Heute Abend (06.07.2012) eröffnet um 20 Uhr die Gruppenausstellung “Zehn Kreuze” von Cyrena Dunbar, Robert Enderwitz, Holger Meinhardt, Paul Weigel und Jana Wernicke im Kulturort Badstraße 8 in Fürth.
Die Eröffnungsrede hält der Kunsthistoriker Alexander Racz.
Ausstellungsdauer: 07.07.2012 – 27.07.2012
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag 15 – 20 Uhr
Die Gruppenausstellung “Zehn Kreuze” versammelt Arbeiten der Künstler und Akademiestudenten Cyrena Dunbar, Robert Enderwitz, Holger Meinhardt, Paul Weigel und Jana Wernicke im historischen Ambiente des ehemaligen Fürther Flußbads (Badstraße 8, 90762 Fürth).
Paul Weigel, der bei der Gruppenausstellung als Künstler und Kurator fungiert, diente der Ausspruch der Erleichterung “sich 3 Kreuze machen” als Ausgangspunkt für weitere Assoziationen. Die Drei wurde durch die Zahl Zehn ersetzt und somit übersteigert. Die besonders große und allumfassende Erleichterung war der Themenschwerpunkt, von dem aus weitere Gedanken künstlerisch gesponnen werden konnten.
Das Fürther Flussbad als Ort der Erleichterung, Muße, Ruhe und Freizeit bot den Künstlern die perfekten Rahmenbedingungen und Räumlichkeiten für ihre künstlerischen Umsetzungen der Kreuz-Thematik. Denn neben dem Sinnbild für Erleichterung verspricht das Kreuz, vom christlichen Kontext gelöst, formale Aspekte, wie Schnittpunkte, Gitter (aus mehreren Kreuzen), (rechte) Winkel und Blickachsen.
Die Fünf Künstler setzten die vorgegeben Begrifflichkeiten Erleichterung, Kreuz, Gitter und Schnittpunkt in Installationen, Videos, Skulpturen und Objekten frei um, und arbeiteten so die Bedeutungen der Begriffe künstlerisch heraus.

Paul Weigel beim Herstellen der Kreuze für seine "Wolke", Ausstellung "Zehn Kreuze"; Foto: Alexander Racz
Wie eine Wolke überspannt Paul Weigels Installation aus 20 schwarzen und 10 leuchtend bunten griechischen Kreuzen den Ausstellungsraum an der Decke, und setzt damit die Plakatvorlage skulptural um. Hier treten die zehn Kreuze in ihrer reinsten und gleichzeitig minimalistischsten Form erstmals auf.
Dem entgegengesetzt zeigen Jana Wernickes Filme kommunikative Schnittpunkte am Beispiel eines Familiengesprächs am Weihnachtstag über die richtige Zubereitung der Gans, die schließlich wortlos zerteilt wird, was von der Künstlerin als Erleichterung des ewigen hin und her empfunden wurde. Eine zweite Arbeit, auf drei Filme im Raum verteilt, zeigt jeweils ein Körperteil der Künstlerin in Detailaufnahme, dass in einer komplizierten Körperhaltung, wie dem Handstand gefilmt wurde. In Wernickes dritter Arbeit schnitt die Künstlerin die Bildflächen eines Comics aus, so dass nur die rahmenden schmalen Grate stehenblieben. Während dem Entstehungsprozess überraschten immer tiefer greifende Schichtungen und Gittermuster.
Robert Enderwitz verspannt Fichtenholzlatten zwischen Raumdecke und Boden, und erschafft so eine selbsttragende, statisch stabile Installation (ohne Nägel oder Leim), die durch filigrane Linienführung und Schnittachsen besticht. Die mit dem Bleistift gezogenen Linien des Bildmediums Zeichnung werden so skulptural umgesetzt. Kontrastierende Elemente wie ein roter Plastikeimer oder eine rote Wäscheleine aus Plastik sind zwischen den fragilen Holzlatten verklemmt, und setzten einerseits farbliche Akzente, andererseits betonen sie den Gegensatz der Werkstoffe aus Natur und Industrie.

