Am Freitag eröffnete die Akademie der bildenden Künste München ihre lang ersehnte Jahresausstellung. Medienmagneten wie die Brotexplosionsperformance „Breaking Bread“ von Janine Mackenrot oder der Selbstversuch von Melina Hennicker, die sich während der gesamten Jahresausstellung in einem verschlossenen und vier Meter über dem Boden befindlichen Kubus im Garten der Lüste verschanzt und auf die Versorgung von außen angewiesen ist, sind durch Zeitung und Internet nun schon jedem bekannt. Wir haben hingegen die künstlerischen Schätze der Akademie ausfindig gemacht. Für die Wanderung durch das Akademiegelände mit Fluren, Gärten, Klassen, Ateliers und Werkstätten möchten wir mit unser diesjährigen Besprechung Ihren ästhetischen Blick schärfen.
Besonders beachtenswert sind die beiden Räume der Klasse des verstorbenen Professors Norbert Prangenberg im Untergeschoss. Kris Buckley überzeugt mit ihrer Rauminstallation in Zimmer A.U.12. Ihre Objekte, die sie an Wänden wie Boden angebracht hat, gleichen Blumen und Felsen, doch weichen durch Farb- und Formgebung vom irdischen Naturell ab. Nicht zuletzt auch aufgrund des verwendeten Materials, denn ihre zeitgenössischen Skulpturen werden aus Bauschaum gespritzt. Ein Material, das bei der Verarbeitung giftige Dämpfe freisetzt und dessen Verwendung im Gebäudebau mittlerweile verboten ist. Die Wahl dieses besonderen Werkstoffs beruht nicht auf rein praktischen Erwägungen. Buckley möchte damit auf die westliche Gesellschaft hinweisen. Stets wird darauf geachtet, dass das äußere Erscheinen stimmt, doch vergiften indes die vom Konsum gelenkten Wünsche die Sozietät. Der skulpturale Garten der Künstlerin wird ergänzt durch einen persönlichen Zusammenschnitt von YouTube-Videos, welche die Perversion des menschlichen Zusammenlebens direkt und unverhohlen zeigt. Somit vereint Kris Buckley zwar zwei sehr diverse Medien, doch sie selbst sagt, dass die Skulpturen für sie im Grunde die gleiche Aussage und Bedeutung entfalten.
Mit seiner Arbeit „Hommage“ (Raum A.U.11) zitiert Nico Kiese mithilfe von Plakatüberresten zweier Litfaßsäulen die überdimensionalen Keramikobjekte Prangenbergs. Die hunderte Schichten aufeinander geklebtes Papier, die ihren ursprünglichen Werbezweck bereits hinter sich gelassen hatten, wurden von Kiese in einen künstlerischen Kontext gerückt. Doch Größe sowie Material lassen die Werbesäule nicht ganz aus dem Assoziationsfeld der zwei Plakatskulpturen verschwinden. Eines der beiden Objekte zeigt noch die letzte Werbekampagne, während die Oberfläche der anderen Arbeit nur noch die Papierstruktur erkennen lässt, wobei sich einzelne Teile längst abgelöst haben und somit die geometrische Formgebung der Skulptur durchbricht.
Obwohl im Dunkel der historischen Aula versteckt ist Frank Balves Arbeit „Bloc“ ein Highlight der Jahresausstellung. Hinter einem schwarzen Maschendrahtzaun erkennt man Objekte wie eine schwarze Bank, eine schwarzes Schaukelpferd oder eine schwarze Rutsche, die auf einem sterilen weißen Fließenboden angeordnet sind. Bereits der materielle Aufwand, der für den 160m2 großen Spielplatz betrieben wurde sowie die Produktionsweise der Figuren machen die Installation nennenswert. Für die ca. 250kg schweren Spielgeräte entwickelte Balve in der Papierwerkstatt der Akademie ein Verfahren, bei dem er Pappmaschee mit Rußpartikeln mischte und die entstandene Masse über Monate hinweg auf die unterschiedlichen Kernobjekte schichtenweise auftrug. Bei längerem Verweilen erschließt sich jedoch auch der interpretatorische Spielraum der Arbeit: Angefangen bei gesellschaftlichen Normen, die im sozialen Bereich des Spielplatzes im Umgang mit anderen Kindern erlernt werden, über die vermutete spielerische Freiheit, eingezäunt von der Überwachung durch die Erziehungsberechtigen am Rand des Spielortes bis hin zu Parallelen zum Kunstmarkt. Beträchtlich und sehenswert.
