Seit Juni 2012 zeigt nun das Haus der Kunst seine aktuelle Ausstellung „BILD-GEGEN-BILD“, die noch bis zum 16. September 2012 geöffnet ist. Im Hinblick auf anspruchsvolle und hochpolitische Themen wie den Kriegen und Konflikten seit dem Zweiten Golfkrieg von 1990-1991, über die Anschläge des 11.September 2001, bis hin zu den Auseinandersetzungen des Arabischen Frühlings 2011, beschäftigt sich die Werkschau kritisch mit der Aussagekraft von Film und Foto dortiger Geschehnisse und explizit mit der medialen Berichterstattung. Unterschiedliche Techniken der Kunstproduktion, wie Fotografie, Videofilm oder Installation in Verbindung mit informativen Texten verleiten unumgänglich zur Auseinandersetzung mit dem Sujet auf vielfältige und spannungsreiche Art und Weise und ermöglichen die Sicht aus verschiedenen Perspektiven.
, 2001–2007, Video, 16 min., Courtesy of the artist und Tanya Leighton Gallery, Berlin"]”]
Den Zweiten Golfkrieg 1990-1991 – aufgrund seiner erstmals derart stark auftauchenden medialen Präsenz – als entscheidende Wende, bildet den Ausgangspunkt der Werkschau. Während jener Krieg dominiert wurde von Bildern, die kaum Menschen zum Gegenstand hatten, spiegeln Aufnahmen des 11.September 2001 durch die Akzentuierung menschlicher Schicksale eine völlig andere Realität wider. Diese Art der Berichterstattung bewirkte ein unheimliches globales Interesse, was eine unzensierte und grenzenlose Präsenz von Kriegsbildern in den Medien – gerade im Internet – zur Folge hatte. Diese kritisch zu betrachtenden Entwicklungen hinterfragt die Ausstellung anhand von Kriegen von 1990 an bis heute.
Dass Bilder mit der Zeit eine unheimliche Aussagekraft erlangt haben, bemerkt man schon allein an Arbeiten wie von Hans-Peter Feldmanns’ „9/12 Front Page“ (2002), bei der es sich um die Titelseiten sämtlicher internationaler Zeitungen vom Tag nach dem 11.September 2001 handelt, die zahlreich die Wände des großzügigen Mittelraums plackatieren. Auf simple Weise erzielt Feldmann hier eine ungeheure Wirksamkeit allein durch die vervielfachte Aneinanderreihung. Er vergegenwärtigt hier unmittelbar die weltumfassende Berichterstattung über 9/11 und deren Wahrnehmung. Was Feldmann dabei spezifisch interessiert, ist die auffällig stetige Übereinstimmung der medialen Bilder von Kriegsgeschehnissen, die sich durch globale Vernetzung von Nachrichtenbüros, welche mit immer demselben Bildmaterial arbeiten, erigbt.
Teile der Arbeiten fragen neben Ausmaß und Dimension medialer Bilder von Kriegsgeschehnissen auch nach der Angemessenheit einer Berichterstattung, in der Fotografien oder Videofilme Situationen aufnehmen, die fragwürdig hinsichtlich menschenwürdiger Repräsentation zu behandeln sind und die die Rolle des Fotografen in diesen Ereignissen moralisch hinterfragen. So erschien mir unter anderem der gezeigte Dokumentarfilm „Was uns bleibt sind unsere Bilder“ (2003) von Jasmila Žbanics als sehenswert. In dieser Dokumentation sucht Žbanics ihre Freundin Bilja, die 1992 in Folge der Belagerungen von Sarajevo von Granaten getroffen und schwer verletzt wurde. Diese hilflose Situation der Frau fing damals ein französischer Fotoreporter mit seiner Kamera ein, ohne ihr zu helfen. Für eines dieser Bilder gewann der Fotograf den ersten Preis von World Press Photo. Hier stellt sich schnell die Frage, wo die journalistische, sachliche Arbeit endet und die Verantwortlichkeit eines jeden anfängt.
Die Arbeiten „Limit Telephotography“ (seit 2005) von Trevor Paglen geben auf den ersten Blick wenig Aufschluss. Zu sehen ist zum Beispiel eine Fotografie in unscharfer Bildqualität, die noch so gerade die Umrisse einer US-amerikanischen Militäranlage innerhalb einer sonst weiten, unbebauten Landschaft preisgibt. Der Betrachter sieht sich hier einer Umkehrung der Machtverhältnisse gegenüber. Denn: Paglen fotografiert hier aus kilometerweiter Distanz Militäranlagen, die der Öffentlichkeit unbekannt sowie unzugänglich sind und durch weit umfassende Absperrungen der Welt vorgehalten werden. Paglen jedoch schafft es mit eigentlich für die Astronomie angefertigten Optiken, die Hürde der Distanz zu überwinden und somit seiner Überzeugung nach geheime Stationen der Öffentlichkeit sichtbar zu machen.
Wie der Ausstellungstitel bereits verrät, werden die Werke immer wieder in Bezug auf andere Bilder gesehen. So begegnet man regelmäßig Referenzen und Assoziationen, mal ganz offensichtlich, mal sehr überraschend, ob durch Werke in der Ausstellung oder durch eigene Vergleiche mit bereits gesehenen Bildern ähnlicher Geschehnisse: Mit der Arbeit „The Hosue of Osama Bin Laden“ (2003) überrascht das Künstlerduo Langslands&Bell. Während sich die beiden Künstler ein Jahr zuvor für Recherchen in Afghanistan aufhielten, fotografierten sie das ehemalige Wohnhaus des Terroristen und Anführers der Gruppe „al-Quaida“ Osama Bin Laden. Anhand dieser Fotografien, entwickelten Langlands&Bell eine Animation des Bunkers, die zahlreiche aktionsreiche und gewalthaltige Computerspiele assoziieren lassen. Durch einen Joystick ist der Besucher hier zur Interaktion aufgefordert und wundert sich schnell über die erwartete, aber nicht auftretende Vielfalt der Aktionsmöglichkeiten. Denn Langslands&Bell gestalteten die Simulation bewusst aktionsarm und unspektakulär. Sie nehmen damit eindeutig eine konträre Haltung zu den effektheischerisch auftretenden Medien ein.
Harun Farocki hingegen verbindet Computeranimationen von nachgestellten Kriegsgeschehnissen mit Schulungen von US-Soldaten und vergegenwärtigt so die Absurdität der Annahme, dass banale Simulationen den Ernstfall vorbereiten und kompensieren können. Gleichzeitig birgt es aber auch die Hilflosigkeit von Ausbildungsstätten in sich.
Die Ausstellung bietet eine unheimlich spannende Vielfalt an Perspektiven zu dem Thema der kritischen Auseinandersetzung mit der medialen Berichterstattung an und beschränkt sich dabei nicht nur auf Fotografie und Film, sondern eröffnet dem Besucher auch Installation, Diagramme, Simulation sowie sicherlich beachtenswerte und aufschlussreiche Texte. In jedem Fall erfordert die Ausstellung aber auch Zeit, gerade für Videoaufzeichnungen und Filmaufnahmen.
(Quellen aller dargestellten Abbildungen und Hintergrundinformationen: Pressestelle und Homepage des Haus der Kunst)Â












