Mal sind es Laternenpfhäle, dann unsere Fahrräder. Die Rausfrauen sind aktiver denn je und ihre Strickarbeiten in der ganzen Stadt verteilt. gallerytalk.net traf eine der beiden Guerillastrickerinnen zum Interview.
Guerillastrickaktion von “Die Rausfrauen”, Bushaltestelle Haus Kunst, Foto: Benita Böhm
gallerytalk.net: Du bist Guerilla-Strickerin und verschönerst zusammen mit deiner Mitstrickerin unter dem Namen „Die Rausfrauen“ Münchens Innenstadt. Wie ist die Idee zu diesem Projekt entstanden?
Wir beide stammen eigentlich aus der Theaterwissenschaft. Auf einer Reise nach London entdeckte Sissi unheimlich viel Street Art und brachte haufenweise Bücher zu dem Thema mit zurück nach München. Wir selbst wollten ebenso etwas in den urbanen Raum hineintragen dass jeder sehen konnte. Wir wollten weg von der klassischen Publikum-Bühne-Situation und dachten München könnte ein wenig Street Art ganz gut vertragen. Da wir beide handwerklich sehr aktiv sind und gerne basteln und nähen oder anderweitig mit Material umgehen, haben wir uns schließlich für Wolle entschieden, um unser Projekt zu realisieren. Wolle ist ein Material, das im Gegensatz zu Graffiti oder Farbe, nur applikabel ist und nicht eingreift oder etwas kaputt macht. Im Juni letzten Jahres haben wir deshalb „Die Rausfrauen“ gegründet.
gallerytalk.net: Mich würde interessieren, wie euer erstes Strickobjekt aussah und wie ihr es im Öffentlichen Raum angebracht habt? Was ging dir dabei durch den Kopf?
Unser erstes Projekt war kein einzelnes Objekt. Tatsächlich haben wir mehrere Strickereien vorbereitet und dann angebracht. So zum Beispiel zwei kleine Schals um Bäume herum oder ein Bikinioberteil für den Nixenbrunnen am Oberanger. Das allererste Mal sind wir um vier Uhr morgens losgegangen und dann direkt der Straßenreinigung in die Arme gelaufen. Mit der Zeit wird man aber mutiger. Am aufreibendsten war das Anbringen unserer Nachahmung eines Straßenschildes aus blauer Wolle mit dem in Schreibschrift aufgestickten Straßennamen. Ein Straßenschild hängt viel höher als man denkt. Sissi musste erst auf einen Parkscheinautomaten klettern und von dort aus dann auf meine Schultern klettern. Ich hatte wirklich Angst, dass die Polizei jeden Moment vorbei fahren könnte und uns erwischt. Ein Straßenschild ist ja immerhin ein Verkehrszeichen.
gallerytalk.net: Wie entstehen eure Ideen. Von was lasst ihr euch inspirieren?
Von der Stadt. Die Dinge, die wir sehen und über die wir denken, dass sie Farbe, Wolle oder Stoff vertragen könnten, nehmen wir in Angriff, Das ist ein ziemlich spontaner kreativer Prozess. Generell glaube ich, dass Kreativität immer im Moment entsteht. Wir sind ein gutes Team, das es versteht sich gegenseitig die Bälle zuzuspielen. Außerdem darf man nicht zu viel planen, sonst verlieren die Aktionen ihren Reiz. Heute zum Beispiel, als ich das Sitzkissen an der Bushaltestelle vor dem Haus der Kunst angebracht habe (siehe Abbildungen), wusste ich vorher noch nicht, ob es überhaupt funktionieren würde. Die Maße und wie ich das Objekt anbringen sollte, hatte ich mir im Kopf überlegt. Wenn es nicht geklappt hätte, wäre ich zu einem Baum im Englischen Garten gegangen um es dort anzubringen.
gallerytalk.net: So wie ich das verstanden habe, wollt ihr nicht nur den urbanen Raum humorvoll verschönern, sondern auch traditionelle Handwerks- und Haushaltsarbeit nach außen tragen. Stimmt das?
Ja, das ist auf jeden Fall eine weitere Inspirationsquelle für unsere Arbeit.
Wir sehen uns dabei allerdings nicht als Feministinnen. Dennoch haben wir Interesse an den sogenannten Gender Studies. Der Diskurs und die Theorien über die Rolle der Frau in der heutigen Gesellschaft sind bereits viel weiter als in den Medien kommuniziert. Stets geht die Diskussion um das Thema Rollenverteilung. Man sollte vielmehr die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass jeder Mensch, egal ob Mann oder Frau nicht mehr vor die Wahl gestellt wird, welche Rolle er einnimmt. Wir möchten mit unserem Projekt einen Teil zur Vermengung der unterschiedlichen Rollenvorstellungen beitragen. Historisch gesehen wird der Mann mit der Öffentlichkeit und dem „Draußen“ verbunden. Frauen wirkten eher im privaten Bereich. Durch unsere Arbeit durchkreuzen wir diese Situation, indem wir die im Haushalt ausgeübten und traditionell weiblich besetzen Tätigkeiten nach außen in den öffentlichen Raum tragen. Das impliziert auch unser Name „Die Rausfrauen“.
Abgesehen davon ist es uns wichtig die Handwerks- und Haushaltsarbeit in unserer heutigen schnelllebigen Wegwerfgesellschaft zu bewahren. Es macht zufrieden etwas selbst herzustellen und das eigene Ergebnis zu sehen. Der Self-Made-Trend nimmt mehr und mehr zu und ein bisschen sehe ich uns auch in dieser Bewegung.
gallerytalk.net: Was benutzt ihr denn für Materialien? Müssen die Maschen und Nadeln nicht überdimensional und das Garn sehr robust sein? Habt ihr schon mal darüber nachgedacht Plastik zu verwenden?
Prinzipiell verwenden wir ganz normale Wolle und ganz normale Nadeln, die man in Haushaltsgeschäften kaufen kann. Man muss einfach länger stricken. Aber für einen Laternenpfahl reicht beispielsweise schon ein Schal, den wir dann um den Pfahl herumnähen oder mit einem Wollfaden zusammennähen. Ansonsten gibt es noch T-Shirt-Yarn, dicker Verschnitt aus der Stoffproduktion, der bei der Produktion übrig bleibt. Man kann auch mit Seilen stricken. Das wird richtig dick, geht aber nur mit den Händen. Sissi hat bereits versucht mit Streifen aus Müllsäcken zu häkeln, sich dabei aber in die Finger geschnitten.
Stoffliches mögen wir grundsätzlich am liebsten. Gerade weil es einen Kontrast zu Beton und Asphalt in der Stadt setzt. Dazu muss man aber sagen, dass wir immer auch das nehmen, was uns gerade zu Verfügung steht.
gallerytalk.net: Was steht bei „Die Rausfrauen“ in Zukunft an?
Wir haben kein riesiges neues Projekt vor Augen. Dennoch fänden wir es spannend altersübergreifend zu arbeiten. Vor allem im Hinblick auf den Vernetzungs- und Verstrickungsgedanken. Sowohl zwischen den Generationen, aber natürlich auch online. Ohne das Bloggen wären wir nie so präsent geworden. Erst durch die Aufmerksamkeit für unsere Objekte, durch die wir die Leute irritieren, inspirieren und zum Nachdenken anregen, hat unsere Street Art erst ihre Daseinsberechtigung.
gallerytalk.net: Vielen Dank für das Interview. Es war sehr interessant, die Gueriallastrickkunst einmal nicht nur aus der Perspektive des Betrachters zu erleben.
Das Gespräch führte Benita Böhm.