Begibt man sich durch den Garten der Lüste, so gelangt man zum Gartenhaus der Kunst, in dem die Ausstellung „Vor- und Nachbilder“ von Wiebke Bachmann, Karen Michiko Ernst, Angela Stiegler und Matthias Trager zu sehen ist. Hintergrund der vier gezeigten Arbeiten ist die Auseinandersetzung mit der Documenta 13. Gemeinsam besuchten die vier Künstler die Weltschau und suchten sich jeweils ein Werk aus, dessen persönliche aber abstrakte Beschreibung sie schriftlich festhielten. Wieder in München angekommen, wurde jedem eine der Schilderung zugeteilt, nach deren Vorbild sie ein neues Kunstwerk schufen.
Alex Deubl aus der Klasse Nicolai kollaborierte mit der Schmuckklasse Künzli und stellte dieser mit seiner Arbeit „Neon Golden“, zu sehen in Raum A.EG.01, eine faszinierende wie irritierende Präsentationsmöglichkeit zur Verfügung. Durch die Anordnung von alten Hochhaussicherheitsfenstern lässt er den Besucher sich in einem Labyrinth mit halb transparenten halb spiegelnden Begrenzungen zurechtfinden. Auf dem Weg durch den Raum kann man die an den Wänden angebrachten Schmuckstücke regelrecht „anprobieren“, da die Spiegelung den Betrachter zum Beispiel mit einer Kette um den Hals zeigt. Dadurch weicht er wie von der klassischen Bildhauerei ab und erforscht wie viele von Nicolais Schülern den künstlerischen Bereich des geistigen Bildes.
Olaf Nicolais Klasse (Raum A.EG.19) überzeugte jedoch nicht nur mit Einzelarbeiten. Die Studenten organisierten gemeinsam einen Soiree mit dem Titel „Wo ein Berg ist, ist auch ein Loch“. Die Teilnehmer dieser „Weiterbildungsveranstaltung“ werden in Gruppen aufgeteilt und an verschiedene Stationen geführt, bei denen ungewohntes Wissen vermittelt und zur Anwendung gebracht werden soll. Unter anderem bekommt man Gesangsunterricht im Jodeln oder wird in Sternenkunde unterrichtet. In gewisser Hinsicht fühlt man sich dadurch als Teilnehmer in seine Schulzeit zurückversetzt. Der Abend schließt mit einem erhellenden und intelligenten Vortrag von Robert Keil zu seiner These „Wo ein Berg ist, ist auch ein Loch“, der auf erfrischende Weise von Valentino Betz mit Soundbeispielen begleitet wird. Der Soiree findet erneut am 21. Juli 2012 von 18h-21h statt. Zwar ist der Vortrag öffentlich, jedoch muss man sich für die Performance und die Kurse verbindlich im Vorhinein anmelden.
Die Jahresausstellung wurde dieses Mal von den Studenten eigenständig kuratiert. Insgesamt ist bemerkenswert, wie die jungen Künstler mit dieser schwierigen und selbstdisziplinären Aufgabe der Eigenverantwortlichkeit umgegangen sind. Auch in dieser Hinsicht wird dem Besucher die Wichtigkeit und Akzeptanz dieses Ausstellungsformats vor Augen geführt.









