
Thilo Westermann vor seiner Arbeit "Vanitas (Redouté), 2012, Ed. 3, 127 x 96,5 cm, Giclée Fine Art Pigment Print, Ilford Papier, Aludibond, Holz, entspiegeltes Glas"
gallerytalk.net: Dein Werk erfüllt aktuell den Ausstellungsraum der Oechsner Galerie in Nürnberg. Als Betrachter ist man unweigerlich von der Vollkommenheit und Ästhetik deiner Arbeiten fasziniert. Besonders deine Hinterglasarbeiten und die Bundstiftzeichnungen wecken jedoch den Wunsch, mehr über deren Entstehungsprozess zu erfahren. Erklärst du unseren Lesern deine eindrucksvolle Arbeitstechnik?
Thilo Westermann: Das Motiv meiner Hinterglasbilder entsteht, indem ich Punkte von hinten auf die Plexiglasscheibe tupfe. Diese Punkte funktionieren wie das Raster eines Zeitungsfotos oder die Pixel eines digitalen Bildes: Sieht man aus allernächster Nähe nur einzelne Punkte, verbinden sich diese ab einer gewissen Distanz zu einem Bild. Im Unterschied zum rein technischen Punkteraster von Pressefotos und digitalen Bildern setze ich meine Punkte allerdings manuell. Folglich ist jeder einzelne Punkt individuell und trägt meine persönliche Handschrift.
Ganz ähnlich gehe ich bei meinen Buntstiftzeichnungen vor, indem ich eine weiß grundierte Bildfläche Zeile um Zeile mit Punkten desselben Farbstiftes anfülle. Je nach Tagesform oder dort, wo der Stift neu angespitzt wurde, verändert sich der Auftrag bzw. der Durchmesser der Punkte. Dadurch ergeben sich diese dunkleren oder helleren Passagen, die die Zeichnung fast wolkig, aber nie monoton wirken lassen. Der Münchner Kunst- und Kulturtheoretiker Martin Thierer hat meine Zeichnungen aus diesem Grund als „Loggbuch der vom Künstler an und mit der Arbeit verbrachten Zeit“ beschrieben.
gallerytalk.net: Die Produktion eines Bildes oder einer Hinterglasarbeit nimmt viel Zeit in Anspruch und setzt akribische Geduld voraus. Was sagt diese Arbeitsweise über dich als Künstler und als Mensch aus?
Thilo Westermann: Die Herstellung meiner Hinterglasbilder wie Buntstiftzeichnungen dauert im Schnitt drei bis vier Wochen. Ich denke, dass in der präzisen handwerklichen Ausführung die Arbeitszeit „gespeichert“ und für den Betrachter erahnbar bleibt. Auch persönlich erlaube ich mir den Luxus, genauer hinzusehen oder hinzuhören, wo manch anderer vielleicht schneller konsumiert.
Ausstellungsansicht; links: Vanitas (Redouté), 2012, 21 x 14,8 cm Hinterglasmalerei; rechts: Vanitas (Redouté), 2012, Ed. 3, 127 x 96,5 cm, Giclée Fine Art Pigment Print, Ilford Papier, Aludibond, Holz, entspiegeltes Glas
gallerytalk.net: Die Nürnberger Ausstellung ist mit „Vanitas“ betitelt: ein prominenter und von der Kunstgeschichte stark behafteter Begriff. Was hat dich zu diesem Themenkomplex hingezogen?
Thilo Westermann: Der Begriff der „Vanitas“ fasziniert mich schon lange. Ursprünglich bedeutete er so viel wie „Nichtigkeit“, „leerer Schein“ oder „Prahlerei“. In der europäischen Tradition wurde er genutzt, um auf die Vergänglichkeit alles Irdischen und insbesondere alles Menschengeschaffenen hinzuweisen. Je schöner und prächtiger ein Gegenstand dargestellt wurde umso deutlicher trat dessen „Eitelkeit“ (= „Endlichkeit“) zu Tage.
