Nürnberg

Das MS Dockville Kunstcamp: Idee und Umsetzung

Das MS Dockville Kunstcamp ist eine Woche alt, Grund genug mit dem „Brain“ des Kunstcamps ein Gespräch über die Idee, die Umsetzung und eine erste Bilanz zu führen. Gallerytalk.net traf Dorothee Halbrock auf dem Butterland.

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Dorothee Halbrock, Künstlerische Leitung MS Dockville Kunstcamp; Foto: Tim Kaiser

gallerytalk.net: Wie schätzt du nach den ersten Tagen den Erfolg des diesjährigen Kunstcamps ein, hat alles gut geklappt?

Dorothee Halbrock: Dieses Jahr sind wir tatsächlich ziemlich gut organisiert. Wir haben uns letztes Jahr als eigenes Format etabliert, mit vielen eigenen Veranstaltungen und sind im Vergleich zu 2010/2011 sehr gewachsen. Nachdem es im vergangenen Jahr manchmal etwas chaotisch war, haben wir uns super nachjustiert und sind ein spitzen Team. Dadurch, dass das Kunstcamp zunehmend bekannter wird, wissen die Besucher besser worauf sie sich einlassen und wie sie interagieren können. Die Leute trauen sich mehr, weil sie mit einem anderen Gemütszustand kommen.

(gt) Gab es denn vorher eine Schwelle, die man überwinden musste?

(dh) Ich hatte manchmal schon das Gefühl, dass viele das nicht ganz einordnen konnten. Man wusste nicht genau, ob das Kunstcamp Teil des Dockville Festivals ist, so dass ein bisschen Verwirrung entstanden ist. Es war nicht jedem klar, dass Kunst hier in einem selbstständigen Format für sich alleine stattfindet und ein eigenes Erlebnis ist.

(gt) Hat sich das Publikum dadurch verändert?

(dh) Ja, auf jeden Fall. In den ersten zwei Jahren haben wir nur im Rahmen des Festivals stattgefunden. Jetzt ist das Kunstcamp schon mittags geöffnet, ohne das die ganze Zeit etwas auf den Bühnen stattfindet, dadurch kommen beispielsweise auch alte Menschen, die einfach spazieren wollen. Es kommen Familien, viele junge Leute – je nach Veranstaltung. Insgesamt ist es ein sehr viel gemischteres Publikum.

(gt) Wie funktioniert die Umsetzung des Kunstcamps im Hinblick auf die verschiedenen Künstler, die gekommen sind?

(dh) Zum einen haben wir eine Ausschreibung laufen bei der sich jeder bewerben kann. Zum anderen sprechen wir auch initiativ Künstler an sich mit Konzepten am Bewerbungsverfahren zu beteiligen. Die Entscheidung treffen wir dann gemeinsam mit unserem kuratorischen Beirat, der immer mit drei wechselnden Personen besetzt ist. Die kommen aus ganz unterschiedlichen Disziplinen: kritische Kunstvermittlung, aus dem Performance Bereich, einer hat selber schon als Künstler im letzten Jahr teilgenommen. Im Anschluss sichten wir die Themen und schauen inwieweit das zum Konzept passt draußen auszustellen und den gemeinsamen Prozess mitgestalten kann.

(gt) Wie sind die Abläufe bei der Auswahl hinter den Kulissen?

(dh) Je nachdem was eingereicht wird treffen wir eine Auswahl, gehen dann in die Nachgespräche und schauen was umsetzbar ist oder was wir anpassen können. Häufig haben gerade die Künstler aus dem Ausland keine klare Vorstellung was überhaupt möglich ist. Selbst wenn man Fotos vom Gelände sieht, fällt es schwer sich auszumalen was man so machen kann.

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Künstler: Mladen Miljanovic; Foto: Sarah Bernhard

(gt) Du sprachst die Möglichkeiten an und dass Kunst hier in einem Naturkontext stattfindet. Was bedeutet das für den Schaffensprozess?

(dh, lacht) Man hat in jedem Fall schon vieles entdeckt, das draußen nicht gut funktioniert, so dass man sich immer wieder weiterentwickelt. Aber ich merke auch, dass Künstler, die wiederkommen ganz andere Ideen mitbringen. Es gibt unglaublich viel, das gerade in einer solchen Umgebung gut funktionieren kann. Es ist ein sehr prägender Kontext, aber in einem positiven Sinne, wenn man sich darauf einlässt.

