München

Implosionen, Bestattungsrituale, Serienjunkies und Morsebuchstaben

München hat den Auftakt in die neue Kunstsaison gut überstanden und befindet sich schon wieder in Vorfreude auf die Lange Nacht der Museen und das Kunstwochenende. Bis dahin sollte man sich aber unbedingt die folgenden Ausstellungen ansehen, nicht nur um die Wartezeit zu verkürzen.

thomas fordson orange 2012 114x94x81cm 1 Implosionen, Bestattungsrituale, Serienjunkies und Morsebuchstaben

Jeremy Thomas, Fordson Orange – 2012, forged mild steel and powder coat, 114,3 x 94 x 81,3 cm; © Galerie Renate Bender

„Faltwelten – It’s all in the fold“ – 14.09.- 25.10.2012 in der Galerie Renate Bender

Die Galerie Renate Bender widmet ihre erste Ausstellung der Kunstsaison dem Thema „Faltwelten“. Zwar findet sich auch die ein oder andere Papierarbeit in den Galerieräumen wieder (Hermann Glöckner), doch ist die Ausstellung durch eine außergewöhnliche Werkstoffdiversität geprägt, die vom Thema weniger erwartet wird. So finden sich monochrome Filzfaltungen von Peter Weber, die in all ihrer Haushaltsmaterialität wuchtig an den Wänden hängen. Ist man über den effektheischerischen Moment hinweg, den die „Implosionen“ Ewerdt Hilgemanns und die aufgeblasenen Metallskulpturen Jeremy Thomas’ aufgrund der rätselhaften Herstellungsweise auf Anhieb hinterlassen, so ist man eingenommen von deren unoffensichtlich zarten Schönheit. Von Hilgemanns „Quad – 2010“ erwartet man, dass es im nächsten Moment umfällt. Und die halbseitig lackierte Arbeit „Gleaner White – 2012“ von Jeremy Thomas erinnert an eine weiße Blume. Im Großformat und als Abschluss der aufschlussreichen Themenausstellung dann auch im Innenhof der Münchner Kammerspiele zu begutachten.

Vademecum Brunnhofer 009 1024x969 Implosionen, Bestattungsrituale, Serienjunkies und Morsebuchstaben

Paul Kranzler, Maria, © Galerie Jo van de Loo

 Paul Kranzler „Vademecum“ – 15.09.-20.10.2012 in der Galerie Jo van de Loo

Vielerorts begreift man die Melancholie als depressiven Stimmungszustand, der die Vergänglichkeit allen Lebens wiederspiegelt. Doch Paul Kranzlers Fotografien, die aktuell in der Galerie Jo van de Loo ausgestellt sind, führen dem Betrachter auf eigentümliche Weise die süße Traurigkeit des Todes vor Augen. Die Arbeiten zeigen Totenschädel aus Hallstatt und der Umgebung des Hallstätter Sees im Salzkammergut. Das besondere an diesen Schädeln ist, dass sie eine Zweitbestattung erfuhren, welche dem Platzmangel auf dem Ortsfriedhof entsprang. Sie wurden ausgegraben, gereinigt und mit einer einizgartigen ornamentalen Bemalung versehen, die auf Eigenschaften des Toten wie Familie oder Beruf verweist. Fast schon ist man neidisch auf dieses wundersame Ritual. Was bleibt ist ein neues Gefühl der Melancholie, das nicht mehr der Traurigkeit, sondern eher Faszination entspringt.

veit no ugly ass Implosionen, Bestattungsrituale, Serienjunkies und Morsebuchstaben

Veronika Veit, No ugly-ass white man get his face on legal tender except he president, 2012 Karton, Holz, Styrodur, Kunststoff, Acryl, Metall, 30 x 30 x 25 cm; © Galerie Esther Donatz

Melanie Gilligan/Veronika Veit „Life Pieces“ – 15.09.-18.10.2012 in der Galerie Esther Donatz

Sei es „Sex in the City“ in einer Frauengruppe, „Game of Thrones“ mit dem besten Freund oder sogar „Suits“ beim Mittagessen mit den Kollegen. Serien sind ein Phänomen geworden, dem keine soziale Gruppe zu widerstehen scheint. Sie lassen uns in eine Alltagswelt eintauchen, mit der wir uns scheinbar auf tiefster Ebene identifizieren können, die aber grundsätzlich einen an Null grenzenden Einfluss auf unser wirkliches Leben haben. Umso mehr überraschten mich die Skulpturen und Aquarelle von Veronika Veit, die mir diese Tatsache nun im Kunstkontext vor Augen führten und seit dem Open Art Wochenende gemeinsam mit den Videoarbeiten von Melanie Gilligan in der Galerie Esther Donatz zu sehen sind. Die Künstlerin setzt Szenerien aus Arztserien, die aktuell einen besonderen Hype durchzumachen scheinen, figürlich um. Die Gesichter der kleinen mundschutzgrünen Styropormännchen wirken wie Masken und zeigen somit indirekt die vorgespielte Authentizität von Schauspielerei auf. Ihre Materialität erinnert an Architekturmodelle und man fühlt sich als wohne man der Planung eine Schauspielsets und der Umsetzung der Szenen bei.

Kowanz CQ  Implosionen, Bestattungsrituale, Serienjunkies und Morsebuchstaben

Brigitte Kowanz CQ, 2012 Neon, Edelstahl 70 x 70 x 70 cm Courtesy: Häusler Contemporary München | Zürich

Brigitte Kowanz “What Next” – 06.07.-06.10.2012 bei Häusler Contemporary

Brigitte Kowanz Ausstellung “What Next” bei Häusler Contemporary ist zwar bereits seit Anfang Juli zu sehen (gallerytalk.net berichtete). Dennoch muss sie explizit in unseren Favoriten genannt werden. Kowanz Skulpturen codieren mit ihren Neonlichtern Botschaften, die der Betrachter mit Kenntnissen des Morsealphabets entschlüsseln kann. So konfrontiert die Ausstellung den Besucher spielerisch mit den Arbeiten und setzt  sich von gewöhnlichen Ausstellungserlebnissen ab. Besonders interessant ist die Arbeit “CQ” (2012), ein aus teils verspiegelten teils transparenten Oberflächen bestehender Glaskubus, in dessen Inneren die beiden Neonbuchstaben C und Q leuchten. Durch die Verspiegelung wirkt die Skulptur wie ein unendlich in die Tiefe reichender Brunnen. Dadurch bleibt der Bedeutungsgehalt der Buchstaben “Seek you” nicht nur ein rein verbaler, sondern wird ebenso ein visueller.

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