Anlässlich der Preisverleihung des 4. Artgrant Kunstpreises hat gallerytalk.net die Gründer des Preises Jens Semjan und Dr. Annette Doms zum Gespräch getroffen. Überraschend demokratisch, wie wir finden! Die Preisverleihung findet heute, 12. Juli 2012, von 18-21h in der artgrant Galerie, Isabellastr. 40, statt.
gallerytalk.net: Hinter artgrant steht nicht nur ein Kunstpreis, sondern ebenso ein Netzwerk für bildende Künstler. Was war zuerst da?
Jens Semjan: Nach dem Erhalt des Diploms für mein Studium der bildenden Künste, bewarb ich mich selbst bei vielen Kunstpreisausschreibungen. Grundsätzlich muss man sich diesen Prozess ähnlich einer Jobbewerbung vorstellen. Mit der Besonderheit, dass ein Künstler sich nicht nur einmal alle paar Jahre sondern mindestens zwei Mal jährlich bewerben muss und das stets mit einem hohen künstlerischen wie administrativen und monetären Aufwand verbunden ist. Daher kam ich auf die Idee, einen eigenen Kunstpreis zu gründen, der auf die Bedürfnisse der Künstler zugeschnitten ist und flexibel und frei gestaltbar bleibt.
Dr. Annette Doms: Das Netzwerk ging dann mit der Auslobung einher und hat sich durch die Bewerber Stück für Stück aufgebaut. Mittlerweile haben wir 800 Bewerber/Jahr und machen uns Gedanken darüber mehrere Einzelpreise zu vergeben. Außerdem soll das zur Verfügung stehende Vergabegeld von aktuell 15.000 Euro auf 30.000 Euro aufgestockt werden.
gallerytalk.net: Was unterscheidet artgrant von den vielen anderen Kunstpreisen?
Jens Semjan und Dr. Annette Doms: Artgrant ist frei von typischen Ausschlusskriterien wie Altersgrenze, Medium oder der Professionalität der Künstler. Damit ist unser Kunstpreis nicht auf die Auslober sondern vielmehr auf die Teilnehmer zugeschnitten. Egal ob die Bewerber am Ende einen Preis erhalten oder nicht, sie bleiben zunächst auf der Website mit eigener Präsenz vertreten.
gallerytalk.net: Also seht ihr euch im Bereich des Onlinenetzwerkes nicht als Galeristen 2.0?
Jens Semjan und Dr. Annette Doms: Nein. Wie eben erläutert möchten wir eine Selektion vermeiden. Die direkte Kontaktaufnahme mit den Künstlern oder deren Galerien ist möglich und natürlich vermitteln wir die Künstler oder deren Galerien auch gerne innerhalb unserer eigenen Kunstprojekte.
gallerytalk.net: Hat euer Konzept nicht negative Auswirkungen auf die Qualität der vom Netzwerk vertretenen Kunst?
Jens Semjan und Dr. Annette Doms: Wir stellen mittlerweile eine Landkarte der deutschen Künstlerlandschaft dar, wodurch sicherlich ein enormes Qualitätsgefälle entsteht. Charakteristika wie Exklusivität und Elite bleiben dabei zwangsläufig auf der Strecke. Sie sind aber ein Kompromiss den wir dem demokratischen Weg schulden, den wir für unser Projekt eingeschlagen haben. Zum einen gleichen wir dieses Problem mit einer Bearbeitungsgebühr von 23 Euro aus damit unseriöse Kandidaten sich nicht bewerben. Zum anderen können wir mit den Preisvergaben unsere Qualitätsansprüche konkret aufzeigen.
gallerytalk.net: Unter welchen Kriterien findet sich die Jury zusammen?
Jens Semjan und Dr. Annette Doms: Zunächst einmal müssen wir betonen, dass sich für jede Preisverleihung immer wieder eine neue Fachjury bildet. Die fünf Juroren sollten optimalerweise aus einem Künstler, einem Fachjournalisten, einem Sammler oder Galeristen sowie einer Person aus dem öffentlichen Kunstleben, beispielsweise wie dieses Jahr Dieter Rehm als Direktor der Akademie der bildenden Künste München, bestehen. Außerdem sitzt noch einer von uns beiden in der Jury.
gallerytalk.net: Habt ihr bei der Auswahl von Anfang an einen Favoriten im Blick oder seid ihr am Ende sehr überrascht von dem Ergebnis der Juryauswahl?
Jens Semjan und Dr. Annette Doms: Die Jury plant immer einen kompletten Tag ein, an dem lange und kontrovers diskutiert wird, an wen der Preis vergeben wird. Dennoch muss eine Vorauswahl von uns beiden getroffen werden, um die Gesamtmenge an Bewerbungen auf einen Kreis von realistischen Preisträgern zu reduzieren. Dabei fasst unser geschulter Blick natürlicherweise diverse Kandidaten ins Auge. Im Endeffekt werden die Preisträger jedoch durch die Jury bestimmt. Dadurch geht der Preis auch mal an Künstler, von denen man es persönlich gar nicht erwartet hat. Überraschend ist auch immer wieder der Einfluss einzelner Juroren. Manchmal plädiert ein Juror derart leidenschaftlich und überzeugend für einen Künstler, dass dadurch weitere Juroren überzeugt werden. Somit kann das Ruder auch mal komplett umgerissen werden.
gallerytalk.net: Was war für euch persönlich die größte Herausforderung bei der Auswahl der Preisträger?
Jens Semjan: und Dr. Annette Doms: Es gibt es einen Aspekt, der uns jedes Mal Kopfzerbrechen bereitet. Weil unsere Bewerber so eindrucksvoll und vielseitig sind, stehen wir jedes Mal vor der Wahl, ob wir nun dem Maler, Bildhauer, Konzept-, Performance-, Videokünstler oder einem der vielen anderen Vertreter unterschiedlicher Medien den Preis verleihen. Doch ist es nun mal schwierig Äpfel und Tomaten zu vergleichen. Entscheidendes Kriterium für die Förderungen ist neben der formal künstlerischen Qualität, deswegen immer auch die Auseinandersetzung mit einer überzeugenden Gesamtidee. Die Preisträger werden bewusst im Hinblick auf ihr Alter, ihres bisherigen künstlerischen Werdeganges und ihre zukunftsweisenden Beiträge zur zeitgenössischen Kunst ausgewählt.
gallerytalk.net: In welcher Hinsicht repräsentieren die Preisträger die Ideale für die der artgrant Kunstpreis steht?
Jens Semjan und Annette Doms: Sie spiegeln den demokratischen Charakter des Artgrant Kunstpreises wieder. Dieses Jahr haben wir zum Beispiel endlich einen Performancekünstler unter den Preisträgern. Und die gekürten Künstler weisen in jedem Fall eine freie Arbeitsweise auf, die sich nicht unbedingt in einem konkreten Medium beschränken muss. Es ist eine Sammlung kontroverser, inhaltlich starker Positionen geworden, die aus demokratischen wie künstlerisch qualitativen Gesichtspunkten gut zu uns passt.