(gt) Würdest du sagen, die Natur hat mehr Einfluss auf die Kunst oder die Kusnt auf die Natur?

(dh) Ich glaube das ist etwa in gleichen Teilen der Fall. Letztlich muss es zueinander passen, so dass es sich ein Stück weit gegenseitigen beeinflusst.

(gt) Was hat dich in diesem am meisten fasziniert, was hättest du nicht für möglich gehalten?

(dh) Ich bin in jedem Jahr wieder überrascht wie gut die Menschen zusammenwachsen! Es ist toll zu sehen, dass sich die Künstler und Handwerkercrew immer mehr vereint.

(gt) Ist Kunst hier noch mehr ein Handwerk? Es wird viel gebaut, viele Rohstoffe kommen zum Einsatz, ganz anders als in einer Galerie.

(dh) In den Galerien ist das Handwerk viel versteckter, es wird mehr am Detail gearbeitet. Hier ist es sichtbarer, die Handwerker haben hier mehr Fläche und wir legen Wert darauf, dass sie auch ihren eigenen Spielraum bekommen, wie sie die Bühnen gestalten etc. Es ist nicht ganz so clean wie in einem Whitecube-Kontext, aber das ist auch das besondere hier. Es ist ein kompletteres Erlebnis.

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Eröffnung des Kunstcamps; Foto: Sarah Bernhard

(gt) Im Pressetext habe ich einen Satz gefunden, der mich beschäftigt hat: „ LASST UNS AUF DIE SUCHE NACH DEN SCHUBLADEN GEHEN, WO (…) DAS INDIVIDUELLE DAS WICHTIGSTE DER GEMEINSCHAFT IST (…).“ Was wollt ihr dem Besucher auf den Weg geben?

(dh) Schön, dass du das ansprichst. Das mag etwas pathetisch klingen, aber wir wollen hier nicht ein großes Kollektiv sein, das nach bestimmten Regeln lebt und wo das Einzelne untergeht. Ich glaube, dass jeder einzelne Charakter der hier ist viel von der Gemeinschaft ausmacht. Deshalb ist es jedes Jahr wieder überraschend, weil sich immer eine ganz andere Dynamik entwickelt. Es gibt keine festen Grenzen, so dass jeder auch zu anderen Projekten stoßen kann um mitzugestalten.

(gt) Ist es denn der Einzelne der im Mittelpunkt stehen soll?

(dh) Es geht nicht darum dass der Einzelne im Fokus steht, sondern dass jeder das Gesamte mitgestalten soll. Was das hier so besonders macht, ist die Summe von Teilen die zusammenkommt. Es ist nun mal auch eine abgeschlossene temporäre Gemeinschaft, die hier arbeitet und wohnt. Aber es ist nicht unser Ansinnen alle harmonisch im Gleichtrott zu haben. Jeder soll gerade das einbringen können was er mitbringt, ohne dass er im Kunstcampgleichschritt eingetrampelt wird.

(gt) Ist das die Grundidee, dass jeder mitgestaltet?

(dh) Ja, absolut. Das ist das Ansinnen, das wir aus unserer kleinen Keimzelle aus der wir anfangs hervorgehen, an unsere Gäste weitertragen wollen. So haben sich auch die methodischen Kunstvermittlungsformate gefestigt.

(gt) Was genau muss man sich unter den Kunstvermittlungsmethoden vorstellen?

(dh) Das haben wir letztes Jahr zum ersten mal gemacht, wir haben ganz viele verschiedene Bausteine. Die Grundidee ist, dass man den Gast nicht als puren Rezipienten wahrnimmt, sondern als Mitgestalter. Dazu sollen Formate geschaffen werden, in denen das möglich ist. Wir arbeiten viel mit Fragen anstatt mit Erklärungen. Einerseits Fragen von den Künstlern, die man als Katalog am Eingang bekommt, andererseits unsere Fragen. Die Gäste haben über die Feedbackboxen die Möglichkeit zurückzufragen oder zu antworten. Das Feedback wird archiviert und voraussichtlich in einem zweiten kleinen Katalog publiziert bzw. online zur Verfügung gestellt.

Herzlichen Dank Doro, dass du dir die Zeit genommen hast, wir freuen uns schon auf den Vogelball am nächsten Wochenende!

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Der Vogelball im vergangenen Jahr bei seiner Premiere; Foto: Antje Sauer

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