
Ausstellungsansicht von Philipp Fürhofers Ausstellung „...Und immer nur Spuren von möglichen Welten...“ im L40, Berlin; Foto: Henning Moser
Gallerytalk.net: Deine neue Ausstellung in den Räumen des Kunst und Kulturvereins am Rosa-Luxemburg-Platz zeigt einen Zyklus aus 14 Arbeiten, die von historischen Bühnenbildentwürfen des österreichischen Malers Josef Hoffmanns für die erste Bayreuther Aufführung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ inspiriert sind. Was hat dich zu der Wahl dieses eher ungewöhnlichen Themas motiviert?
Philipp Fürhofer: Im Prinzip ist das Thema Wagner ja kein so unbekanntes in der bildenden Kunst. Allerdings sind die 14 Gemälde Hoffmanns nicht besonders bekannt, was sicher auch daran liegt, dass sie erst vor einigen Jahren wiederentdeckt wurden. Mich fasziniert an ihnen weniger die malerische Qualität als vielmehr das Potential, dass aus diesen recht traditionellen Gemälden dreidimensionale Bühnenbilder entwickelt werden sollten. Das ist ein völlig anderes Verfahren, als heutzutage ein Bühnenbildner über Modelle ans Werk gehen würde. Zwar sind zweidimensionale Entwürfe immer noch üblich, allerdings ist die Ausführlichkeit der Hoffmanschen Bilder schon sehr singulär und lässt bis heute sehr viel Spielraum für eine dreidimensionale Übersetzung auf der Bühne. Das nahm ich zum Anlass für meine Bildkästen.
Gallerytalk.net: Sehr evokativ gestaltet sich der Titel der Ausstellung „…und immer nur Spuren von möglichen Welten…“ Kannst du uns etwas über den Ursprung dieses Zitates und seinen Bezug zu deinen Arbeiten erzählen?
Gleichzeitig definieren sich deine Werke jedoch viel eher über ihre Materialität als über das explizit Dargestellte. Wie relevant sind da Betitelungen und Textvorlagen überhaupt noch?
Philipp Fürhofer: Mich hat der philosophische Begriff der „Möglichen Welten – possible worlds“ schon lange fasziniert. Einerseits wegen der, in meinen Kästen durch die Spiegelungen entstehenden Parallelwelten, andererseits der utopische Klang, der ja auch in der Welt Wagners eine Rolle spielt. Es geht mir nicht um eine narrative Nacherzählung des Ring-Mythos, als vielmehr um ein Nachempfinden der jeweiligen theatralischen Szene über meine Materialien. Es entstehen Räume und Utopien, die immer noch mit der Hoffmannschen Szenerie verwandt sind, aber einerseits entmythologisiert und gleichzeitig wieder mit einer neuen Bedeutung aufgeladen werden.

Ausstellungsansicht von Philipp Fürhofers Ausstellung „...Und immer nur Spuren von möglichen Welten...“ im L40, Berlin, Foto: Henning Moser
Gallerytalk.net: Zusätzlich zu den 14 „Ring“-Szenen wird der Zyklus durch die Fensterinstallation „fluid places“ ergänzt, die sich in die Leuchtvitrinen einreiht. Wenn der Besucher durch das mit quallenartigen Farbschlieren und verfremdeten Markenlogos gestaltete Fenster auf die Torstraße blickt, vermeint er sich innerhalb eines deiner Lichtkästen zu befinden. Ist damit die ganze Ausstellung als „Gesamtkunstwerk“ im Wagnerianischen Sinne zu verstehen?
Philipp Fürhofer: Es ist ein geschlossener Zyklus, der hier nachempfunden wird und auf die Architektur des Umraums reagiert. Rheingold I beginnt im Rhein und Götterdämmerung III endet darin. Anfang ist zugleich Ende.
Gallerytalk.net: Du entwirfst auch Bühnenbilder (u.a. für De Nederlandse Opera, Amsterdam, Royal Opera House Covent Garden, London). Kann man die das Konzept der beleuchteten, mit gestalten Hintergründen versehenen Bühne also prinzipiell mit deinen Leuchtkastenarbeiten vergleichen?
