Nürnberg

Persilweiße Pferde und Stallgeruch in der Galerie Nagel

Vom 23. Juni bis 8. September 2012 zeigt die Galerie Christian Nagel die Ausstellung Compositions mit Werken des belgischen Konzeptkünstlers Guillaume Bijl (geb. 1946 in Antwerpen). Fünf aus unterschiedlichen Alltags- und Kunstobjekten kombinierte Compositions Trouvées verteilen sich über den Hauptraum der Galerie, während im Nebenraum zwei kleinere Arbeiten zur näheren Betrachtung einladen.

Das erste Werk, mit dem sich der Besucher konfrontiert sieht, ist der große weiße Plüschbison (Sorry, 2010) gleich rechts neben der Eingangstür. Kombiniert wird der ausdrucklos bis traurig blickende Tierkopf mit dem knallbunten Print einer amerikanischen Landschaftszene, der oberhalb an die Wand montiert ist. Unter diesen beiden entfremdeten Insignien des ursprünglichen Amerikas lehnt als Kontrast eine schnöde Mistschaufel. Mit dem Titel „Sorry“ scheint sich das Werk angesichts der Jämmerlichkeit dieser sterilen „Trophäen“ für sich selbst zu entschuldigen.

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Installationsansicht, Compositions, 2012, Foto:Sylvie Weisshäupl, Courtesy: Galerie Christian Nagel

Als nächstes findet man sich einer Composition Trouvée (2011) gegenüber, die der Pressetext treffenderweise als „Pferdeliebe-Ensemble“ bezeichnet. Mit Strohballen, Reitstiefeln, Pferdedecke, Leckerlis und Poster wird hier die typische Pferdeliebe pubertierender Mädchen nachinszeniert. Ein gewisser Humor schwingt in der Installation mit, die sogar einen Hauch authentischen Stallgeruchs verströmt. Gerade beim Betrachten des über den Stallutensilien angebrachten, gerahmten Posters eines persilweißen Pferdes mit Rose im Maul, fällt es schwer, ein Schmunzeln zu unterdrücken. Auch die anderen Werke der Ausstellung arbeiten mit der Faszination und dem Humor des Objekts. Allen der Compositions Trouvées gemein ist zudem, dass sich ihre Kleinteiligkeit nicht auf den ersten Blick erfassen lässt und sie den Betrachter in ihrer scheinbaren Wahllosigkeit und schamlosen Fetischisierung von Kitsch zunächst einmal irritieren.

Ob die Anordnung eines Hockers und „auf alt gemachter“ Nippesobjekte auf einer Decke den Eindruck eines Flohmarktstandes erzeugt oder goldene Froschfiguren in einer Museumsvitrine inszeniert werden, nach einer Weile zieht die Kombination von Kitsch und Verrätselung den Betrachter dennoch in ihren Bann. Zumindest aber regt sie zu Fragestellungen an: „Was soll das?“, „Warum gehört das zusammen?“ Bei näherer Betrachtung ergeben sich in einigen Arbeiten popkulturelle und ikonographische Assoziationen, wie zum Beispiel das Erkennen des, in der an der langen Galeriewand zwischen Segelboot und Puppenköpfen in maritimem Kontext platzierten, Hund aus dem EMI-Logo.

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Dominiert in den Compositions Trouvées einerseits das scheinbare Chaos des titelgebenden „Gefundenen“, so zeigt sich andererseits auch die Tendenz zur Katalogisierung, wie sie an den in Reih und Glied aufgereihten Puppenköpfen oder den hinter Glas nach Posen sortierten Froschfiguren ersichtlich ist. Bijl simuliert mit seinen Compositions künstliche Echtheit, indem er Objekte inszeniert, die gerade in ihrer kitschigen Naturferne (wie der Bisonschädel oder das Pferdeposter) Authentizität verströmen zu scheinen, in Wirklichkeit jedoch als object trouves im Galeriekontext natürlich Teile eines detailliert durchinszenierten Konzepts sind.

Hinter dem gewöhnungsbedürftigen Ersteindruck und dem doch sehr gewollt wirkenden Verstörungseffekt der Kitschobjekte verbirgt sich damit trotzdem ein interessantes Konzept. Der theoretische Unterbau mit Bezügen zu Benjamin, Baudrillard oder Duchamp erschließt sich vielleicht nicht immer in der Objektbetrachtung allein, jedoch bleiben Arbeiten wie das tragikomische Sorry oder das Pferde-Ensemble, das vermutlich bei vielen Betrachterinnen amüsiertes Wiedererkennen hervorruft, auch ohne dieses Fundament noch lange im Gedächtnis.

Martina John

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Installationsansicht, Compositions, 2012, Foto:Sylvie Weisshäupl, Courtesy: Galerie Christian Nagel

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