen Umsetzung kann die konzeptuelle Vorbereitung  die Hälfte der Zeit einnehmen.
gallerytalk.net: In welcher Beziehung stehen für dich Objekt und Raum?
Nico Kiese: Bei Rauminstallationen muss man zum einen mit dem ganzen Raum arbeiten und ergründen, in welcher Beziehung er mit der Installation steht. Dazwischen liegt dann die Vermittlung der eigenen künstlerischen Botschaft. Zum anderen ist in Installationen immer auch der Mensch an sich enthalten. Der Betrachter ist im Endeffekt wichtiger Teil der Installation. Das ist der größte Unterschied zu einzelnen Objekten. Die Installation wird am Menschen gemessen, beispielsweise daran wie groß er ist und wie er den Raum wahrnimmt. Deshalb muss ich als Künstler auch viel mehr Dinge bedenken und kalkulieren. Vor allem geht es dabei auch darum, mich selbst und die Dinge die ich darstellen will zu reflektieren.
gallerytalk.net: Kannst du uns ein Beispiel nennen?
Nico Kiese: Meine aktuellste Installation ist „Das Brot ist die Nahrung des Körpers, die Narzisse ist die Nahrung der Seele und wer zwei Laibe Brot hat, soll einen davon für den Preis der Narzisse festlegen.“ Hier habe ich den Galerieraum komplett mit Münchner Gehwegplatten ausgelegt. Somit wird nicht nur der Bezug zum urbanen Raum, sondern auch zu meinem persönlichen Alltagsleben in München hergestellt. Auf dieser Fläche aus Gehwegplatten verstreut liegen 30 Bronzeobjekte – Nägel denen Narzissenblätter und Blüten entwachsen, sowie ein großer abgenutzter Hammer –  Dazu kommt noch ein brunnen- bzw. schalenartiger Sockel der im Raum aufgestellt ist. Einige der Betonplatten sind zertrümmert, von dem sinnlosen Versuch die besagten Nägel in sie hineinzutreiben. Hierin ist eine Parallele zum künstlerischen Schaffen zu erkennen. Auch ich habe mich für einen Beruf entschieden, der mich erfüllt, mich aber oftmals eher vor Probleme stellt, als wirklich von wirtschaftlichem Nutzen ist. Durch die unvollendete, surreale Szenerie, die zum Scheitern verurteilt scheint, wird der Betrachter beim Betreten der Installation selbst zum Protagonisten. Allein der  Versuch die Geschehnisse zu rekonstruieren oder die Vorgänge in Gedanken zu vollenden, lässt ihn Teil der Installation werden.
gallerytalk.net: Du hast des Öfteren mit Frank Balve zusammengearbeitet. Was sind die Herausforderungen bei so einer Kollaboration?
Nico Kiese: Ich habe die letzten zwei Jahre neben meinen Einzelprojekten kontinuierlich mit Frank zusammengearbeitet. Die größte Herausforderung daran ist es, die kreative Energie zweier Köpfe zu kanalisieren. Es ist ein langer Prozess bis die eigenen Ideen der gemeinsamen Sache dienen. Dazu muss man sich selbst zurücknehmen und viel diskutieren um einen Konsens zu finden. Das beste Ergebnis erreicht man, wenn jeder bereit ist, sich zwar vollends einzubringen, aber trotzdem dem Projekt unterzuordnen.
gallerytalk.net: Was sehen wir von dir in Zukunft?
Nico Kiese: Das Schöne an der Kunst ist es ja, dass man machen kann was man will. Die letzten zwei Monate konnte ich zeitlich bedingt nicht produzieren. Aber ich werde schon wieder unzufrieden damit. Ich merke wie sich immer mehr Ideen anstauen, die unbedingt umgesetzt werden müssen. Momentan fühle ich mich nicht danach etwas Konkretes anzusprechen. Mir macht eher das formale Arbeiten am Material Spass. Demnächst steht vor allem die Diplomarbeit für die Akademie der bildenden Künste an. Ich weiß jetzt schon, dass die Herstellung ein langer Prozess wird. Bis ich von einem Thema oder Konzept überzeugt bin, muss ich es lange überdenken. Zu dieser psychischen kommt dann durch die handwerkliche Umsetzung noch eine körperliche Anstrengung hinzu. Aber das ist ja gerade das Extreme an Kunst. Künstler zu sein ist kein Job, den man nach Feierabend niederlegt.