Philipp Fürhofer: Meine Bühnen haben zwar Elemente, die in meinen Leuchtkästen vorkommen, wirken aber im Verlauf des Opernabends anders und unterwerfen sich auch bewusst den Gesetzen des Theaters. Eine reine Kunst-Show auf der Bühne finde ich in der Regel nach 10 Minuten völlig ermüdend. Gleichsam sind in meinen Leuchtkästen natürlich sehr viele theatrale Elemente vorhanden, wenngleich sie aber auch wieder anders wirken. Man muss stehen bleiben, das Licht an und aus schalten, bei verschiedenen Tageslichtstimmungen um die Arbeit herumgehen. Es ist der Faktor Zeit, der in den unterschiedlichen Disziplinen für mich eine Rolle spielt.

Ausstellungsansicht von Philipp Fürhofers Ausstellung „...Und immer nur Spuren von möglichen Welten...“ im L40, Berlin; Foto: Henning Moser,
Gallerytalk.net: Eine wichtige Basis für deine Arbeiten ist die  - in der zeitgenössischen Kunst selten verwendete – Gattung der Landschaftsmalerei. Landschaftsdarstellungen werden heutzutage oft automatisch mit dem Diskurs von Umweltschutz und Umweltzerstörung verknüpft. Der Pressetext spricht in dieser Hinsicht von einer Thematisierung des „zerstörerisches Potential des Menschen“ Inwiefern besteht hier ein Bezug zu deiner kritischen Bearbeitung des „Ring“-Themas?
Philipp Fürhofer: Meine Arbeit ist immer eine Reflexion über die Herstellung eines Motivs, sei es auf synthetische Weise über verschiedene Alltagsmaterialien, sei es über die Kombination im Kopf jedes einzelnen Betrachters, der sozusagen eigenständig alle Elemente zu einem Motiv verknüpft. Es ist also nicht nur eine reine Umweltkritik als vielmehr eine essentielle Frage über Existenz überhaupt.
Gallerytalk.net: Dein Grundprinzip, das du seit etwa 2008 in verschiedenen Varianten verwendest, besteht aus beleuchteten und bemalten, Acrylglaskästen, die mit Spiegelfolie überzogen sind und im Inneren verschiedene Materialien und Objekte enthalten können. Über eine Zeitschaltuhr wird zwischen dem beleuchteten und unbeleuchteten Zustand hin und her geschaltet, so dass sich zwei fundamental verschiedene Eindrücke der Arbeiten ergeben. Was hat dich zur Wahl dieses Konzeptes inspiriert, gab es da ein „Erweckungserlebnis“ oder bestimmte Vorbilder? Und wie würdest du den Entwicklungsprozess der letzten Jahre beschreiben, inwiefern hat da technisch und in der Themenwahl eine Veränderung stattgefunden?
Philipp Fürhofer: Es sind ja nicht nur Leuchtkästen, sondern auch Bildkästen ohne Licht oder andere Objekte. Es war eigentlich ein langer Prozess, den ich auch nicht als abgeschlossen betrachte und der noch viele Möglichkeiten offen lässt. Im Moment interessiert mich sehr das Arbeiten mit fremden motivischen Vorlagen, da es mir immer mehr um das „Wie“ der Gestaltung und nicht so sehr um das „Was“ des Motivs geht.
Gallerytalk.net: Zum Abschluss: Kannst du uns etwas über deine Arbeitsweise und den technischen Entstehungsprozess deiner Werke erzählen? Beginnst du mit Vorzeichnungen oder gleich mit der Wahl des Materials? Wie lange dauert es, bis eine der Leuchtvitrinen fertiggestellt ist?
Philipp Fürhofer: Ich beginne sofort mit dem eigentlichen Format der Arbeiten, weil die Dimension der verwendeten Materialien eine sehr wichtige Rolle gleich am Anfang spielt. Daher sind Vorzeichnungen für mich eigentlich sinnlos. Dann ist es ein sehr langwieriger, meist mehrere Monate dauernder Dialog zwischen allen Dimensionen, ich arbeite gleichzeitig an allen Schichten und Materialebenen. Dabei springe ich aber zwischen mehreren Arbeiten, um auch mal einige Sachen in Ruhe stehen lassen zu können und abzuwarten.
Gallerytalk.net wünscht weiter viel Erfolg und bedankt sich für die ausführlichen Antworten. Die Ausstellung ist noch bis 16. September im L40, Linienstraße 40, 10119 Berlin zu sehen.
Das Interview führte Martina John
L40, Linienstr. 40, 10119 Berlin
2. bis 16. September 2012
Öffnungszeiten: Di-Sa 13-18 Uhr
www.rosa-luxemburg-platz.net
www.philippfuerhofer.de