Holger Meinhardt: Installation aus vier Stühle und einem Tisch auf Gabeln, vor der endgültigen Aufstellung; Foto: Alexander Racz
Holger Meinhardts Installation einer Sitzgruppe, bestehend aus vier Stühlen und einem Tisch (70er Jahre) aus Stahl und Schichtholz nimmt formal die Kreuzform auf. In die Enden der Stuhl- und Tischbeine sind Gabeln eingesetzt, so dass die ursprüngliche Funktion der Möbel mit nur einem kleinen Eingriff verloren geht und ad absurdum geführt wird. Die zweite Arbeit des Künstlers abstrahiert einen auf dem Istanbuler Basar fotografierten Monoblock Hocker eines türkischen Händlers aus Plastik, dessen Sitzfläche von jahrelanger Verwendung bereits herausgebrochen ist und mit einer Flachsschnur geflickt werden musste. Mit dem Laserschneider trennte Meinhardt aus einer querrechteckigen weißen Kunststoffplatte (80 x 50 cm) Waben- und Sternornamente aus, für die der Basarhocker und Bauplastiken der altehrwürdigen Hagia Sophia in Istanbul vorbildhaft waren. Wie beim Stuhl wurde die Mitte der Kunststoffplatte herausgebrochen und mit einer Schnur in einem Gittermuster geflickt. Der Istanbuler Hocker wird so abstrahiert und zum “Bild”. In der Ausstellung erhält er eine neue Bedeutung und Aufmerksamkeit, während er auf dem Basar als ein schlichtes und unbeachtetes Objekt sein Dasein fristen musste.

Holger Meinhardt: Kunststoffobjekt mit Schnüren, vor der Befestigung an der Wand; Foto: Alexander Racz
Cyrena Dunbar schafft in einem Hinterzimmer der Ausstellungsfläche einen Raum zum Nachdenken und zum Erholen. In diesem Kunstraum laufen auf mehreren Fernsehern kurze Sequenzen von Wasserstellen, die von Wasserrauschen begleitet werden und so den Badecharakter des ehem. Fürther Flussbads aufnehmen und spiegeln. Gegenüber den Fernsehern steht eine Keramiktoilette, die das Sinnbild der Erleichterung auf die Spitze treibt. Die Betrachter sollen hier Platz nehmen, und sich so an diesem stillen Ort kontemplativen Gedanken hergeben. Sie werden so zu einem Teil des Kunstwerks, was damit den Rahmen einer einfachen Installation sprengt und zu einem Kunstraum wird, der die Betrachter umhüllt, integriert und durch deren Teilnahme eine Bedeutungssteigerung erfährt. Dunbars zweite Installation aus vier kreuzförmig gegenübergestellten weiteren Toiletten lädt ein, Platz zu nehmen und sich zu unterhalten. Es entsteht damit ein ad absurdum geführter Konferenz(Kunst)raum, der nur durch die aktive Teilnahme der Besucher funktioniert. In der Kommunikation zwischen kreuzförmig angeordneten Sitzplätzen entstehen formale Schnittachsen von Blickrichtungen und Gesten sowie inhaltliche Kreuzungen der Gedanken. Wahrlich ein idealer Platz um die Ausstellung zu diskutieren.

Cyrena Dunbar: Kunstraum der Erleichterung, Toilette während dem Aufbau der Ausstellung; Foto: Alexander Racz
Text: Alexander Racz









Und Kennen Sie mein Buch “Zehn Kreuze”?
Zehn Kreuze „Ausbrüche aus dem tschechoslowakischen Gulag“
ISBN 978-3-99010-041-7 (in allen guten Buchhandlungen erhältlich)
Nach zwei vergriffenen tschechischen Ausgaben ist nun die deutsche Version von „Zehn Kreuze“ erschienen. Sie handelt von der Odyssee des Autors durch den tschechoslowakischen Gulag und erfolgreichen wie gescheiterten Ausbrüchen aus Arbeitslagern mit ihren Folgen. Die dramatischste ist ein Massenausbruch. Kukal ist mit einer Schusswunde und erhaltenem Gedächtnis davongekommen, der zweite Überlebende hat sein Gedächtnis bei den harten Verhören verloren. Die autobiografische Erzählung enthält weitere Zeugenaussagen und war ein Teil des bayerischen Fernsehfilmes „Jahre des Schreckens“.
Karel Kukal-Beyeler wurde 1927 in Prag geboren. Ab 1945 war er politisch aktiv, später war er als Redakteur einer illegalen Zeitschrift tätig, was ihm eine Gefängnisstrafe einbrachte. Nachdem 1951 seine Flucht misslungen war, wurde eine Haftstrafe von weiteren 25 Jahren über ihn verhängt. 1962 wurde er infolge einer Amnestie freigelassen. Der Autor engagierte sich weiterhin politisch als Redakteur tschechischer Zeitungen. Von Präsident Havel erhielt der zurzeit in der Schweiz lebende Autor eine Auszeichnung für Tapferkeit.
Freundliche Grüsse
Karel Kukal-Beyeler