Mich interessiert weniger der moralische Verweis auf unsere Endlichkeit als vielmehr das Streben um bildkünstlerische Perfektion, die dem Genre der Vanitas-Darstellungen schon immer zu Eigen war. Einerseits können meine Bilder als „schöne (Blumen-)Bildchen“ gelesene werden, andererseits aber lassen sie noch die Arbeit erkennen, die mir ihre Fertigstellung abverlangt hat.
gallerytalk.net: Wie wichtig ist dir der inhaltliche Hintergrund während des künstlerischen Schaffensprozesses?
Thilo Westermann: Bei meinen Buntstiftzeichnungen ist der Auftrag des verwendeten Farbpigments ja selbst der Inhalt. Dabei spielen farbpsychologische Aspekte bestimmt unterbewusst eine Rolle; schließlich dauert die Fertigstellung der Zeichnung einige Tage. Da ist es schon ein Unterschied, ob man sich mit frischen, hellen Farben oder mit dunklen, erdigen Tönen umgibt.
Auch bei meinen Hinterglasarbeiten ist es für mich ein wesentlicher Unterschied, ob ich fleischige Orchideenblätter, zarte Rosenblüten oder geschliffene Kristallgefäße punkte. Um die verschiedenen Oberflächen realistisch wiederzugeben, habe ich mir zwar unterschiedliche Arten der Punktsetzung angeeignet, aber es ist jedes Mal wieder ein neues Nachfühlen des jeweils Darzustellenden.
gallerytalk.net: Deine neuesten Arbeiten sind Drucke, welche die Hinterglasarbeiten um ein Vielfaches vergrößert zeigen. Ist es dir nicht schwer gefallen, deine makellos erscheinenden Bilder durch die starke Vergrößerung zu entmystifizieren?
Thilo Westermann: Klar! Ich weiß ja, wo die maltechnischen Knackpunkte liegen. Aber genau das wollte ich zeigen. Es geht mir dabei weniger darum, meine Hinterglasbilder zu reproduzieren. Ich habe sie nur als Basis benutzt, um eine neue Werkreihe zu schaffen, die durchaus für sich selbst stehen kann.
Freilich werden meine Drucke immer auch auf die Hinterglasbilder verweisen, die ihnen jeweils zugrunde liegen. Dennoch haben sie eine ganz eigene Aussage, die in den Hinterglasbildern weniger ausgeprägt ist: Sie thematisieren ihre handwerkliche Basis. Wo die Hinterglasbilder in ihrem Perfektionsstreben wie ein Foto erscheinen, brechen die Drucke mit der Objektivität des Mediums der Fotografie. Die Drucke sind eben keine Bilder, die mittels technischem Raster einen Gegenstand per Knopfdruck objektiv wiedergeben, sondern subjektive Kompositionen, die in der Punktesetzung bzw. dem Pinselduktus etwas sehr Subjektives aufscheinen lassen. Wenn man so will, verkörpern meine Drucke den Vanitas-Gedanken stärker, weil sie das Streben um malerische Meisterschaft direkt thematisieren.
gallerytalk.net: Die Gegenüberstellung deiner Bilder zeichnet sich durch eine auffällige Polarität aus. Zum einen erschaffst du überladene Blumenbouquets, zum anderen sehr abstrakte monochrome Bildflächen. Favorisierst du eine Werkserie und wenn ja/nein, warum?
Thilo Westermann: Nein, eigentlich nicht. Da wo bei den Zeichnungen das Arbeiten mit Farbe im Vordergrund steht, begeistert mich beim „Zeichnen“ hinter Glas das Ringen um illusionistische Wiedergabe von unterschiedlichen Oberflächen. Der Schaffensprozess ist im Fall der Buntstiftzeichnungen zwar ein freierer, weil ich die ganze Bildfläche mit Punkten überziehe und mich nicht an die Grenzen einer gegenständlichen Darstellung halten muss. Dennoch möchte ich das Potential, einen fiktiven Gegenstand nur mittels Punkte plastisch darzustellen, nicht missen.
Die Ausstellung ist aktuell in der Nürnberger Oechsner Galerie zu sehen und endet am 11. August mit einer Finissage ab 19h.







